Irgendeinmal wird Spanien irgendeine WM gewinnen. Es wird ein denkwürdiger Tag sein. Ein Tag, an dem ausserdem ein Kind zur Welt kommen wird, in dessen haarigen Balg die Zahl 666 tätowiert ist - der Tag der Apokalypse. Dass die Welt aus den Fugen gerät, sobald ein spanischer Nationalspieler einmal etwas gewinnt - einige erachten bereits einen Europameistertitel oder einen Tombolapreis als ausreichend -, ist in einem Pakt begründet, den die göttliche Vorsehung mit dem allerersten Spanier geschlossen hat: Sie gab in so gut wie allen Punkten nach, die jener Mensch für unerlässlich hielt, um ein Land zu gründen. Unter anderem gestand sie dem Spanier für sein Spanien ein 18. Jahrhundert zu, das praktisch übersprungen wurde. Um allen Eventualitäten vorzubeugen, wurde weiter vereinbart, im 20. Jahrhundert den Generalísimo Franco zu entsenden, der binnen vierzig Jahren mit allem aufräumen würde, was sich aus dem Zeitalter der Aufklärung hätte einschleichen können. Die Bourbonen durften laut diesem Vertrag höchstens dreimal vom Thron verstossen werden; und kein republikanisches Regime würde lange genug währen, um auch nur drei komplette Briefmarkenserien herauszugeben. Im Gegenzug bestimmte die göttliche Vorsehung, dass die spanische Fussballauswahl ein Fiasko ums andere erleben würde.
Seither wurde dieser Vertrag strikte eingehalten. Ja Spanien hat seine Vaterländerei inzwischen sogar vervielfältigt. Ein Blick in die druckfrische Presse genügt, und niemand wird bezweifeln, dass spanische Innenpolitik fast ausschliesslich daraus besteht, zwischen regionalen Streithähnen zu schlichten, die alle ihren eigenen Nationalismus pflegen. Hingegen entbehrt das Land weiterhin jener Zierde echten Nationalgefühls, wie sie etwa Uruguay oder Paraguay stolz ihr Eigen nennen: einer Nationalelf. Im Grunde hat Spanien eine solche gar nie gehabt. Nicht einmal in den Jahren zwischen 1939 und 1975, als eine erfolgreiche «selección» praktisch den Geschichtsunterricht hätte ersetzen können. Vor jeder WM werden wir von der spanischen Sportpresse (einem weiteren Geschenk der göttlichen Vorsehung) informiert, wir seien der klare Turnierfavorit. Und die vertrauensselige Bevölkerung - auch für solche Einfalt hat die Vorsehung gesorgt - glaubt das wirklich. Sie glaubt es selbst noch während der Gruppenausscheidungen, bei denen sich Spanien gewöhnlich verabschiedet - bis zur nächsten WM, bei der unsere Truppe erneut als einer der Favoriten auftaucht.
Vielleicht ist dies der Grund, weshalb Spanien zwei andere Nationalteams erfunden hat: den FC Barcelona und Real Madrid. Beide Vereine repräsentieren zwei Länder. Real Madrid schart den Fanclub der göttlichen Vorsehung um sich: eine Art spanische Besinnlichkeitsauswahl, die sogar Siege erringen kann. Barça hingegen ist die progressive Variante. Seine Anhänger glauben, eines Tages werde Spanien seine göttlichen Pakte zu revidieren vermögen. Wenn Real Madrid und Barça aufeinandertreffen, ist es jedes Mal wie eine kleine WM. Ein Länderspiel jedenfalls. Gewinnt dein Land, so muss - anders als wenn die spanische Nationalelf gewänne - deswegen nicht gleich die Welt untergehen.
Doch der Tag der Apokalypse wird kommen. Irgendwann. Warum nicht jetzt?
Guillem Martínez, wurde 1965 in Barcelona geboren, wo er auch heute lebt. Er schreibt als Kolumnist für «El País» sowie für die Zeitschriften «Interviú» und «Playboy». Letzte Buchveröffentlichung: «Pásalo» über die Reaktionen auf die Madrider Anschläge im März 2004.