NZZ Folio 12/94 - Thema: Luxus   Inhaltsverzeichnis

Den Dandy gibt es nicht mehr

Ein Aussenseiter ist entbehrlich geworden.

Von Beat Wyss

VOR MIR STAPELN SICH alle einschlägigen Bücher; aufgeschlagen liegen sie da, und ich brüte lust- und fassungslos über den Ausrufzeichen an den Rändern. Ich muss einmal an den Dandy geglaubt haben: zur Zeit seiner letzten Hochform in den sechziger und siebziger Jahren. Damals wurden die Essais und Anthologien publiziert, die mich jetzt angähnen. Der «Flaneur» war ausgebrochen: Alter ego der linken Intellektuellen. Unter seiner Schirmherrschaft durfte man auch einmal in die Konsumsphäre abtauchen nach der Devise: wenn schon Kaufrausch, dann nur mit bestem Stoff.

Und hier beginnt mich der Stoff zu verlassen. Denn um über den Dandy kompetent schreiben zu können, müsste ich mich erst lifestylemässig flott machen. Die Rede vom Dandy besteht aus einem Kanon von Anekdoten, immer wieder gern zitierten Paradoxen und Aphorismen (im Wildeschen Stil von: «Das Leben ahmt die Kunst nach») sowie dem Beweis von Kennerschaft im Bereich schräger Buchtips, Cognacsorten und Mailänder Schuhgeschäfte. Vor ein paar Jahren hätte ich mich noch kundig machen können in der Zeitschrift Transatlantik, etwa unter der Rubrik «Journal des Luxus und der Moden».

«Transatlantik» war das bisher letzte flaneuristische Organ deutscher Sprache, das über den intellektuellen Verbrauchermarkt informierte. Sein erstes Erscheinen 1980 fiel zusammen mit dem Ende des Geistes vom Mai 1968. Die bewegte Studentenzeit war in die Welt der Sage abgesunken, die stalinistische Erstarrung in Konspiration glücklicherweise straflos überstanden; als letzte Lockerung wirkte nun der Neue Hedonismus. Er markierte den Anspruch auf Unterscheidung, den die revolutionäre Altriege und die Langläufer auf dem Marsch durch die Institutionen gegenüber der Hausbesetzerszene und den Autonomen von 1980 erhoben. Mit dem Dandy-Thema trat der gestandene Linksintellektuelle die Zeit der Wende an.

Mitte der achtziger Jahre war aus der literarischen Idee des Flaneurs der Yuppie geboren, der durch blanke Masse die Szene des gediegenen Konsums übervölkerte und damit nach dandyistischen Gesichtspunkten zerstörte. Den real existierenden Produzenten von Luxus und Moden war das nur recht; diese Fiebrigkeit, mit der die Intellektuellen «Kennerschaft» zelebrieren, wirkt, in ihrer geistigen Angestrengtheit, lästig. Der Laufsteg konfektionierter Unterscheidung vom Durchschnittsverbraucher benötigt den Benjamin-Experten nicht; das Spalier belesener Claqueure behinderte die Sicht auf die Schönen und die Reichen nur mit Leuten, die sich diese Welt so richtig doch nicht leisten konnten.

Ich sagte Benjamin-Experten: Walter Benjamins Passagenwerk (1982) gehört zu den Quellentexten der Dandy-Renaissance, auch wenn es da schon etwas zu spät kam. In der Figur Walter Benjamins ist vorweggenommen, was die Flaneur-Nostalgie der Nachkriegszeit wiederholt: Der Dandy ist das Endprodukt utopischen Hoffens. Nach dem Scheitern öffentlicher Revolten bleibt die private. Wie sagt Baudelaire schon 1868? «Das Dandytum ist das letzte Aufflammen von Heroismus in einer Zeit des Niedergangs.» Der Baudelaire-Verehrer Benjamin idealisierte - ein halbes Jahrhundert später - den Flaneur, während sein marxistischer Hintergrund, schon immer brüchig genug, auf den Hund gekommen war. Er streifte durch die Passagen von Paris, sog am herb-süssen Geruch des Luxus, der in Vitrinen auslag, den er sich so wenig leisten konnte wie ein «Transatlantik»-Leser den Jaguar im Inseratenteil.

