Wenn man gen Osten fliegt und die flauschigen Kumuluswolken Europas hinter sich gelassen hat, ziehen endlose Weiten mit trockenen grauen und braunen Berglandschaften unter einem hinweg. Der eintönige Anblick schläfert einen nur allzu leicht ein, und wenn man drei Stunden später wieder aufwacht, gleitet man über satte Wälder und Reisfelder in jeder erdenklichen Grünschattierung. Dazwischen liegt ein buntscheckiges Land, dessen gelbe Hügel von gleissenden Flüssen zerteilt werden und wo Bäume in Reih und Glied die Kanäle flankieren und grüne Felder wie kleine Westentaschentücher in der Landschaft stecken. Das Land ist Indien, die Schnittstelle zwischen den Wüsteneien Vorderasiens und den immergrünen Wäldern und Feldern Hinterindiens.
Die Inder erinnern sich gerne daran, dass diese Schnittstelle einst der Hauptumschlagplatz des Welthandels war - der Tuchlieferant der Welt, wo Kaufleute aus Ost und West zusammentrafen, ein Land, das selbst nichts benötigte und das nur Gold, Silber und Edelsteine in Zahlung nahm. Das ist kaum dreihundert Jahre her, eine im Verhältnis zur gesamten indischen Geschichte eher kurze Zeit. Aber die Inder können auch nicht vergessen, wie Indien zum kranken Manne Asiens wurde, der sich mühsam weiterschleppte, während ärmere und kleinere Länder in Ostasien mit Autos und elektronischen Bausteinen die Weltmärkte eroberten, die höchsten Häuser und breitesten Strassen bauten und die vermögendsten Investoren aus West und Ost anzogen.
Und dann kam eines Tages der Premierminister Japans nach Indien - nicht etwa nach Gaya, um dem Buddha seine Aufwartung zu machen, sondern nach Bangalore, um indische Programmierer anzuwerben. Japan, ein Land, das durch den Zweiten Weltkrieg zerstört und wie Phönix aus der Asche innerhalb von vierzig Jahren zum zweitreichsten Land der Erde auferstanden war, kam, um Indiens intellektuelle Ressourcen zu nutzen.
Hat Indien zu guter Letzt doch noch die Kurve gekriegt? Und wie ist es dazu gekommen? Die aktuelle Lage unterscheidet sich nicht wesentlich von der in den fünfziger Jahren, als indische Ärzte als Lückenbüsser im britischen Gesundheitssystem eingesetzt wurden, oder von der Mitte der sechziger Jahre, als der Wirtschaftskrise wegen Ingenieure zuhauf in die Vereinigten Staaten auswanderten, oder von der Zeit nach der Ölkrise 1973, als die Arabische Halbinsel aufblühte und zahllose indische Büroangestellte, Buchhalter und Arbeiter anzog.
Die indische Regierung hatte bereits in den fünfziger Jahren vier erstklassige technische Hochschulen gegründet, deren Absolventen so gut waren, dass sie umstandslos in Promotionsstudiengänge in den Vereinigten Staaten übernommen wurden. Dann machten sie in verschiedenen Firmen Karriere und gehörten mit zu Amerikas technologischer Elite. Als in der achtziger Jahren der Kleincomputer in die amerikanischen Privathaushalte einzog, benötigte man eine neue Betriebslogik, um seine Anwendung zu vereinfachen; konsumentenfreundlichere Programmierung war gefragt.
Bald hielt die Neuerung auch in den grossen Konzernen Einzug, die bisher eine Reihe von abstrusen Programmiersprachen benutzt hatten. Es entstand ein neuer Geschäftszweig, der sich mit der Konvertierung dieser antiquierten Software in die neuen, geschmeidigen Programmsprachen befasste - von Fortran und Cobol in C++ und Java. Das Schreiben solcher Programme erforderte vor allem die Fähigkeit, logisch zu denken, und so fanden Ingenieure, Mathematiker und Physiker ein neues Betätigungsfeld, darunter auch viele ehemalige Informatikstudenten aus den USA. Die neue Industrie benötigte nicht so sehr Mitarbeiter mit Erfahrung als vielmehr solche mit Köpfchen. Sie zog Tausende von jungen Leuten in ihren Bann, ohne dass ein Ende der Nachfrage abzusehen war.
