EINER UNTER ANDEREN. «Wenn ich eine Frau wäre», sagt Herr F. und zieht nervös an seiner Marlboro, «dann wäre alles viel einfacher.» «Zwanzig Riesen», davon ist er überzeugt, «zwanzig Riesen im Minimum» würde er da jeden Monat machen mit seinem Charme, seiner Ausstrahlung. «Aber leider bin ich ein Mann. Doch ich kenne das Geschäft.»
Herr F. ist 43 Jahre alt, Österreicher, mehrfach vorbestraft wegen Delikten aller Art. Wegen Mitarbeit in einem illegalen Begleitservice sitzt er diesmal vor den Schranken des Gerichts. In Brasilien und in Osteuropa, so heisst es in der Anklageschrift, habe er Frauen angeworben, mit Touristenvisa und zum Teil auch mit gefälschten Ausweisen in die Schweiz gebracht. Er mietete zwei Wohnungen als Stützpunkte des Begleitservice, die eine im Aargau, die andere in Zürich. Hier wurden die Frauen einquartiert, von hier aus wurden sie von eigens dafür angestellten «Chauffeuren» zu den Kunden gebracht. Kunden aus der ganzen Deutschschweiz seien darunter gewesen, berichtet Herr F. «Es gab solche, die wollten immer dieselbe, andere wollten vor allem Abwechslung. Bei vielen war es wie eine Sucht.» Herr F. muss es wissen, nahm er doch jeweils die Anrufe der Freier entgegen. Zudem war er für die Finanzen zuständig; er überwachte die Tageseinnahmen, rechnete mit den «Chauffeuren» ab und leitete das Geld an seinen Partner weiter, den eigentlichen Chef des Service.
In ihren besten Zeiten beschäftigte die Agentur 26 Prostituierte. Ein anderthalbstündiger «Liebesdienst» kostete 500 Franken, für längere Einsätze waren Beträge von 1000 bis 2000 Franken zu entrichten. Einzelne Frauen erzielten so nach eigenen Angaben Monatsumsätze von über 20 000 Franken. Davon ging der Löwenanteil an F. und seinen Partner. Die Liebesdienerinnen, die während sieben Tagen in der Woche praktisch rund um die Uhr eingesetzt wurden, erhielten in den ersten Monaten lediglich einen fixen Monatslohn von 2000 Franken, zuzüglich Kost und Logis. Erst nach einigen Monaten wurden sie dann mit 20 Prozent am Umsatz beteiligt. Herr F., so heisst es in der Anklageschrift, habe die Prostituierten unter Druck gesetzt, wenn sie gewisse Praktiken verweigerten, unpässlich waren oder einen Kunden zurückwiesen. Die Frauen durften die Wohnung nicht ohne Einwilligung der «Chauffeure» verlassen, und wenn sie zum Beispiel zum Einkaufen gingen, hatten sie ihren Aufenthaltsort an die Zentrale zu melden, damit sie jederzeit für einen Einsatz abrufbar waren.
Der Begleitservice wurde nach zwei Jahren von der Polizei zerschlagen, was Herrn F. aber wenig kümmerte. Nur wenig später zog er mit demselben Partner erneut einen Service auf, diesmal mit einheimischen Prostituierten. Da diese für die Vermittlung von Freiern jedoch lediglich 30 bis 40 Prozent der Einnahmen abtreten wollten, beschäftigte er von neuem Ausländerinnen ohne Arbeitsbewilligung. Diese durften nun von Anfang an 20 Prozent von ihrem Lohn behalten. Sonst funktionierte dieser Escort-Service nach dem gleichen Prinzip wie der frühere.
Ein Jahr später hob die Sittenpolizei auch diesen Callgirl-Ring aus. Die ausländischen Dirnen wurden nach der Einvernahme gebüsst und des Landes verwiesen, die Betreiber des Escort-Service an die Justiz überstellt. Das Zürcher Bezirksgericht verurteilte Herrn F. schliesslich wegen Förderung der Prostitution und Verstössen gegen die Ausländergesetzgebung zu zwanzig Monaten Freiheitsentzug und 3000 Franken Busse.
Er habe nur getan, was im Sexgewerbe halt so üblich sei, sagte Herr F. nach der Urteilsverkündung. «Prostitution hat es immer gegeben. Die Nachfrage ist da, die Nachfrage ist gross. Was soll schlecht daran sein, wenn auch ich in diesem Geschäft meinen Teil verdienen will?»
