NZZ Folio 08/91 - Thema: Wege der Schweiz   Inhaltsverzeichnis

«Die Schweiz hatte wieder einmal Glück»

Edgar Bonjours Geschichtsschreibung.

Von Jakob Tanner

Am 26. August 1939, nur wenige Tage vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, hat Edgar Bonjour die auf dem historischen Schlachtfeld von Sankt Jakob an der Birs versammelten 30 000 Menschen auf die schwarzen Gewitterwolken hingewiesen, die sich um die Schweiz zusammenzogen und aus denen jederzeit der Blitz herniederfahren konnte. Seine Rede war als geistiges Stärkungselixier gegen die bevorstehenden Prüfungen konzipiert; im Andenken an die dreizehnhundert Eidgenossen und Verbündeten, die auf dieser Stätte des Jammers (. . .) aufgerieben wurden, beschwor er die opferwillige Hingabe für die Bewahrung überlieferter, sinnvoller Daseinsformen und rief seinem Publikum zu: Wir vermögen heute die untergehenden Kämpfer nicht anders zu sehen, als wie Ferdinand Hodler eidgenössische Krieger gemalt hat: kraftgeschwellte, steifnackige Gestalten, im Blick zornmütigen Trotz und verhaltenen Ingrimm, aus offenen Wunden blutend, mit letzter Anstrengung Steine schleudernd oder den Zweihänder schwingend, das Haupt schon von den Fittigen des Todes umweht; ein letztes hohes Aufflammen der Lebenskraft vor dem Erlöschen.

Edgar Bonjour war 1935, zu Beginn der Ära des Roten Basel, vom Sozialdemokraten Fritz Hauser als Geschichtsprofessor an die traditionsreiche Universität am Rheinknie berufen worden. An der ideologischen Front - das «Dritte Reich» mit seiner rassistischen, antisemitischen, totalitären Ideologie befand sich unmittelbar nördlich der Landesgrenze - sollte er als wortmächtiger Interpret der Schweizergeschichte wirksam werden. Wie das Beispiel zeigt, übte sich Edgar Bonjour in den folgenden Jahren temperamentvoll in geistiger Landesverteidigung, nicht ohne das, was er die nachschaffende Phantasie der Enkel nannte, in prekärem Ausmass zu strapazieren. Mit zunehmendem Alter glätteten sich die Wogen der Rhetorik: Man hat damals, wenn man die alten Schweizer rühmte, den Mund etwas vollgenommen und Proben dessen geliefert, was man mit freier Synthese alles aus der Geschichte herausholen kann, schrieb der 85jährige rückblickend.

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Die staatspolitische Funktion dieser vaterländischen Reden und Vorträge charakterisierte Bonjour im Rückblick so: Man holte sich im Arsenal der Geschichte die Waffen für den Kampf gegen eindringende wesensfremde Ideen - die Schweiz als bedrohte Festung mit einem Zeughaus voll von durchschlagenden Erinnerungen an heroische Zeiten. War Bonjour ein Exponent des zweischneidigen «helvetischen Totalitarismus», der kriegerische Werte propagierte angesichts von Nachbarn, die genau diesem morbiden Kult des Krieges verfallen waren? Selbst bei der Lektüre meiner eigenen Reden kann ich mich eines leichten Lächelns nicht erwehren. Die rhetorischen Kaskaden waren damals als staatsbürgerliche Volkserziehung gedacht. Bonjour verstand sie als Beiträge zur Erhaltung schweizerischer Unabhängigkeit und damit als staatsbürgerliche Pflicht des Ordinarius für Schweizergeschichte. Im Gegensatz zu vielen Rednern, die ähnliche Töne anschlugen, zielten seine Beschwörungen alten Kriegertums nicht auf die Errichtung eines reaktionären Ständestaates oder auf ähnliche, der Tendenz nach totalitäre «Erneuerungs»-Programme ab. Bonjour setzte auf wehrhafte Mimikri (supponierte Warntracht, die Schreck einjagen kann); politische Mimese (Anpassung der eigenen Form und Farbe an jene der Umgebung) erachtete er als verhängnisvoll.

