NZZ Folio 09/99 - Thema: Das Telefon   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Humpelnd auf der Achterbahn

Von Wolf Schneider

DEUTSCH LEBT! Alles saugt es in sich auf, verwurstet es und speit es auf den Markt zurück. «Die Häme», begann der Kommentar auf Seite 1 einer grossen schweizerischen Zeitung - kurios genug, denn das ist nicht Deutsch, sondern Hamburger Journalistenjargon, vom «Spiegel» und für den «Spiegel» für seine Lust an hämischer Schreibe ersonnen (wobei die Schreibe und die Denke demselben Umfeld entsprungen sind) -, die Häme also «war vorprogrammiert». Das ist kein Jargon, sondern der fröhliche Unfug, dem Pro-Grammieren, was «vorher Schreiben» bedeutet, ein weiteres vor voranzustellen, so dass nun «vorvorher Schreiben» dasteht. Wieviel unbefangene Lebendigkeit schon in den ersten Wörtern!

Vorprogrammiert «erst recht nach dem Unfall vom Dienstag, welcher dem helvetischen Nadelöhr . . .». Wir stutzen erneut: Warum welcher dem und nicht der dem? In der Schweiz mag welcher gebräuchlicher als in Deutschland sein, doch nach deutscher Stilistik ist es altertümlich, schwerfällig und unschön, empfohlen nur, um eine Wortfolge wie «die, die die Millionen verdienen» zu vermeiden (wogegen «die, die das meiste Geld haben» schon wieder als das gefälligere Deutsch gelten kann). «Die dabei gewesen sind, die letzten, die . . .» beginnt Frischs «Gantenbein», und kein Dichter hätte je den Vers gewagt: «Die Lerche, welche im Äther singt . . .»

In den ersten zwölf Wörtern also lässt der Kommentator norddeutschen Journalisten-Slang, gemeindeutschen Unsinn und humpelnde Altväterei aufeinanderprallen - hoppla, da ist Leben in der Bude, ein Holzschuhtanz der Widersprüche! Und weiter: «. . . welcher dem helvetischen Nadelöhr den längsten Stau seiner Geschichte bescherte.» Eine schöne Bescherung! sagen wir in der Tat, wenn uns etwas Übles widerfährt, in ironischer Umdrehung eines Wortsinns, der für das Verbum unangefochten weitergilt, und das schon seit dem 18. Jahrhundert: Beschert werden Geschenke oder Kinder (mit Geschenken), und sonst niemand und nichts.

Aber natürlich, Ironie ist willkommen, sie muss nur als solche erkennbar sein und auf die Stilebene passen, auf der der Autor sich bewegt - und die wäre hier schwer zu definieren; es ist ja gerade das Hüpfen zwischen den Ebenen, das den Reiz des Textes ausmacht. Also: Darf man Staus bescheren? Man darf - vorausgesetzt, man wäre auch bereit zu schreiben, das Erdbeben habe den Obdachlosen die Cholera beschert.

«Wenn das kein Flop wird!» endet, gleich nach der Bescherung, der erste Absatz des Kommentars. Flop: ein hübsches und praktisches englisches Wort für etwas, wozu man früher Reinfall, Durchfall, Pleite, Blamage, Fiasko sagte - warum nicht, noch ein Element der Vitalität, die uns aus diesem Absatz entgegenspringt: frisches Englisch, falsches Griechisch, abgestandenes Deutsch, Import aus den Niederungen des Nordens und lahme Ironie - ein Rummelplatz sprachlicher Möglichkeiten, und das in sieben Zeilen! Ein solches Feuerwerk der Stile noch zu übertrumpfen wäre schwer. Man müsste sich schon einen oberaffengeilen Paradigmenwechsel reinziehen - aber viele Leser würden da vergitzeln.

Wie eintönig, neben einer solchen Achterbahn der Stilebenen, die Wahrung desselben Niveaus sein kann, demonstrierte kürzlich das Mutterschiff der Häme, der «Spiegel». Vier erfolgreiche Jungunternehmer in Berlin, Singles allesamt, befragte er, wie sie's mit der Liebe hielten - haben sie dafür noch Zeit? Überwiegend keine - und schon das Wort schien für sie aus einer fremden Welt zu kommen. Dreizehnmal sprachen sie von Beziehung (einer festen, einer gescheiterten, einmal immerhin von einer Liebesbeziehung), zehnmal von Partnerschaft. «Partnerschaftsfähig» seien sie ja noch, aber: «Auch in der Beziehung geht es mir um die Fokussierung auf das Wesentliche.» (So etwa hört sich unter Yuppies wohl das an, was man früher eine Liebeserklärung nannte.)

Beziehen kann man ein Bett, eine Wohnung, ein Gehalt und eine Ohrfeige; Beziehungen waren einst von menschlicher, geschäftlicher, diplomatischer oder intimer Art, und die letzten haben sich unter Streichung des Wortes «intim» verselbständigt. Welcher Fortschritt gegenüber der altbackenen «Liebe», wie scheusslich klingt sie nach Leidenschaft und Bindung! Wir sollten die Beziehung bejahen und die kleinen Nachteile in Kauf nehmen, die daraus folgen.

Nachteil 1: Wir dürfen nicht mehr sagen «In dieser Beziehung habe ich recht», denn dies könnte ja, statt als «Hinsicht», als Rechthaberei in einer Liebesbeziehung missverstanden werden. Nachteil 2: Buchtitel wie «Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten» (Sigmund Freud) sollten wir in Zukunft meiden. Nachteil 3: Bei der nachträglichen Umdichtung von Liedern und Gedichten entstehen ein paar Probleme mit Versmass und Reim: «Einstweilen, bis den Bau der Welt / Philosophie zusammenhält, / Erhält sie das Getriebe / Durch Hunger und durch Beziehung», müsste es bei Schiller hiessen; Marlene Dietrich müsste singen: «Ich bin von Kopf bis Fuss auf Beziehung eingestellt», und die Saffi im «Zigeunerbaron»: «Die Beziehung, die Beziehung ist eine Himmelsmacht.» Kurz: Da wäre mancher Flop vorprogrammiert.




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