NZZ Folio 11/01 - Thema: Indien   Inhaltsverzeichnis

Kein Ort zum Wohnen

In grossen Städten haust die Hälfte der Bevölkerung in Slums.

Von Kalpana Sharma

Ich wohne im vierten Stock eines Wohnblocks in Indiens grösster Stadt Bombay, offiziell Mumbai genannt. Wenn ich zwischen den beiden Häusern vor unserem Block hindurchschaue, kann ich das Arabische Meer sehen. Wenn ich mich über die Brüstung des Balkons lehne und nach rechts sehe, blicke ich auf eine Anhöhe, die von einer wahnwitzigen Ansammlung unregelmässiger kleiner Häuschen bedeckt ist. Ein Verschlag lehnt am nächsten, und das ganze Ensemble scheint prekär auf dem felsigen Hügel zu balancieren. Man kann einen ununterbrochenen Strom von Männern, Frauen und Kindern die steilen Treppen hinauf- und hinabgehen sehen, die zu dieser Ansiedlung führen. Es ist unser örtlicher Slum.

Die rund 700 Haushalte dieses Slums repräsentieren - viel eher als die Bewohner unseres Wohnblocks - einen Querschnitt durch die gesamte indische Bevölkerung. Man findet da Leute aus dem Norden ebenso wie aus dem Süden, Hindus, Muslime, Christen, Buddhisten und sämtliche Kasten Indiens. Sie arbeiten als Hausangestellte, Bürokräfte, Fahrer, Mechaniker, Elektriker, Klempner, Strassenfeger oder Tagelöhner.

Unser Wohnblock verfügt über fliessendes Wasser und Strom. Im Slum haben sie zwar Strom, aber Wasser haben sie nur wenige Stunden am Tag. Dann stehen die Frauen mit ihren Wassertöpfen Schlange. Für die Notdurft müssen sie die öffentlichen Toiletten am einen Ende der Siedlung benutzen. Die Hütten selbst sind im Schnitt nicht grösser als zehn Quadratmeter.

Das Land, auf dem der Slum liegt, befindet sich in Privatbesitz. Die Frau, der es gehört, wusste lange nicht, was sie damit tun wollte, und so lag es jahrelang brach. Eine Hütte um die andere wurde auf dem leeren Grundstück errichtet. Die Besitzerin kümmerte das nicht. Und es kümmerte auch sonst niemanden. Und ehe man sich's versah, war aus dem Nichts ein riesiger Slum entstanden. Die Geschichte des Slums in unserer Nachbarschaft ist die Geschichte der Urbanisierung Indiens. Es ist eine Urbanisierung, die kläglich gescheitert ist.

Für die Wohnungsmiete muss man im Durchschnitt mehr als die Hälfte des Lohnes aufwenden. Es ist schwierig, überhaupt eine Wohnung zu finden, denn die Gesetze schützen die Mieter so sehr, dass die Besitzer Angst haben, ihre Wohnungen zu vermieten. Denn wer weiss, ob sie sie je wieder zurückbekommen. So verlangen sie unglaublich hohe Mieten und Depots. Es sind diese mieterfreundlichen Gesetze, die grossen Mangel an billigem Wohnraum schaffen. Die Grundstückpreise schiessen in den Städten in die Höhe. Und wenn an der Börse die Kurse fallen, steigen sie noch mehr, denn dann spekulieren die Leute mit Grundstücken.

Eigentlich lebt Indien noch immer auf dem Dorf. Aber die Städte wachsen. Laut der letzten offiziellen Zählung lebt bereits ein Drittel der eine Milliarde Einwohner Indiens in urbanen Agglomerationen. Davon wohnt wiederum ein Drittel, also rund 100 Millionen Menschen, in einer der 40 Millionenstädte. Aber egal, ob die Städte kleiner oder grösser sind, zwischen einem Viertel und der Hälfte ihrer Bewohner leben in Slums.

Delhi, aber auch Bombay, Kalkutta und Madras spielen in einer eigenen Liga. Sie alle haben um die 10 Millionen Einwohner. Bei der letzten Volkszählung kam Bombay auf eine Bevölkerung von rund 12 Millionen. Es ist eine der grössten Städte der Welt.

