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Die Fahrenden und die Sesshaften
Dass die Roma ein wanderndes Volk seien, entspricht nicht überall der Wirklichkeit. In Ostmitteleuropa hat man versucht, sie sesshaft zu machen - mit desaströsen sozialen Folgen. Auf der Flucht vor der Armut wollen immer mehr Roma auswandern. Aber in den Staaten Westeuropas sind sie nicht willkommen.
Von Andreas Oplatka
Sie kommen doch aus der Schweiz. Ach, das weiss man doch: Dort gibt es viel, viel Geld. Sie können uns bestimmt helfen. Helfen Sie uns. Sie fahren in drei Tagen nach Hause? Nehmen Sie uns mit. Ziehen wir weg. Dort bei Ihnen gibt man uns sicher eine Wohnung. Wie kommen Sie dorthin? Mit dem Flugzeug? Ach, das muss wunderbar sein. Wie weit ist es in die Schweiz? Von hier, aus der Slowakei, wie lang reist man da? Achthundert Kilometer? Dazwischen ist das Meer, nicht? Nein? Das Meer, natürlich! - es fängt in Dänemark an und in Belgien. Manche der Unsrigen sind dorthin gezogen. Sie haben es hier nicht mehr ausgehalten. Wir würden auch gern gehen. Ich ginge sofort. Aber die Kinder, die Kleinen, Sie sehen. Es ist so schwer, und wir haben gar nichts.»
Sie haben in der Tat nichts - ausser dem nackten Elend. Sie: eine Grossfamilie von Roma, die hier am Rande eines südslowakischen Dorfs haust. Ja: haust. Die bröckelnden Wände der einst aus Backstein erbauten niedrigen Hütte sind windschief, durch die eine oder andere Ritze blickt man aus dem Inneren ins Freie. Die Eingangstüre ist zersplittert, die engen Fensternischen, in denen die Rahmen wohl schon lange fehlen, hat man mit Karton und Schaumgummifetzen ausgestopft. Durch das verrostete Blechdach tropft das Regenwasser in die schummrigen Verschläge; die Bewohner suchen sich der Nässe mit Plachen zu erwehren, die sie an der Decke befestigen.
Feuchtigkeit durchdringt dennoch die Mauern, verbreitet sich in schmutzigbraunen Flecken. Geheizt wird drinnen nur in einem engen Zimmerchen, das im Winter Aufenthaltsraum für alle und zugleich Küche ist: Abfallholz brennt in einem winzigen eisernen Ofen, auf dem in einem Topf etwas Unbestimmtes brodelt. Im hinteren Raum auf vielleicht zwei mal drei Metern, den der Gestank der benachbarten Schweinemast erfüllt, hat man drei durchgelegene Betten zu einem Massenlager zusammengeschoben. Auf der anderen Strassenseite wirbelt der Wind von einem Kohlenlager schwarzen Staub auf; Unrat staut sich in Haufen und flattert in der Umgebung herum. In der Hütte, sagen die Roma-Frauen, gehen die Ratten ein und aus.
Fünf Zigeunerfamilien leben hier, wo das Dorf endet. Die Bedingungen in ihren Hütten - auch das Elend kennt Abstufungen - unterscheiden sich nur dadurch, ob das elektrische Licht brennt oder nicht; jene, die für ihre Stromrechnungen lange nicht aufgekommen sind, müssen die früh hereinbrechenden Winterabende im Dunkeln verbringen. Der Besitzer überlässt die Buden den Roma unentgeltlich; wofür ein Mietzins fällig wäre, liesse sich denn auch kaum sagen. In den Behausungen gibt es weder fliessendes Wasser noch eine Toilette, und von Kanalisation hat man hier am Dorfrand noch nie etwas gehört.
Unzählige Roma-Familien fristen auf diese Weise ihr Leben, namentlich im östlichen Teil der Slowakei, im Nordosten Ungarns, in Rumänien und den Balkanländern.
