Wenn im letzten Haus der Oakview Lane in Arcadia, Kalifornien, das Telefon schrillt, gibt es drei Möglichkeiten. Jede ist gut. Möglichkeit eins, Hollywood braucht Geziefer. Zwei, jemand braucht Rat. Bei drei, der besten unter den guten, sagt eine Frauenstimme: «Können wir uns treffen?»
Es ist die Zwei. Ein Mensch fühlt sich von Fliegen in der Küche bedrängt. Woher kommen sie? Wie wird er sie los? Nach wenigen Minuten sind die Sorgen zerstreut, ermutigt legt der Mensch auf. Motten im Kleiderschrank, Käfer im Schlafzimmer, Kakerlaken überall - Steven Kutcher weiss Bescheid. Und das weiss man in der Nachbarschaft. Denn Steven Kutcher ist der berühmte «bug wrangler», der Insektendompteur und Spinnendresseur von Hollywood. Geschätzt dafür, dass er nicht nur Steven Spielberg aus der Patsche hilft, wenn «Jurassic Park» Moskitos braucht, sondern sich auch der Vorgartenprobleme seiner Mitmenschen annimmt. «Das ist Teil meines Jobs», sagt er. «Und ich liebe meinen Job.» Worum es dabei geht, steht auf seiner Baseballmütze, seinem Pullover, seiner Homepage: «Bugs are my business.»
Steven Kutcher hat sein Leben um seine Leidenschaft herum gebaut. Wenn er es sich anschaut, ist er zufrieden mit dem Werk. «Die Insekten haben aus meinem Leben ein grosses Abenteuer gemacht.» Der 57-Jährige ist ein Allrounder der Entomologie. Der Insektenkundler mit Universitätsabschluss unterrichtet an Schulen, arbeitet fürs Gesundheitsamt, berät Fabriken bei der Schädlingsbekämpfung, hält Vorträge in Kindergärten und Alterssiedlungen, organisiert Exkursionen in die Natur, agitiert als Umweltaktivist - und ist Hoflieferant der US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie für Geziefer aller Art. Service inbegriffen.
Auf den Regalen seines Fernsehzimmers - er nennt es den Showroom - stehen an die 200 Videokassetten. Auf jeder klebt ein farbiger Punkt. Gelb für Spielfilme und Musikvideos, Blau für Werbespots, Rot für TV-Shows. Auf jeder findet sich eine Szene, für die der Herr der Fliegen, der Käfer und der Spinnen hinter den Kulissen die Fäden gezogen hat.
Im Horrorklassiker «Arachnophobia» befehligte Steven Kutcher 500 neuseeländische Spinnen, die sich bei einem aufwendigen Casting als die Idealbesetzung herausgestellt hatten. In «Contact» ekelt sich Jodie Fosters Double vor seinen Kakerlaken. In «Copycat» muss Sigourney Weaver, sie leidet im Film unter Platzangst, mit seinen Ameisen das Bett teilen. Er überzog das Gesicht von «X-Files»-Agent David Ducovny mit Fliegen, versorgte den Schock-Rocker Alice Cooper mit Skorpionen und Maden, dirigierte eine Wespe durch Michael Jacksons Musikvideo «Stranger in Moscow» und Schmetterlinge durch Janet Jacksons «Together Again». Der Käfer, den Tom Waits in «Bram Stoker's Dracula» verspeist, stammte aus seinem Garten. Steven Kutcher ist Hollywoods Mann für eine Handvoll Käfer.
«Bugs are my business.» Die Geschäftsidee ist, wie jede erfolgreiche, in einem Satz erklärt. Es ist die andere Art, eine Fliege zu sehen. «Wenn der Durchschnittsmensch in seiner Wohnung eine Fliege entdeckt, schlägt er sie tot. Ich fange sie ein und suche nach einer Verwendung für sie.» Er verfüttert sie seinen Spinnen, die soeben von den Dreharbeiten zu «Spiderman» zurückgekehrt sind (der Film kommt 2002 in die Kinos). Er spiesst die Fliege auf und bewahrt sie fürs nächste Werbefoto auf. Er klebt sie als Motor an ein Mini-Ultraleichtflugzeug, das er vorläufig ohne Sinn und Zweck gebaut hat. Er legt sie getrocknet zu seinen 200 000 weiteren toten Fliegen, die von Hollywood immer wieder gemietet werden, meist zur Dekoration von Leichen. Eine Fliege, zehn Bestimmungen. «Mit derselben Fliege, die andere totschlagen, verdiene ich mindestens einen Dollar. Das ist der Unterschied.» Geld liegt nicht auf der Strasse. Geld kreucht und fleucht am Strassenrand.
