NZZ Folio 10/04 - Thema: Studenten   Inhaltsverzeichnis

4,0 Prozent Rendite

© Julian Salinas
Danja Marazzi, 6. Sem. Linktext
Was Studenten kosten, was sie nützen: eine Analyse aus Sicht der Steuerzahler.

Von Markus Schneider

Eine staatliche Universität ist kein Marktplatz. Die Konsumenten, die sich Studenten nennen, zahlen keinen Preis. Die Produkte werden von den Fakultäten angeboten, aber nicht verkauft. Es kommt auch kein Besitzer vorbei, der kontrolliert, wie seine Mittel verwendet werden.

Der Mann, der das so analysiert, ist, wie könnte es anders sein, studierter Ökonom. James Buchanan hat 1986 den Nobelpreis erhalten und kommt von der amerikanischen George Mason University in Virginia, die zu 98 Prozent privat finanziert ist. Nebenbei hat Buchanan das Center for Study of Public Choice gegründet, zu 100 Prozent privat, und die dortigen Fellows fordern jetzt gerade die Privatisierung der Gefängnisse, oder sie erklären die aktuellen Kriege als «Marktplatz für Märtyrer» und fragen sich allen Ernstes, ob man auch mit Banditen in Westafrika ganz normal Handel treiben könne.

Im Unterschied zu amerikanischen Institutionen bietet eine Schweizer Universität den sprichwörtlichen free lunch, den es gemäss der ökonomischen Lehre, wie sie auch bei uns doziert wird, nicht gibt. Nichts ist wirklich gratis; und ist trotzdem etwas gratis, zahlt einfach jemand anders dafür. Ganze 3 Prozent ihrer Einnahmen erhalten die hiesigen Hochschulen von privater Seite, wobei hier neben den (tiefen) Semestergebühren auch alle Spenden der Sponsoren berücksichtigt sind. Den grossen Rest – 97 Prozent – überweisen die Steuerzahler. Anderswo ist der staatliche Anteil auch beachtlich, aber tiefer. In Deutschland beträgt er 92 Prozent, in Schweden 88, in Frankreich 86, in den Niederlanden und Italien 78, in Kanada 61 und in den USA lediglich 33 Prozent.

Der hohe Grad der Schweizer Hochschulsubventionierung hat soziale Wirkungen, und um sie zu begreifen, muss man nicht unbedingt Nationalökonomie studiert haben. «Die vielen Dummen werden besteuert, um den wenigen Klugen zu einem höheren Einkommen zu verhelfen», spasste einst der deutsche Bildungsökonom C. C. von Weizsäcker. Ausreichend klug, um in den Genuss der Privilegierung zu kommen, ist in der Schweiz eine schmale Schicht: Bloss 13 Prozent der Jugendlichen schliessen ein Hochschulstudium ab, in den andern Industriestaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sind es im Durchschnitt 26 Prozent. Rechnet man Fachhochschulen hinzu, sind es bei uns knapp 19 Prozent, in der OECD gut 30 Prozent.

«Wieso soll ein Schreinerlehrling, der jeden Tag um sechs Uhr früh aufstehen und einen geringen Lohn akzeptieren muss, eine Universitätsausbildung mitfinan zieren?» fragte jüngst Gottfried Schatz, bis 1999 Professor am Biozentrum der Universität Basel, in einem Interview mit der «Weltwoche». Die Studenten sehen das naturgemäss anders. «Studiengebühren sind ein Unsinn, weil sie die Chancengleichheit weiter gefährden», sagte Esther Christen, Co-Präsidentin des Verbands Schweizerischer Studierendenschaften (VSS), in der «WOZ».

Chancengleichheit freilich kann kein Staat der Welt garantieren, politische Experimente verschiedener Art sind misslungen. In der Praxis wäre das Paradies schon erreicht, wenn möglichst alle Kinder möglichst gleiche Startchancen hätten. Die Betonung liegt auf dem Wort «Start». In der Vorschule, bei uns noch immer Kindergarten genannt, und in der Primarstufe vernachlässigt die Schweiz ein enormes Potential, wie spätestens die Pisa-Studie gezeigt hat. Am Ende der schulischen Laufbahn – an Universitäten, an den ETH – kommt der Ruf nach Chancengleichheit reichlich spät; da zeigt sich höchstens, was vorher verpasst worden ist.

Hiesige Äpfel fallen nicht weit vom Stamm. Wer es heute an die Uni schafft, hat mit 60 Prozent Wahrscheinlichkeit einen Vater mit Matura, mit 33 Prozent Wahrscheinlichkeit einen Vater mit Hochschulabschluss. «Selbstrekrutierung» nennt das der Berner Politikwissenschafter Klaus Armingeon, die besonders häufig in Ärztefamilien zu beobachten sei.