Die Dandy-Laufbahnen gleichen sich alle: ohne Geld und ohne hohe Geburt, ja nicht einmal von besonders gutem Aussehen, nur kraft seiner Originalität die Wertestruktur des Kapitalismus zu bluffen. Gesellschaftlich auffälliges Leben als Kunst: Ist das nicht die perfekte Utopie des Intellektuellen mit Schreibhemmung, des Homme revolté nach Zusammenbruch der Revolte? Auf jeden Fall ist es der letzte Traum, der bleibt, wenn eine Hoffnung auf das platonische Bündnis zwischen Philosophen und Königen - einmal mehr - verflogen ist. Die gescheiterte Komplizenschaft mit politischer Macht wird inszeniert als ästhetische Attitüde: Ermächtigung des machtlosen Subjekts in Kunstform.

Die Behauptung sei aufgestellt, dass der Dandy, der elegante Bürgerschreck, nichts anderes war als die avancierteste Figur des Bürgertums. Idealtypisch verband er den Glanz der Warenwelt mit ihrer Nichtigkeit. Das Gesetz des Modewandels verlangt von den begehrten Gütern, dass sie sich rasch verschleissen. Der Dandy liefert die dazu passende Ethik: von nichts sich beeindrucken zu lassen, auf nichts sich festzulegen oder zu verlassen, denn alles ist eitel. Der Zwang zur permanenten Erneuerung von Gütern, Moden und Attitüden steht auf dem Gemütsfundament der Stoa. Melancholie gehört wesentlich zur ästhetischen Existenz vor der Kulisse der industriell aufbereiteten Verlockungen. Blasiertheit ist die glänzende Kehrseite der Einsicht, dass die Trauben für mein Portemonnaie sowieso zu hoch hängen.

Schopenhauers «Verneinung des Willens» in Gamaschen und Mahagonistock: Der klassische Dandy ist der Held bürgerlicher Subjektivität, wie er als literarisches Gerücht durch die gute Gesellschaft geisterte. Ich betone: als Gerücht. Der Dandy war immer eine ästhetische Konstruktion, die die bürgerliche Idee der Autonomie vorführte. Von den Tagen Casanovas bis zu den Surrealisten irrlichtert die stilisierte Existenz als Automatenpuppe durch Novellen und Memoiren. Pygmalion gleich haben die Schriftsteller diese Kunstfigur zu literarischem Leben erweckt, aus Sehnsucht nach zweckfreiem Sein in einer zweckrational organisierten Ordnung. Die Figur des Dandys entstammt dem Bedürfnis des Bürgers nach Selbstverzauberung, nach einem Märchen, das berichtet, hinter dem Wald der schnöden Waren webe noch ein Geheimnis, wirke ein Kobold, ein Dandy, der sich aus all dem nichts macht, was uns den Alltag versauert. Der diesem Gerücht schreibend Nachruhm verschafft, gehört - wie jener - zu den letzten Bürgern in einer nachbürgerlichen Zeit des Massenkonsums, den Begriffe wie Verzicht und Subjektivität am gesunden Auswuchern nur hindern würden.

Ich habe hier den Dandy als Warenfetischisten betrachtet; dies ist heute der einfachste Zugang zu dieser historischen Figur, weil uns vom bürgerlichen Zeitalter nur noch der ökonomische Kreislauf des Konsumierens vertraut ist. Ebenso wichtig wäre aber, den Dandy als auffälligen Gesellschaftslöwen zu beschreiben. Doch da merken wir, dass seine soziokulturelle Grundlage nicht mehr tragfähig ist. Es gibt jene zivile Öffentlichkeit mit ihrer einengenden Struktur nicht mehr, die zur Bestätigung der konventionellen Regeln des Aussenseiters bedarf. Die Arbeitsweise des Dandys bestand darin, die Normen durch schöpferische Interpretation ästhetisch zu machen. Er brauchte zum Auftritt die geschlossene Arena der Normalität. Es gibt nun aber keinen Konsens des Verhaltens mehr, keine Konventionen, die erweitert oder übertreten werden könnten. Wer weiss denn noch, wie man mit einem Hut umgeht, wie man ihn aufsetzt, wie und wann man ihn zieht? Einmal aufgesetzt, wirkt er aufgesetzt wie ein Zitat: «Borsalino».

