NZZ Folio 10/07 - Thema: Auto der Zukunft   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Johann Strauss, genialer Griesgram

© Angelo Boog
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Von Wolf Schneider
Er war ein notorischer Nichttänzer und ein schüchterner Sonderling – aber vermutlich hat er mehr Menschen zu fröhlichem Tanzen getrieben als je ein anderer Musiker. Bis heute ist er der König der Kaufhaus-, Fahrstuhl-, Hotelfoyer- und Flugzeuglandemusik und der meistgespielte, meistausgeschlachtete Komponist der Geschichte; zu Silvester erklingt auf den Bühnen Deutschlands und der alten k. u. k. Monarchie nichts häufiger als seine 133 Jahre alte «Fledermaus».

Den Weltruhm des Wiener Walzers und des Namens Strauss hatte schon der Vater begründet, vor Queen Victoria hatte er gespielt, in Paris die Marseillaise unter dem Toben der Franzosen in einen Walzer verwandelt. Dass Johann der Ältere mit 45 Jahren starb, daran war der Sohn nicht unschuldig: In des Vaters letzten fünf Jahren hatten die beiden Johanns sich einen bizarren Zweikampf um die meisten Auftritte und die meisten Kompositionen geliefert – nachdem es dem Vater nicht gelungen war, dem 18-jährigen Sohn die Gründung eines eigenen Orchesters gerichtlich verbieten zu lassen, mündig wurde man ja erst mit 24. Auf 76 Bällen dirigierte der Vater 1845, mehr als je zuvor, mehr als der Sohn vor allem, und das schaffte er nur, indem er 200 Musiker beschäftigte und selbst von Ball zu Ball hastete, um einen seiner Walzer zu dirigieren; einen «Nervendämon» nannte ihn Richard Wagner.

Der Vater starb an Scharlach und Erschöpfung. Der Sohn, 24 Jahre alt, ver­einigte sogleich die beiden Orchester, baute auf der Weltgeltung seines Vaters auf (im Ausland wurde oft gar nicht registriert, dass dieser Johann nun ein anderer war) und überlebte ihn um 50 Jahre – lang genug, um dessen Ruhm zu überstrahlen. Seine Walzer waren phantasievoll durchkomponiert und schwellend orchestriert, und 1871 warf er sich auf die Operette, sechzehn Mal, der «Zigeunerbaron» war darunter und «Eine Nacht in Venedig».

Seine Librettisten hatten es nicht leicht mit ihm. Zu aller Sprache stand er in einem kindlichen Verhältnis, nie konnte er einen Text in Musik umsetzen – sondern zu seinen Melodien mussten nachträglich die Wörter erfunden werden. Nur zu dem Lied «Oje, oje, wie rührt mich das» soll er das «Oje» selbst beigesteuert haben, und manchmal verlangte er mehr Vokale in den Texten. Zum Komponieren wünschte er sich Regenwetter, Sonne war ihm lästig, Natur sagte ihm nichts, bis in den nahen Wienerwald ist er vermutlich nie gekommen.

Und der Weltruhm wuchs. Elf Jahre lang spielte Johann Strauss in Zarskoje Selo, der Sommerresidenz des Zaren nahe St. Petersburg, mit dreissig Wiener Musikern dem russischen Adel auf, allabendlich von Mai bis September. Das Problem dabei war die lange Fahrt mit der Eisenbahn: Er reiste nur im eigenen Abteil bei herabgelassenen Vorhängen und mit einem Vorrat an Champagner, um die schlimmsten Schrecken wegzuspülen; wenn der Zug durch einen Tunnel oder über eine Brücke fuhr, warf er sich zu Boden.

Und nun sollte er gar mit dem Dampfschiff nach Amerika! Das tat er erst, nachdem die geforderten 100 000 Dollar (etliche Millionen in heutigem Geld) schon in Wien eingegangen waren und der Impresario ihm versichert hatte, seine Sorge «Und wenn mi Ihnere Indianer massakern» sei unbegründet. Im Coliseum zu Boston feierte er 1872 vor 50 000 johlenden Gästen seinen grössten Triumph: Er dirigierte hundert Subdirigenten, die ­ihrerseits das tausendköpfige Orchester lenkten; die «Schöne blaue Donau» wurde zum amerikanischen Strom.

Und doch blieb er unzufrieden. Der Welt wollte er demonstrieren, dass er mehr könne «als Tanzmusik schreiben»; seine Operetten nannte er «gemeine Dudelei». Und so ruhte er nicht, bis die Wiener Hofoper 1892 seinen «Ritter Pásmán» aufführte, Prag und Berlin zogen nach; er sprach vom grössten Erfolg seines Lebens, schon lange ist die Oper vergessen.

Dreimal war er verheiratet: Mit 36 nahm er eine 43-jährige ehemalige Sängerin zur Frau, die sieben uneheliche Kinder hatte, Jetty Treffz; sie bemutterte ihn, managte ihn und trieb ihn an, 16 Jahre lang. Als sie 1878 gestorben war, führte er sieben Wochen später seine Geliebte zum Altar, die 25 Jahre jüngere Sängerin Lilly Dittrich. Nach vier Jahren wurde die Ehe geschieden. Mit 61 schliesslich heiratete er die 24-jährige Witwe Adele Deutsch. Sie machte es ihm noch zwölf Jahre lang gemütlich, und als er 1899 starb, mit 73 Jahren, verwaltete sie sein Erbe so energisch, dass sie sich, in Anlehnung an die Witwe Richard Wagners, den Spitznamen «Cosima im Dreivierteltakt» verdiente. Den Nachlass selbst, drei Wagenladungen voller Noten und Entwürfe von Johann und seinem Bruder Josef, liess der jüngste Bruder, Eduard, 1907 verbrennen, offenbar in einem Akt des Neides.

Was lehrt uns ein solches Leben? Dass es ein schwieriges Schicksal ist, genial zu sein. Dass die Fröhlichkeit, die einer verbreitet, durchaus nicht in ihm sein muss; viele grosse Clowns waren ja melancholische Menschen – und die «Schöne blaue Donau» vielleicht nur ein Jubelruf aus dem Käfig einer traurigen Seele.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).



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