Zu diesem Zeitpunkt fragten sich einige der indischen Silikonmillionäre: Warum sollen wir nicht mal bei unseren Brüdern und Schwestern anrufen, die wir in Indien zurückgelassen haben? Die Sache war nicht leicht, denn die Zuwanderung indischer Staatsbürger in die USA unterlag strengen Regeln. Aber Software war ein so kostbares Produkt, dass es sich sogar lohnte, die Programmierer für ein paar Wochen einzufliegen und dann wieder nach Hause zu schicken.
Kopfjäger machten sich auf den Weg, Leute einzukaufen. Der Rauswurf von IBM aus Indien im Jahre 1978 hatte viele Computerspezialisten brotlos zurückgelassen, und auch die Informatiker in den verschiedenen Regierungsinstituten wussten nicht mehr so recht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollten. Also flogen sie für wenige Wochen in die USA, um dort überschaubare Softwareprobleme zu lösen und dann nach Hause zurückzukehren. Als sich das Reservoir solcher Fachleute erschöpfte, begannen die kalifornischen Inder Schulen zu gründen, um in Indien Nachwuchs auszubilden. Es dauerte nicht lange, und amerikanische Softwarefirmen zogen nach, bis schliesslich einheimische Firmen an jeder zweiten Strassenecke Informatikkurse anboten.
Im Verlauf der neunziger Jahre sanken die Kosten für Satellitenkommunikation so stark, dass man die Fachleute nicht mehr leibhaftig über den Ozean fliegen musste. Die Softwareexperten arbeiteten nun zu Hause in Indien und beamten ihre Produkte direkt von dort in die USA. Es war die Zeit, als Software zu einem indischen Exportschlager wurde - und einen stetig wachsenden Strom an Deviseneinnahmen nach sich zog. Die Satellitentechnologie hat Indien von einem Exporteur von Fachkräften in einen Exporteur von Dienstleistungen verwandelt.
Das ganze Potential dieser Technologie wird gerade erst ausgelotet. Amerikanische Ärzte stellen ihre Rezepte am liebsten von Hand aus. Wenn sie abends schlafen gehen, ist in Indien schon ein neuer Tag angebrochen, an dem sich emsige Jugendliche über die Handschriften hermachen und sie in den Computer eingeben. Wenn dann in Amerika der Morgen dämmert, können die Ärzte ihr Geschreibsel bereits fixfertig im Dateiformat herunterladen. Die Computersysteme vieler Banken leiten schon heute Millionen von Transaktionsdaten nach Indien und erhalten von dort täglich ihre Abschlüsse zurück. Indische Mädchen bekommen Namen wie Sally und Maggie verpasst und lernen, mit amerikanischem Akzent zu sprechen, um in Call-Centers für amerikanische Firmen zu arbeiten. 1990 gab es noch keine nennenswerten Softwareexporte aus Indien, doch seit 1993 ist die Ausfuhr von Software um rund 50 Prozent jährlich angestiegen und hat im letzten Jahr ein Volumen von 6,3 Milliarden US-Dollar erreicht - nebst einigen Milliarden, die in Indien selbst erlöst wurden.
Der Softwareboom verändert Indiens gesamte Wirtschaft. Schon kann man einen deutlichen Unterschied zwischen den südlichen Bundesstaaten, in denen die Softwareindustrie ansässig ist, und dem Norden bemerken. Die Städte im Süden wirken neuer, sauberer, besser organisiert. Einkaufszentren und Warenhäuser prägen das Stadtbild. Es gibt nur noch wenige Menschen in Armut und Elend, und die Zahl der Slums ist zurückgegangen. Recht und Gesetz werden wieder stärker respektiert, Gesundheitsversorgung und Ausbildung haben sich verbessert. Im Norden dagegen liegt die Infrastruktur im Argen, die Strassen sind von Fahrradrikschas verstopft, und immer wieder bricht die Stromversorgung zusammen. Der historisch ärmere Süden hat die fruchtbaren nördlichen Ebenen überrundet.