DAS RECHT. Seit der Revision des Sexualstrafrechts im Jahre 1992 werden hierzulande weder Kuppelei noch Zuhälterei bestraft, und die Schweiz ist, zumindest was die «gewerbsmässige Unzucht» betrifft, ein relativ liberales Land. Das Sexgewerbe braucht sich nicht mehr zu verstecken. Es darf seine Dienste öffentlich anpreisen, was nicht nur die Sexanzeiger freut, sondern auch einzelne Tageszeitungen wie etwa den «Blick» oder den «Tages-Anzeiger», die aus den sogenannten Erotikinseraten jährlich je über 5 Millionen Franken einstreichen.
Gemäss dem revidierten Gesetz ist es ausserdem erlaubt, ganz offiziell ein Bordell oder einen Salon zu betreiben, die entsprechenden Bewilligungen der Baupolizei vorausgesetzt und unter der Auflage, dass die Handlungsfreiheit der Prostituierten nicht eingeschränkt wird und dass Frauen nicht neu in das Gewerbe eingeführt werden - was nach dem Gesetz den Tatbestand der «Förderung der Prostitution» erfüllen würde. Auch Pornographie darf über den Versandhandel und in Sexshops straffrei vertrieben werden, sofern darin nicht sexuelle Handlungen mit Tieren oder Kindern, Gewalt oder Praktiken mit Fäkalien enthalten sind.
DER MARKT DER KÄUFLICHEN LIEBE. Gemäss Umfragen nehmen 300 000 Schweizer mehr oder weniger regelmässig die Dienste von Prostituierten in Anspruch. Damit ist das Zahlenmaterial, was die Nachfrage nach käuflichem Sex betrifft, denn auch bereits weitgehend erschöpft. Wie oft und mit welchen Vorlieben, darüber schweigen sich die Freier aus. Um so präsenter ist das Angebot, ein Blick in die Tagespresse genügt. Und in den einschlägigen Führern und Anzeigern reihen sich gleich zu Hunderten die Etablissements, die frank und frei mit mehr oder weniger professionellen Fotos und frivolen Angeboten locken.
Bisweilen macht es den Anschein, die ganze Schweiz habe sich in ein einziges Freudenhaus verwandelt. Allein in der Stadt Zürich hat sich seit der Liberalisierung die Zahl der Sexsalons nahezu verdoppelt. 345 zählte die Sittenpolizei im letzten Jahr, und die Beamten sind überzeugt, dass die Gesetzesänderung auf das Sexgewerbe wie ein Aphrodisiakum gewirkt haben muss. Die Szene habe sich seither noch weiter ausgebreitet, heisst es bei der Zürcher Sittenpolizei, aber auch bei den zuständigen Stellen in andern Städten. Und längst beschränkt sich das Sexgewerbe nicht mehr auf die bekannten urbanen Rotlichtbezirke. Mehr und mehr ist es auch in der Agglomeration anzutreffen, in Gewerbezonen und auf dem Lande, zum Beispiel in Sempach oder in Oberbuchsiten, wo in ländlichem Idyll eigentliche Sexzentren entstanden sind.
Wie die gesamte Dienstleistungsbranche hat sich auch das älteste Gewerbe spezialisiert. Die Palette reicht heute vom Luxus-Etablissement mit Sauna und Hallenbad, Folterkammer und Spiegelzimmer bis zum schnellen Sex von der Strasse. Zunehmend wird ausserdem der Markt der homosexuellen Liebe kommerzialisiert, mit der Einrichtung von Bordellen und Saunen, speziellen Parties und Anzeigern. Nur mit der käuflichen Liebe für die Frau scheint es zu hapern, die wenigen Callboys klagen über erhebliche Anlaufschwierigkeiten.
Das Sexgeschäft boomt. Und doch liegt das Geld auch hier nicht mehr buchstäblich auf der Strasse. Denn die Nachfrage ist, wie alle Anbieter einhellig berichten, mehr oder weniger stabil geblieben. Die Konkurrenz ist somit härter geworden, mit den entsprechenden Folgen für Margen und Preise: 100 Franken kostet derzeit der gewöhnliche Service in einem Salon - soviel kostete er bereits vor 15 Jahren -, auf dem Strassenstrich ist er zum Teil gar nur noch 30 Franken wert. Mehrere hundert Franken pro Freier sind nur noch mit speziellen Praktiken wie «strenger Erziehung» und dergleichen oder in einem Begleitservice zu verdienen. «Das Geschäft ist härter geworden», sagt Jacqueline Suter von der Prostituierten-Beratungsstelle Xenia in Bern. «Der Freier diktiert die Preise, und er verlangt Dinge, die früher tabu waren.» In der Sprache der Ökonomie: Es herrscht ein Käufermarkt.
