ES IST EIN MYSTERIUM, dass die meisten Leute gerne lautstark über das amerikanische Essen klagen und versichern, nie einen Hamburger zu essen, während sich gleichzeitig die Mc- Restaurants rascher verbreiten als die Windpocken. Doch hier soll nicht das Lied vom pampigen Hamburger und von den schlappen Fritten gesungen werden.
Ganz falsch ist das Vorurteil indes nicht, dass die Amerikaner der Nahrung einen eher utilitaristischen Wert beimessen. Ein gediegenes Dîner dagegen bringt einen aufrechten WASP oder White Anglo-Saxon Protestant bereits in gefährliche Nähe zum Sumpf der Völlerei, von wo aus es nicht mehr weit sein kann in den schillernden Tümpel der Unzucht. Kein Wunder also, dass die raffinierteste Küche Amerikas im Bordell entstand. Denn so, wie viele Männer zeitweise in den Ausstand von den meist dürftigen Freuden des Ehelebens traten, so stahlen sie sich zuweilen vom heimischen Herd davon, um bei Erdbeeren im Mieder aus weisser und schwarzer Schokolade Näheres über das Wesen der Hölle zu erfahren.
Ein gewisser Joe Foxworth, Autor der Rezeptsammlung «Kulinarische Verführungen», lehrt uns, dass manche der berühmtesten Puffmütter der Vereinigten Staaten am Herd ebenso begabt waren wie in geschäftlichen und weiteren Dingen. Miss Millies «Gold Rush» in Atlanta etwa bot alle Genüsse des alten Südens einschliesslich der «Southern Fried Chicken», an denen sich ein Gast aus Chicago kräftig labte, bevor er bemerkte, dass seine Nichte sich unter den jolies filles befand. Zu seinem namenlosen Entsetzen eröffnete ihm diese auch noch, dass seine Schwester dortselbst in der Küche wirkte.
Manche der Managerinnen solcher Betriebe waren mehr oder weniger echte Französinnen, was ihrem Ruf in jeder Hinsicht guttat, um so mehr, als sie sich redlich bemühten, dem fernen Vorbild nachzueifern, etwa beim Garnelengratin Mornay - obschon einem die Verbindung von Crevetten, Artischocken und Champignons ein wenig eklektizistisch vorkommen mag. Egal, so ist Amerika, und so ist auch Foxworths Buch, das aus Familienrezepten, Tagebucheinträgen und den fünfzehn Bänden der «Cookery Americana» recherchiert wurde. Natürlich fehlt darin auch nicht der amerikanischste aller Vögel, der Truthahn. Mit einer Füllung aus Maisbrot, Speck, Zwiebeln, Sellerie, Eiern und Salbei verrichten Millionen dieser Tiere zu Thanksgiving und Weihnachten brav ihren Dienst an der Nation.
Im Wilden Westen waren die Tischsitten noch nicht sehr verfeinert. Das Festessen des Cowboys, das sogenannte «Son-of-a-bitch Stew», wird diskret als «S.O.B. Stew» aufgeführt, ein Eintopf mit Fleisch, das je nachdem von Hase, Eichhörnchen, Bison, Elch, Opossum oder auch Klapperschlange stammen konnte. In einer zivileren Form kann dieses Stew jedoch auch mit Rindfleisch zubereitet werden und ähnelt, von der Würze abgesehen, unserem Pot au feu.
Beverly Davis, die als «Queen Bee», als Königsbiene, das frühe Hollywood betörte, kommt in Kapitel 6 zu Ehren. Sie gilt als Begründerin der modernen kalifornischen Küche, die auf den ausgezeichneten Gemüsen und Früchten des Staates beruht. Gewiss hatte sie die Einsicht, dass allzu schweres Essen der sinnlichen Lust abträglich ist. Da können wir ihr beim Verzehr von «Garnelensalat Pazifik» nur zustimmen, während wir uns schon auf eine präsidiale Zigarre freuen.
Jo Foxworth: Kulinarische Verführungen, Ehrenwirth-Verlag, Fr. 44.50.