Behörden und Bürger dieser Staaten dafür zu verurteilen, dass sie solche Zustände zulassen, wäre voreilig. Von der bequemen westlichen Warte aus, wo man mit der Roma-Frage (zumal in dieser Schärfe) nicht konfrontiert ist, hat man gut reden. Tatsächlich unternahmen und unternehmen die ostmitteleuropäischen Länder beträchtliche Anstrengungen zur Bewältigung des sozialen und politischen Problems. Doch das, was vorangegangene Jahrhunderte an Mentalitäten, gegenseitigen schlechten Erfahrungen und Vorurteilen hinterlassen haben, ist ein Erbe, mit dem die erst unlängst frei gewordenen und nach wie vor armen ostmitteleuropäischen Gesellschaften aus eigener Kraft nicht so schnell fertig werden können. Die Roma in den elenden Siedlungen haben eine einzige Einnahmequelle: die Sozialhilfe des Staates.
Verkettung: Schulwissen, wie es in den heutigen Industrieländern vermittelt wird, zählt nicht zu den überlieferten Werten der Roma. Als Folge der fehlenden Schul- und Berufsbildung haben sie keine Aussicht, eine Stelle zu bekleiden und Geld zu verdienen in einem Land, wo die Arbeitslosenrate zurzeit über 18 Prozent liegt. So entsteht eine vollkommene Abhängigkeit vom mageren Sozialbeistand; Zeichen der eigenen Regsamkeit sind selten. Die verwahrlosten Familien bleiben zu einer Existenz am Rande der Gesellschaft verurteilt, ihre Kinder sind im Lebenswettbewerb von vornherein chancenlos.
Wie den Teufelskreis durchbrechen? Wie die breitschultrigen halbwüchsigen Burschen aus diesem Ghetto herausreissen, wie ihnen einen Funken Hoffnung und Willen zur Selbstbestimmung geben? Wie sie davon überzeugen, dass es nicht ihr unausweichliches Schicksal zu sein braucht, die Tage in Untätigkeit und dumpfer Langeweile zuzubringen?
Eine Antwort auf die Frage gibt die nach dem in Kaschau (Kosice) geborenen und tragisch spät weltberühmt gewordenen ungarischen Schriftsteller Sándor Márai benannte Stiftung. Die Márai-Stiftung geht, wie ihr Leiter, der Arzt und Soziologe Peter Huncik, erläutert, von der Idee aus, dass der stark abgesonderten, von Misstrauen erfüllten und bei der Mehrheit Misstrauen erweckenden Roma-Bevölkerung Hilfe nur durch Roma selber vermittelt werden kann. Die Stiftung, von Sponsoren unterstützt, ist daher schon seit längerer Zeit dabei, in Kursen von 300 Stunden Roma-Assistenten auszubilden.
Die Kandidaten erhalten Grundkenntnisse auf jenen Gebieten, wo Schritte zur Überwindung der Bedürftigkeit am dringendsten sind: Wozu gibt es Schulen und wie funktionieren sie? Wie hält man Kontakt mit den Sozialämtern? Welche Rechte stehen dem Staatsbürger zu, und welchen Pflichten hat er nachzukommen? Was sind die wichtigsten Erfordernisse zur Erhaltung der Gesundheit? Wie leistet man erste Hilfe? Zum Programm gehört auch die Beschäftigung mit der Geschichte der Roma, sie soll ihr Selbstbewusstsein stärken.
Bis 2006 will man rund 5000 Assistenten ausbilden. Die Bewerber verpflichten sich, nach Abschluss des Kurses zu ihrer ursprünglichen Roma-Gemeinschaft zurückzukehren. Sie sollen dort mit den örtlichen Behörden zusammenarbeiten und - ein Entscheid des Gesetzgebers darüber steht aber noch aus - vom Staat entlöhnt werden.