Verantwortlich für das Überangebot ist einerseits die schlechte Wirtschaftslage, die wieder mehr und mehr Einheimische in dieses Gewerbe lockt, anderseits der anhaltende Zustrom von sogenannten Sextouristinnen. Allein in Zürich schätzt man deren Zahl auf mehrere hundert, hinzu kommen etwa zweihundert ausländische Stricher. Und der Fall von Herrn F. zeigt exemplarisch, dass die Gruppe der Illegalen - neues Sexualstrafrecht hin oder her - oft schamlos ausgebeutet wird. Ein grosser Teil dieser Frauen und Männer arbeiten im Billigsegment: auf der Strasse, in einem illegalen Salon oder in einem obskuren Begleitservice, wo sie in kurzer Zeit möglichst viel Geld hereinbringen müssen.
Dennoch ist die Schweiz für illegale Sextouristinnen attraktiv. Das Schweizer Milieu ist weniger gewalttätig als zum Beispiel jenes deutscher Grossstädte, und die Verdienstmöglichkeiten sind bei einem auf Milliardenhöhe geschätzten Jahresumsatz immer noch weitaus besser als in der jeweiligen Heimat.
IM REICH DER LÜSTE. Die «Venus» von Berlin gilt als die grösste Erotik-Fachmesse der Welt. 150 Aussteller aus ganz Europa boten hier letzten Herbst auf einer Fläche von 20 000 Quadratmetern ihre Ware zur Luststeigerung und Lustbefriedigung feil, schön gegliedert nach Fachbereichen wie Leder, Schuhe und Stiefel, Pharmazeutika, Spielzeuge, Erotikmöbel oder Scherzartikel und natürlich Video, dem mit Abstand umsatzstärksten Medium der Sexartikelbranche. Allein in Deutschland werden jeden Monat rund 480 Pornovideos auf den Markt gebracht: mit einer billigen Handycam produzierte Amateurfilme mit «geilem Originalton», Spezialitäten wie Strumpf- oder Fussfetischfilme, aber auch professionelle Produktionen von Grossbetrieben wie XY Video, MMV Multimedia-Verlag oder dem börsenkotierten Pornokonzern Private, der allein gegen 60 Filme pro Jahr dreht, mit professionellen Darstellern, die auf Tagesgagen von mehr als 1000 Franken kommen. «Das Angebot war schlicht gigantisch», sagt Peter Preissle, Geschäftsleiter der Mascotte Film AG aus Zürich, eine der wenigen Schweizer Firmen der Sexbranche, die in Berlin mit einem Stand vertreten waren.
Das Geschäft der Mascotte Film AG sind Sexkinos sowie der Vertrieb amerikanischer Pornofilme auf dem deutschsprachigen Markt. Filme, die auch eine Handlung haben, wie Preissle betont, sogenannte Features von bekannten Produzenten wie VCA Pictures oder Wicked Pictures aus dem «Hollywood» des Pornofilms, das nicht weit vom echten Hollywood im San Fernando Valley bei Los Angeles liegt. Hier befindet sich der grösste Pornofilmproduzent Vivid (Jahresumsatz 1,5 Milliarden Dollar) sowie Trac Tech, ein Sexfilmstudio mit permanenten Sets und so gross wie ein Krankenhaus; hier gibt es Talent-Agenturen für den Nachwuchs und Sexartikelhersteller, die Kopien der Genitalien von Pornodarstellern als Dildos auf den Markt bringen.
Wie das echte Hollywood hat auch die Pornofilmindustrie ihre eigenen Stars, ihre eigenen Festivals, wo man sich gegenseitig Oscars verleiht. Ein Geschäft mit Illusionen, das von knallharten Managern betrieben wird, welche die Kosten optimieren und geschickt diversifizieren. So werden heute die meisten Filme in einer Hardversion für den Videomarkt und in einer Softversion für das Fernsehen abgedreht. Und natürlich ist die Industrie auch voll präsent auf dem Internet: mit Kurzfilmen, Bildern, Fanclubs. Einzelne Pornodarstellerinnen unterhalten gar eigene Websites, auf denen man gucken und chatten darf. Oder den Slip einer «Pornoqueen» bestellen.