Die Insekten sind der Rohstoff. Das Kapital ist sein Wissen. Seit über 25 Jahren widmet sich Steven Kutcher der unmöglichen Aufgabe, Heuschrecken, Schmetterlingen, Skorpionen, Grillen, Ameisen, Tarantulas, Bienen, Fliegen, Maden die Schauspielerei beizubringen. Es ist der Versuch, das Unkontrollierbare zu kontrollieren. Sein Ensemble ist, naturgegeben, nicht lernfähig. Er aber ist es. Immer neue Kniffe findet er heraus, um Insekten und Spinnen leinwandtauglich zu machen. Am Schluss tun sie vor der Kamera genau das, was von ihnen erwartet wird.
Zu den Meisterstücken seiner Kleinkunst gehört ein Kakerlaken-Parcours, den er für den weiter nicht erwähnenswerten Film «Race the Sun» zu inszenieren hatte. Die Kakerlake musste aus einem Tennisschuh krabbeln, zu einer Tüte Snacks trippeln, links abbiegen, einen Käsechip überwinden, auf ein Surfmagazin klettern und exakt auf dem abgebildeten Surfbrett stoppen. «Ich faltete die Tüte und das Magazin auf recht ausgeklügelte Weise, dazu machte ich noch ein paar andere Dinge.» Diese «paar anderen Dinge» fallen unters Geschäftsgeheimnis.
Es heisst «bug tricks» und ist ein File in seinem Computer. Ein nach Insektenart geordneter Katalog mit der Anleitung zu sämtlichen Kapriolen, die er mit Geziefer je veranstaltet hat. Probebühne ist jeder Winkel seines Hauses. Hier spielt er stundenlang mit seinen Insekten und Spinnen. «Es fasziniert mich immer neu zu sehen, wie diese Lebewesen funktionieren. Und ich amüsiere mich köstlich dabei.»
Wie er es mit den Kleinen tut, so hält er es im Grossen. Das Leben ist ein Experiment. Er nimmt die Welt, wie sie ist, und klopft das Vorgefundene auf seine Möglichkeiten ab. Der andere Blick auf die Fliege ist der andere Blick auf das zur Hälfte gefüllte Glas. Für den Optimisten ist es halb voll, für den Pessimisten halb leer, der Realist trinkt es kommentarlos aus. «Ich weiss nicht, ob das Glas halb voll oder halb leer ist», sagt Steven Kutcher. «Aber ich weiss, dass Wasser verdunstet.»
Was ist die Eigenschaft von Geziefer? Es lässt sich nicht dressieren wie ein Hund. «Aber man kann sein Verhalten manipulieren. Man muss nur herausfinden, was es mag und was nicht.»
Spinnen mögen keine Möbelpolitur der Marke «Lemon Pledge». Sobald sie den Wachs unter ihren Füssen spüren, nehmen sie einen andern Weg - jenen, den das Drehbuch vorschreibt. Kakerlaken reagieren offenbar sehr zufriedenstellend auf Kohlendioxid. «Sie fallen plötzlich auf den Rücken und bleiben für eine Weile regungslos liegen» - der perfekte Todestrick, von Kutcher wirkungsvoll eingesetzt in TV-Spots für Insektenvertilgungsmittel. Artübergreifend bewährt haben sich Drähte, durchsichtige Fäden, Zuckerwasser, der Haarföhn, die Kühltasche. Der Wechsel von der Kälte in die Wärme macht den meisten Gliederfüssern Beine.
Nicht jedes Mittel darf recht sein. Bei Dreharbeiten gelten in den USA rigorose Vorschriften. «Kein Tier darf für einen Film getötet oder verletzt werden», lautet der Grundsatz. Hinzu kommen 27 Seiten mit detaillierten Richtlinien, vier Paragraphen betreffen spezifisch Insekten und Spinnen. Über die Einhaltung wacht die American Humane Association (AHA). Die Kinder- und Tierschutzorganisation ging erstmals 1939 gegen Hollywood vor, als in «Jesse James» ein Reiter ein echtes Pferd über eine echte Klippe hetzte. Der Reiter verlor den Hut, das Pferd das Leben und die sensible Öffentlichkeit die Fassung. Seit 1980 hat die Film- und Fernsehabteilung der AHA das offizielle Mandat, die US-amerikanische Unterhaltungsindustrie zu kontrollieren.