So gesehen erzielen die öffentlichen Mittel geringe Wirkung. Der Staat steckt 2,5 Milliarden Franken im Jahr in seine zehn Universitäten und 1,7 Milliarden in seine beiden ETH, ohne dass es gelingen würde, die höchsten Bildungsstätten für die unteren Schichten zu öffnen. «Der heute sehr günstige Studienzugang dürfte tendenziell eher eine Subvention der Bessergestellten darstellen», schreibt Hans-Ulrich Doerig, Vizepräsident des Universitätsrates Zürich und Vizepräsident der Credit Suisse, in seiner Studie, die er für den konservativen Arbeitskreis Kapital und Wirtschaft verfasst hat. Man könnte den Sachverhalt auch krasser formulieren: Die 2,5 plus die 1,7 Milliarden Franken im Jahr fliessen zum grössten Teil zu den Reichen, deren Kinder ohnehin studieren würden, selbst wenn es nur teure Privatuniversitäten gäbe.

Wäre die Schweizer Hochschule eine Übungsaufgabe in einem Seminar für angewandte Ökonomie, was würden kluge Studenten empfehlen (unter der Bedingung, dass sie nicht an ihre eigene Situation denken dürfen)? Vielleicht eine vollständige Privatisierung, aber flankiert durch den Staat, der seine Mittel gezielt einsetzen müsste, nämlich für zusätzliche Stipendien und grosszügige Darlehen. Bildungsdarlehen, erleichtert durch staatliche Vorzugsbedingungen, sind sozialer als ihr Ruf. So wie der Bauer in ein Huhn investiert, weil es später Eier legt, so ist es mit einem Studium: Es muss sich rechnen. Dann investieren die Leute auch in sich selbst.

Noch lohnt sich ein Studium in der Schweiz. Aber nur noch knapp. Und vor allem nur deshalb, weil die Gebühren so tief sind. So analysiert es – wieder – ein Ökonom. Bernhard Weber hatte einst an der Universität Bern fast gratis Ökonomie studiert, danach seinen Computer mit Daten gefüttert und ein Resultat erhalten, das er «Bildungsrendite» nennt. Weber ist nach den Regeln der Zunft vorgegangen, berücksichtigt hat er den Lohnausfall, den Studenten während durchschnittlich neun Semestern erleiden, wie auch die tiefen Semestergebühren und die Auslagen für Bücher. Auf der andern Seite ziehen die Studenten selbstverständlich einen Gewinn heraus: Er ergibt sich aus dem höheren Lohn, den Universitätsabsolventen erzielen.

Resultat: Ein Studium an einer Schweizer Universität rentiert im Schnitt mit 5,1 Prozent. Das tönt, gemessen an einem Sparbüchlein bei der Bank, nach viel, ist aber für eine Investition in die Zukunft wenig. Jeder Schweinezüchter, der seinen Stall ausbaut, muss bei seiner Bank eine höhere Renditerechnung vorlegen, um kreditwürdig zu sein.

Der direkte Vergleich zeigt, wo in der Schweiz auch für Studenten mehr drinliegt: an den Fachhochschulen. Dort ist das Studium kürzer, der spätere Lohn aber vergleichbar; im Fach Betriebswirtschaft verdienen die Fachhochschüler sogar 10 000 Franken im Jahr mehr als Universitätsabgänger. Bernhard Weber hat auch hier gerechnet – und siehe da: An den Fachhochschulen beträgt die Bildungsrendite 8,5 Prozent. Sie erreicht damit ein Niveau, das international üblich ist – und das die Universität eben nicht schafft. Der junge Berner Ökonom hat es dabei nicht bewenden lassen und weitergerechnet. Ihn interessierte nicht nur, ob sich ein Studium aus individueller Sicht lohnt, er bemühte sich zusätzlich um die Perspektive des Steuerzahlers. Weber hat auch hier einen Prozentsatz ermittelt, den er «fiskalische Bildungsrendite» nennt. Die Kosten bestehen aus den Summen der öffentlichen Hand, die in die Hochschulen fliessen und je nach Fach stark variieren (ein Medizinstudium kostet zehnmal mehr als ein Jus- oder Ökonomiestudium); zudem zahlen Studenten keine Steuern, der Staat verliert also Einnahmen. Umgekehrt erhält die Gesellschaft einen Gewinn zurück: Weil Akademiker mehr verdienen, rutschen sie später in eine höhere Progressionsstufe und liefern dem Fiskus mehr Geld ab.

Resultat diesmal: Die Steuerzahler erreichen mit ihren Ausgaben für die Universitäten und die beiden ETH eine Rendite von 4,0 Prozent. Also schon wieder ein tristes Bild: Die Investition in eine Universität lohnt sich, etwa im Vergleich zu Bundesobligationen, kaum. Die Steuerzahler machen «kein grosses Geschäft», sagt Bernhard Weber. Besser schneiden wiederum die Fachhochschulen ab – mit einer Rendite von immerhin 5,2 Prozent. Insgesamt sind die sieben neuen Fachhochschulen, obwohl noch in 60 Teilschulen verzettelt, also ganz gut auf Kurs.

