NZZ Folio 11/96 - Thema: Feuer, bitte!   Inhaltsverzeichnis

Auf den Spuren des braunen Goldes

Das Geheimnis der Havanna.

Von Andreas Heller

LA TIERRA DEL MEJOR TABACO DEL MUNDO. Wir hatten das Schild an der sechsspurigen autopista von Havanna nach Pinar del Río eben hinter uns gelassen, als der Motor unseres Fahrzeugs der Marke Lada, Jahrgang unbekannt, ins Stottern geriet. Aus den Ritzen der verrosteten Motorhaube stiegen schwarze Rauchschwaden. Dann ein heftiger Ruck, ein letzter Seufzer, und der Motor verstummte. Der Lada stand still.

José, unseren Fahrer, schien dies nicht gross zu kümmern. Gelassen zündete er sich zum siebenundzwanzigstenmal seine Zigarre an, und als diese endlich brannte, betätigte er den Anlasser so lange, bis auch die Batterie endgültig streikte. Schliesslich klaubte er unter seinem Sitz einen Schraubenzieher hervor, um damit in den Eingeweiden des Motors herumzustochern.

Die Autobahn von Havanna in die rund 180 Kilometer entfernte Vuelta Abajo, Kubas berühmtestes Tabakanbaugebiet, ist ein schnurgerades, in der Hitze flimmerndes Asphaltband durch grünes Niemandsland. Ein hesperische Strecke nannte Guillermo Cabrera Infante die Tabakstrasse in den Westen Kubas. Doch wer hier festsitzt, hält vergeblich Ausschau nach Hesperiden, Hüterinnen goldener Äpfel. An dieser gottverlassenen Strecke gibt es weder ein Telefon, eine Pannenhilfe noch sonst was. Nur ab und zu dröhnt ein mit Menschentrauben behängter offener Camion vorbei.

José kam zurück und bat uns, den Wagen anzuschieben, was wir taten. Und siehe da: der Motor sprang an, der Lada lief, bis er nach wenigen Minuten tuckernder Fahrt erneut eine Pause einlegen wollte. Warten, Zigarre anzünden, Anschieben, Starten, Weiterfahren: Nach demselben Rezept schafften wir noch ein paar weitere Kilometer. Bei einem Lastwagenfahrer tauschten wir die letzte Zigarre gegen ein Kännchen schäumendes Öl. Vergeblich. Der Lada wollte nicht mehr. Wir sassen endgültig fest, und nur noch ein Wunder konnte uns nach Pinar del Río bringen.

Nun ist Kuba in der Tat ein Land voller Wunder. Zuckerrohr, Kaffee, Bananen, Zitrusfrüchte, Avocados, Papayas und Tabak: alles scheint hier wie von selbst zu gedeihen. Das Meer, das die grüne Insel umspült, ist reich an Fisch, Langusten und anderen Köstlichkeiten. Nur zu kaufen gibt es dies alles in diesem Lande kaum. No hay, sagen die Verkäuferinnen. Die Läden sind halbleer, mit Ausnahme jener, in denen mit Dollars, der Währung des grossen Feindes, bezahlt werden muss. Nein, in diesem Land fehlt es weder an Lastwagen noch an Traktoren, aber es fehlt an Treibstoff und Ersatzteilen, damit die Fahrzeuge auch fahren könnten. Ja, die Kubaner sind zu Recht stolz darauf, dass die Analphabetenrate mittlerweile null Prozent beträgt, aber es fehlt an Papier und wohl auch am Willen, Bücher und Zeitungen zu drucken, die lesenswert wären. Stets erneuert werden allein die ewig gleichen Parolen.

«Aquí el Socialismo vive, vale, crece y triunfa!»

