WECHSEL IM AUSDRUCK? Synonyme wählen? Unbedingt! Keinesfalls! Beides ist richtig - je nachdem. Jeder Schüler lernt zu Recht, dass er nicht zweimal in einer Zeile aber schreiben soll, sondern beim zweitenmal doch, jedoch, dennoch, trotzdem, indessen, hingegen oder allerdings. Auch sollte man jedem Kind die Chance geben, in den Wortschatz seiner Muttersprache hineinzuwachsen, statt schlecht gelaunt auch einmal lustlos zu sagen und Nachbarwörter wie missmutig, trübsinnig, griesgrämig wenigstens zu würdigen, warum nicht auch das schöne alte sauertöpfisch oder das regional gebundene miesepetrig.
Den Ausdruck zu wechseln hat also dreierlei Vorzüge: Es vermeidet den Ochsentrott der hartnäckig wiederkehrenden Silben; es schöpft das Erbe unseres in Jahrtausenden aufgehäuften Wortvorrats aus; und es macht Abstufungen der Farbe, der Aura, der Stilebene möglich, die die Sprache glitzern und vibrieren lassen. Schön, wenn einer die sinnverwandten Wörter mutig, tapfer, kühn, tollkühn und verwegen, beherzt, couragiert, unerschrocken, draufgängerisch und wagemutig mit allen ihren Schattenwürfen kennt, vielleicht sogar verwendet und auch ihre betagten Brüder brav, wacker, trutzig noch einzuordnen weiss.
Bis hierher herrscht unter Germanisten und Journalisten Einigkeit. Die meisten gehen jedoch noch weiter: Sie fordern den Wechsel im Ausdruck immer, sie differenzieren nicht. Das ist der Punkt, an dem diese Kolumne Zwietracht säen will: Fast jede Aussage enthält einen Begriff, den auszutauschen wir nicht einmal versuchen sollten.
Da hat also die österreichische Regierung etwas beschlossen. Der Nachrichtensprecher verweilt dabei vier Sätze lang. Im zweiten Satz nennt er, braver Schüler, der er ist, das handelnde Subjekt Wien, im dritten das Donauland (darauf kann man wetten) und im vierten der Ballhausplatz, weil an dem der Bundeskanzler residiert. Was ist da geschehen? Die Hauptstadt anstelle des Landes - das mag angehen, wenn man sie so gut kennt. Aber im Nachrichtendeutsch hören wir auch Amman für Jordanien, ja sogar Tegucigalpa für Honduras - und da wird mit dem Synonym ein Götzendienst, mit der Verständlichkeit aber Schindluder getrieben. Donauland ist zwar nicht falsch, doch auch nicht präzise: Denn die Donauländer reichen von Baden-Württemberg bis Bulgarien, und Ungarn wie Rumänien werden in viel höherem Grade als Österreich von der Donau bestimmt. Der Ballhausplatz schliesslich stürzt in dieselbe Grube wie Tegucigalpa: Für die meisten Hörer bleibt er dunkel immerdar.
Mit der Zwangsvorstellung also, der Ausdruck müsse gewechselt werden um jeden Preis, zieht Unsinn ein in den Versuch, einem anderen Menschen etwas mitzuteilen. Die lexikalische Varianz ist nur dann erstrebenswert, wenn sie sich auf Färbungen (wie missmutig) oder auf Funktionen (wie jedoch) erstreckt; die Sachen, die Hauptwörter, vertragen den Wechsel nicht. Für die meisten ist ein geläufiges und deckungsgleiches Austauschwort ohnehin nicht vorhanden, einem verbreiteten Irrglauben zuwider; die Mehrzahl der Synonyme ist folglich schief, krampfhaft oder lächerlich.
Wir haben kein anderes Wort für Wind, denn Sturm ist mehr und Brise weniger. Sonnabend ist kein Synonym für Samstag, sondern je nach Region lässt sich nur das eine oder das andere verwenden. Wird der Besuch des Staatsmanns im nächsten Satz als Visite bezeichnet (wie es unter Journalisten üblich ist), so hat man ein schiefes Synonym gewählt: denn die Visite ist ein Besuch von oben herab, zum Beispiel des Papstes in einer Diözese oder des Chefarztes am Krankenbett; ein Besuch ist ein Besuch und sonst nichts. An die Stelle der Sonne pflegt im zweiten Satz der Nachricht das leuchtende Zentralgestirn zu treten - eine Steissgeburt, die dem Schreiber in spontaner Rede nie unterlaufen würde, so wenig wie Urnengang für Wahl oder der Leimener für Boris Becker, wie in Deutschland gang und gäbe.
Die Suche nach unanfechtbaren Synonymen für Hauptwörter ist also zumeist vergeblich - und schon der Wille, sich auf diese Suche zu begeben, ist dubios. Wenn einer die Sache, von der er spricht, plötzlich mit einem anderen Wort bezeichnet, so enttäuscht er eine Art Urvertrauen: dass ein Ding seinen Namen habe und nur diesen. Wer den Wind meint, soll vom Wind reden - und sich gar nicht erst bemühen, ihn durch landesübliche Luftbewegung oder mittelstarkes Naturgebläse zu ersetzen. Und dann gibt es Schreiber, die wollen ihr Wort wiederholen, um eben dadurch Wirkung zu erzielen. Die Bibel hallt wider von grimmigem Beharren auf den immerselben Wörtern: «Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort, dasselbige war im Anfang bei Gott.» Der Koran ganz ähnlich, auch Luthers Schriften, Brecht, Thomas Bernhardt, Günther Grass. «Süssen Frühlings süsser Bote», heisst es bei Goethe, bei Thomas Mann (über Schiller): «Man war noch nicht elend, ganz elend noch nicht, solange es möglich war, seinem Elend eine stolze und edle Benennung zu schenken.» Dreimal «elend» - das eben kann edel sein. Und gloriose Rechthaberei kann aus der Wiederholung springen, wie in Lessings Streitschrift gegen den Pastor Goeze: «In diesem Ton schreckt man auch ab; und das wollte ich. Abschrecken wollte ich.» Vom Synonym um jeden Preis.