Wie ein Rennpferd bläht er die Nüstern, er lässt den muskulösen Brustkasten anschwellen und schliesst für einen Moment geniesserisch die Augen: «Diese Luft - ist das nicht herrlich!»
Fitness, sagt Fritz Bebie, ist allem voran eine Frage der Lebenseinstellung. «Sich an den kleinen Dingen erfreuen ist der erste Schritt zum Wohlbefinden», verspricht der Fitnesstrainer und Wellnessberater, bald 56 und dabei noch immer in beneidenswerter Form. Flink wieselt er in seinem atmungsaktiven Sportanzug aus der Cafeteria der Hochschulsportanlage auf dem Zürichberg, voller Bewegungsdrang, drahtig und nervig. «Sich an der frischen Luft bewegen - was braucht es mehr zum Glück?»
Es ist neun Uhr morgens, die Märzensonne blinzelt vom Himmel, die Vögel zwitschern. Ein schöner Tag, ein guter Tag, um endlich diesen inneren Schweinehund zu überwinden und sich so allmählich vom Winterspeck zu verabschieden. Guten Morgen, Fitness!
Mit Fritz Bebie trabe ich locker von der Hochschulanlage Fluntern in den nahegelegenen Wald hinüber. Der Sauerstoff kriecht in die Kapillaren der Lunge; das Herz unter dem Sendergurt des Pulsmessers, den mir der Fitnesstrainer umgebunden hat, meldet sich mit einem spürbaren Pochen. Der Puls steigt langsam an, wie die Pulsuhr am Handgelenk zeigt. «Die ideale Pulsfrequenz ist 170 minus die Hälfte des Alters», sagt der Experte. «Bei Untrainierten ziehe ich jeweils noch weitere 10 Pulsschläge ab, das macht in Ihrem Fall also 140.»
Da ein höherer Pulsschlag ungesund ist, wird sich der Pulsmesser wie eine Eieruhr mit einem diskreten Piepsen melden, wenn diese Grenze überschritten ist. Noch ist der Puls bei 120 und Fritz Bebie einigermassen zufrieden. Er habe Kunden, Topmanager, die seien bereits beim Einlaufen auf über 150. «Die haben keine Grundkondition und sind sofort im anaeroben Bereich, das heisst, sie produzieren im Blut Abfallstoffe wie Lactate und sind weniger leistungsfähig.»
Fritz Bebie, kein Zweifel, hat eine ausgezeichnete Grundkondition. Er war mehrfacher Schweizer Meister im Handball und Eliteamateur im Bahn-Radfahren, er war Regattasegler, Skilehrer, Tauchinstruktor. Von 1967 bis 1990 war er Hochschulsportlehrer im Akademischen Sportverband und am Aufbau der grössten Studentensportorganisation Europas beteiligt. Seit zehn Jahren betätigt er sich nun als Privattrainer und Fitnessberater. Seine Stammkundschaft zählt zehn bis zwölf Leute, die meisten sind Topmanager oder Unternehmer. Daneben berät er Firmen, Konzerne und Krankenkassen in Sachen Gesundheitsförderung im Betrieb.
Eine einstündige Trainingseinheit bei Fritz Bebie kostet um die 240 Franken, und im Zentrum steht je nach Wunsch des Kunden meistens ein Waldlauf oder eine Ausfahrt mit dem Velo. Zu den Geschäftsbedingungen gehört, dass sich der Kunde verpflichtet, während mindestens sechs Monaten mindestens einmal pro Woche die Dienste des Fitnesstrainers in Anspruch zu nehmen. Wer von Fritz Bebie trainiert werden möchte, muss somit bereit sein, einiges in seine Fitness zu investieren. Dafür erhält er ein auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnittenes Trainingsprogramm sowie eine umfassende Beratung.
Zum persönlichen Service des Fitnessberaters gehört, dass er die Kunden zu Hause oder in ihrem Büro abholt. Der Kunde kann bestimmen, ob er lieber Velo fahren oder joggen möchte, der Schwerpunkt liegt aber immer auf dem Ausdauertraining. «Herz- und Kreislaufstörungen sind die häufigste Todesursache, und es ist deshalb nur logisch, dass ein Fitnesstraining hier ansetzen muss», sagt Bebie. Gegen die unter den Büromenschen ebenfalls weit verbreiteten Haltungsschäden und chronischen Rückenschmerzen empfiehlt er ausserdem Lockerungs- und Kräftigungsübungen sowie eine «körpergerechte» Gestaltung des Alltags.
Denn Fitness ist für ihn, wie gesagt, nicht einfach Sporttreiben, sondern primär eine Frage des Lebensstils. Wenn man beispielsweise konsequent den Lift meidet und statt dessen die Treppen hochsteigt, so sei dies bereits viel effektiver, als einmal wöchentlich auf dem Hometrainer zu schwitzen. Stehen statt sitzen ist eine weitere Maxime des Fitnessberaters. «Gewöhnen Sie sich an, beim Telefonieren aufzustehen. Holen Sie den Kaffee selber. Achten Sie auf die Ernährung.»