In einem solchen Land, einem betörend schönen und gleichzeitig erbärmlich elenden, kann selbst ein harmloser Tagesausflug im Privattaxi schnell einmal zum Albtraum werden. Doch Kuba wäre nicht Kuba, eine tropische Wunderwelt des Sozialismus und Surrealismus, wenn es nicht aus der verzwicktesten Situation stets einen Ausweg gäbe. Und so taucht auch an der Autopista, irgendwann, als die gellende Tropensonne bereits schwer gegen Mittag geht und uns der Schweiss in den Augen brennt, wie eine Fata Morgana aus dem dampfenden Nichts die kaum mehr erhoffte Rettung auf: ein roter Lada mit der Aufschrift Taxi. Der Wagen hält tatsächlich an, und für dreissig Dollar ist der Mann bereit, uns an unser Ziel zu fahren.

JUAN ANTONIO MORALES ist einer der 15 000 privaten Tabakbauern in der Vuelta Abajo. Mit seiner sechsköpfigen Familie bewohnt der veguero eine einfache Hütte mit einem Strohdach in der Nähe von Hoyo de Monterrey. Die Küche ist im Freien, und als wir kommen, ist Frau Morales, umringt von gackernden Hühnern, gerade dabei, auf einem offenen Feuer das Mittagessen zu kochen: Reis mit schwarzen Bohnen und hartgekochten Eiern.

Juan Antonios Gesicht ist von der Sonne gegerbt wie ein altes, verschrumpeltes Tabakblatt. Seit seiner Kindheit, sagt er, baue er den Tabak an, Jahr für Jahr, ein stetiger Rhythmus von Aussaat und Ernte, Aussaat und Ernte, der einen prägt.

Frühmorgens war er bereits mit dem Ochsengespann unten am Fluss bei seinem Tabakfeld, seiner vega, um die rote Erde zu pflügen. Noch ist Regenzeit, und die Arbeit des veguero gilt jetzt allein dem Boden. Zu feinen Bröseln muss die schwere Erde werden, damit die Tabakpflanze, zart wie eine zerbrechliche Dame, überhaupt Wurzeln schlagen kann.

In zwei, vielleicht drei Wochen, sagt der Tabakbauer, werde er die Samenbeete vorbereiten. Um Schädlinge abzutöten und dem Boden die Pottasche zuzuführen, wird er Zweige und Gestrüpp auf dem Beet verteilen und anzünden. Zum Schutz vor der Sonne wird er die Aussaat mit Tüchern oder Stroh bedecken. Nach etwa 35 Tagen, gewöhnlich in der zweiten Oktoberhälfte, können die Pflänzchen dann in die eigentlichen Tabakfelder umgesetzt werden.

Doch Tabak ist nicht einfach Tabak, so wie eine Zigarre, ein echter puro, nicht einfach aus Tabak besteht, sondern aus drei Elementen: aus Einlage, Umblatt und Deckblatt, aus tripa, capote und capa. Die beiden ersten Elemente, belehrt uns der Tabakbauer, liefert die Criollo-Pflanze; das Deckblatt dagegen, welches das Erscheinungsbild einer Zigarre bestimmt, stammt von der Coroja-Pflanze. Damit ihre Blätter ihr glattes, seidiges und ebenmässiges Aussehen erhalten, müssen sie mit Tüllschleiern (tapados) vor der direkten Sonneneinstrahlung geschützt werden. «Der Tabak lässt dir keine Ruhe», sagt Juan Antonio Morales, «er verlangt deine ganze Hingabe.» Regelmässig will die Pflanze in Augenschein genommen werden. Keime und Seitentriebe sind zu entfernen. Es gilt, die Stengel und Rippen zu beobachten, die Blätter zu befühlen und zu beschnuppern, um den genauen Reifegrad zu bestimmen.

Wenn die zunächst mattgrünen Blätter heller und leuchtender werden, ihren Flaum verlieren, kann die Ernte beginnen. Mit einem skalpellscharfen Werkzeug werden zuerst die obersten Blätter geschnitten, die die Sonne früher reifen liess, dann die folgenden, die im Schatten der oberen gewachsen sind. Laufend bringt die Pflanze weitere Blätter hervor; am untersten Teil des Stengels, direkt oberhalb des Erdbodens, spriessen schnell wachsende Triebe mit neuen, spitzeren Blättern, die zum Schluss geerntet werden.

