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NZZ Folio 05/09 - Thema: Do it yourself Inhaltsverzeichnis
Was der Storch bringt
© ATLAS GROUP, Polen, www.atlas....
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| Der Storch, Symbol des Glücks, weist den Weg zu Atlas, Polens Heimwerker-Eldorado. |
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Heimwerker wird, wem etwas fehlt – es sei denn, er habe es im Überfluss: Über den polnischen «Onkel» und den amerikanischen «Handyman».
Von Peter Haffner
Nicht lange nach dem Kollaps des Kommunismus in Polen begegneten sie einem auf Schritt und Tritt. Sie standen auf hohen Holzstangen, entlang der Landstrasse, vor Dörfern und Weilern, in denen der Sommer ereignislos schön war wie immer. Es waren Störche, lebensgross, mit einer kleinen Tafel, auf der «Atlas» stand.
Meine Vermutung, es handle sich um eine Aufklärungskampagne der katholischen Kirche über die wahre Herkunft der Kinder, erwies sich als falsch. Es war Werbung für Baumaterialien, die in Läden überall neu in die Regale kamen. Ein Verkaufsschlager in diesem Land der Mangelwirtschaft, in dem man eine Party hatte steigen lassen, wenn es einem gelungen war, ein Dutzend Rollen Toilettenpapier zu ergattern.
Der Zufall will es, dass Andrzej Walczak, der Gründer der Firma Atlas, ein flüchtiger Bekannter meiner Frau ist. Sie hatte ihn in ihrer Studienzeit kennengelernt, als sie durch Deutschland trampte. Walczak war Architekt und hatte die Nase dafür, was seine Landsleute wollten, nun, nachdem sie die Freiheit errungen hatten: ihr Heim verschönern, wenn nicht überhaupt selber bauen. In seinem Büro in Lodz experimentierte Walczak mit Zementmischungen, bis er die beste für jeden Verwendungszweck raushatte. Er war ein Perfektionist, der nicht auf das schnelle, sondern auf das gute Geschäft aus war. Seine Produkte waren solid und das Konzept, sie an die Kundschaft zu bringen, ingeniös: ein Verteilernetz, das sich bis in die Provinz erstreckte und es einem ersparte, in die Hauptstadt Warschau reisen zu müssen, wo man dann doch nicht fand, was man suchte. Die Werbung – der Storch auf der Stange – war auffällig und sympathisch, gilt der Vogel doch den Polen als Symbol von Glück.
In wenigen Jahren wurde Walczak einer der reichsten Männer des Landes. Der Erfolg seiner Mission sprang in die Augen. Häuser mit dem Charme einer runzligen, zahnlosen Alten, die seit Jahren nicht mehr aus ihren Röcken gekommen ist, glänzten in neuer Jugendfrische. Bunte Kacheln in der Küche, ein Parkett in der guten Stube, eine Dusche, die funktionierte, ohne dass man auch im Lavabo den Hahn aufdrehen musste: Polen war im Westen angelangt. Dass es so rasch ging, war paradoxerweise der letzte Triumph des Sozialismus. Er hatte nichts Brauchbares produziert – bis auf einen Überfluss an Talent zum Do-it-yourself.
Professionelle Handwerker, die etwas getaugt hätten, gab es in der Staatswirtschaft nicht. Wer etwas installiert oder repariert haben wollte, musste es selber tun, und da ordentliches Werkzeug und gute Materialien inexistent oder unerreichbar waren, behalf man sich mit Improvisation. Das machte jeden zum Robinson Crusoe: verschlagen auf eine Insel und beschränkt auf das wenige, was die Gezeiten der Geschichte ins Land gespült hatten. Das Resultat war ein Reichtum an Provisorien, Phantasie und purer Poesie. Noch heute sehe ich den Kleiderladen vor mir, wo zwischen Miederwaren ein dickes Rohr aus dem Boden ragte, sich wie ein Wurm in der Luft krümmte und dann wieder im Boden verschwand. Niemand hätte zu sagen gewusst, ob darin Gas, Wasser oder gar etwas zirkulierte, wonach man lieber nicht fragte.
