NZZ Folio 01/00 - Thema: Jobs!   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Mal hier, mal da

Von Urs Bruderer

Flexibilität heisst so viel wie Biegsamkeit und ist eigentlich eine Eigenschaft von Materialien. Seit einigen Jahren wird sie auf dem Arbeitsmarkt zunehmend auch von Menschen verlangt. Flexible Arbeitskräfte bekleiden keine Stellen, sie erledigen Jobs. Das Wort «Job» bedeute im Englischen des 14. Jahrhunderts «einen Klumpen oder eine Ladung, die man herumschieben konnte», schreibt der amerikanische Soziologe Richard Sennett. «Die Flexibilität bringt diese vergessene Bedeutung zu neuen Ehren. Die Menschen verrichten Arbeiten wie Klumpen, mal hier, mal da.»

Man kann es drehen und wenden, wie man will, Flexibilität bedeutet Anpassung der Arbeitskraft an das Unternehmen und nicht umgekehrt. Die schöne, neue Arbeitswelt biegt ihre Angestellten und zwingt sie mitunter fast zur Selbstaufgabe, etwa im nonterritorialen Büro, wo zur persönlichen Gestaltung des Arbeitsplatzes nur noch der Bildschirmhintergrund zur Verfügung steht, mehr nicht. Zeichnet sich heute eine Niederlage des Individuums zum Wohle der Wirtschaft ab? Wir haben uns in der Welt der Jobs umgeschaut und einen anderen Eindruck gewonnen.

Wir sind auf Leute gestossen, die das Jobben als Chance verstehen, sich im Trial-and-error-Verfahren ihrem Traumberuf zu nähern, und auf Leute, die gar nicht mehr bereit wären, die Freiheit der Temporärarbeit gegen die Sicherheit einer festen Stelle einzutauschen. Wir haben Senioren kennengelernt, die sich nach dem Verlust der vermeintlichen Lebensstelle auf das Ende aller Arbeitstage gefasst machten, bis sie merkten, dass die neue Arbeitswelt auch ihnen etwas zu bieten hat, nämlich Jobs. Und wir haben uns in Betrieben umgeschaut, deren neue Arbeitszeitmodelle es den Angestellten erlauben, die Arbeitszeit auch einmal im eigenen Interesse zu biegen.

Aus dem Stellenmarkt der achtziger Jahre ist nach der Krise der neunziger eine Jobbörse geworden, und wer mitspielen will, muss riskieren. Da wagen immer mehr Leute noch ein bisschen mehr und machen sich selbständig. Die fünf Jungunternehmer, die wir getroffen haben, sind zwar härter im Nehmen als die meisten Angestellten, sei es in Jahren ohne Lohn, sei es in durchgearbeiteten Nächten. Aber sie bestimmen selber, wieviel sie sich biegen können, bevor sie brechen, und das scheint ihnen gut zu tun.


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