Der gesamte Arbeitszyklus vom Umsetzen der Sämlinge bis zum Ende der Ernte dauert etwa 120 Tage, und jede Pflanze wird dabei durchschnittlich 170mal inspiziert. Dann werden die Tabakblätter gebündelt und mit Hilfe von Nadel und Faden an Stangen, den cujes, zum Trocknen in die Tabakkathedralen gehängt, die in Wirklichkeit nur einfache Scheunen sind. Juan Antonio zeigt uns seine aus rohen Brettern gezimmerte Scheune. Sie ist nach Westen gerichtet, so dass die Sonne vormittags das eine Ende und am späteren Nachmittag das andere Ende erwärmt. Die Scheune verfügt an jedem Ende über zwei Türen, die, wie Morales erklärt, dazu dienen, Temperatur und Luftfeuchtigkeit zu regulieren. In der Scheune riecht es wie in einer riesigen Zigarrenkiste, obwohl sie längst leer ist. Vor zwei Monaten hat der Bauer seine Ernte an die staatliche casa de tabaco verkauft, für ein paar tausend Pesos, die kaum zum Leben reichen.

GRANDES CAUSAS REQUIEREN GRANDES SACRIFICIOS. Auf grossen Plakaten ist die Durchhalteparole in ganz Kuba zu lesen. Und mag das «befreite Volk» auch immer weniger wissen, auf welches Ziel das Land eigentlich hinsteuert, so weiss jeder Kubaner um so genauer, was für Opfer in diesem endlosen período especial verlangt werden.

«Wir haben schwierige Jahre hinter uns, selbst in der fruchtbaren Vuelta Abajo sind die Menschen mangelhaft ernährt», gibt der Agronom Fernando Piña, den wir in einer casa de tabaco in Pinar del Río treffen, offen zu. Der tabacalero, ein hagerer Mann mit einem fein gezwirbelten Schnäuzchen, sitzt unter einem überlebensgrossen Foto des comandante en jefe und ist um Erklärungen für die unerfreuliche Lage nicht verlegen. Als erstes verweist er auf die ungünstigen klimatischen Bedingungen der letzten Jahre mit heftigen Regenfällen und Durchschnittstemperaturen von bis zu fünf Grad unter dem langjährigen Mittel. Piña schüttelt den Kopf. «Es sieht ganz danach aus, dass sich das Klima wirklich ändert.» Im letzten Jahr verfaulte ein grosser Teil der Tabaksetzlinge, so dass die ganze Arbeit ein zweitesmal getan werden musste. Vor vier Jahren war der Hurrikan «Andrew» über die Vuelta Abajo getobt und hatte einen grossen Teil der Hütten zerstört, in denen der Tabak nach der Ernte fermentiert wird.

Piña will auch nicht verschweigen, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion die kubanische Tabakproduktion schwer getroffen habe. Als die sozialistische Bruderhilfe mit einemmal ausblieb, fehlte auch das Geld für Dünger und Spritzmittel. «Wir mussten zusehen, wie Schädlinge die Ernte vor unseren Augen verzehrten und wie sich der moho azul, der Blauschimmel, in den Feldern verbreitete.» Ausserdem habe es Schwierigkeiten gegeben mit der Bereitstellung der Stoffüberdachung, mit der die Deckblätter vor der Sonne geschützt werden müssen. Die Folge: Den Zigarrenfabriken fehlte es an Deckblättern für erstklassige puros in stattlichen Formaten wie die heiss begehrten Lonsdales, Particulares oder Fabulosos. Insgesamt ist die Produktion von Havannas für den Export von durchschnittlich 100 Millionen Stück auf 60 Millionen im letzten Jahr zurückgegangen. Auch die Havanna ist zur Mangelware geworden, und die Einnahmenverluste kumulierten sich zwischen 1990 und 1994 nach Schätzungen von kubanischen Tabakfunktionären auf rund 500 Millionen Dollar.