Steven Kutcher ist der einflussreichen Kinder- und Tierschutzorganisation so dankbar wie spinnefeind. Dankbar, weil sie ihm Aufträge gibt. Er weiss, wie man einen Käfer zertritt, der nicht zertreten werden darf; zum Beispiel mit ausgehöhltem Schuhabsatz und eingeschäumter Sohle (wobei auch der Schaum käferverträglich sein muss). Paragraph 805.2 verlangt, dass beim Einsatz von Spinnen und Insekten ein Spezialist vor Ort sein muss. Das kommt einer Jobgarantie für Kutcher nahe. Im Wesentlichen aber findet er diese insectual correctness eine monströse Absurdität. «In der Welt sterben Menschen vor Hunger, in Hollywood schützen die Humanisten die Maden.» Wenn man ernsthaft jedes Insekt vor jeder Widerwärtigkeit bewahren wollte, sagt Kutcher, müsste die AHA konsequenterweise alle Nachtszenen und Verfolgungsjagden verbieten. «Scheinwerfer sind eine Massenmordmaschine für Motten, Windschutzscheiben ein Insektenfriedhof.»
Wenn es die Situation erfordert, bestraft Steven Kutcher, ein sonst anständiger Mensch, die Erbsenzähler der Welt mit dem Hohn der Kreativen. Als er mit einem Kübel voller Ameisen am Drehort anrückte, habe die Repräsentantin der Organisation gefragt, wie viele es seien. «Warum wollen Sie das wissen?» - «Paragraph 805.3. Wir müssen sicher sein, dass Sie gleich viele vom Set wegschaffen, wie Sie mitgebracht haben.» - «Verstehe. Sie dürfen sie ruhig zählen.»
Dank seiner Schlagfertigkeit und seinem Flair fürs Anekdotische ist der Helfershelfer des Showbusiness auch Protagonist. Als der «Kerl, der mit den Käfern spricht», wie er einst eingeführt wurde, zeigt Steven Kutcher in Radio- und TV-Sendungen seine besten Tricks, liest eigene Insektengedichte vor, erzählt Kakerlakenwitze, präsentiert Songs aus seiner Kollektion von über 300 Insektenliedern, nimmt Hörerfragen entgegen und reicht bizarre Antworten zurück. Vielbeachtet war sein Fernsehauftritt, bei dem er in einer Wanne voll Mehlwürmer badete.
Nichts lässt Steven Kutcher aus, was mit Geziefer zu tun hat. Und mit Geziefer hat in seinem Leben alles zu tun. Ausser seiner grössten Phantasie. Es ist dieser kleine Traum, für einen Tag ganz und gar nicht der zu sein, der man ist, und das zu tun, was man ein einziges Mal wenigstens getan haben möchte. «Ich spiele kein Musikinstrument. Hätte ich einen Wunsch frei, ich würde mir wünschen, einen Abend lang in einer Latin-Jazz-Band mitzuspielen.» Warum? «Ich weiss es nicht. Ich weiss nur: Es würde mich umhauen.»
Das Telefon schrillt, Hollywood am Apparat. Aber Kutcher winkt ab. «Sie brauchen lebende Fliegen. Ich hab gesagt, ich hätte keine Zeit.» In Wahrheit treibt er den Preis. Der Anrufer war ein anderer Tiertrainer, der als Generalunternehmer die Gesamtfauna anbietet, im Moment aber keine Fliegen vorrätig hat. Kutcher könnte sie im Handumdrehen auftreiben, wie er sagt. Entweder habe er sie zu Hause, oder er finde sie durch sein weitreichendes Beziehungsnetz. Aber er will nicht. Mit Zwischenhändlern und Möchtegern-Alleskönnern arbeite er grundsätzlich nicht zusammen. «Diese Leute sind wie ein Herzchirurg, der sagt: <Ich operiere Ihnen auch noch die Augen, die Beine und das linke Ohr>.»
Der Auftrag, das sagt ihm die Erfahrung, wird bald direkt bei ihm landen. Dann allerdings zu seinem Preis. «Ich bin teuer, weil ich ein Spezialist bin.» Teuer heisst, dass er in zwei Tagen Arbeit für die Unterhaltungsindustrie mehr verdient als in einem Semester als Lehrer.