Setzt dieses Programm aber nicht Sesshaftigkeit der Roma-Bevölkerung voraus? Die Antwort gibt Jozef Ravasz, Mitarbeiter der Márai-Stiftung, ein Roma-Intellektueller mit Hochschuldiplomen, ein Literat und Politiker, der - eine Ausnahme - trotz Erfolg und sozialem Aufstieg zu seiner Herkunft steht und sich dem Dienst an der Roma-Bevölkerung verschrieben hat. «Ja, damit kann man rechnen. Die Vorstellung, dass die Roma ein wanderndes Volk seien, entspricht hier nicht mehr der Wirklichkeit.»
Natürlich habe es einmal grosse Wanderzüge gegeben, welche die Roma nach Europa geführt hätten. «Die Roma, die Sie da getroffen haben, gehören zu den Lovari, zu den Ärmsten der Armen.» Die Lovari sind ein Stamm, der erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Region angelangt ist, sie haben lange ein Wanderdasein gepflegt. Diese Leute gelten als am wenigsten angepasst. Ja, sagt Ravasz, in Rumänien begegne man gelegentlich noch Stämmen, die mit ganzen Wagenkolonnen auf der Landstrasse unterwegs seien. «Sei es, dass sie in den Sommermonaten von jenseits der Karpaten, aus der Ukraine oder der Moldau, Fahrten westwärts unternehmen, sei es, dass es Roma sind, die, in Rumänien selbst ansässig, sich als fahrende Händler betätigen.»
In der Tschechoslowakei wurde die fahrende Lebensweise bereits 1958 verboten. Ravasz fügt hinzu: «Glauben Sie aber nicht, dass die Roma aus reinem Vergnügen unterwegs waren, dass die meisten unter ihnen die Sesshaftigkeit dem ständigen Ortswechsel nicht von jeher vorgezogen hätten. Doch man nahm sie nirgends auf. Und hiess man sie, ihr Lager am Rande der Ortschaften jeweils nach 24 Stunden zu verlassen, dann machten sie sich am nächsten Tag eben notgedrungen wieder auf den Weg.»
Das vor mehr als vierzig Jahren von Prag erlassene Gesetz allerdings griff, wie der Roma-Politiker darlegt, hart und verhängnisvoll in das innere Gefüge der Roma-Gesellschaft ein. Nicht nur die Lebensform, auch die innere Ordnung der Gemeinschaften, ihre Gliederung nach Berufen, die je nach der erforderlichen Ausbildung eine gewisse Rangordnung bedeutete, wurde aufgehoben. Der kommunistische Staat zählte die Roma zu den Proletariern und weigerte sich, ihrer Andersartigkeit Rechnung zu tragen.
Nach dem Zusammenbruch des Einparteistaats, als anstelle der extensiven, mit den Rohstoffen und den Arbeitskräften verschwenderisch umgehenden Wirtschaft plötzlich das intensive Wachstum in den Vordergrund rückte, gehörten die Heere von ungelernten Hilfsarbeitern, unter ihnen die Roma, zu den grossen Verlierern.
Ravasz, ein etwa 40-jähriger, lebhafter Mann, der immer wieder um möglichst harte Fragen bittet, hat es nicht leicht; es ist eine gewaltige, wenig zuversichtlich stimmende Aufgabe, der er sich widmet. Dazu nennt er einige Zahlen: 91 000 Personen gaben in der Slowakei bei der Volkszählung 2001 ihre Nationalität mit Roma an, lediglich 16 000 mehr als zehn Jahre zuvor. Die tatsächliche Grösse der Roma-Bevölkerung wird aber auf das Fünffache geschätzt - so viel zur Festigkeit der eigenen Identität. Nur die Hälfte der Roma-Kinder beendet die Volksschule, 40 Prozent der erwachsenen Roma sind Analphabeten oder funktionelle Analphabeten; zu den Letztgenannten zählt man jene, welche die Buchstaben zwar kennen, sie aber nicht zu Wörtern zusammenzufügen vermögen.
