NZZ Folio 09/91 - Thema: Die Mafia   Inhaltsverzeichnis

In Corleone

Notizen aus dem Stammland der Mafia.

Von Matteo Collura

«What's your name?» fragt ein Polizist der Grenzkontrolle von Ellis Island den kleinen Einwanderer. Der zerlumpte, in der Fremde hilflose Bub weiss nicht, was er antworten soll. «What's your name?» drängt der Polizist. Ein Kollege kommt ihm zu Hilfe und liest vom Schildchen ab, das man dem Kleinen um den Hals gehängt hat: «Vito Andolino, Corleone.» «Ah, Vito Corleone», notiert der Polizist. So kommt die Titelfigur im berühmten Film «The Godfather» von Francis Ford Coppola zu ihrem Namen. Don Vito Corleone. Mario Puzo, der Autor des Romans, hätte keinen stärkeren Namen wählen können, keinen Namen, der im Publikum mehr Erinnerungen wachgerufen hätte als jener, der den Ort in der Provinz Palermo bezeichnet, den man als Wiege der Mafia betrachtet.

Wie zeigt sich Corleone heute? Die Antwort klingt paradox: Das Dorf von Luciano Liggio, von Leoluca Bagarella, Totò Riina und Bernardo Provenzano, der Ort, wo vor allem Gewerkschafter von der Mafia ermordet wurden, ist heute einer der ruhigsten Orte Siziliens. Wenn man das Sizilien der Gewalt und der häufigen Morde sucht, muss man anderswohin gehen. In Corleone herrscht Frieden. Ein mafioser Frieden? Ein vom Terror der Bosse aufgezwungener Frieden? Sicher ist, dass ein Ort der Gewalt im Laufe einiger Jahre nicht so friedlich werden kann, ohne dass dabei die Kontrolle mächtiger Männer mit im Spiel ist. Die Mafiaoberhäupter sind nicht mehr in Corleone, doch sie scheinen weiterhin das ganze Gebiet zu beherrschen. Es gibt keine Überfälle, es wird nicht mit Drogen gehandelt, keine Verbrechen werden registriert. Nur ab und zu verschwindet ein Radio aus einem Auto, das wohl; und wenn man den Dieb erwischt, stellt sich heraus, dass es ein armer Kerl von auswärts gewesen ist, einer aus Palermo. Im grossen und ganzen ist Corleone heute der Ort derjenigen, die sich im unerbittlichen Mafiakrieg den Titel der «Sieger» zugelegt haben; ein Ort also, der wieder «normal» geworden ist.

Vor ungefähr fünfzehn Jahren, als ich Journalist in Palermo war, trieb mich meine Neugier ab und zu unter die Leute von Corleone. Wie in jedem anderen Ort Süditaliens begegnete ich ihnen auf der Strasse während der zum Flanieren bestimmten Stunden. Die Antworten, die sie damals gaben, sind noch heute dieselben: «Wer die Mafia sucht, verliert hier oben nur seine Zeit», sagen sie, «Hier erinnert man sich heute nicht mehr an jene Jahre», «Die Mafia ist in Palermo, in Rom, dort, wo sich das grosse Kapital befindet».

Doch ist da immer noch etwas, eine ganz eigene Atmosphäre. Etwas, das einen bedrückt und ein Unbehagen spüren lässt, an vergangene Gewalt erinnert, die irgendwie in der Luft geblieben ist. Die grossartige Landschaft erinnert an die Szenerien der Westernfilme. Der Busambra-Felsen steht erhaben und einsam, eine Bastion aus Kalk, von der man halb Sizilien überblickt. Doch nicht immer stiegen die jungen Männer dort hinauf, um die Landschaft zu bewundern. Oft taten sie es, um die Leichen der «Verlierer» in den Schluchten verschwinden zu lassen. Placido Rizzotto, der Sekretär der Arbeitskammer von Corleone, hatte es sich einst in den Kopf gesetzt, die Landarbeiter im Kampf um die Verteilung des Landes anzuführen. Er war 33 Jahre alt, als er am 10. März 1948 entführt und in eine Schlucht beim Busambra-Felsen geworfen wurde. Und vor ihm war 1915 Bernardino Verro, Sozialist, Gewerkschafter und Gründer der ersten landwirtschaftlichen Kooperative von Corleone, mitten im Ort am hellichten Tag umgebracht worden. «Damals wurde die Mafia zur zweiten Macht im Staat», sagt Nonuccio Anselmo, ein Journalist, der aus Corleone stammt und in einem Buch den Fall Verro aufgerollt hat.