Aber ein kubanischer Funktionär wäre ein schlechter Funktionär, würde er nicht allen Widrigkeiten zum Trotz ungebrochenen Optimismus verbreiten. Die letzte Ernte sei bereits besser als die vorherige, wenn auch nicht ganz so gut wie erwartet, sagt Piña. Immerhin dürften im nächsten Jahr rund 65 Millionen Havannas für den Export produziert werden können, 5 Millionen mehr als im Jahr zuvor. Und in zwei, drei Jahren, hofft Piña, sollte die Produktion ihr übliches Niveau von 100 Millionen Stück wieder erreichen - dank einer Reihe von Massnahmen, die nun getroffen worden seien.

So wurden beispielsweise, um den Ankauf von Dünge- und Unkrautvernichtungsmitteln sowie von tapados vorzufinanzieren, Kreditverträge in der Höhe von jährlich 40 Millionen Dollar mit Havanna-Importeuren abgeschlossen, wobei die spanische Firma Tabacalera, die jährlich zwischen 40 und 60 Prozent der Zigarrenproduktion Kubas und 75 Prozent der Tabakblätter aufkauft, mit 25 Millionen den Löwenanteil beisteuert; kleinere Kredite stellten das französische Tabakhaus Seita sowie Hunters & Frankau in London zur Verfügung. Mit einer sanften Lockerung des bisherigen Systems der fixen Abnahmepreise sollen ausserdem die Tabakbauern zu Produktionssteigerungen motiviert werden: für die aktuelle Ernte wurden zum erstenmal Leistungsanreize für Planübererfüllungen in Dollars ausbezahlt, und der Tabakbauer bekommt auch mehr Geld, wenn er seine Produktion von Deckblättern in Exportqualität steigern kann. Bestehen bleibt aber das Prinzip, dass die staatlichen Tabakhäuser ein Ankaufsmonopol haben.

Auf der langen Reise, die das Tabakblatt zurücklegt, ehe es zur Zigarre und schliesslich zu Rauch und Asche wird, ist die casa de tabaco die nächste Station. Zu Bündeln zusammengepackt und zu Stapeln gehäuft, soll es hier erst einmal tüchtig schwitzen und dabei mittels Fermentation jene chemische Veränderung durchlaufen, nach der es seinen Geschmack und sein Aroma erst recht zur Geltung zu bringen vermag.

Fernando Piña lässt uns eine traditionelle casa de tabaco zeigen, eine einfache Scheune, in der mit einer Lauge aus Tabakstengeln befeuchteter Tabak zur Fermentation gebracht wird. In der casa de tabaco ist es heiss und feucht wie in einem türkischen Bad, die Luft geschwängert vom scharfen, stechenden Geruch des gärenden Tabaks, der still vor sich hin arbeitet. Ein Aufseher steckt ein Thermometer in das Herz eines grünbraun glänzenden Tabakstapels. Es zeigt 40 Grad. Bei 42 Grad müsste er eingreifen und den Haufen umschichten, damit die Fermentation gleichmässig verlaufe, sagt er.

Sehr präzise ist diese Methode freilich nicht, weshalb auch in Kuba der Tabak mehr und mehr statt in traditionellen Scheunen in klimatisierten Calfrisas fermentiert wird. Hier kommen die angelieferten Bündel in eine Art Treibhaus, das aus verschiedenen mit Schaumstoff ausgekleideten Räumen besteht. Am Boden zirkuliert Wasser, zusätzlich wird Hitze zugeführt. In durchschnittlich 25 Tagen wird so die Fermentation bei 85 bis 90 Grad Luftfeuchtigkeit und einer konstanten Temperatur von 36 Grad Celsius durchgeführt. Stolz funkelt aus den Augen des Aufsehers, als er uns die Kontrollapparaturen, das Heizaggregat und die Steuereinheit von Siemens zeigt. Doch - ärgerlicher Zufall? - just als wir die moderne Calfrisa besuchen, kommt es zu einem Stromausfall. Die Heizanlage steht still, wie zuvor der Lada.