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Dieses Geschichtsverständnis bietet Platz für nationale Mythen, die Bonjour einem pfleglichen Umgang anempfahl. Seine Vorstellung von Mythos: Dieser stellt nicht einfach ein ideelles Syndrom, sondern eine kollektive Kreation mit durchaus realer Macht dar. Er konstruiert die Gesellschaft als imaginäre Institution, er spannt ein Firmament von Werten über ein Territorium und schafft einen Kosmos an sozialer Kohäsion durch Abgrenzung gegen aussen. Die antagonistische Interessensstruktur, die in einer industriellen Gesellschaft immer wieder aufbricht, manifestierte sich auch in der Schweiz während Jahrzehnten in Klassenkämpfen und anderen Sozialkonflikten.

Nationale Mythen helfen deshalb mit, den innern Zusammenhalt zu sichern. Sie werden so zu Garanten der nationalen Unabhängigkeit. Und sie sind unersetzbar: Wer sollte denn in die Lücke von Winkelried springen, wer sollte an die Stelle von Wilhelm Tell treten? Das ist eine sozialkonservative Einstellung - und trotzdem bezeichnete sich Edgar Bonjour immer wieder als kritischen Historiker. Mythen, dies betonte er, können nur dann Ingredienzien einer wissenschaftlichen Geschichtsschreibung sein, wenn sie auch zur Disposition gestellt werden. Jede Generation verschafft sich ihr eigenes Geschichtsbild - dies war der methodologische Leitsatz eines Historikers, dem es darum ging, seine Affirmation des Staates durch kritisches Distanzgewinnen zu relativieren. Die Auffassung, bei seinem eigenen Werk handle es sich um eine objektive und abschliessende Darstellung, wies Bonjour mit dem Hinweis zurück, ohne Mut zur Lücke, ohne Verzicht auf allzu weitgehende Differenzierungen gäbe es keine spannende Erzählung historischer Ereignisse, und so ist jede geschichtliche Betrachtung im Grunde ein Fragment.

Auf Grund dieser Einsicht war Bonjour an den Auseinandersetzungen um die Berechtigung und die Funktion einer mythischen Nationalgeschichte immerzu interessiert. Er konnte aufmerksam zuhören, wenn ich die Verteidigung von Mythen als herrschaftskaschierendes Harmonisierungsbedürfnis interpretierte und die nostalgischen Rückwärtsprojektionen als Ausdruck einer politischen Kultur der Verdrängung bezeichnete. Aus meiner Sicht zerstört der nationalhistorische Kult der Vergangenheit die Sensibilisierung für Probleme der Gegenwart. Statt prospektiver Nachdenklichkeit macht sich ein selbstgerechter, regressiver Eigendünkel breit. Mythen, die durch wissenschaftliche Kritik entzaubert wurden, sind bloss noch kognitive Käseglocken, welche das pays réel, das wirkliche Land, zudecken und die Löcher im kollektiven Gedächtnis der Nation unter einem intakt glitzernden Alpenfirn zum Verschwinden bringen. Im Gespräch konnte sich Bonjour durchaus freuen über solche Formulierungen. Und wenn er dann ganz ernsthaft sein Nicht-Einverstandensein artikulierte, so war es eine reflektiert-rationale Widerrede. Bonjour schätzte Argumente.

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Die schweizerische Neutralität: Dieses Thema beschäftigte den staatspolitisch engagierten Edgar Bonjour zeit seines Lebens. Hatte der Titel eines Aufsatzes, den er während des Ersten Weltkrieges im Gymnasium verfasste, noch «Neutre c'est pleutre» gelautet, so schien er sich zur Zeit des Zweiten Weltkrieges mit der aussenpolitischen Maxime der Neutralität vollkommen versöhnt zu haben: Mit dem republikanischen und demokratischen Ideal verschmolz sie zu einem nationalen Mythos von fast religiöser Weihe, kommentierte er 1943. In weniger tagesbezogenen Interpretationen entwickelte Bonjour eine weit komplexere Sicht: In der Neutralität lag etwas Verführerisches. Sie hatte die Aufgabe des Schweizerhistorikers täuschend vereinfacht, diagnostizierte er.

