NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . .   Inhaltsverzeichnis

Was wäre, wenn Jean Ziegler mit Che in den Kampf gezogen wäre

Von Gudrun Sachse
April 1964, Genf, Hotel Intercontinental, achter Stock: Che Guevara steht am Fenster seines Zimmers und blickt in die Nacht. Unten leuchten die Lichtreklamen der Banken und Juweliergeschäfte. Che kam als Chef der kubanischen Delegation an die Zuckerkonferenz der Uno. Es sind die letzten Stunden seines 12-tägigen Aufenthalts in der Schweiz. Er trägt seine ordentlich gebügelte grüne Wind­jacke geschlossen, das schwarze Béret mit dem goldenen Stern hat er vom Kopf genommen und hält es in den Händen. Zögernd nähert sich ihm ein junger Mann. Es ist Jean Ziegler, der spätere Soziologieprofessor und Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Ziegler ist 30, er wollte in Paris Recht studieren, traf Sartre und Beauvoir, entschied sich für die Soziologie, schnitt in den Ferien Zuckerrohr auf Kuba und bereiste Kongo. Zwölf Tage ist er nun Ches Chauffeur gewesen, hat ihn in einem schwarzen Mini ­Morris aus zweiter Hand herumgefahren. Seinen Wunsch hat er nie vorzutragen gewagt, aber jetzt ergreift er die letzte Gelegenheit.

Jean Ziegler zieht sich sein Hemd zurecht und räuspert sich: «Comandante?»

Che reagiert nicht.

«Comandante? Ich möchte mit euch gehen.»

Che lächelt ironisch und antwortet in hartem Spanisch: «Siehst du, da unten?»

«Ja, das ist Genf.»

«Das ist das Gehirn des Monsters, da bist du geboren, da musst du kämpfen.»

Jean Ziegler wendet sich ab, er ist verletzt. Hält ihn Che für einen hilflosen Kleinbürger? Diese Nacht wird er kaum Schlaf finden. Später sieht er ein, dass er für die Revolution an der Front nie von Nutzen gewesen wäre. «Ich wäre sicher längst tot und hätte keine Bücher geschrieben», sagt er ­heute.

Doch noch einmal von vorn:

April 1964: Szene Fenster. Blick in die Nacht.

«Comandante! Ich möchte mit euch gehen.»

Che wendet sich lächelnd dem jungen Mann zu, drückt ihn an seine Brust: «Endlich, ich dachte schon, du fragst nie mehr.»

Che setzt ihm sein Béret auf den Kopf und rückt es zurecht: «Dein Haar ist nicht ganz so dicht wie meins, aber die Kappe steht dir.»

Jean Ziegler nutzt das Fenster als Spiegel. Was er sieht, gefällt ihm. Ebenso den mitgereisten Delegationsmitgliedern, die sich auf den gelben Sesseln des Hotelzimmers lümmeln und nun anerkennend die Wassergläser heben.

«Comandante, ich danke euch.»

«Ich werde dich Juan nennen.»

«Ich werde euch nicht enttäuschen.»

«Wir werden sehen. Es wird ein harter Kampf werden.»

Che lässt sich von einem Delegationsmitglied zwei Havanna-Zigarren bringen. Das Rauchen, so redet er sich seit Jahren ein, mildere sein Asthma. Er steckt sie sich an. Der dicke Rauch verklärt seine markanten Gesichtszüge.

Oktober 1967: Verrat an Che Guevara. Am 9. Oktober um 13 Uhr 10 erschiesst ein Feldweibel der bolivianischen Armee Che in Gefangenschaft. Juan wirft sich mutig in die Schusslinie.

Am selben Nachmittag werden ihre Körper im Waschraum des Provinzhospitals in der Kleinstadt Vallegrande aufgebahrt. Die Militärs posieren vor ihnen für die Fotografen wie Grosswildjäger, die Welt soll sehen: Das Gespenst des Umsturzes Lateinamerikas geht nicht mehr um.

Doch der Vorabend des Jahres 1968 macht Che und Juan zu den grossen Untoten der Moderne. Weltweit finden Demonstrationen statt. Poster, bedruckt mit dem Gesicht Ches und der Unterschrift «Der Che lebt», werden durch die Strassen getragen. In Bern, Genf und Zürich sieht man Transparente, die das jugendliche Gesicht Juans zeigen. Die Schweizer sind stolz auf ihren berühmten Sohn. Er blickt von Schlüsselanhängern, Feuerzeugen, Rotweinflaschen, Postern. Kein Souvenirstand kommt ohne ihn aus. Besonders ergreifend ist sein Blick, immerhin einer der am meisten reproduzierten in der Schweizer Geschichte, auf einer Serie leuchtend roter T-Shirts. Dem Magnum-Fotografen René Burri gelang der Schnappschuss in dem Augenblick, als Juan dem Comandante die Kalebasse mit dem Mate reichte. Während sich Historiker darüber streiten, wie dieser Blick zu deuten sei, überschwemmen Drogengelder die Schweiz. Die Banken horten Fluchtkapital aus der Dritten Welt. Ungehindert zieht der Raubtierkapitalismus durch die Lande. Es ist niemand da, der Anklage erhebt.

Sommer 2008: Christoph Blocher schlendert mit seinem Enkel über den Markt der Berner Altstadt. Vor einem roten T-Shirt mit Juan Ziegler drauf bleibt der Enkel andächtig stehen.

«Bitte, Grosspapi.»

«Dein Zimmer ist doch schon zugekleistert mit Bildern von diesem Hallodri.»

«Bitte.»

«Nein.»

«In Rot habe ich es noch nicht.»

«Das verfärbt bloss die andere Wäsche.»

«Wenn ich gross bin, möchte ich auch ein Held sein.» Christoph Blocher stöhnt, kramt in der Gesässtasche nach dem Portemonnaie: «Verrat das aber nicht dem Grossmami.

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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