Dies ist allerdings nicht nur auf den Boom in der Informationstechnologie zurückzuführen. Das Wirtschaftswachstum insgesamt hat sich in den achtziger Jahren beschleunigt. Seit 1950 waren die Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts kontinuierlich gesunken, von 21 Prozent auf 15 Prozent in den sechziger bis auf 9 Prozent in den siebziger Jahren. Doch in den folgenden zwei Dezennien hat sich das Pro-Kopf-Einkommen wieder verdoppelt. Das Bevölkerungswachstum fiel von 2,2 Prozent in den siebziger auf 2 Prozent in den neunziger Jahren. Im Süden sank die Geburtenrate schneller, im äussersten Süden des Subkontinents tendiert das Bevölkerungswachstum gegen null.
Diese allgemeine Verbesserung zeigt sich auf vielerlei Weise. Vor dreissig Jahren hatte die Regierung die grössten Probleme, die Nahrungsmittelversorgung zu gewährleisten; heute hält sie 61 Millionen Tonnen Weizen und Reis auf Lager und weiss nicht, was sie damit anfangen soll - und das, obschon sich die Bevölkerung in der Zwischenzeit verdoppelt hat! Früher bestand eine der Hauptbeschäftigungen von Mensch und Tier gleichermassen im Schleppen und Tragen von Lasten; heute ist dergleichen zumindest in den Städten zu einem eher ungewohnten Anblick geworden.
Aber auch in der Landwirtschaft wurde die Muskelkraft weitgehend durch Traktoren und Maschinen ersetzt. Früher gab es für Industrieprodukte auf dem Dorf kaum einen Absatzmarkt; heute verkaufen erfolgreiche Firmen wie Nestlé und Unilever den Dorfbewohnern Konsumgüter, und geländegängige Motorräder haben die alten Motorroller als das erste Fortbewegungsmittel der jungen Männer ersetzt. Im Verlauf der neunziger Jahre ist die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten zum ersten Mal leicht zurückgegangen.
Auf der anderen Seite hat auch die Qualität der staatlichen Dienstleistungen nachgelassen. Der Anteil der Staatseinkünfte am Bruttosozialprodukt ist gefallen; die Ausgaben der Regierungen aller Bundesstaaten übersteigen ihre Einkünfte um über 50 Prozent. Sie machen diesen Mangel wett, indem sie bei den Banken Geld aufnehmen. Die Regierungen investieren fast gar kein Geld mehr in Infrastruktur und benötigen den Löwenanteil ihres Etats, um die Löhne einer aufgeblähten Verwaltung zu bezahlen oder politisch einflussreiche Lobbies wie die Bauern oder die städtischen Konsumenten zu subventionieren. Mit öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäusern und Polizei dagegen geht es stetig bergab.
Die Zentralregierung verspricht den Bundesstaaten fortlaufend Gelder zur Finanzierung neuer Sozialprogramme wie Wohnungsbauprojekte und Arbeitsbeschaffungsmassnahmen auf dem Land, doch solange die Bundesstaaten keinen entsprechenden Eigenanteil aufbringen können, steht ihnen dieses Geld nicht zur Verfügung. Auch die Hilfeleistungen aus dem Ausland haben abgenommen, seit die Bundesstaaten nicht mehr wissen, wie sie die Gelder sinnvoll einsetzen könnten. Die Regierungen in Südindien mögen dabei besser abschneiden als diejenigen im Norden, aber die Verschlechterung der Staatsfinanzen betrifft das ganze Land.