Angemessen zu beurteilen ist die Neutralität nur, wenn sie als eine Art europäisches Gesamtkunstwerk, als ein Produkt politischer Gleichgewichtsmechanik analysiert wird: Es ist kein Zufall, dass das europäische Gleichgewicht und die schweizerische Neutralität zur selben Zeit, im siebzehnten Jahrhundert, ins allgemeine Bewusstsein traten und ihre scharfe Ausprägung erhielten. 1946 schrieb er: Dieser für die Eidgenossenschaft unerträgliche Druck der Bevormundung liess erst nach, als Europa sich wieder in einen Westmächteblock und einen Ostmächteblock aufspaltete. Das war auf die Restaurationszeit nach 1815 gemünzt, klang aber zu einem Zeitpunkt, als es erneut Druck gab und als sich der kalte Krieg bereits abzuzeichnen begann, überaus aktuell. Bonjours Neutralitätskonzept blieb bis an sein Lebensende dynamisch, anpassungsfähig. Dass er post mortem als Gralshüter der Neutralität in die Ahnengalerie schweizerischer Nationalhelden eingehen könnte: das war für ihn eine beunruhigende Vorstellung, und er forderte die offizielle Anerkennung der Tatsache, dass die Schweiz faktisch eine differentielle Neutralität betreibe.

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1962 hatte Edgar Bonjour vom durch anhaltende Diskussionen verunsicherten Bundesrat den Auftrag erhalten, die Interdependenz von Aussen- und Innenpolitik in den neuralgischen Jahren zwischen 1939 und 1945 zu untersuchen. Die kleinmütige Landesregierung befürchtete damals offenbar ein dem Ansehen der Schweiz abträgliches Resultat der Recherchen und wollte sich die Option der «Schubladisierung» offenhalten. 1970 wurde der «Bonjour-Bericht», das heisst die Bände IV bis VI der «Geschichte der schweizerischen Neutralität», dann jedoch integral veröffentlicht. (Ohne Zensurschere ging es doch nicht ganz: Diese kam beim ersten Band der nachfolgenden Quellenedition extensiv zum Einsatz.) Wer den langen Atem aufbringt, die sechsbändige Neutralitätsgeschichte Edgar Bonjours durchzulesen, erhält das Bild einer seit Marignano (1515) anhaltenden frappanten Kontinuität des eidgenössischen Staatswesens und -verständnisses. Die Eidgenossenschaft entwickelt sich scheinbar organisch - durch alle Arglist der Zeit und alle revolutionären Verwerfungen hindurch. Bonjours Grundvertrauen in die eidgenössische Staatskontinuität war nicht rational-argumentativ. Während andere Völker ihre Vergangenheit als belastend empfinden, sich selbst als unselige Enkel, ist uns das gütige Geschick zuteil geworden, von den Taten unserer Altvordern Trost und Wegweisung empfangen zu dürfen.

Aus dieser Sicht ist die - wie Bonjour dies in einer Festrede 1941 formulierte - aus der wildbachartigen Wucht der Innerschweizer Bergbauern resultierende Eidgenossenschaft fast ein Wunder, jedenfalls eine der eigenartigsten und rätselhaftesten Entwicklungen nicht nur der heimatlichen, sondern der allgemeinen Geschichte überhaupt. Die ewige Schicksalsgemeinschaft der Waldleute wird - trotz materialisch-kriegerischer Selbstbehauptung - aus dem Zusammenwirken eines Bewusstseins christlicher Brüderlichkeit mit einem glücklichen Fatalismus gedeutet. Das ist bei Bonjour eine Interpretationskonstante. Auch beim Rütli-Rapport vom 25. Juli 1940 findet sich dieses Muster: Das mit über 500 Offizieren beladene, von Polizeibooten begleitete Schiff erreichte gegen 11 Uhr das Rütli. Die Schweiz hatte wieder einmal Glück: der vaterländische Akt blieb ungestört. Der letzte Band der Neutralitätsgeschichte schliesst mit einem nochmaligen Hinweis auf das Wunder, dem es doch zu verdanken gewesen sei, dass das Land durch die Jahre stärkster Bedrohung seit Bestehen des Bundesstaates heil hindurchgeführt werden konnte. Auch noch 1983 war ihm die Tatsache des Vom-Krieg-verschont-Bleibens letztlich ein Rätsel, worüber die Nachwelt noch lange grübeln wird.