Schon die Zahlen verdeutlichen die Probleme der Urbanisierung. Aber es ist nicht allein der Bevölkerungszuwachs, der das urbane Indien in eine Krise gestürzt hat. Es ist auch fehlende Weitsicht und irregeleitete Planung. Jahrzehntelang haben sich die indischen Planer geweigert, die Tatsache der zunehmenden Verstädterung anzuerkennen. Man kann dies gut an den Fünfjahresplänen ablesen, in denen die Budgets für die Entwicklungsvorhaben aufgeschlüsselt sind. Für die Infrastruktur wachsender Städte stand so gut wie kein Geld zur Verfügung. Es gab in Indien auch kein Ministerium für Stadtentwicklung. Alle stadtplanerischen Aufgaben wurden den Bundesstaaten und Gemeinden übertragen.

Sowohl die Zentralregierung wie die Exekutiven der Bundesstaaten glaubten überdies, dass die arme Landbevölkerung nicht mehr in die Stadt zöge, wenn man die Industrie dazu bewegen könnte, die Produktion aufs Land zu verlegen. Einige wenige Fabriken haben das auch gemacht, aber die Mehrzahl zog an die Peripherie von Grossstädten wie Bombay.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Industrien brauchen Infrastruktur wie Strassen, Wasser, Strom. Die ländlichen Gebiete, in die sie hätten ziehen sollen, haben meist nichts von alledem zu bieten. Also siedelten sich die Firmen in Gegenden an, die als ländlich galten, aber im Einzugsbereich urbaner Zentren lagen. Die Mumbai Metropolitan Region (MMR), die aus der Stadt und urbanen Agglomerationen besteht, ist ein gutes Beispiel für diese Entwicklung. Mit einer Gesamtfläche von 4355 Quadratkilometern hat die MMR in den letzten zehn Jahren beständig neue Leute angezogen. Inzwischen lebt in diesen 950 Dörfern und fünf urbanen Zentren eine Bevölkerung von 16 Millionen Menschen. Über 13 000 Fabriken haben sich niedergelassen.

Wenn man die MMR verlässt, stösst man bald auf ländliche Armut, auf Gegenden ohne Strom, ohne Trinkwasser und ohne die rudimentärste Gesundheitsversorgung. Was Wunder also, wenn die Leute sich Richtung Stadt auf den Weg machen, um Arbeit und ein Auskommen zu finden. Arbeit finden sie in der Regel auch, nur keinen Ort zum Wohnen. Obschon Städte wie Bombay seit je viele Industriearbeiter hatten, hat man sich kaum je Gedanken zur Förderung billigen Wohnraums gemacht. Im Bombay haust die Hälfte der Bevölkerung in illegalen Siedlungen.

Die Armen vom Dorfe, die in Bombay und Umgebung eintreffen, haben im Grunde keine Wahl. Sie lassen sich auf jedem Stückchen Land nieder, das sie ergattern können, sei es das Trottoir, ein Bahndamm oder ein brachliegendes Gelände. Über kurz oder lang wachsen die verstreuten Hütten zu einem Slum zusammen. Natürlich lässt man die Leute dort nicht in Frieden leben. In unregelmässigen Abständen kommen unter Polizeischutz die Abrisskommandos der Gemeindeverwaltung vorbei und machen die Siedlung dem Erdboden gleich. Es ist illegal, sich auf Land niederzulassen, das einem nicht gehört. Also müssen diese Leute vom Staat bestraft werden. Aber die Armen der meisten Städte dieser Welt haben längst gelernt, sich in Geduld zu üben und zu warten, bis die Abrisskolonnen abgezogen sind, um sich am selben Ort von neuem einzurichten.