Gravierender als die prekäre Haushaltslage ist die wachsende Unfähigkeit der Bundesstaaten, ihre öffentlichen Aufgaben wahrzunehmen. Paradoxerweise haben die liberalen Reformen der frühen neunziger Jahre den Niedergang des Staates noch beschleunigt. Bis 1991 mussten Industrieunternehmen staatliche Bewilligungen einholen, um zu produzieren, zu expandieren oder zu diversifizieren. Die Unternehmen wurden von der zuständigen Behörde in die Mangel genommen und gezwungen, bei anderen Bundesstaaten oder Kleinbetrieben einzukaufen; im Gegenzug wurde die einheimische Industrie vor billigen Importen geschützt.
1991 begann die Regierung ihre Prärogative aufzugeben, und die Unternehmen konnten nur noch durch Wachstum und Effizienz überleben. Der Aussenhandel wurde liberalisiert, was dazu führte, dass Industrie und Dienstleistungsbetriebe an die Küsten umsiedelten. Das Hinterland Zentral- und Nordindiens trocknete wirtschaftlich aus, und seine Probleme wurden durch den jämmerlichen Zustand des Verkehrssystems weiter verschlimmert. Heute ist es oft billiger, Weizen aus Australien nach Madras einzuschiffen als ihn vom Pandschab, der Kornkammer Indiens im Norden, nach Süden zu transportieren. Die Regierung verhängt daher weiterhin Importzölle, um den Nachteil zu kompensieren, der den einheimischen Produzenten durch die Transportschwierigkeiten entsteht.
Importzölle sind gewiss nicht der ideale Nährboden für eine international wettbewerbsfähige Industrie, aber das heutige Indien ist immer seltener darauf angewiesen. Während Schornsteinindustrien wie die Stahl- oder Zementindustrie sich nur mühsam über Wasser halten, bringen die Dienstleister so viel Geld ins Land, dass die Devisenreserven in einem fort steigen. Vor einem Vierteljahrhundert litt Indien an zwei grossen finanziellen Problemen - dem Mangel an Ersparnissen und an Devisen. Heute liegt die landesweite Sparquote bei 24 Prozent des Bruttosozialprodukts, und Banken finden keine Kreditnehmer, während die indische Zentralbank keine Verwendung für ihre 45 Milliarden US-Dollar an Devisenbeständen hat. Die vertrauten Rahmenbedingungen der indischen Ökonomie haben sich so radikal verändert, dass weder Regierung noch Industrie so recht wissen, wie sie damit umgehen sollen.
Aber auch die indische Gesellschaft ändert ihre Konturen. Indien ist seit je eine Ansammlung von unterschiedlichen Gemeinschaften gewesen, die sich unterschiedlich kleiden, eigene Ernährungsgewohnheiten pflegen, eine eigene Sprache oder einen eigenen Dialekt sprechen, ihre je eigenen Götter anbeten - und voller Eigensinn auf ihren ureigensten Überzeugungen beharren. Es herrschte Toleranz, aber es war eine Toleranz gegenüber Standpunkten, die niemals aufeinandertrafen, nicht eine Toleranz der rivalisierenden Weltanschauungen. Es gab Ungleichheit und Ausbeutung, aber sie beschränkte sich auf den Bereich von Arbeit und Eigentum. Wenn ein Arbeiter seine Arbeit getan hatte, kehrte er am Ende des Tages in seine Gemeinschaft zurück, wo er unter seinesgleichen war und vielleicht sogar zu den geachteten Ältesten gehörte.
Diese Struktur einer Armut in Würde wurde durch Demokratie, Wohlstand und neue Kommunikationsmittel aufgebrochen. Die Demokratie verleiht den volkreicheren unteren Kasten eine grössere Macht. Sie haben eine Weile gebraucht, um ihrer gewahr zu werden und sie auch auszuüben, zunächst im Süden, wo das Kastensystem besonders repressiv war. Inzwischen vertreten die herrschenden Parteien im Süden fast ausschliesslich niedere Kasten, und die Brahmanen wurden praktisch aus Politik und Staatsverwaltung hinausgedrängt. Im Norden ist die Mobilisierung der Kasten noch in vollem Gange, und der Prozess läuft chaotischer und gewalttätiger ab als im Süden. Aber auch hier hat die Politik den unteren Kasten zur Vormacht verholfen.
