NZZ Folio 01/95 - Thema: Prognosen   Inhaltsverzeichnis

Küchengeographie XV - Das Sandwich

Von Heinz Steiner

OB SIE DEM STRESS der City ausgesetzt sind, der middle, der working oder einer aparteren Klasse angehören, die Frage nach der Bedeutung des Sandwiches führt bei allen Briten zu einer äusserst differenzierten Nachdenklichkeit. Mit den Bonmots Oscar Wildes wäre ihr vielleicht beizukommen, meinen die einen. Andere hätten lieber den Spott George Bernhard Shaws, von P. G. Woodhouse zu schweigen.

Jedenfalls müsste sich bei derlei Überlegungen im Mund so etwas einstellen wie nach dem Genuss einer Mischung aus Darjeeling, Earl Grey und Lapsang Souchong, und dem um alle Freuden geprellten Gaumen soll das Gefühl vermittelt werden, auch dann noch ein ernstes Wort mitreden zu können, wenn die anderen Sinne längst nach einem mit dem Etikett bürgerlicher Küche versehenen Menu verlangen. Zudem dürften auch Erinnerungen an grosse Picknicks geweckt werden, an Ascot, Glyndebourne, Henley, Wimbledon oder an den Cricketmatch zwischen Eton und Harrow. Es muss Ersatz geboten werden für die entgangenen Extravaganzen eines nachmittagfüllenden Lunchs und den beim Wein gefassten Entschluss, die Arbeit aus Rücksicht auf folgenschwere Risiken nicht mehr aufzunehmen, den Kaffee mit einem Brandy zu trinken.

Und das alles ist zurückzuführen auf John Montague, den vierten Earl of Sandwich, einen passionierten Spieler aus dem 18. Jahrhundert. Eines Tages soll er, um eine Glückssträhne nicht zu gefährden, einem Butler zwischen zwei full houses befohlen haben, ihm irgend etwas so zwischen zwei Brotscheiben zu legen, dass er die für seine geistige Wachsamkeit erforderliche Mahlzeit einhändig zu sich nehmen und mit der andern Hand den Erfolgskurs auf der Gewinnstrasse halten konnte. Honi soit qui mal y pense, und da die Welt ohnehin zu einem grossen Teil unter britischem Einfluss stand, wurde aus dem Spleen viel eher eine Tugend als das ebenfalls von Engländern in die Welt gesetzte Fair play.

Die Spanier machten sich bald ihre bocadillos, die Deutschen legten westfälischen Schinken zwischen dunkles Brot, die Skandinavier Heringe, und die Asiaten brachten die tikkas auf den Markt. Aus Amerika - nein: ein Hamburger hat mit einem Sandwich ungefähr so viel Ähnlichkeit wie das hektische Herumrennen auf einem Baseballfeld mit dem vollendet kultivierten Stil eines sich über fünf Tage erstreckenden Cricketmatchs.

Ladies und Gentlemen, achten Sie zuallererst auf die Gewürze und die Kräuter. Treffen Sie die Wahl des Brotes nicht zu voreilig. Suchen Sie sich den Käse, den Schinken, den Fisch und die Meeresfrüchte, die Tomaten, die Wachteleier, die Oliven, den Salat, die Avocados und die Gurken unter der bestmöglichen Qualität aus. Seien Sie wachsam bei Mayonnaise, Erdnuss- und Fenchelsaucen. Benutzen Sie ausschliesslich Ihnen vertraute Werkzeuge, Geräte und Geschirr.

Den Variationen des one hand menu sind keine Grenzen gesetzt. Drum, zwischen Reuben's Rye, BLT (Bacon, Lettuce and Tomato), Pork and Prune und Slimmer's Pear and Ham, das einzig wahre, von Oscar Wilde in «The Importance of Being Earnest» verewigte, Cucumber Sandwich: Man schneide eine geschälte Gurke in feine Scheiben, lege sie in eine Schale, übergiesse sie mit Weinessig, lasse das Ganze eine halbe Stunde ziehen und die Scheiben anschliessend gut abtropfen, bestreiche einige Weissbrottranchen mit Butter, lege die Gurkenscheiben zur Hälfte übereinander auf das Brot, streue Salz und Pfeffer darüber, lege eine ebenfalls mit Butter bestrichene Brottranche darüber, drücke die Lagen gut und regelmässig zusammen, schneide zweimal über die Diagonale vier dreieckige Portionen und erinnere sich sowohl beim Servieren wie auch beim Essen an Oscar Wilde und seinen Algernon Moncrieff zu Beginn des oben erwähnten Stücks: «And speaking of the science of life, have you got the cucumber sandwiches cut for Lady Bracknell?»


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