CLAUDIA GEHRKE, 1954 in Frankfurt geboren, ist Verlegerin. Pro Jahr erscheinen im KonkursbuchVerlag rund achtzehn Bücher, literarische, etwa von Yoko Tawada, Sachbücher, etwa zu Japan, auch Fotobände. Das finanzielle Standbein aber sind die erotischen Jahresbücher «Mein heimliches Auge», die wegen ihrer pornographischen Inhalte immer wieder provozieren. «Ich definiere mich sehr stark über meine Arbeit», sagt Claudia Gehrke.
Claudia Gehrke, lassen Sie uns über Ihre Anfänge reden.
Ich war wohl einigermassen wild und auch eine Einzelgängerin, die sich gerne hoch auf Kirschbäumen versteckte; so musste ich mich nicht mit den anderen herumärgern.
Mit 16 lebten Sie in einer Kommune.
Elternhäuser sind ja oft schrecklich langweilig, und in jener Zeit war man allgemein experimentierfreudig.
Sie sind ein Kind der 68er Bewegung. Die sexuelle Befreiung und was sonst alles dazugehört, haben Sie also voll mitgemacht?
Ja, man wollte dabeisein. Es gab aber durchaus Situationen, die ich als nicht so frei erlebte. Da war man zwar in eine bestimmte Person verliebt, aber aus dem Experimentierwillen jener Zeit heraus schlief man dann eben doch im grossen Bett noch mit anderen zusammen.
Sex war damals eben eine politische Angelegenheit. Es gab den Spruch «Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment».
Ein Spruch, der eine eindeutig männliche Perspektive verrät. Feministinnen konterten mit «Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen».
1978 erschien die erste Nummer des Konkursbuchs. Sie war dem Thema Vernunft und Emanzipation gewidmet.
Wir schöpften aus der Konkursmasse der Studentenbewegung. In dieser Nummer gab es einen Text, der handelte vom weissen Fleck auf der feministischen Landkarte. Damit war gemeint, dass die Frauenbewegung sich vor allem mit der Opferrolle der Frau beschäftigt hat, aber überhaupt nicht mit deren Lust. Nun, diesen weissen Fleck malen wir mit einer Linie des Verlages kräftig aus.
Mit Ihrem erotischen Bestseller «Mein heimliches Auge», der das erste Mal 1982 erschienen ist. Wie kam es dazu?
Die Nummer sechs des Konkursbuches hatte das Thema Erotik. Wir baten Bekannte, ihre sexuellen Phantasien und Erfahrungen aufzuschreiben, wir hatten auch viele Bilder. Daraus entwickelte sich das «Heimliche Auge». In fast jedem Roman, jedem Film, überall spielt Liebe eine Rolle, aber der Sex, der da ja wohl dazugehört, kommt selten unverkrampft daher. Im «Heimlichen Auge» wird dieses Manko behoben. In den Buchhandlungen verkauft es sich übrigens am besten, wenn es bei den Kunstbüchern steht.
Und bei Beate Uhse? Immerhin wird Ihr Erotikbuch immer wieder als Pornographie bezeichnet und kommt deswegen vor Gericht.
Im Porno-Shop hat das «Auge» keine Chance, dazu ist es viel zu brüchig angelegt. Aber es gibt halt immer wieder einsame Menschen, die sich ihr Selbstwertgefühl damit aufbauen, zu schauen, was schmutzig ist. Natürlich hat es im «Auge» scharfe Bilder drin, Erbsenzähler kommen vielleicht auf fünf Prozent, die fallen beim ersten Blättern auf. Beim zweiten Durchgang entdeckt man anderes, Stilleres, dann fängt man an zu lesen und merkt, dass sich zwischen Text und Bild noch eine weitere Ebene auftut. Pornos wollen ausschliesslich erregen, das «Heimliche Auge» stört diese Erregung immer wieder durch Ironie. Es wird auch thematisiert, was schiefgehen kann.
Müssen Sie sich oft verteidigen?
Ja, ja. Immer wieder kann ich meine Reden halten über den Ausschluss des Genitals aus der Kunst und dass Sex und Lust doch zum Leben gehören. Sehr anstrengend sind für mich die Anwürfe von feministischer Seite. Ich sei eine Kollaborateurin der männlichen Industrie, heisst es da, oder ich höre, wie schändlich es sei, dass ich jetzt auch noch die Frauen dazu bringe, so was Unanständiges zu machen.
Im «Heimlichen Auge» sind tatsächlich vor allem Frauen abgebildet, auch die Texte sind mehrheitlich von Frauen.
Ich habe das auch sehr gefördert. Frauen an die Bilderfront, ist da meine Devise. Denn an Bildern, die Männer von Frauen geschaffen haben, herrscht kein Mangel. Wie Frauen sich selbst sehen und wie sie die Männer sehen, darüber gibt es viel weniger Material.
Können Sie sofort erkennen, ob ein Text von einem Mann oder von einer Frau stammt?
Ja, meistens. Frauen haben oft viel Sinn für Alltagskomik, andererseits sind ihre Texte sehr scharf, sie thematisieren die Störungen beim Sex. Männer sind da zurückhaltender. Männer müssen sich wohl auch mehr bemühen, politisch korrekt zu sein.
Wie haben sich die Texte im «Heimlichen Auge» verändert über die Jahre?
Es gab die Zeit, wo Frauen die spezifisch weibliche Sexualität suchten, Männer verabschiedeten sich vom Macho; dann ging es weg vom Kuschelsex, hin zu Lack und Leder. Heute sucht man wieder ewige Liebe.