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Dieselbe voraufklärerisch anmutende Grundüberzeugung schimmerte auch in der Ablehnung des modernen-industriellen Machbarkeitsglaubens des zwanzigsten Jahrhunderts durch. Die älteren Historiker dieser Epoche wuchsen in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg auf, in der sogenannten guten alten Zeit, da alles im Aufstieg begriffen war. (. . .) Nur ganz wenige (. . .) liessen sich von diesem beglückenden Sicherheitsgefühl nicht täuschen, glaubten nicht an die Allmacht menschlichen Verstandes und menschlicher Willenskraft; tiefere Einsicht in die dämonischen Triebe der menschlichen Natur liess schon die Schrecken der kommenden Zeit ahnen. Aber die Fortschrittsgläubigen überhörten die warnenden Stimmen und waren dann der Katastrophe völlig hilflos ausgeliefert. Auch hier gibt es diesen Diskurs, hart am Abgrund ins Unerklärliche, und es ist nachvollziehbar, dass Bonjour der Theorie der modernen kollektivistischen Geschichtsschreibung, deren Inhalt die Auseinandersetzung der Massen mit dem Wirtschaftsprozess ist und die an die Stelle der verantwortlichen Persönlichkeit (. . .) das zwangsläufige Geschehen setzt, skeptisch gegenüberstand. Das, wogegen menschliche Handlungsmächtigkeit nicht aufkam, sind die unberechenbaren Katarakte im ewig flutenden Strom der Geschichte, die schattenhaften Abgründe der menschlichen Natur. Die Sozial- und Mentalitätengeschichte hat seit 1968 eine beeindruckende Fülle von Studien vorgelegt, welche die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Strukturen und menschlichem Handeln zu erhellen versuchen. Die Geschichte von unten, die Alltagsgeschichte hat die Massen aus der Wahrnehmungsuniform, in die sie auch noch bei Edgar Bonjour gehüllt waren, befreit. Es wurde klar, dass Individuen und Gruppen Herrschaft in verschiedenartigster Ausprägung erleiden - dass sie sich aber nie einfach als Beherrschte, sondern nur als eigensinnige, in vielem auch widerspenstige, immer aber handelnde Subjekte begreifen lassen. Diese Steigerung des Auflösungsvermögens, diese mikroskopische Analyse der Masssenphänomene hat es dem historischen Blick umgekehrt auch ermöglicht, ein neues Licht auf die Verantwortungsethik der verantwortlichen Persönlichkeiten in der Elite zu werfen - mit ernüchternden Resultaten! *

In dieser Beziehung hat Bonjour selber Pionierarbeit geleistet. Man darf nichts weglassen, bloss aus Furcht, ein heisses Eisen anzurühren. Nur so ist es möglich, ein tieferes Verständnis der jüngsten Geschichte zu gewinnen: Von dieser Maxime liess er sich leiten, als er im Bundesarchiv während langer Jahre Berge von Quellen in die schwungvoll geschriebene, dramaturgisch effektvoll arrangierte neutralitätsgeschichtliche Darstellung umsetzte. Bonjour äusserte die Überzeugung, dass die hier besprochenen Fragen (nicht) so bald zur Ruhe kommen werden. Im ganzen Werk ist der kritische Impetus des Autors spürbar. Bonjour schlug einige interpretatorische Pfähle in das historiographische Niemandsland des Zweiten Weltkrieges.