Waren die Polen Heimwerker aus Not, sind es die Amerikaner aus Nostalgie. Mit der von ihnen begründeten Do-it-yourself-Bewegung setzen sie die Geschichte der Pioniere fort. Die Erinnerung an die Siedler, die in der Neuen Welt Wurzeln schlugen, wird nicht nur in Erzählungen lebendig gehalten. Kürzlich musste mein Sohn, ein Drittklässler, in einer Projektwoche das Modell einer Unterkunft europäischer Einwanderer bauen. Er bastelte ein «Dugout», eines jener mit Holz abgestützten Erdlöcher im Hang eines Hügels, dessen Aussenwand mit Fenster und Türe ausgestattet war; schwedischen Familien im Mittleren Westen hatte das als erstes Heim gedient.
Als er das Ding fertighatte und unsere Küche aussah, als hätte jemand einen Kübel Schlamm über den Deckenventilator gekippt, transportierten wir es in die Schule. Die Eltern waren eingeladen, die Werke zu bewundern, die von den Knirpsen in Vorträgen vorgestellt wurden. Sie drängten sich um die Blockhütten, Grasziegelhäuser und Tipis mit glänzenden Augen, in denen der Stolz auf ihre Sprösslinge stand wie die Sehnsucht, wieder da anzufangen, wo ihre Vorfahren angefangen hatten – in jenem Eldorado, in dem die Luft nach Abenteuern und nicht nach Fertigpizza roch. Was davon geblieben ist, heisst heute «Home Improvement». In den zahllosen Baumärkten, die Material und Werkzeug für die Ausbesserung oder Errichtung eines Eigenheims feilbieten, kann selbst der verwöhnte Westeuropäer etwas von dem nachempfinden, was die armen Brüder und Schwestern hinter dem Eisernen Vorhang überkam, als sie erstmals in einem westlichen Supermarkt standen und weinten.
Allein zwischen den Regalen durchzuschlendern, kommt einem Sonntagsspaziergang gleich; eine Geruchsorgie von Farbe, Gummi, Holz und Rohmetall, die nicht weniger intensiv ist als die eines Frühlingstags. Wer die Einkaufsliste beisammenhat, kann alles besorgen, was er zum Bau eines Heimes jeder Grösse braucht – von der Kettensäge, um das Grundstück zu roden, über die Roh- und Feinmaterialien des Gebäudes bis hin zur Fahnenstange mit dem Sternenbanner für den Vorgarten. Mein liebster Baumarkt, Friedman’s, bringt es in seinem Slogan auf den Punkt: «If we don’t have it, you don’t need it.»
In der mit «Hard to find» überschriebenen Abteilung sieht man das bestätigt. Da kann man etwa eine «Kickplate» finden, einen Metallbeschlag für die Türe, damit man sie per Fusstritt aufstossen kann, ohne dass sie splittert, oder den praktischen «Universal Perfect Stop», einen Gummiball, der an einer Schnur von der Garagendecke hängt und einen auf die Bremse zu treten mahnt, sobald er die Windschutzscheibe berührt. Das Bild auf der Packung – ein Produkt der Firma Genie – zeigt einen Autofahrer, der mit einem Ausdruck glückseliger Blödheit auf die gelbe Kugel vor seiner Nase glotzt, als sei sie das Goldene Vlies. Was für ein Land, in dem so etwas nicht unerfunden bleibt!
Bemerkenswert ist, dass die Überflussgesellschaft Amerikas und die Mangelwirtschaft eines Landes wie Polen denselben Typus des Heimwerkers hervorgebracht haben. Das hat drei Gründe: In beiden Ländern ist der Bevölkerungsanteil der Hausbesitzer hoch, die Bauqualität der Häuser dürftig, und gute Handwerker sind schwer zu finden. Wer wie der Schweizer Durchschnittsmieter gerade so viel Do-it-yourself-Talent besitzt, wie nötig ist, um eine Glühbirne auszuwechseln, hat es unter solchen Umständen schwer, selbst als blosser Mieter. Ist es doch nicht ungewöhnlich, dass den Vermieter Kleinigkeiten wie eine geborstene Wasserleitung oder ein undichtes Dach kaum kümmern.
