NZZ Folio 12/06 - Thema: Freiheit   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Selten göttlich frei

© Wim Wenders
Houston, Texas, 1983. Linktext
Von Anja Jardine
Ein Albtraum täte uns gut: eine Nacht lang die Abwesenheit von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Nicht im Fernsehen sehen, sondern spüren, wie es ist: nicht sagen zu dürfen, was man denkt, geschweige denn schreiben, Angst vor Gewalt an Leib und Seele, Repression bei Widerspruch, kaum Freiraum, das eigene Leben zu gestalten, stattdessen Willkür und Ohnmacht. Und dann morgens aufwachen und denken: «Puh, zum Glück …»


Wir nehmen unsere Gesellschaftsform, die wie keine zweite auf dem Respekt vor der Freiheit des Einzelnen beruht, oft als selbstverständlich. Das ist gefährlich, denn das ist sie nicht. Lapidar wird behauptet, in Wahrheit regierten nicht die gewählten politischen Vertreter, sondern die Wirtschaft oder sonst eine ominöse Macht; in Deutschland wünscht sich mancher die Mauer zurück. Warum geben wir unsere Freiheit so schnell preis?

Weil sie anstrengend ist. Denn Freiheit allein gibt es nicht, sie geht immer einher mit Verantwortung. Wir können an ihr scheitern und in ihr verloren gehen. Heute, bei uns im Westen, mehr denn je. Weder Tradition noch Kirche oder Gesellschaft schreiben uns vor, wie wir zu leben haben. «Die Normalbiographie wird zur Wahlbiographie, zur Bastelbiographie, zur Risikobiographie», sagt der Soziologe Ulrich Beck. Das fängt bei der Liebe an: materielle und gesellschaftliche Gründe taugen nicht mehr, um eine Zweisamkeit auf Dauer zu rechtfertigen. Das verpflichtet zur grossen Liebe, die «angesichts der Belagerung durch Alternativen» ständig in Frage gestellt werden kann. Auch Staat und Wirtschaft lassen dem Bürger alle Freiheit – von der Auswahl der Schule bis hin zur Altersrente gilt es alles individuell einzurichten. Das Leben ist ein hochkomplizierter Balanceakt. In jenen Momenten allerdings, in denen er gelingt, spüren wir, warum es für den Menschen kein grösseres Gut gibt als die Freiheit.

Als sich die Malerin Paula Modersohn-Becker fern von Mann und Kind ihrer Arbeit widmete, schrieb sie ihrem Mann: «Ich fühle mich so göttlich frei. Und wie ich über den Berg ging und den Lerchen zuhörte, da hatte ich in mir so ein stilles Lächeln … Weisst Du, gerade dass Du im Hintergrund meiner Freiheit stehst, das macht sie so schön. Wenn ich frei wäre und hätte Dich nicht, so gälte es mir nichts.»

Der deutsche Filmemacher und Fotograf Wim Wenders hat zum Thema Freiheit Bilder aus seinem Werk exklusiv für dieses Heft zusammengestellt.



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