Auch das Geschäft mit der Pornographie ist einem ständigen Wandel unterworfen. Zunächst erwuchs dem guten alten Sexkino Konkurrenz seitens des Videofilms. Die Frequenzen in den Sexkinos sind dementsprechend seit längerer Zeit rückläufig, trotz neuen Einrichtungen wie Videokabinen, in denen hundertfünfzig Filme abgerufen werden können. Doch auch das Geschäft mit den Videofilmen läuft längst nicht mehr so geschmiert wie früher. «Es gibt zu viele Anbieter», klagt Patrik Stöckli, Inhaber von zehn Erotik-Supermärkten. Und die Folge ist auch hier ein dramatischer Preiszerfall. Kostete ein Pornofilm vor 20 Jahren in einem schummrigen Sexshop noch bis zu 400 Franken, so ist ein solcher Streifen heute bereits für weniger als 50 Franken zu haben, und ständig drängt neue Ware auf den Markt. Längst lohnt es sich so auch für einen Grossanbieter wie Stöckli nicht mehr, Filmrechte zu erwerben, die Filme zu kopieren und dann zu verkaufen. Heute importiert er nur noch fixfertige Ware. Dennoch schmerzt auch ihn der Preiszerfall. Trotz steigenden Stückzahlen ist der Umsatz im letzten Jahr im Videobereich um eine halbe Million gesunken.
Gigantische Zuwachsraten werden jetzt andernorts verzeichnet. Vor allem im Internet, wo nichts so begehrt ist wie Sexadressen. Über eine Million Hits verzeichnen einzelne Websites, auf denen fast alles geboten wird, was sich der Spanner wünscht. «Das Internet ist ein ideales Medium für Pornographie», sagt Peter Preissle. «Dieses Medium ist äussert praktisch und gleichzeitig anonym.» Ein «Klick», und ein Bild ist verschwunden, da gibt es keine Magazine oder Kassetten, die man zu verstecken braucht. Man kann das Internet auch im Büro nutzen, also während der Arbeitszeit, und die Bezahlung via Kreditkarte ist schnell und einfach. Für den Anbieter wiederum hat dieses Medium den Vorzug, dass er relativ einfach nationale Gesetze umgehen kann. Ein holländischer Anbieter zum Beispiel kann Sexszenen mit Tieren anbieten, ohne dass es ihn zu kümmern braucht, dass solches zum Beispiel in der Schweiz verboten ist. Die relative Rechtsunsicherheit eröffnet aber auch der Verbreitung von Kinderpornographie ein neues gigantisches Tummelfeld. Der Fall des kürzlich verurteilten Appenzeller Lehrers ist da nur ein Beispiel von vielen.
«Es ist schlicht eine Schweinerei, was da alles gezeigt wird», empört sich Patrik Stöckli. - Das sagt freilich einer, der selbst schon gebüsst worden ist, weil Sittenpolizisten in seinen Läden verbotene Ware sichergestellt hatten.
UND DIE MORAL? Auch das Sexgewerbe ist mehr und mehr zu einer globalen Industrie geworden, welche die Nachfrage nach Dienstleistungen und Produkten möglichst effizient zu befriedigen trachtet. Nightclubs, Bordelle, Cybersex, Pornofilme, Dildos - alles zu haben. Kundennah und innovativ, könnte die Sexindustrie in jeder Managementschule als Fallbeispiel für erfolgreiches Wirtschaften durchgehen. Diese Industrie ist global vernetzt und weiss Standortvorteile zu nutzen, und wo es gesetzliche Schranken gibt, werden diese geschickt umgangen.
Dass das Sexgewerbe nach Marktgesetzen funktioniert und nicht nach moralischen Kriterien, war wohl mit ein Grund für die Liberalisierung der letzten Jahre. Die Gesetze des Marktes, das zeigen die jüngsten Entwicklungen ebenfalls, werden aber auch für eine natürliche Regulierung sorgen und Angebot und Nachfrage wieder in Einklang bringen. Und es würde deshalb nicht verwundern, wenn auf den Boom der letzten Jahre eine Konsolidierung folgen würde.
«Früher konnte man in dieser Branche mit wenig Arbeit viel verdienen. Heute verdient man mit viel Arbeit eher wenig», sagt Peter Preissle von der Mascotte Film AG. Mit andern Worten: Auch die Sexindustrie ist ein schon beinahe normales Geschäft geworden.