Wer so etwas nicht selber in Ordnung bringen kann, braucht einen jener guten Geister, die in Amerika «Handyman» und in Polen «Onkel» heissen. Sie sind so rar, dass sie umhegt und umsorgt werden wie Freunde, auf die man in der Not will zählen können. Als wir in Polen lebten, war uns ein solcher «Onkel» von einer – richtigen – Tante vermacht worden. Ein hageres Männchen mit goldenen Händchen, vermochte Herr Scieszko mit einem lächerlich armseligen Arsenal von Werkzeugen Wunder jeder Art zu vollbringen. Für seine Arbeit verlangte er nicht viel. Mehr als vom Geld zehrte er von der Anerkennung seiner meist aus alleinstehenden Damen bestehenden Kundschaft, die ihn mit pikanten Würsten und obszön süssen Kuchen in Stimmung brachte, das Loch in der Wand zu stopfen oder die lecke Gasleitung abzudichten.
Einen solchen «Handyman» aufzutreiben, war nicht einfach, als wir nach Kalifornien zogen. Schliesslich fanden wir ihn in Jacob, einem Künstler, der weder eine Ausbildung noch eine Lizenz für all die Arbeiten hat, die er fachgerechter erledigt als jeder Handwerker – von Telefonanschlüssen über die Naturgaszufuhr bis zur Heisswasserversorgung hat er in unserem Haus alles gemacht, was so anstand. Für 35 Dollar die Stunde statt 150, wie sie einer der notorisch schlampigen Klempner in Rechnung stellt. Jacob, 36-jährig, hat Übung, weil er sein Haus selber gebaut hat – in der Wildnis, wo sich die Berglöwen und Klapperschlangen gute Nacht sagen. Letzteren, hat er erzählt, macht er gern den Garaus und grilliert und serviert sie seiner sechsköpfigen, überraschend urbanen Familie zum Dinner.
Jacob, der Amerikaner, ist wie viele seiner polnischen Kollegen nicht nur ein handwerklicher Allrounder, sondern auch kulturell gebildet. Meist waren es Akademiker gewesen, die in unserem früheren Haus in Warschau grössere Arbeiten erledigten wie Böden versiegeln, Wände streichen oder die Fassade renovieren. Was einen nicht selten ins Gespräch brachte über Themen wie die neusten Erkenntnisse der Kosmologie, die Fortschritte im Beweis der Fermatschen Vermutung oder die Frage des Ichs in der Erzählkunst der Moderne. Man konnte sich in einem absurden Theaterstück glauben, wenn man sie so reden hörte, Männer in verklecksten Klamotten mit Kübel und Pinsel in der Hand.
Womit wir zurück zu Andrzej Walczak kämen, dem polnischen Multimillionär, der sein Imperium mit Zementmischen in seiner Büroklause begründete. Auch er ist ein Intellektueller und, dank seinen Mitteln, nun ein Förderer der Künste. Seiner Heimatstadt Lodz ist er treu geblieben, hat dort eine Galerie aufgemacht und den Filmemacher David Lynch ans Camerimage-Festival geholt. Die beiden sind enge Freunde geworden, und Lynch ist häufig in der Stadt anzutreffen, wo er auch Land gekauft hat für eine «Peace Factory» seines Gurus Maharishi Mahesh Yogi. Die einstige Metropole der Textilindustrie hat es dem Meister des schwarzen Surrealismus nicht irgendwelcher Schönheit, sondern der zerfallenden Backstein-Fabrikanlagen wegen angetan. Sie sollen als Kulisse eines Filmes dienen, zu dem Walczak das Drehbuch geschrieben hat.
Bis dahin werden sie wohl im Verfallstadium bleiben müssen trotz den Heerscharen talentierter Heimwerker, die seine Firma Atlas mit allem ausgerüstet hat, was zu ihrer Rettung nötig wäre.
Peter Haffner ist Korrespondent des «Tages-Anzeiger-Magazins» in Kalifornien.
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