Als Steven Kutcher zum ersten Mal ein Insekt genau betrachtete, dachte er nicht einmal ans Taschengeld. Da war er vier und fasziniert von einem Leuchtkäfer. «Etwas geschah damals mit mir.»
Hollywood würde sagen, es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Kleiner Junge entdeckt mit weit offenen Augen die Welt der Insekten, seine Neugierde ist grösser als die anfängliche Abscheu. Mit dem Vater kann er's nicht so gut; der Mutter ist es ein Trost, dass ihr Junge in dieser wenn auch befremdlichen Welt ein zweites Zuhause findet. Etwa mit zehn, es muss ein Freudentag gewesen sein, wird dem kleinen Abenteurer klar, dass es zu seiner Leidenschaft einen Beruf gibt. Kurz darauf erfährt er, dass dieser Beruf Entomologe heisst. Die Eltern wundern sich nicht, als sich ihr 13-Jähriger in der Buchhandlung statt für einen Comic-Sammelband für sein erstes Insektenbestimmungsbuch entscheidet. Und im College stösst der junge Mann auf L. O. Howards «Fighting the Insects - die Geschichte eines Entomologen». «Es war ein recht dickes Buch, und ich dachte: Wow! Als Entomologe hat man viel zu erzählen.» Heute, da er selber einer geworden ist, sagt Steven Kutcher: «Ich könnte drei solche Bände über mein Leben schreiben.»
Hollywood würde sagen, es war eine Tellerwäscherkarriere. An ihrem Anfang steht nicht das blitzblanke Geschirr, sondern der andere Blick auf das Geziefer, das sich mit den Speiseresten abgibt. Die vorläufige Bilanz zeigt einen Mann, der nach dem Aufwachen selber entscheidet, was er dem Tag entlocken will. «Soll ich heute etwas erfinden? Käfer suchen gehen? Ein Gedicht schreiben? Eine Exkursion organisieren? Einen neuen Trick ausprobieren? Ich mache, was ich will. Ich bin ein sehr freier Mensch.»
Die Freiheit hat er sich und dem Teufel zu danken. Mitte der siebziger Jahre kam aus heiterem Himmel die Anfrage, ob er sich für den Film «Exorzist II» um 3000 afrikanische Heuschrecken kümmern könnte; sie sind in der Fiktion vom Dämon besessen. Kutcher, damals Biologielehrer, sagte sofort zu. «Für eine Szene musste ich die Heuschrecken über Richard Burton verteilen. Ich war unerfahren, ein paar fielen immer wieder runter. So kam es, dass ich aus Richard Burtons Schritt Heuschrecken klaubte. Es gibt nicht allzu viele Menschen, die in ihrem Leben dazu Gelegenheit hatten, schon gar nicht Entomologen.»
Seit «Exorzist II» schaut sich Steven Kutcher Filme anders an. Er beurteilt sie danach, «wie gut die Insekten waren». Vor allem aber fiel ihm damals auf, dass etwa in jedem dritten Film Insekten vorkommen. «Da erkannte ich das Job-Potential.»
Es geht nicht ohne Widersprüche, als Insektenfreund der Kakerlakai Hollywoods zu sein. Horrorspinnen, Terrormaden, Killerkäfer, Todeswespen - in der Regel macht die Albtraumfabrik aus jeder Mücke einen Elefanten. Harmlose Geschöpfe mutieren zu Monstern, bedeuten Gefahr, künden vom Untergang. Zumindest sind sie eklig. Der Vortragsreisende Kutcher erzählt das Gegenteil: Insekten sind harmlos, faszinierend, lebensnotwendig. Bestaunt ihre Fähigkeiten! Rettet ihre Vielfalt! Schützt ihre Lebensräume! Dieselben Kinder, die sich abends das «Arachnophobia»-Video anschauen, sollen anderntags in der Schule seine Tarantulas streicheln.
Den Widerspruch kennt er. Er kann damit leben. «Die Unterhaltungsindustrie finanziert mein ökologisches Engagement.» Überdies erleichtert sie ihm die Überzeugungsarbeit. Wen lädt der Rotary Club eher zu einem Vortrag über Umweltschutz ein: den Insektendompteur, der Drehpausen mit Robin Williams verbringt, oder den Entomologieprofessor, der den Schauspieler für eine Versicherungsgesellschaft hält?