Klar, all das sind theoretische Rechnereien, das ist eine ökonomistische Sichtweise, da werden alle Disziplinen in einen Topf geworfen. «Lohnt sich das Pädagogikstudium im gleichen Ausmass wie das Ökonomiestudium?» fragt der Bildungsexperte Urs Moser von der Universität Zürich und antwortet: «Wohl kaum. Der Staat profitiert aber von einer guten Lehrkraft unter Umständen mehr als von einem guten Ökonomen, nur lässt sich dies nicht ausrechnen.» Moser leitet das Kompetenzzentrum für Bildungsevaluation und Leistungsmessung, und er ist als Phil-Einer oft «erstaunt, auf welch allgemeinem Niveau sich Ökonomen äussern dürfen». Es sei doch «längst bekannt», dass Abgänger von amerikanischen Eliteuniversitäten oder von der Universität St. Gallen bedeutend mehr verdienten als solche von der Uni Zürich. «Nur bildet die HSG weder Romanisten aus noch Kindergärtnerinnen, Historiker oder Krankenschwestern.»

Dennoch: Die ermittelten Bildungsrenditen in den höchsten Bildungsinstitutionen der Schweiz sind, nach internationalem Massstab, erschreckend tief. «Eine Universitätsausbildung lohnt sich kaum mehr», sagt Sil vio Borner, Ökonomieprofessor an der Universität Basel. Im internationalen Wettbewerb wären die Universitäten und die beiden ETH kaum mehr konkurrenzfähig, müssten die Studenten alles selber bezahlen.

Der Ökonom Weber, heute beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) tätig, hat genau das ausgerechnet. Was würde passieren? Selbstverständlich würde die private Bildungsrendite sinken. Nicht gerade ins Bodenlose, aber an den Universitäten und den ETH von 5,1 auf 3,3 Prozent. Auch hier zeigt sich, dass Fachhochschüler, sogar wenn sie ihre Kosten voll zahlen müssten, mit einer knapp respektablen Rendite rechnen könnten: mit 5,5 Prozent.

Man darf diesen Gedanken bitte zu Ende denken. Eine vollständige Privatisierung des Hochschulwesens hätte tragische Folgen – für die Studenten wie für die Steuerzahler. Die Nachfrage nach einem Studium würde spürbar zurückgehen, da viele Jugendliche bei massiv höheren Studiengebühren nicht mehr studieren könnten, nicht mehr studieren wollten oder ins Ausland abwandern würden, wo die Bildungsrenditen höher sind. Die Steuerzahler hätten zwar nichts mehr zu bezahlen, aber die Konsequenzen zu tragen, wenn der akademische Nachwuchs ausbliebe. Bernhard Weber, heute wie gesagt in Staatsdiensten, warnt jedenfalls ausdrücklich vor einer vollständigen Privatisierung, weil dadurch «die privaten Anreize zur Bildungsnachfrage geringer wären, als sie aus gesellschaftlicher Sicht sein sollten».

Damit ist eine weitere ökonomische Theorie angesprochen, die selbstverständlich auch in Schweizer Hörsälen gelehrt wird. Es geht um «positive externe Effekte». Bildung dient nicht nur dem Individuum, das sie geniesst, sondern auch der Allgemeinheit; sie fördert letztlich den «Standort Schweiz», wie Hans-Ulrich Doerig in seiner Studie schreibt. «Die Schweiz als kleine, offene Volkswirtschaft ist darauf angewiesen, international wettbewerbsfähig zu sein.» Der Bankier Doerig meint Werte wie «Flexibilität», «schnellere Aufnahme neuer Technologien», «gesellschaftliche Integration» und fährt programmatisch fort: «Mehr Bildungsinvestitionen führen zu einem höheren Wissensniveau und letztlich über Innovation und höhere Produktivität auch zu einem höheren Wachstum.»

Wie lässt sich der Knoten lösen? Indem alle Beteiligten ihren Beitrag leisten. Die Konsumenten, die sich Stu denten nennen, werden sich etwas stärker an den Kosten beteiligen müssen; das steigert die finanzielle Ausstattung der Hochschulen. Die Anbieter, die sich Fakultäten nennen, müssen, sobald die Studenten einen Preis bezahlen, ihre Produkte verbessern; dadurch erhöht sich die Qualität der Ausbildung. Der Staat, der als Besitzer der Hochschulen kaum kontrolliert, wie seine Mittel verwendet werden, kann dann zusätzliche Mittel in Stipendien und Darlehen investieren; das sorgt für den nötigen sozialen Ausgleich. Diese Massnahmen nützen allen, Studenten wie Steuerzahlern.

Markus Schneider ist Journalist in Zürich. Er hat an der Universität Basel von 1979 bis 1984 fast gratis Nationalökonomie studiert und zusätzlich Stipendien erhalten. 


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