Der Wohlstand ist auf bestimmte Gegenden beschränkt geblieben und hat Migranten aus anderen Gebieten angezogen. Infolge der grünen Revolution in den siebziger Jahren fehlte es im Pandschab an Arbeitskräften. Hunderttausende bestiegen in ganz Indien die Züge, um alljährlich im Winter zur Weizenernte zu fahren. Diese Arbeitsmigration führte im ärmsten Staat Bihar zu einem akuten Mangel an Arbeitskräften und zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Landbesitzern. Als im Westen handgewobene Stoffe in Mode kamen, wanderten zahlreiche Weber aus Orissa in die Stoffmanufakturen in den westlichen Landesteilen aus. Heute sind es die Softwareschmieden im Süden, die zum Magneten für junge Programmierer aus ganz Indien geworden sind.
Die neuen Kommunikationsmittel verändern die Gesellschaft auf eine weniger dramatische, aber dafür nachhaltigere Weise. Früher zeigte der indische Film, der ausnahmslos in Bombay produziert wurde, einen Jungen und ein Mädchen, die sich singend und tanzend ineinander verliebten und die sich trotz Kastenunterschied und anderen Widerständen seitens ihrer Eltern schliesslich auch heirateten. Diese Filme brachten allen Indern ein zwar einfaches, aber idiomatisches Hindi bei, dank dem selbst Ungebildete eine Liebeserklärung auf Hindi abgeben konnten. Dieser einheitsstiftende Einfluss des Films nahm nach 1970 wieder ab, als neue Studios an anderen Orten Filme in den jeweiligen Regionalsprachen zu produzieren anfingen. Statt der ewigen Playboys begannen die Schauspieler und Schauspielerinnen zur Abwechslung nun Götter und Göttinnen darzustellen, was einigen von ihnen zu Kopf gestiegen ist und ihnen in den Augen der Zuschauer eine göttliche Aura verlieh. Sie liessen sich zur Wahl in politische Ämter aufstellen und heimsten überwältigende Erfolge ein.
Jayalalitha, eine Politikerin aus dem Süden, hat ihre Popularität als Filmstar gegen ein solches politisches Mandat eingetauscht. Als sie an der Macht war, versuchte sie, ihre Anhänger mit der grössten Kollektion an seidenen Saris zu blenden, und organisierte für den Sohn ihres Partners die teuerste Hochzeit der Welt. Das Geld für diese schillernden Selbstinszenierungen stammte aus den Kassen des Bundesstaats Tamil Nadu. Heute steht Jayalalitha im Mittelpunkt eines ganzen Netzes von Korruptionsskandalen, aber das hat die Einwohner ihres Bundesstaates nicht davon abgehalten, ihrer Partei ihm vergangenen Mai erneut zur Mehrheit zu verhelfen. Für sie ist und bleibt sie die Primadonna. Vor drei Jahren hatte sie noch im Gefängnis gesessen, nun stand sie wieder an der Spitze der Regionalregierung.
Kaum hatte sie ihr Amt angetreten, schickte sie die Polizei aus, um den Oppositionsführer verhaften und in ebenjene Zelle sperren zu lassen, in der sie selbst zuvor untergebracht war. Dann flog sie über die Berge zu einem Tempel und schenkte dem dortigen Gott zum Dank für die Erfüllung ihrer Wünsche einen Elefanten. Die Gerichte entliessen ihren politischen Widersacher nach drei Tagen aus der Haft und enthoben sie später ihres Amtes. Doch immerhin hat sie ihren theatralischen Auftritt gehabt.
Mit zunehmender Verbreitung des Fernsehens verloren die Filme ihr Publikum aus der Mittelklasse und fanden eine wachsende Anhängerschaft unter den Armen. Seither geht es darin immer öfter auch um Gewalt und Ungerechtigkeit, zwei Themen, die im Leben der Armen eine wichtige Rolle spielen. Aber die Filme werden auch immer phantastischer. Neuerdings konkurrieren die Schweiz und Schottland als Drehorte für den indischen Film.