Gut, dass die kubanische Tabakindustrie bis heute im wesentlichen eine Industrie ohne Maschinen geblieben ist. Verlässlicher als jede Klima- oder Heizanlage, als jeder Apparat, jede Maschine oder jedes Fahrzeug auf dieser Insel sind die Augen und die Hände der Frauen, der descogedoras, die, in langen Reihen auf einfachen Hockern sitzend, in der nahen Halle die fermentierten Blätter nach Grösse, Stärke und Qualität in zuerst 10 und dann nochmals in 12 Untergruppen sortieren. Nun müssen die so geordneten Blätter noch einmal gebündelt und dann verpackt werden: die capas in Palmrinde, die weniger edlen tripas in Jutesäcke. Der Tabak ist bereit für Havanna, die Stadt der berühmten Zigarrenmanufakturen mit wohlklingenden Namen wie La Corona, Romeo y Julieta, El Laguito oder Partagas. PARTAGAS. REAL FABRICA DE TABACOS. Die älteste, 1845 gegründete Zigarrenfabrik Kubas steht mitten im Zentrum von Havanna. Die Fassade der dreistöckigen Fabrik mit ihren Balkonen wie Opernlogen ist auffallend hübsch herausgeputzt, als hätte hier «Carmen» demnächst Premiere. Durch die hohen, rot, gelb und blau gefärbten Fenster fällt schummriges Licht in den Innenhof der Tabakfabrik. Staubpartikel tanzen in der Luft. An den Wänden hängen vergilbte Fotos von Fidel Castro und Che Guevara. Mit Parolen wird begrüsst, wer durch das grosse Tor zur Arbeit schreitet.

«Con mayor eficiencia venceremos.»

Ein kleine, temperamentvolle Dame mit einer Panatela zwischen den Lippen nimmt sich unserer an und begleitet uns zu einem Drahtverhau, der sich als Fahrstuhl entpuppt. Auf der Fahrt weiss sie zu berichten, dass das Tabakblatt nun noch neun weitere Stationen zu durchlaufen habe, ehe es die Fabrik, als in Kisten verpackte Zigarre, verlasse. Die erste Station befindet sich bei Partagas im Keller, in andern Fabriken direkt unter dem Dach. Es ist die moja, wo der mojador, der Anfeuchter, mit weisser Gummischürze über dem nackten Oberkörper die getrockneten Tabakblätter einer feinstrahligen Dusche aussetzt. Der mojador wedelt die getränkten Blätter durch die Luft, um das Übermass an Feuchtigkeit abzuschütteln, und lässt die Blätter einige Zeit ruhen, bis sie ganz seidig und filigran geworden sind.

Es folgt der despalillo, das Entfernen der Zentralrippe des Tabakblattes. Dunkelhäutige Frauen mit bunten Kopftüchern verrichten diese Arbeit, es sind die Schönen mit den nackten Schenkeln, von denen die Legende berichtet. Die Frauen sitzen im Kreis auf einfachen Ledersesseln, vor sich ein Bündel mit Tabakblättern, aus dem sie sich Blatt für Blatt herausgreifen und auf ein Brettchen betten, das sie auf ihren Schenkeln liegen haben. Flink wird mit Daumen und Zeigefinger das Geäst in der Mitte des Tabakblattes herausgelöst, Stück für Stück werden die Blätter noch einmal glattgestrichen und nach den verschiedensten Farbschattierungen, vom grünlichen bis zum tiefsten Braun, geordnet. In der liga werden die Tabakblätter schliesslich noch einmal je nach Aroma, Stärke und Brennbarkeit sortiert und in seco, ligero und volado unterteilt. Erst jetzt sind die Tabakblätter bereit, um - gemischt je nach Marke, die gefertigt werden soll - dem Zigarrenroller übergeben zu werden, dem torcedor.