Wenn man durch die dichtbevölkerten Strassen im Zentrum von Bombay geht, stösst man auf Slums am Strassenrand, wo manche Leute schon seit 20 oder 30 Jahren an derselben Stelle leben. Frauen wie Lakshmi, die aus Andhra Pradesh im Süden eingewandert ist, oder wie Rehmat aus Uttar Pradesh im Norden. Beide Frauen leben in Verschlägen aus Blech, Bambus und Plastic. Wasser müssen sie von einem Hahn in der Nachbarschaft oder von einem lecken Hydranten besorgen. Den Strom zweigen sie an der Verteilerdose eines benachbarten Gebäudes ab. Die einzige verfügbare Toilette ist ein öffentliches WC, für dessen Benutzung sie zahlen müssen. Frauen wie Rehmat und Lakshmi, die Ärmsten der Armen in Bombay, sind Überlebenskünstlerinnen. Sie haben gelernt, unter menschenunwürdigen Bedingungen mit so viel Würde wie möglich zu leben.

Leute wie jene in unserer Nachbarschaft, die ein leeres Grundstück besetzen, gehören zu den Glücklicheren. Wenn das Land dem Bundesstaat oder der Gemeinde gehört, besteht eine Chance, dass der Slum eines Tages «anerkannt» wird. Dieser amtliche Begriff besagt, dass die Regierung ihre Augen geöffnet und die Existenz Tausender armer Familien auf ihrem Land zur Kenntnis genommen hat. Statt sie von ihrem Grundstück zu vertreiben, nur um sie später zurückkehren zu sehen, ist die Regierung auf einen pragmatischeren Kurs eingeschwenkt. Ältere Slums, die seit 20 oder 30 Jahren bestehen, erhalten heute ein Minimum an Infrastruktur wie Wasser, Strom und Gemeinschaftstoiletten.

Aber weil keine der Städte ihr Wachstum vorhergesehen hat und weil sie nicht rechtzeitig investiert haben, haben heute praktisch alle mit akutem Wassermangel zu kämpfen, fast jede indische Stadt erstickt in Müllbergen, die sie nicht entsorgen kann, und hat zahllose Viertel, die bis heute ohne Kanalisation sind.

Am schlimmsten aber ist es um den öffentlichen Nahverkehr bestellt. Indische Städte sind äusserst dicht besiedelt. Sie wären prädestiniert für schnelle Untergrund- oder S-Bahn-Verbindungen in die Vororte. Diese Systeme erfordern zwar hohe Anfangsinvestitionen, wären aber angesichts der garantierten Auslastung mit Sicherheit schon nach kurzer Zeit profitabel.

Bombay verfügt von den indischen Städten über das beste Nahverkehrssystem. Jeden Tag pendelt die unglaubliche Zahl von fünf Millionen Menschen mit der Eisenbahn aus den Vororten ins Zentrum und zurück. Die Leute quetschen sich wie die Sardinen in die Züge, und zur Stosszeit werden dreimal so viele Passagiere befördert als zugelassen. Aber dank diesem System schafft es die Mehrzahl der Leute, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. Nur dass das Eisenbahnnetz von Bombay kurz vor dem Kollaps steht. Es hätte bereits vor zehn Jahren neuer Investitionen bedurft. Die Weltbank hat zu diesem Zweck ein Darlehen angeboten, aber selbst das wird wohl nicht ausreichen, um den Zusammenbruch des maroden Systems abzuwenden.

Auch die Busse von Bombay transportieren über vier Millionen Passagiere täglich. Aber sie stehen vor einem weit schwierigeren Problem als die Bahn. Vor 20 Jahren bewegten sie sich noch mit einer vernünftigen Geschwindigkeit durch die Stadt. Heute müssen sie inmitten von Privatautos und Motorrollern um jeden Zentimeter kämpfen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit der Fahrzeuge auf den Strassen von Bombay ist auf das Tempo von 10 Kilometern pro Stunde gesunken. Kein Busunternehmen kann bei solchen Geschwindigkeiten noch effizient und wirtschaftlich arbeiten.

Die Krise im urbanen Nahverkehr hängt mit den Veränderungen in der indischen Ökonomie zusammen, die auf das 1991 vom Internationalen Währungsfonds geforderte Strukturanpassungsprogramm folgten. Das Programm läutete eine Ära der Liberalisierung ein, und einer der ersten Sektoren, die von der Öffnung der Wirtschaft profitierten, war die Automobilindustrie.

