NZZ Folio 11/02 - Thema: Humor   Inhaltsverzeichnis

Humorexperiment Nr. 4

Joachim Rittmeyer will Wolfgang Bortlik zum Lachen bringen. Schafft er es?

Von Joachim Rittmeyer und Wolfgang Bortlik

Joachim Rittmeyer:

Kürzlich im Würfel, Abteilung Delikatessen. Ich will Oliven kaufen. Ein Verkaufsstand bietet das Gesuchte: geschätzte zwanzig Olivensorten in terrassenförmiger Anordnung. Ich bin ratlos. Hilfe wäre nötig. Aber von wem? Eine Kundin kommt hinzu, eine gesetztere Dame. Auch sie streckt den Hals. Niemand, der sich für den Stand nur ansatzweise verantwortlich fühlte. Dann ein weiterer Kunde, der weiss sofort, was er will.

Wir schauen uns an, die Dame und ich. Wir kommen ins Gespräch, outen uns als olivenmässig hochgradig beratungsbedürftig. Sie esse zwar immer wieder von den Dingern, sagt die Frau, aber hinterher vergesse sie stets, was am besten geschmeckt habe.

Wie bei den Witzen, sage ich.

Sie reagiert kaum, denn es ist ihr nicht ums Spassen. So was erlebe man bald täglich, beim Personal werde gestrichen, und dafür würden die Preise angehoben. Ob mir aufgefallen sei, was die paar länglichen Schwarzen des Kunden von vorhin gekostet hätten? Reinste Bijouteriepreise! So stehn wir wieder eine Weile da. Dann erwäge ich laut, dem Beispiel des Kunden von vorhin zu folgen und die länglichen Schwarzen einzuschaufeln, das müsse ja ein Kenner gewesen sein. Die Dame winkt ab. Das sei ein Risiko, sagt sie, das sie nicht eingehen wolle bei diesen Preisen. Überhaupt glaube sie, die Hellgrünen würden sie mehr ansprechen.

Diese da?, frage ich und zeige auf eine hellgrüne Sorte. Zum Beispiel, sagt sie. Als ich ein Element herausgreife, schaut sie sich wie elektrisiert um. Ich schaue mich auch um, aber erst, als ich es im Mund habe und langsam zerkaue. Sie kommt einen Schritt auf mich zu und sagt mit gesenktem Kopf, ich hätte vielleicht Nerven. Dazu brauche es gar keine Nerven, sage ich, man sei ja völlig verwahrlost hier. Trotzdem, sagt sie und fragt, ob die Olive gut sei. Ich wiege den Kopf. Schwarze seien offenbar rezenter. O nein, sagt sie, unter den Hellgrünen gebe es genauso rezente. Die da vielleicht? Sie zieht aber die Hand, die sich schon leicht geöffnet hat, wieder zurück. Als sie sieht, wie ich bereits eine zweite Frucht einschiebe, eine kleine sepiafarbene, und mit einem anerkennenden Brauenheben koste, wird auch sie von der Degustationslust erfasst. Hopp und rein! Beim Kauen – vorsichtig, wie wenn sie einen Alarmsensor umgehen müsste – verliert sie plötzlich ihren verhärmten Ausdruck. Das war der Anfang.

Der Anfang einer traumhaften Müsterchen-Orgie. Wir probierten das gesamte Repertoire aus. Unbehelligt. Rauschhaft. Zuletzt uns nur noch flüchtig umschauend. Am Schluss hatte jeder seine Wahl (einen vollen Becher) und sein Steinedepot (zwei volle Wangentaschen). So ging es zur Kasse. Qualvoll. Denn das Bewusstwerden der Lage musste strikte vermieden werden. Jetzt nur keinen Blickkontakt! (Ihre hamsterhafte Gesichtsausformung hatte mir schon zuvor fast unmenschliche Anstrengung abverlangt.) Ich beschloss, die Frau ab sofort nicht mehr zu kennen. Sie schien zum Glück dasselbe Verlangen zu haben, verzögerte den Schritt so lange, bis eine andere Kundin zwischen uns zu stehen kam. So ging alles gut.

So ging alles gut bis zum Moment – ich nahm eben das Rückgeld in Empfang –, da ich hörte, wie die Kundin neben mir zur Frau sagt, mein Gott, das sei vielleicht ein stolzer Preis für die paar Oliven. Durch blitzschnelle Einkrümmung kann ich das Schlimmste abwenden. Auch die verkniffene «Mhm»-Antwort der Frau kann ich so abwehren. Als aber die Kundin hinzufügt, bei diesem Preis könne man nur hoffen, dass wenigstens keine Steine mehr drin seien – da ist es vorbei.

Zwei Schrotschüsse. Die Kasse musste danach geschlossen werden.

Joachim Rittmeyer ist Kabarettist und lebt in Basel.



Wolfgang Bortlik:

Die Vorstellung, wie eine höchstens halblegale Oliventesterin im Supermarkt plötzlich eine Ladung Kerne ausspuckt, ist recht nett und auch ein bisschen lustig. Hoffentlich kriegt aber nicht die arme Frau an der Kasse alles ab. So ein explosives Ende ist auch durchaus unerwartet, denn die Geschichte fängt betulich an, eher wie ein Leserbrief an ein Lifestylemagazin oder wie eine Beschwerde ans Konsumentinnenforum. Der erste Versuch, mich zum Lachen zu bringen, lässt zu lange auf sich warten und ist dann ziemlich zaghaft und schief: Das Vergessen von Witzen und vom Geschmack von Oliven mag wohl Gemeinsamkeiten haben, aber nur sprachlich sorgfältig konstruierte.

Ein paar misslungene Formulierungen und noch mehr krumme Bilder haben mich beim Lesen dann auch sehr gestört: Wieso muss das Bewusstwerden der Lage strikte vermieden werden? Sind’s nicht eher die Konsequenzen der Bewusstwerdung? Und man kaut doch nicht so, wie wenn man einen Alarmsensor umgehen müsste, sondern als ob man Angst hätte, auf eine Zündkapsel zu beissen. So geht enorm viel Witzpotential verloren, denn das wäre ja eigentlich neben der Pointe ein Merkmal humoristischer, ironischer Geschichten: gelungene Wortspiele, originelle Bilder, lustiger Sprachzauber. Ausser man benutzt schiefe Bilder bewusst, was aber hier wohl nicht der Fall ist.

Am meisten Mühe hatte ich allerdings mit dem Ergebnis eines Selbsttests nach diesem Text. Bereits mit acht Olivenkernen in den Backentaschen war ich nicht mehr recht fähig, weitere Früchte zu kauen – und ich habe ein ziemlich grosses Maul!

Wolfgang Bortlik war der Verfasser des Textes unbekannt.


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