Da ist er nun heute, Bernardino Verro, als Marmorbüste. Man schenkt ihm höchstens flüchtige Blicke; viele Jüngere wissen nicht einmal, wem dieses bärtige Gesicht gehörte. Wenige Monate nach seiner Ermordung hatte man an derselben Stelle eine Bronzebüste Verros aufgestellt, die der Mafia offenbar ein Ärgernis war; eines Morgens war sich verschwunden.

Der Busambra-Felsen, aber auch Portella della Ginestra ein wenig weiter nordwärts, gegen Montelepre, wo das Reich des Banditen Giuliano lag - sie sind untrennbar mit der Geschichte der Mafia verbunden.

Wenn man aus dieser Gegend kommt, kann man die Massaker der Mafia nicht vergessen. Vor allem in der Hitze der langen Sommermonate und zwischen den schwarz gekleideten alten Frauen, die noch die endlose Trauerzeit einhalten, meint man das ferne Knattern mörderischer Maschinenpistolen zu hören. Es war am 1. Mai 1947, als die Männer von Giuliano auf die Bauern schossen - auf Männer, Frauen und Kinder -, die sich mit roten Fahnen, mit Eseln und Maultieren bei Portella delle Ginestra versammelt hatten, um sich gegenseitig Mut zu machen und ein Zeichen ihres Freiheitswillens zu setzen.

Die Jahre und der Wille, die schrecklichen Ereignisse aus dem Gedächtnis zu verbannen, waren stärker als das Blut. Immerhin sind 41 Jahre vergangen seit jenem Morgen, an dem der von Kugeln durchlöcherte Leichnam des Banditen Giuliano in einem Innenhof von Castelvetrano in der Provinz Trapani aufgefunden wurde. Seit damals spricht man nicht mehr von Banditentum in Sizilien. Die Mafia hat sich vom Land in die Städte verlegt, ist durch den Profit aus dem Drogengeschäft zu einer internationalen Holding geworden. Giuliano ist nur noch eine legendäre Figur für Touristen, die seinen Spuren nachgehen, wenn sie es müde sind, Überreste der griechischen Antike und Prunkstücke des Barocks zu besichtigen. Auch hier in Corleone suchen sie ab und zu nach Zeichen der Mafia. Sie schauen sich um und versuchen zu verstehen, indem sie den Passanten forschend in die Augen blicken: aber alles ist ruhig, allzu ruhig. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als nach Palermo zurückzukehren und sich dann nach Segesta oder Selinunte aufzumachen, wo die Geschichte klarer und deutlicher spricht.

Ein paar Schritte von Corleone entfernt verbirgt der Ficuzza-Wald seine Geheimnisse, ein Paradies für die Naturfreunde. In dieser ausgedehnten «grünen Lunge» - eine Oase in dem von der Sommerhitze ausgetrockneten Sizilien - wurde am 21. August 1977 der Carabinieri-Oberst Giuseppe Russo umgebracht, als er sich auf einem Spaziergang im kühlen Wald erholte. Der Mord, einer der vielen jener schrecklichen Jahre, trug dazu bei, dass sich der Graben zwischen der Mafia von Corleone und dem Mafiaboss Stefano Bontate aus Palermo noch weiter vertiefte. Laut den Ergebnissen des anschliessenden Prozesses war es Michele Greco, genannt «Der Papst», der Bontate wissen liess, dass Oberst Russo von den «Siegern», das heisst von den als Corleonesi bekannten Männern der Mafia, umgebracht worden war.