Jetzt, wo das Fernsehen etwa einen Viertel der Bevölkerung erreicht, sind ihm auch die Armen verfallen. Da viele Botschaften darin schriftlich vermittelt werden, begreifen sie zum ersten Mal den Sinn der Alphabetisierung. Sie schnappen sogar eine ganze Menge englischer Wörter auf, weil coole Jugendliche im Fernsehen englisch schwatzen. Das Fernsehen lebt von der Werbung für Konsumgüter und exportiert städtisches Konsumverhalten in die Dörfer. Und in dem heiklen Bemühen, es sowohl der Land- als auch der Stadtbevölkerung recht zu machen, zeigt es endlose Seifenopern über die Intrigen indischer Grossfamilien.
So werden die unterschiedlichen Menschen in Indien auf unerwartete, unvorhersehbare und oft auch ungewollte Weise miteinander vertraut gemacht; ihre Ernährungsgewohnheiten, ihre Kleidung und ihre sozialen Klischees nähern sich einander an. Damit soll nicht gesagt sein, dass die indische Gesellschaft zu einem homogenen, harmonischen Brei werde. Die Stammesbewohner Orissas schneiden die Mangokerne auf, weil sie sich kein anderes Essen leisten können; im Süden nehmen sich Baumwollfarmer das Leben, weil sie ihre Kredite nicht zurückzuzahlen vermögen; im Norden hängen Dorfbewohner ihre eigenen Kinder auf, wenn sie kastenübergreifende Liebesverbindungen eingehen.
Doch gerade im Umgang mit solchen Katastrophen setzt sich im ganzen Land eine einheitliche Betrachtungsweise durch, und eine bestimmte Ideologie bürgert sich ein, die modernen westlichen Wertvorstellungen folgt.
Aber vielleicht ist das bereits eine zu kühne Behauptung, denn im Grunde lässt sich über die Zukunft Indiens nicht mehr sagen, als dass sie sich von der Vergangenheit unterscheiden wird, weil das Land im Umbruch ist. Auf einem Berg von 61 Millionen Tonnen Getreide wird die Regierung nicht einfach weiter wirtschaften können wie bisher; über kurz oder lang wird sie aufhören müssen, die Bauern zu subventionieren, und sie der Konkurrenz des Weltmarkts aussetzen müssen. Um die Subventionen zu finanzieren, verlangen die staatlichen Elektrizitätswerke von den Unternehmen so gesalzene Preise, dass es die Industrie oft billiger kommt, Dieselgeneratoren anzuschaffen und ihren eigenen kostenintensiven Strom zu produzieren. Die unrentablen staatlichen Stromerzeuger verfügen nicht über das nötige Kapital zum Ausbau ihrer Kapazitäten. Daher werden die Regierungen ihre geliebten Bauern schon bald nicht mehr unterstützen können.
Selbst in den Dörfern haben viele Leute begonnen, lesen und schreiben zu lernen, um eine Arbeit ausserhalb der Landwirtschaft zu finden, was ihnen jedoch kaum gelingt, solange es keine Strassen gibt, die die Dörfer mit den Städten verbinden, oder solange die Industrie nicht aufs Land zieht. Wegen der Welthandelsorganisation können Importe inzwischen nicht mehr grundsätzlich verboten werden, und hohe Importzölle fördern vor allem die Schmuggelei. Ungewohnte ausländische Waren kommen ins Land, und mit ihnen verbreitet sich das entsprechende Konsumverhalten.
Der Softwareexport kann nicht so weitergehen, ohne dass es irgendwo im System kracht. In den neunziger Jahren stiegen Indiens Importe an Waren und Dienstleistungen um jährlich 9,3 Prozent, und das Bruttosozialprodukt wuchs um 6,7 Prozent jährlich. Die Softwareexporte dagegen sind jährlich um 50 Prozent gestiegen. Wenn sich diese Wachstumsraten in Zukunft fortsetzen, werden die Softwareexporte im Jahr 2008 den gesamten indischen Import finanzieren und im Jahr 2013 das Bruttosozialprodukt überflügeln. Das wird natürlich nicht geschehen; entweder beschleunigt sich das Wachstum des Bruttosozialprodukts, oder die Inflationsrate steigt, oder die indische Rupie wird aufgewertet, oder das Wachstum der Softwareexporte verringert sich.