Den helvetischen Protagonisten einer Anpassung an das neue Europa verpasste er träfe Portraits. Zur Situation im Sommer 1941 meinte er etwa: Militärisch war die Schweiz für Deutschland uninteressant geworden, während sie wirtschaftlich grosse Dienste leistete: Sie gestattete die Warendurchfuhr zwischen dem Reich und Italien, sie fabrizierte, geschützt vor britischen Bombardierungen, Kriegsmaterial für Deutschland. Es lag im eigenen Vorteil der Deutschen, an diesem Zustand nichts zu ändern. Denn die Schweiz streckte ihnen sogar noch das Geld zur Bezahlung der gelieferten Fabrikate vor, bezahlte also selber die eigene Arbeit. (. . .) Die Deutschen betonten offen, dass die Zusammenarbeit mit den schweizerischen Industriellen ganz von selbst zu einer innenpolitischen Kollaboration führen werde. Es ist nicht zu leugnen: Wirtschaftliche Versuchungen konnten unter Umständen für die Schweiz eine grössere Gefahr bedeuten als politische Drohungen. Bonjour formulierte - indem er sich von helvetozentrischer Überheblichkeit distanzierte - die These, dass die Schweiz glücklicherweise immer mehr in den Windschatten der deutsch-europäischen Stürme geriet, dass es somit äussere, von der Schweiz unabhängige, nicht beeinflussbare Faktoren waren, welche die Verschonung der Schweiz vom Krieg in erster Linie erklären. *

1983 kommentierte Bonjour seine Mitwirkung am 1975 von Niklaus Meienberg und Richard Dindo gedrehten Film «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.»: Es gibt eben auch in der Schweiz (. . .) eine sogenannte unbewältigte Vergangenheit. Mit dem «Bonjour-Bericht» wurde nicht eine Brücke gebaut, auf der sich die schweizerische Elite aus der Verantwortung stehlen konnte. Er schuf keinen Sonderfall einer entsorgten Nationalhistorie, sondern er löste eine Inflation von Fragen aus und bildete den Auftakt zu einer bis heute anhaltenden Aufarbeitung der schweizerischen Zeitgeschichte. Bonjour wirkte für eine neue Historikergeneration als Ferment. In den vergangenen zwanzig Jahren ist eine ganze Reihe von substantiellen Untersuchungen publiziert worden - und dennoch ist die Zeit des Zweiten Weltkrieges noch in vielerlei Hinsicht eine terra incognita.

Einige Beispiele: Es liegen zwar spannende Bücher über die helvetischen Drehscheibengeschäfte mit dem Raubgold des Dritten Reiches und über die schweizerisch-amerikanischen Finanzbeziehungen vor - weiterhin fehlt aber eine Studie über das Clearingsystem, die Rüstungsproduktion und über die «Arisierungs»-Bestrebungen in der schweizerischen Wirtschaft. Es ist eine akribische Analyse des Generalstabes der Schweizer Armee veröffentlicht worden, doch die innenpolitischen Abgründe des heissen Sommers 1940 sind noch keineswegs ausgelotet. Hier sind Forschungen anzusetzen, die durchaus in der Tradition von Bonjour stehen können - ohne sich Erklärungskategorien wie Wunder und Glück verpflichtet zu fühlen.

Geschichtswissenschaft kann zwar nie alles erklären wollen - es handelt sich immer nur um den Versuch einer Rekonstruktion der Vergangenheit auf Grund aktueller Fragestellungen und im steten Dialog mit den Quellen. Dennoch kann sie, wenn sie sich nicht dazu hergibt, im Dienst von Herrschaftsinteressen die entsprechenden Personen und Institutionen retrospektiv zu entlasten und zu legitimieren, einen Beitrag zur kritischen Aufklärung in der Gegenwart leisten. Was heute ansteht, ist ein anderer Blick zurück auf die lange und wechselvolle Geschichte einer Gesellschaft, die sich aus dem Bann eines engen helvetischen Nationalbewusstseins zu befreien im Begriffe ist und die dabei entdecken könnte, dass sie die problemvernebelnde Selbstbeweihräucherung, mit der sie sich heute noch traktiert, gar nicht verdienst hat.

Kursive Passagen: Originalzitate Edgar Bonjour

Jakob Tanner, geboren 1950, ist Assistent am Historischen Seminar der Universität Basel.


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