Die Partagas-Fabrik beschäftigt 150 torcedores, und alle sitzen aufgereiht wie in einer Galeere in einem grossen Saal: Alte und Junge, Schwarze, Braune, Weisse, Männer und Frauen, viele mit dicken Zigarren im Mundwinkel. Am Ende des Saals steht eine Bühne mit einem Klavier und einem Pult für den Vorleser, den lector de tabaquería. Doch an diesem Morgen ist dem Vorleser wohl die Lektüre ausgegangen: keine Rede von Fidel Castro, keine Nachrichten aus der offiziellen Zeitung «Granma». So stellt er wenigstens den Besucher vor, worauf die torcedores zur Begrüssung kurz mit ihrem Rundmesser, der chaveta, auf ihr Unterlagebrett klopfen, um sich dann noch etwas emsiger an die Arbeit zu machen.

Flink legt der Zigarrenmacher zwei bis vier Einlageblätter der Länge nach aufeinander und rollt sie in die zwei Hälften des Umblattes. Es entsteht der Wickel oder die Puppe, die in einer hölzernen Form, dem molde, gepresst werden muss. Mit der chaveta schneidet der Zigarrenmacher das Deckblatt zu, legt die Puppe schräg darauf und wickelt sie sorgfältig in den seidenen Mantel, der der Zigarre das hübsche Aussehen gibt. Das Ende wird mit einem Tröpfchen pflanzlichen Klebstoffs festgeklebt.

Nun noch einmal rollen, das Mundstück ausschneiden, mit goma festkleben, die Feuerseite glatt schneiden. Der Zigarrenmacher arbeitet mit den präzisen Gesten eines Uhrmachers, und je nach Fertigkeit ist er einer von drei verschiedenen Kategorien zugeteilt. Die unterste Stufe der Hierarchie ist für die Herstellung kleinerer Formate bis zur Grösse Kleine Corona zuständig, die mittlere für Coronas und grössere Formate, während die höchste Kategorie die Spezialformate fertigen darf.

Der Mann im blauen Leibchen wird uns als Star der Fabrik präsentiert. Morgens um elf haben seine virtuosen Hände bereits 45 Montecristo Nr. 2 gerollt, sogenannte pirámides. Sie liegen Stück für Stück aufgereiht auf der mit Fotos aus einem Katalog für weibliche Unterwäsche geschmückten Ablage über seinem Arbeitspult und gleichen sich wie ein Ei dem andern. Am Abend dürften es um die 150 sein, 40 mehr, als das Plansoll für Zigarren dieses Formats vorschreibt. Das bringt dem Zigarrenroller am Monatsende einen Bonus, der in Dollars ausbezahlt wird. Manchmal sind es drei, ein anderes Mal vier. Sein Monatsverdienst beläuft sich trotzdem auf nicht mehr als umgerechnet 15 Dollar - wenig mehr als eine Montecristo Nummer 2 bei uns im Laden kostet. Die junge Frau neben ihm rollt Cohiba Siglo I, der junge Bursche am Tisch davor fertigt Coronas der Marke Bolivar.

Er hat eben 50 dicke sandbraune Coronas fertig gemacht und bindet sie nun mit einem gelben Band zu einem Bündel, einem sogenannten Halbrad, zusammen. Dergestalt kommen die Zigarren zur Qualitätskontrolle, wo mittels Stichproben Länge, Gewicht, Festigkeit, Glätte des Deckblattes sowie der Schnitt an den Enden geprüft werden. Es folgt die Kühlkammer, wo die Zigarren in einem Schrank aus Zedernholz ihre überflüssige Feuchtigkeit verlieren und die letzte Wärme der Fermentation aushauchen.

Nun könnte man die Zigarren mit Genuss rauchen, aber noch einmal, damit der Tabak nicht nur den Gaumen, sondern auch das Auge erfreut, müssen die puros nach Farben sortiert werden. Dann packt der Sortierer je 25 Zigarren, unterschieden in die verschiedenen Grundfarben - sangre de toro, encendido, colorado encendido, colorado, colorado pajizo und clarismo -, in die Kisten: die dunkelste Zigarre immer ganz links und die anderen nach den Schattierungen so gestaffelt, dass die hellste rechts liegt. Fehlt allein die Bauchbinde, die der Zigarre ihren klangvollen Namen gibt: Hoyo de Monterrey, Cohiba, Juan López, El Rey del Mundo, La Gloria Cubana.