Kutchers Engagement bleibt auch seinen Geldgebern nicht verborgen. Wenn sich Produzenten darüber beklagten, dass die Filmerei immer teurer werde, entgegnet er: «Stimmt, auch ich werde immer teurer. Warum? Weil ich immer weiter weg fahren muss, um bestimmte Insekten zu finden. Warum? Weil wir ihnen die Lebensräume wegnehmen. Wo ich als Kind Käfern nachjagte, stehen heute Wohnhäuser. Wenn ihr Kosten senken wollt, setzt euch für die Lebensräume der Insekten ein.»
Zyniker wenden ein, dass Hollywood auch ohne Insekten auskomme: «Das machen wir jetzt am Computer.» Metallspinnen und Plasticameisen, die Doubles und Stuntmen seiner Insekten, brachten Steven Kutcher nie aus der Ruhe. Durch das Ausschwärmen digital generierter Insekten hingegen sah er seine Einkommensquelle derart bedroht, dass er sich letztes Jahr nach Alaska zurückzog. Er dachte dort über berufliche Alternativen nach. Keine befriedigende kam ihm in den Sinn, und heute ist er überzeugt, dass dies auch nicht nötig sei. «Echte Insekten sind billiger und besser. Animationen setzen sich in grossem Stil erst durch, wenn ein Mann den Unterschied zwischen seiner Freundin und ihrer Computerkopie nicht mehr erkennt.» Die überzeugende Kopie gibt es noch nicht. Die Freundin allerdings auch nicht. Wenn das Telefon schrillt, hofft Steven Kutcher auf die Frauenstimme: «Können wir uns treffen?»
Insekten sind sein ganzes Leben. Doch es gibt diese dritte Hälfte, in der es seit der Scheidung ein bisschen einsam geworden ist. «Menschen sind mir immer noch näher als Insekten. Leider habe ich sie in letzter Zeit etwas vernachlässigt.» In der Kontaktanzeige brachte er sich auf den unverfänglichsten gemeinsamen Nenner. Er beschrieb sich als «sehr leidenschaftlich, Natur und Umwelt sind mir wichtig».
Noch hat sich nichts ergeben. Einige Interessentinnen scheiterten bereits am «Wasserfalltest». Steven Kutcher, der Empiriker, unternimmt mit jeder weiblichen Bekanntschaft eine lockere Wanderung zu einem Wasserfall in der Umgebung. Von den Frauen, die in unpassendem Schuhwerk erscheinen oder den kleinen Schönheiten am Wegrand nichts abgewinnen können, verabschiedet er sich höflich, aber bestimmt.
Der Härtetest, Kutcher weiss es, ist sein Haus. «Ich habe mir schon oft überlegt, was ich anders machen könnte. Ich weiss, dass ich es müsste. Aber ich schaffe es nicht. Es ist meine Welt.»
Der wildwüchsige Garten, die fünfplätzige Garage, das Haus - sie sind die Brut- und Ausbildungsstätte für Hollywoods kleinste Nebenrollen. Im Büro entpuppt sich allerlei, etwa das Surren des Computers als das Zirpen entlaufener Grillen; zwei Zimmer randvoll mit Lebendem und Totem aller Art; das Wohnzimmer, ein sehr lebendiger «living room» - man darf sich alles vorstellen. Vielleicht noch dies: Der Staubsauger, Marke «Dust Devil», erfüllt seit einem kleinen Eingriff einen neuen Zweck. Der Hausherr saugt damit in der Wüste Ameisen auf.
Steven Kutcher zeigt seine Küche. Er öffnet den Backofen: Auf den Blechen lagenweise Käfer. Er öffnet den Tiefkühler: Bienen, Heuschrecken, Rindfleischklötze. Er öffnet den Kühlschrank: Im Plasticbecher, der Quark enthielt, leben jetzt Ameisen, die eine tief temperierte Umgebung brauchen. Er nimmt den Becher und sagt: «Diese Ameisen machen zurzeit in einem Werbespot für Milch Furore. Zuvor haben sie in einem Film mitgemacht, in einem Musikvideo, und sie waren bei zwei Fernsehauftritten dabei. Sie sorgen für mein Einkommen. Würden Sie diese Ameisen einfach rauswerfen?»
Andreas Dietrich ist freier Journalist. Er lebt in Zürich.