Allein die Ernährung, sagt Bebie, ist für 70 Prozent des Wohlbefindens verantwortlich. Und auch da setzt der mit einer Food-Fotografin verheiratete Fitnessexperte, der selbst kulinarischen Genüssen keineswegs abgeneigt ist («Ich habe eine Schwäche für Schokolade»), nicht auf ausgefallene Spezialdiäten, sondern auf den gesunden Menschenverstand. «Essen Sie von möglichst vielen Sachen möglichst wenig.» Konkret heisst das: viel Gemüse, viele Früchte, Kohlenhydrate in Massen, eher wenig Fleisch, kaum Fett und Zucker, und das Ganze kombiniert nach den Gesetzen der Trennkost. So hält er denn auch wenig vom sogenannten Fitness-Teller, der sich in der Regel aus Fleisch und Salat zusammensetzt. «Ein Teller Spaghetti mit einer leichten Tomatensauce zum Mittagessen ist leichter verdaulich und sorgt dafür, dass man auch am Nachmittag noch fit und leistungsfähig ist.»
Im Hinblick auf den morgendlichen Waldlauf habe ich mir ein Müesli angerührt, einen Aktifit-Drink geschlürft und Nutella aufs Brot geschmiert. Das ist sicher schon einmal besser als Speck mit Spiegelei. Aber ob es reichen wird?
Nach fünf Minuten Jogging liegt der Puls bei 120, ein normaler Wert für das Einlaufen. Wir schütteln die Beine aus und beginnen mit dem Stretching. Ein paar leichte Übungen: im Ausfallschritt die Hüfte nach vorne drücken; den Unterschenkel nach hinten zum Oberschenkel ziehen und den Fuss des angezogenen Beines in der Hand nach unten drücken; mit dem Rücken gegen einen Baum den Oberkörper drehen und den Baum packen. Da wird der Körper zum Fitnessgerät. Und wenn man die Übung richtig macht, geduldig für rund 20 Sekunden in der Dehnstellung - «nicht wippen wie im Militär, nur dehnen» - verharrt, beginnt man die verschiedenen Muskeln bereits gehörig zu spüren: den Trizeps, den Quadrizeps, die Hamstrings - letzterer müsste zu deutsch so etwas wie Schinkenstreifen heissen.
Nach den Lockerungsübungen beginnt das rund 40minütige Lauftraining. Bebie macht das Tempo, nicht zu schnell, aber konstant. Dabei plaudert er wie ein Coiffeur beim Haareschneiden. Er erzählt vom letzten Kongress auf Mallorca, wo er vor Führungskräften aus 14 Nationen referierte, von versteckten Fetten in Fertiggerichten, zum Beispiel in Tomatensaucen. «Da gibt es solche mit 50 Kalorien und solche mit 550. Man braucht es bloss auf der Packung zu lesen und dementsprechend seine Wahl zu treffen.» Munter plaudert der Mann mit dem langen Atem und einem Körperfettanteil von mickrigen 15 Einheiten drauflos, während der Marlboro-Mann neben ihm zunehmend nach Luft schnappt, immer einsilbiger wird und nur noch Wortfetzen liefert.
Herr Bebie, wie oft muss man trainieren, um fit zu sein?
«Ich sage immer: drei- bis zweimal. In dieser Reihenfolge. Dreimal sollte die Regel sein, zweimal geht im Notfall.»
Dreimal Waldlauf in der Woche?
«Nicht unbedingt. Man kann auch Velo fahren oder schwimmen oder einfach laufen. Bewegung - das ist alles. Warum nicht einmal einen Teil des Arbeitsweges zu Fuss oder mit dem Velo zurücklegen? Wichtig ist, dass man den Kreislauf in Schuss bringt. Dazu kommen Kräftigungsübungen für Bauch- und Rückenmuskulatur, die man ohne Geräte und überall machen kann. Vier bis fünf Übungen - das genügt bereits. Ich sage meinen Kunden immer: Machen Sie vier Übungen, nicht mehr, aber machen Sie sie drei- bis zweimal in der Woche. Und wenn Sie das einen Monat lang gemacht haben, zeige ich Ihnen die fünfte. Doch den wenigsten muss ich auch die fünfte Übung zeigen. Der Mensch neigt nun einmal zur Trägheit.»
Wie lange braucht man, bis man fit ist?
«Zwölf Wochen sind das absolute Minimum. Hat man dann eine gewisse Grundkondition erreicht, können die Trainingsanforderungen langsam gesteigert werden. Alles braucht seine Zeit. Einen Ranzen frisst man sich auch nicht in wenigen Wochen an, also braucht es auch seine Zeit, bis er wieder weg ist.»
Es gibt also auch bei der Fitness keine Wundermethoden, wie viele behaupten?