Da stehen sie nun zum Versand bereit. Tabak, in 300 verschiedenen Operationen zu Havannas geworden und verpackt in unzählige Kistchen, exotisch verzierte Wunderlampen des Rauchgenusses. Mit Goldmäander und einer königsblauen Schriftleiste ist die Kiste einer Partagas umrandet, zitronengelb das Firmenetikett mit einem geschwungenen Volutenband in Altrosa und dem zinnoberroten Werbeschwibbogen: Flor de Tabacos, Superiores de la Vuelta Abajo, Habana, Fábrica de Cigarros Puros; dann stempelgrün, ins verschossene Oliv wechselnd, die República-de-Cuba-Banderole, das Medaillon mit dem Palmenstrand, das Wappen von Havanna; der Staat garantiert für die Echtheit des Produkts. Wer nach Kuba kommt, sollte vor allem darauf achten. QUIERE UNA CAJETA DE PUROS? Die Frage wird dem Reisenden an jeder zweite Strassenecke gestellt. Für 25 Dollar wird die Kiste Cohibas feilgeboten, und die Geschichte, die dazu erzählt wird, ist stets dieselbe. Der Bruder arbeite in der Zigarrenfabrik und erhalte als Lohnbestandteil, als sogenannte fuma, zwei Kisten Cohibas. In Wirklichkeit sind die zu einem Zehntel des effektiven Preises angeboten Zigarren nichts anderes als mehr oder weniger gelungene Fälschungen: ordentliche Zigarren aus Tabak minderer Qualität können es sein, aber auch schreckliche Stinker aus Tabakschnipseln und Bananenblättern, verpackt in gestohlene Kisten und geschmückt mit den Bauchbinden nobler Marken.

Aber wer möchte es einem Strassenjungen in zerschlissenen Hosen und löchrigem Hemd verargen, wenn auch er, ganz privat, ein bisschen Anteil haben möchte am Ruhm der berühmten Havanna? Unerschwingliches Luxusprodukt und gleichzeitig Ikone der kubanischen Revolution, ist die Zigarre in diesen Zeiten des período especial zum wichtigen Überlebensmittel geworden.

Dieses Kuba im achtunddreissigsten Jahr der Revolution ist nicht so, wie es sich der comandante en jefe wohl einmal vorgestellt hat. Havanna, das Antillen-Venedig der majestätischen Paläste und tausend Plätze, zerfällt. Vom Kolonialbarock bröselt der Putz, verblichene Farben, Dächer sinken müde in sich zusammen. Durch die knapp beleuchteten Gassen pirschen junge Burschen, bieten sich als Fremdenführer an. Andere machen Jagd auf die Handtaschen unvorsichtiger Touristen.

Wir wappnen uns mit einer Robusto von Romeo y Julieta und schlendern den Prado, die ehemalige Prachtstrasse, hinunter zum Meer, an den Malecón. Auf dem Platz vor dem Hotel Nacional gibt eine Salsa-Band ein Gratiskonzert. Trommeln wirbeln, ein schwarze Frau singt mit heller Stimme. Am Strassenrand warten die Schönen der Nacht auf Freier mit Dollars im Portemonnaie, als wäre der dekadente Fulgencio Batista nie vertrieben worden.

«Vamos a la discoteca!»

Der Geist der Revolution ist längst verraucht, langsam und stetig wie eine Gran Corona.

Che Guevara ist nicht mehr, und Fidel Castro hat vor einigen Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Die Zigarre, der puro, wird bleiben - und das Leben der Menschen auf dieser Insel weiterhin prägen, nachhaltiger als jede Ideologie. Kuba, la tierra del mejor tabaco del mundo.




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