Und die Auswanderungswelle der letzten Jahre? Die Ausreisen grosser Roma-Gruppen nach Belgien, Grossbritannien und Finnland? Die Asylgesuche, denen im Falle slowakischer Roma keine westliche Regierung stattgab, die aber zeitweise zur Wiedereinführung der Visumpflicht für slowakische Staatsangehörige führte und in ganz Europa zu politischem Aufsehen Anlass gab? Die Aufnahme einer Anzahl ungarischer Roma durch Frankreich kam hinzu. Aufzählen lässt sich ebenso der immer häufigere Versuch von Roma aus Ungarn, in Kanada Aufnahme zu finden, der zuletzt auch die kanadischen Behörden dazu veranlasste, von Reisenden aus diesem Land ein Visum zu verlangen.
Wer Klartext spricht, wird schliesslich nicht leugnen, dass die lange Jahre dauernde Weigerung der Westeuropäer, den Staatsangehörigen Rumäniens die visumfreie Einreise zu gestatten, mit der Angst zu tun hatte, die Roma im Karpatenland könnten massenhaft westwärts aufbrechen. Dass Rumänien unlängst doch die Aufhebung der Massnahme erreichte, erkaufte es unter anderem mit einer Verfügung, wonach jeder ausreisende rumänische Bürger beim Grenzübertritt zumindest 500 Euro, ein Retourbillett und die Bescheinigung einer Krankenversicherung für die Dauer des Aufenthalts im Westen vorzulegen hat.
Flucht vor der Armut? Und gleichzeitig doch auch Ausdruck der Wanderlust? Das Zweite, antwortet Ravasz, ganz gewiss nicht. Die aussichtslosen Lebensbedingungen, die Diskriminierung, die Hoffnung auf eine bessere Existenz oder oft auch nur auf einen kurzfristigen materiellen Gewinn in der Ferne - dies seien die wahren Gründe für die Migrationswelle. «Doch täuschen wir uns nicht», fügt er hinzu, «jene, die wegfahren - und zumeist als enttäuschte Abgewiesene zurückkehren -, sind nicht jene Ärmsten, die Sie besucht haben. Diese Leute wären nicht imstande, sich als Gruppen zu organisieren, ihre Reisen zu planen, und sie könnten es sich vor allem nicht leisten, Flugtickets für ganze Familien zu kaufen. Da handelt es sich um eine andere, bessergestellte Roma-Schicht.»
Was er von der Vermutung halte, wonach die Roma von Hintermännern mit politischer Absicht zur Auswanderung ermutigt wurden? Dafür, so die vorsichtige Antwort, gebe es zumindest keine Beweise. Manche sind da anderer Meinung, doch trifft es in der Tat zu, dass bisher niemand Stichhaltiges vorgelegt hat.
Ob er behilflich wäre, damit wir zusammen eine angepasste, in mittleren Verhältnissen lebende Roma-Familie in ihrem Heim kurz besuchen könnten? Ja, gern. Der Weg führt in den Aussenbezirk einer Kleinstadt, der Empfang in der Wohnung, im achten Stock eines uniform hässlichen Hochhauses, ist herzlich. Und dann erweist es sich gleich, dass wir keineswegs alltägliche Umstände vor uns haben, sondern einen besonderen Fall, auf den unser Roma-Politiker, wie er betont, sehr stolz ist.
Der Vater, ein Koch, arbeitet während der Woche in Wien. Beide Söhne sind Musiker, der ältere spielt als Cellist gelegentlich mit dem Festivalorchester von Budapest, während sein halbwüchsiger Bruder, ein Violinist, soeben als Student der Wiener Universität für Musik aufgenommen wurde. Im Nachbarzimmer übt er eben eine Bach-Partita.
Andreas Oplatka ist NZZ-Korrespondent in Budapest.
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