NZZ Folio 11/97 - Thema: Hund und Katz   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Christas Carouge

© Christian Känzig
Seit nunmehr zwanzig Jahren hat die Modemacherin Christa de Carouge an der Rue St-Victor in Carouge-Genf ihr Atelier und einen Laden; seit zehn Jahren wohnt sie auch da. Linktext
Von Lilli Binzegger

«MEIN ALBTRAUMRAUM? Eine Schickimicki-Wohnung, mit der man die Zugehörigkeit zu einer gewissen Gesellschaftsschicht demonstriert. Von Modemachern hat man offenbar die Vorstellung, sie müssten in einem repräsentablen Haus oder zumindest in einem grossen Loft wohnen. Jedenfalls sind viele überrascht, dass das hier alles ist, was ich an Raum zum Wohnen und Arbeiten brauche. Hier habe ich alles um mich herum. Ich kann aufstehen und gleich zu arbeiten anfangen, egal wann das ist. Dieser Raum ist gewissermassen mein Herz, von dem alles ausgeht, was ich tue.

Ich sitze oft auf meinem Tatami, im Schneidersitz, lese, lege meine Dinge um mich herum aus und mache Skizzen, denke nach. Tatami ist eine japanische Reismatte, die man meist auf ein Holzgerüst legt. Es ist auch ein Grössenmass, meine Schlafstelle misst viereinhalb Tatami. Zum Schlafen rolle ich darauf den Futon aus. Das alles habe ich in Japan kennengelernt, als ich 1984 dort war. Da fand ich: das ist es genau, so will ich auch leben, und habe mir dann alles schicken lassen, als ich wieder in der Schweiz war.

Der Boden ist ein nackter Zementboden mit einer chape Beton drüber. Steinböden sind kalt, aber dieser ist es nicht. Man kann barfuss darauf gehen, und es ist, als hätte es eine Bodenheizung darunter. Er ist schön und überdies elend praktisch, ganz leicht zu putzen.

Ich wohne hier seit zehn Jahren, das Atelier und den Laden hatte ich schon vorher in dem Haus. Neben diesem Raum gibt es im Verbindungsgang zum Laden noch ein Bad und eine kleine Küche. C'est tout. Ich habe hier schon für zwanzig Leute gekocht. Dann wird dieses Zimmer zum Festsaal.

Wo ich den Plunder verstaue, den man so hat? Den habe ich eben gar nicht mehr. Notwendiges Kleinzeug wie etwa die Socken sind in kleinen Holzkuben an der Wand. Von mir aus könnte es in dem Raum gerne noch weniger Dinge haben. Der Kleiderständer etwa ist mir schon zuviel, er muss weg. Ich will auch nur gerade noch die Kleider besitzen, die ich brauche, nur noch mit dem strikten Minimum auskommen, nicht mehr entscheiden müssen: was ziehe ich heute an. Ein warmes Kleid für das kühle Wetter und ein kühles fürs warme. In zwei Ausgaben: eins für den Alltag und ein zweites, gutes. Und es tragen, bis es nicht mehr zu tragen ist. Wir haben doch alle von allem viel zu viel, unser Leben ist vollgestopft mit surplus.

Meine Wohnungen waren schon immer funktional. Zu Hause hatten wir allerdings ganz traditionell gewohnt, bürgerlich, mit Polstergruppe und Essecke. Bei meiner Mutter ist es immer noch so. Ich fühle mich dort aber trotzdem wohl, weil es ihre Räume sind und ich gerne in ihrer Nähe bin. Sie ist mein Vorbild in ihrer Schlichtheit und Einfachheit, die doch voller Lebensfreude ist.

Weil ich keine Zeit zum Reisen habe, reise ich halt mit Büchern, da weiss ich sogar, wie es riecht. Ich habe eine Menge Bildbände über die Wüste, über Japan, über China, Korea, Indien. In Japan war ich schon, in der Wüste auch, es sind beides Orte, an denen ich wahnsinnig gerne einmal etwas länger wäre. Am meisten eingefahren von der Kargheit her ist es mir in der Wüste. Japan hat in mir etwas anderes ausgelöst, nämlich die Liebe zum Detail. Wie man dort nur schon ein Päckchen macht, einen Garten umzäunt, überhaupt, wie man dort mit den Dingen umgeht, voller Respekt. Oder umging: es verändert sich dort auch viel.

In Carouge bin ich immer von Donnerstag bis Montag, am Montag fahre ich nach Zürich, wo ich ein zweites Atelier und ein weiteres Verkaufsgeschäft habe. Dort wohne ich bei meiner Mutter, bei ihr habe ich einfach ein Bett. Ich will mich vorläufig in Zürich nicht niederlassen. Vielleicht will ich einfach nicht an mehreren Orten wohnen. Mich stört schon, dass ich noch eine Wohnung in Trogen habe, in einem Haus, das meinem Bruder gehört. Dass ich an den Wochenenden da hinfahren würde, um zu wandern, mich auszuspannen, war eine Illusion. Denn ein Sonntag hier ist so etwas Gutes. Da kann ich in aller Ruhe arbeiten, lange an etwas sein. Und keiner stört mich. Das Alleinsein ist mir sehr wichtig geworden. Ich möchte mein Carouge mit niemandem teilen. Nach zwei Ehen habe ich eingesehen, dass ich für die Zweisamkeit nicht geschaffen bin.

Dass die Wohnung nicht hell ist, macht mir nichts aus, ich mag kein grelles Licht. Sie hat für mich etwas Intimes, etwas Beschützendes. Der Lichteinfall von dem kleinen Patio her, der zu meiner Wohnung gehört, ist von einer solchen Zärtlichkeit, dass ich manchmal fast weinen könnte, wenn ich dazu noch schöne Musik höre, von Arvo Pärt vielleicht. Der Patio ist wie ein zusätzliches Zimmer, da sitze ich an dem grossen Steintisch bis in den Winter hinein. Ich ziehe mich dazu einfach warm an. Die Geräusche von draussen sind hier gedämpft. Ich lausche ihnen gerne. Dem Surren eines Krans, dem Tram, den Autos, den Stimmen der Leute. Den Alltagsgeräuschen.

Natürlich heisse ich nicht richtig de Carouge, sondern Furrer, und aufgewachsen bin ich in Zürich. Aber französisch ausgesprochen konnte ich meinen Namen nicht ausstehen. Er hat in mir schlechte Erinnerungen an den Krieg geweckt. Da ich in Carouge lebte und Christa de Carouge so wunderbar klang, habe ich den Bürgermeister um Erlaubnis gebeten, mich so nennen zu dürfen.

Ja, mein Traumraum: wenn nicht dieser, dann einer unter freiem Himmel, nur der Himmel über mir. Irgendwo in der Wüste, oder auf einem Berg. Oder mitten in Paris. Jedenfalls ein Raum, der nicht mir und auch sonst keinem gehört.»


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