Die Inder, die jahrzehntelang mit einer Auswahl von drei Fabrikaten ausgekommen waren, sahen sich plötzlich mit einem ganzen Gemischtwarenladen konfrontiert. Früher musste man den ganzen Kaufpreis auf den Tisch legen, bevor man einen Wagen sein eigen nennen durfte. Heute reicht eine kleine Anzahlung, und schon fährt man mit einem fabrikneuen Fahrzeug davon. Das Resultat war eine explosionsartige Vermehrung. Strassen sind jedoch nicht elastisch. Sie halten mit dem enorm gestiegenen Verkehrsaufkommen nicht Schritt. So kommt es, dass alle Wege permanent verstopft sind. Und die Menschen husten sich einen ab, weil die Luftverschmutzung unvorstellbare Ausmasse erreicht hat.

Im Angesicht dieser Krise haben die indischen Planer einmal mehr die falsche Entscheidung getroffen. Statt in die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs zu investieren, bauen sie mehr Strassen. Vielleicht lässt sich das Problem damit für ein oder zwei Jahre entschärfen, aber langfristig wird es nur zu einer weiteren Verschlimmerung führen. Von den Strassen profitieren ohnehin nur die Bessergestellten, die sich ein Auto oder einen Motorroller leisten können. Was jedoch soll die in allen Städten stetig steigende Anzahl von Armen tun, die auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind?

Doch die Frage ist: Wenn die Städte solche entsetzlichen Höllenschlunde sind, warum zieht es die Menschen trotzdem dorthin? Ein Grund dürfte sein, dass die indischen Städte trotz all ihren Problemen die Energie und den Elan symbolisieren. Das intellektuelle wie auch das finanzielle Kapital Indiens steckt in seinen Städten. Diese Energie allerdings geht nicht nur von den offiziellen Institutionen aus, sondern auch vom informellen Sektor, der in jeder grösseren Stadt floriert. Die Slums sind oft genug der Nährboden dieser Kleinindustrien und Gewerbe. Alles Mögliche, von der Kleidung bis hin zu Lederwaren, wird dort teils für den Export, teils für den Binnenmarkt hergestellt.

Die üblichen Kostenersparnisse durch Grösse verkehren sich im informellen Sektor ins Gegenteil. Kleine Produktionseinheiten, oft im eigenen Haus, arbeiten besonders kostengünstig. Wenn man durch Bombays grössten Slum, Dharavi, spaziert, entdeckt man, dass dort auf jedem Quadratmeter irgendetwas produziert wird. Lederwaren werden hergestellt, Brot, Snacks, alles mögliche. Alle sind mit Arbeit ausgelastet.

Natürlich spielen sich diese Formen von Gewerbe jenseits aller staatlichen Kontrollen ab und fallen durch das Netz der offiziellen Besteuerung. Stattdessen zahlt man «inoffizielle» Abgaben. Steuerbeamte wollen bestochen sein, die Polizei besänftigt, und die Gemeinde muss man sich auch vom Halse halten. Dieses Arrangement dient beiden Seiten. Es hat zur Folge, dass es nur selten Beschwerden gibt und dass das Gewerbe blüht.

Nach all den Jahren hat man die Städte endlich als «Wachstumsmotoren» erkannt. Es gibt Ministerien für Stadtentwicklung, und die Gemeinden haben ein grösseres Mass an Autonomie erhalten. Die Städte ziehen neue Investoren an. Bilaterale, aber auch multilaterale Geldgeber wie die Weltbank investieren heute in die städtische Infrastruktur. Ja selbst die Privatwirtschaft hat ihr Interesse für Dienstleistungen wie die Abfallentsorgung oder die Wasseraufbereitung entdeckt. Man kann nur hoffen, dass der Zug noch nicht ganz abgefahren ist.

Kalpana Sharma ist Journalistin. Sie lebt in Bombay.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.