Doch was auch immer geschieht, der Softwareboom wird Indien tiefgreifend verändert haben. Entweder bringt er das Land zu schnellem Wachstum und Wohlstand - oder er bringt ihm die «holländische Krankheit»: die Einnahmeüberschüsse aus dem Export machen der Binnenindustrie den Garaus. Erste Anzeichen sind nicht zu verkennen. Die Bharatiya Janata Party (indische Volkspartei), der grössere Koalitionspartner der gegenwärtigen Zentrumsregierung, steht dem Handel und der Industrie nahe, deren Spenden der Partei im politischen Wettbewerb einen gewissen Vorteil verschaffen. Also hat sie ein offenes Ohr für deren Bedürfnisse. Eine der häufigsten Forderungen der Industrie war die nach mehr Schutz vor konkurrierenden Importen und ausländischen Investoren, und die Regierung hat diesem Anliegen gerne entsprochen. Heute macht Indien nach den USA und der EU am häufigsten von Anti-Dumping-Zöllen Gebrauch. Es hat ausserdem schnell die neuen protektionistischen Kunstgriffe gelernt wie festgelegte Minimalpreise für Importe, Preisetiketten in indischer Währung auf Importwaren und die Einfuhr durch bestimmte vorgeschriebene Häfen. Kürzlich erst hat die Regierung alle landwirtschaftlichen Importe mit Zöllen zwischen 40 und 85 Prozent belegt.
Auf diese Weise verwandelt sie das Land in eine Festung. Falls es damit Erfolg haben sollte, werden alle wichtigen indischen Erzeugnisse für den Export zu teuer. Die Preise werden im Verhältnis zu den Preisen im Ausland steigen, womit auch die Lebenshaltungskosten wachsen, der Vorteil Indiens als Billiglohnland untergraben wird und die Softwareindustrie an Wettbewerbsfähigkeit verlieren wird. Da Softwareunternehmen überall hoch im Kurs stehen, werden sie bald in andere Länder abwandern. Es wäre also durchaus denkbar, dass ein Kartell aus Geschäftsleuten und Politikern das Land in eine unternehmerische Wüste verwandelt. Wahrscheinlicher jedoch ist, dass Indiens launenhafte Wähler die Regierung aus dem Amt hebeln, bevor sie grösseren Schaden anrichten kann.
Falls die Flugreise, mit der ich meinen Bericht begann, in Indien endet, wird der Passagier von einer Kakophonie aus Autohupen und Affengeschnatter begrüsst; er wird dem ungewohnten Geschmack von scharfen Pickles und süssen Mangos begegnen, das mit dem Geruch von Kuhfladen vermischte Aroma fremder Gewürze einatmen und neuartigen Verführungen wie dem Genuss von Massagen und eisgekühlten Limonen nachgeben; Fremde werden seine Kleidung kritisieren und ihn nach der Zahl seiner Kinder fragen; er wird Paläste an Seeufern bestaunen und notdürftig zusammengezimmerte Verschläge an Bahndämmen. Vielleicht wird er sich schwören, nie wieder seinen Fuss in dieses Land zu setzen, denn für den Neuling ist Indien ausserordentlich anstrengend.
Aber kein anderes Land auf der Welt verbindet so viel Energie mit solcher Sanftmut, so viel Provinzialismus mit solcher Offenheit, so viel geschichtliches Erbe mit so viel Dynamik. Indien ist kein Land, es ist eine Filmvorstellung. Und für mich gibt es kein dramatischeres Schauspiel auf der ganzen Welt. Möge die Vorstellung noch lange andauern.
Ashok Desai, Ökonom und Publizist, lebt in Delhi.