«Das sind traurige Ereignisse vergangener Jahre», wiederholen die Leute von Corleone. Kürzlich wurde in den Lokalblättern über drei Schwestern - genannt «Die Schrecklichen» - berichtet, die es müde waren, Beleidigungen wegen ihres nicht gerade attraktiven Äussern über sich ergehen zu lassen. So hatten sie auf der Strasse einen jungen Mann gepackt und ihn auf ihre Weise bestraft: Während ihn zwei Schwestern festhielten, stiess ihm die dritte ein Messer in den Bauch. Mit der Mafia hat dies nichts zu tun, aber vielleicht doch mit einer bestimmten Mentalität.

Für einige Tage bewegte die gewalttätige Reaktion der drei «schrecklichen» Schwestern den schläfrigen Ort: Die Leute von Corleone, die auf der Piazza Vittorio Emanuele hin und her spazieren, hatten ein Thema mehr, über das sie plaudern und scherzen konnten. Ja, in Sizilien, vor allem in den ländlichen Gegenden, scherzen die Leute gern. Und das ist das andere Gesicht einer sont eher für ihre Düsterkeit bekannten Gegend. In Corleone scherzt man auch über die Mafia. Gewiss, niemand denkt daran, dabei Namen auszusprechen; aber immerhin. Während des Karnevals begegnet man nicht selten als Mafiosi verkleideten Studenten mit typischen Mützen und umgehängten Gewehren. Dieser Karnevalsscherz hat scheinbar die Phantasie einiger Tourismusmanager angeregt, die daraufhin daran dachten, Sizilienreisen zu emblematischen Mafiaorten zu veranstalten.

Solche Initiativen sind aber erfolglos geblieben, ebenso wie das Vorhaben einer deutschen Firma, die sich nach Sizilien vorgewagt hatte, um in der Umgebung von Corleone einen Bewässerungsstaudamm zu bauen. Man hatte einen Strich unter die Vergangenheit gezogen und das vom «Verband für die Entwicklung der Landwirtschaft» geförderte Projekt an das deutsche Unternehmen vergeben. Vor den verblüfften und hoffnungsvollen Blicken der Einheimischen wurde 1988 mit der Abtragung des Geländes begonnen. Es schien, als breche für diese von unzähligen Problemen geplagte Insel eine neue Ära an.

Seither sind drei Jahre vergangen. Wie weit sind die Bauarbeiten fortgeschritten? Nichts ist gemacht worden, man ist nicht über die ersten Schritte hinausgekommen. Die Deutschen sind nach Hause zurückgekehrt. Nach heftigen Auseinandersetzungen um die Verteilung der Unteraufträge war der Generalvertrag gekündigt worden. Die Unteraufträge, die subappalti, sind eben eine Lebensader der Mafia. Da liess und lässt sie sich nie etwas entgehen. Wie entwickelt sich nun der Ort? Das Hauptziel der Jungen ist ein Posten in der öffentlichen Verwaltung (Stadtverwaltung, Gesundheitswesen, Regionalverwaltung). Man beachte: ein Posten, nicht eine Arbeit, was etwas ganz anderes ist. Das ist einer der grundlegenden Punkte der Lebensphilosophie auf dieser Insel, wo ein aufgeblähter Sozialstaat und die Clientelwirtschaft das Verantwortungsbewusstsein der meisten eingeschläfert haben. In den vergangenen Regionalwahlen sah sich die christlichdemokratische Partei, die in ganz Sizilien als Siegerin hervorging, auch in Corleone mit einem Stimmenanteil von fast 47 Prozent bestätigt. Die rete, die neue Partei, welche von Leoluca Orlando, dem ehemaligen Bürgermeister von Palermo, gegründet worden war - dieser hatte sich die Bekämpfung der Mafia zum Ziel gesetzt -, errang immerhin einen Stimmenanteil von über vier Prozent: ein Zeichen dafür, dass es auch in Corleone eine Minderheit andersdenkender Sizilianer gibt.

Vor den Wahlen war der christlichdemokratische Innenminister Vincenzo Scotti nach Corleone gekommen und hatte gefordert, dass das Zeichen für den Willen zur Loslösung und Befreiung von der Mafia gerade von ihrer einstigen Hochburg ausgehen müsse. Aber auf welcher Grundlage?

Bisweilen ist es besser, nicht zu verstehen. Man leidet weniger.

Matteo Collura, geboren in Agrigento (Sizilien), ist Autor und Kulturredaktor des «Corriere della Sera» in Mailand.


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