MELODY ROELKE-PARKER hat sich in ihrem Landrover im Serengeti-Nationalpark in Tansania auf etwa fünfzehn Meter an eine stattliche Löwin herangemacht. Jetzt greift sie zum Gewehr, zielt, drückt ab - das Pfeilgeschoss steckt zitternd im Oberschenkel des Tieres. Mit kurzem Knurren reagiert die Löwin auf die Attacke. «Great shot, John Wayne», gratuliert über Funk aus einem zweiten Landrover Maria Finnigan. Aufmerksam beobachten die beiden Frauen die getroffene Löwin. Nach wenigen Minuten liegt das Tier am Boden; nach zehn Minuten fallen die Augen zu. Nun muss rasch gearbeitet werden, denn die per fliegender Spritze verabreichte Narkose wird das Raubtier nur für eine knappe Stunde ausser Gefecht setzen. Melody, die Veterinärmedizinerin aus Amerika, und Maria, die Löwenforscherin aus Australien, steuern ihre Fahrzeuge hart an das schlafende Tier und verlassen das schützende Blech. Da sich aber, kaum ein Dutzend Meter von der Wagenburg entfernt, zwei weitere Löwen des Rudels zur Mittagsruhe niederlegt haben, bleiben die Autotüren für den raschen Rückzug offen.
Die beiden Fachfrauen sind in ihrem Element. Innert einer halben Stunde hat Melody der Löwin vierzehn Blutproben entnommen, Haarbüschel und Fäkalien gesammelt, wiederholt die Körpertemperatur und den Puls registriert sowie das Tier auch äusserlich vermessen: totale Körperlänge 241 cm, Brustumfang 101, rechtes Ohr 13,5. Währenddessen legt Maria der Löwin ein breites Lederband um den Hals, das einen batteriebetriebenen Miniatursender und eine kleine Antenne trägt. Das Tier wird nun während einiger Jahre den Forschern per Funksignal seinen jeweiligen Aufenthaltsort auf eine Entfernung von zwei bis drei Kilometern verraten. Solche Radiohalsbänder werden im weiten Grasland der Serengeti bereits seit zehn Jahren zum Studium der Löwen eingesetzt, wobei es genügt, pro Rudel ein oder zwei Weibchen auszurüsten, um es im Auge behalten zu können. (Löwenmännchen wandern als Sextouristen von Rudel zu Rudel und eignen sich deshalb nicht als Piepser.) Zurzeit werden in der Serengeti mittels 26 Halsbändern 14 Rudel beobachtet - ein knapper Zehntel der vermuteten 3000 Tiere.
Nur dank der detaillierten Kenntnisse über die lokale Löwenpopulation hatte man Ende 1993 überhaupt gemerkt, dass mit den Löwen in der Serengeti etwas nicht mehr stimmte. Vorzeitiges Ableben ist zwar auch beim König der Tiere nicht selten; Hunger während langer Trockenzeit ist die Hauptursache dafür. Dem Löwenkind droht das Ende, wenn ein neues Männchen im Rudel auftaucht und sich den Weg für seine Gene ebnet, indem es das Produkt seines Vorgängers kurzerhand totbeisst. Nun aber vermehrten sich die Abgänge sprunghaft. So waren etwa vom Rudel Plains von den 15 Erwachsenen und 11 Jungtieren ein Jahr später nur noch 9 Erwachsene und 2 Junge übrig. Und das Rudel Simba Number (dessen Dame Nummer 13 das neue Halsband bekommen hat), wurde gar von 20 auf 7 Tiere dezimiert.
Was in der Serengeti vor sich ging, konnte Melody im Februar 1994 dann mit eigenen Augen sehen. Im Steppengras lag ein Löwe, dessen Gesichtsmuskulatur heftig zuckte - eine neurologische Störung, wie sie Veterinärmediziner erst kürzlich an Tigern und Panthern in kalifornischen Zoos beobachtet hatten. Da bei jenen Tieren eine Virusinfektion mit Hundestaupe diagnostiziert worden war, lag der Verdacht einer Staupeninfektion auch im Fall der Serengeti-Löwen nahe. In den folgenden Monaten wurde die Krankheit immer häufiger beobachtet, manche Tiere zeigten Krämpfe auch an den Gliedern, ähnlich einem epileptischen Anfall. Als schliesslich ein Löwe vor den Kameras von Safari-Touristen tot umfiel, wurde die Sache international bekannt: «Löwensterben in der Serengeti.»
Melody und ihre Mitarbeiter vom tansanischen Nationalparkdienst hatten alle Hände voll zu tun. Möglichst rasch musste Genaueres über die Krankheit herausgefunden werden. War dies tatsächlich eine Virusinfektion, oder lag allenfalls eine Massenvergiftung vor? Und um welches Virus handelt es sich? Wie viele Tiere sind betroffen?
Man suchte in den überwachten Rudeln intensiv nach den typischen Symptomen, narkotisierte im Verlauf der Monate gegen hundert Tiere und entnahm Tausende von Blut- und Gewebeproben, um die Epidemie erforschen und den Krankheitsverlauf bei einzelnen Tieren detailliert verfolgen zu können. Und da komplexe wissenschaftliche Fragen heute meist in internationaler Zusammenarbeit angegangen werden, bemühten sich schliesslich Veterinärmediziner der Universitäten Zürich und Cornell (New York) sowie von Minnesota und Rotterdam um den Fall.
Das vorläufige Ergebnis: Die Epidemie scheint zum Stillstand gekommen zu sein; sie hatte vermutlich den Höhepunkt bei ihrer Entdeckung im Februar 1994 bereits überschritten. Der Krankheit dürften etwa 90 der in der Serengeti überwachten Löwen zum Opfer gefallen sein. Das Virus selber konnte allerdings noch nicht dingfest gemacht werden. Die in den kranken Tieren gefundenen Antikörper lassen aber auf einen mit dem Hundestaupenvirus sehr nahe verwandten Erreger schliessen. Man vermutet, dass diese Viren von den zahlreichen Hirtenhunden der Massai stammen, denen die Löwen auf ihren ausgedehnten Fresstouren über die Parkgrenzen hinaus begegnen.
Etliche Wildbiologen schlagen nun vor, durch Impfen der Hirtenhunde gegen Staupe die Serengeti-Löwen zu schützen. Andere Fachleute warnen davor: Impfungen im Umfeld von Wildtieren seien insofern riskant, als die im Impfstoff enthaltenen abgeschwächten Viren gelegentlich wieder zu virulenten Erregern mutierten. Man solle deshalb das Schicksal der Löwen doch lieber der Natur überlassen. Ein starkes Argument für Laisser-faire haben Immunologen schliesslich in der Tiefkühltruhe gefunden: In Blutproben, die man Serengeti-Löwen vor zehn Jahren abgezapft hatte, lassen sich die genau gleichen Antikörper wie bei der jüngsten Epidemie nachweisen. Die grosse Raubkatze hat also schon früher gelernt, wie sie trotz happigem Aderlass schliesslich mit dem Virus fertig werden kann.