«Viele, die im Fitnessgeschäft mitmischen, haben selbst kaum je Turnschuhe getragen. Laufend werden neue Methoden propagiert, ein Trend löst den andern ab, und die selbsternannten Experten reden sich die Köpfe heiss, was für unser körperliches Wohlbefinden nun wirklich gut und richtig sein soll. Manchmal erinnert mich das ganze Angebot an eine riesige Hochzeitstorte, wo sich jeder sein Stück herausschneiden kann, und dieses Stück heisst dann Krafttraining, Spinning oder Aerobic. Das Ergebnis ist ein einseitiges Training mit zweifelhaften Resultaten. Mein Prinzip ist jenes einer flachen Pizza, auf der alles vorhanden ist: Ausdauer, Kräftigung, Ergonomie, Entspannung, Ernährung.»
Pieps! Pieps! Pieps! Der Pulsmesser schlägt Alarm, die Grenze von 140 Schlägen ist überschritten, obwohl ich noch weit von der Leistungsgrenze oder was ich dafür halte, entfernt bin. Fritz Bebie drosselt das Tempo.
«Noch schlimmer als Bewegungsarmut, falsche Ernährung, Nikotin und Alkohol ist falscher Ehrgeiz», weiss Bebie. «Lieber mässig, aber regelmässig.» Der grösste Fehler sei, wenn man von einem Extrem ins andere falle. «Wer bisher kaum Sport getrieben hat, darf seinem Körper nicht plötzlich Höchstleistungen abverlangen.» Ich weiss nicht recht, ob ich das als Tadel oder als Trost auffassen soll.
Zu Bebies Klientel gehören Durchtrainierte, die ohne Probleme zehn Kilometer abspulen und sich bei ihm den letzten Schliff holen möchten. Aber auch solche, die zuvor kaum Sport trieben, älter und runder geworden sind und begriffen haben, dass es so nicht weitergehen kann. Damit er sich von der körperlichen Verfassung seiner Kunden ein präzises Bild machen kann, begleitet er jeden zu Beginn der Beratung in die Schulthess-Klinik, wo ein allgemeiner Gesundheits-Check-up mit Fettanteilmessung und dergleichen absolviert wird. Je nach Verfassung des Kunden wird dann ein individuelles Trainingsprogramm - je nachdem eher Laufen oder eher Velofahren - entwickelt und werden die jeweiligen Ziele abgesteckt.
«Schauen Sie, ein Ameisenhaufen!» Bebie zeigt ins Gehölz. Dann setzt er an zu einem kleinen Exkurs über die Buche, ihre tellerförmigen Wurzeln und ihre besondere Anfälligkeit bei Stürmen, wie «Lothar» gerade auch in diesem Wald eindrücklich vor Augen geführt hat. Die freie Natur ist für Bebie nach wie vor das spannendste, das beste Fitnesszentrum, und ein bisschen sieht er seine Aufgabe auch darin, den Leuten «den Blick für die Schönheiten der Natur» zurückzugeben. «Wenn einer den ganzen Tag in den Bildschirm starrt, soll er nicht in der warmen Stube auf dem Hometrainer strampeln und erneut in die Glotze gucken. Er soll endlich raus an die frische Luft, und wenn er sich richtig anzieht, ist es egal, ob es regnet oder schneit. Wind und Wetter sorgen sogar für ein ganz besonderes Körpererlebnis.»
Nachdem der Puls wieder auf 120 gefallen ist, beschleunigen wir von neuem das Tempo. Das Waldsträsschen steigt etwas an und treibt mir gehörig den Schweiss in die Stirn, er fliesst in die Augen, brennt, trübt den Blick. Leicht verschwommen sehe ich einen andern Jogger entgegenkommen, im Schlepptau einen Hund mit heraushängender Zunge, einer jener unberechenbaren, die gerne nach den Fesseln schnappen, ein äusserer Schweinehund. Pieps! Pieps! Pieps! Schon bin ich wieder im anaeroben Bereich.
Wir sind nun bereits bald 30 Minuten unterwegs, so lange bin ich schon lange nicht mehr gerannt. Die Einsamkeit des Langstreckenläufers. Damit konnte ich noch nie viel anfangen.
Noch eine letzte Schlaufe. Keuchend kehre ich zurück zum Ausgangspunkt der Joggingrunde. Nun tief durchatmen. Die schmerzenden Muskeln wieder dehnen. Ich fühle mich ein bisschen wie vor Zeiten am Abend nach der Schulreise - müde, aber glücklich.
Herr Bebie, gestatten Sie mir noch eine Frage: Warum sparen sich Ihre Kunden nicht einfach das viele Geld und joggen allein im Wald? Laufen muss ja auch bei Ihnen jeder selber?
«Ganz einfach: weil sie wissen, dass sie es ohne mich, ohne fixen Termin nicht machen. In erster Linie bin ich ein Motivator und Gesprächspartner, bei dem sie auch einmal ihr Herz ausschütten können. Die Crux bei der Fitness ist doch die: Jeder weiss, wie er fit werden könnte, doch den meisten fehlt die Disziplin dazu.»
Am Schluss der ersten Trainingslektion gibt er mir seine vier Übungen als Hausaufgabe mit. Der Vorsatz war schnell gefasst, allerdings gestern abend . . . Aber immerhin: Den Spaghetti mit leichter Tomatensauce zum Mittagessen bin ich bis heute treu geblieben.