Es gibt auch «die Gesellschaft» nicht mehr, in welcher das Gerücht über den Dandy nacherzählt werden könnte. Eine Stadt zerfällt heute in Haufendörfer von Aussenseitern, die alle auffällig werden, wenn sie an den Binnengrenzen ihrer Clans unfreiwillig aufeinandertreffen. Bei den knapper und schlechter werdenden öffentlichen Einrichtungen, wo sich die Stämme wie das scheue Getier der Savanne an der Wasserstelle treffen, sind Begegnungen unvermeidbar. Nach der Tränke geht jedes Rudel wieder seiner eigenen Wege. Man ist froh, die S-Bahn, den Gang zur Uni, den Gang zum Arbeitsamt hinter sich zu haben, um sich in den Kral zurückziehen zu können. Wer will denn noch öffentlich auffallen? Das tun nur die Halbwüchsigen, die aus der Provinz in die Stadt gekommen sind und vom Dorf her noch einen Rest von öffentlichem Argwohn und Kontrolle erleben. Oder dann halt die Skins - aber das sind keine Dandies.

Angetreten, das Ende des Dandys als Cliché zu demontieren, merke ich jetzt beim Schreiben, dass ich diesem selber verfallen bin. Das Lamentieren über das Zuendegehen (von was auch immer) gehört zum dandyistischen Inventar. Das Ende des Dandy ist Teil seiner Strategie. Es ist kein Zufall, dass die Männer, die der literarischen Figur des Gesellschaftsautomaten ihr Antlitz liehen, immer schon krank, verarmt oder gestorben waren. Dandytum ist stilisierter Nachruhm. Das geht schon los beim ersten Dandy, George Brummell, von dem Fürst von Pückler-Muskau schrieb, er habe einst durch den Schnitt seines Rockes eine ganze Generation beherrscht. 1830 konnte der Fürst, als er Brummell im Exil von Calais besuchte, nur noch das Ende einer tuntigen Existenz konstatieren. Das schlagendste Paradox von Oscar Wilde ist und bleibt sein letztes, das er, auf dem Sterbebett im Hotel des Beaux-Arts, den um ihre Bezahlung besorgten Ärzten hinhauchte: «Meine Herren, ich sterbe über meine Verhältnisse.» Wildes Kunstbiographie sitzt bis zum Schlusspunkt stilistisch perfekt. Der Dandy gehört zu den Dingen, denen man zuschreibt: «Es war einmal . . .» Der gute Ton, die gute alte Streitkultur, Grossmutters Küche, das elegante Reisen auf der Hamburg-Amerika-Linie - das alles sind verschwundene Qualitäten, weil sie, wie der Dandy, die Prosa der Welt nicht ertragen. Dass ihn eine Gehirnentzündung niederstreckte, war Oscar Wilde zu banal; der strikte Glaube, vergiftete Austern verspeist zu haben, machte ihm das Sterben leicht.

In fossiler Form überdauerte Wildes Vermächtnis in der Schwulenszene. Dandyismus ist ein Männerspiel: Historisch gesehen, machte er die Homoerotik salonfähig, indem er das Tabu mit zugespitzt geschliffenem Benehmen umspielte unter den rigiden Bedingungen der sich verbürgerlichenden Gesellschaft. Wenn es den Dandy heute nicht mehr gibt, so wegen des fehlenden Drucks öffentlicher Normalität. Über die Kunst- und Unterhaltungsszene ist die Lobby der Homosexuellen gesellschaftlich hoch geachtet und einflussreich. Was einen schwulen Dandy heute vom klassischen unterscheidet, ist, dass er nicht störend auffällt. Er kommt nicht mehr ins Zuchthaus, wie Oscar Wilde, muss keinen rosa Winkel tragen. Was soll also das Lamentieren über den Verlust des Dandytums? Leider kennt die Nostalgie nur das Gute an der guten alten Zeit. Mit der historischen Figur müsste auch der Kontext sozialer Gefährdung und Verfolgung zurückkehren. Auf das Lamento vom Ende des Dandys zu verzichten heisst, nicht auf dessen Strategien hereinzufallen. Die meisten, die über den Dandy schreiben, gehen seinem literarisch überlieferten Charme auf den Leim. Vor allem übernehmen sie unbewusst das alte Gesetz der Neuheit, womit der Dandy operiert. Mit dem Dandy verhält es sich wie mit der Mode: Ihr glanzvolles Aufscheinen vor dem Veralten, dieses atemberaubend vergängliche Jetzt erreichter Aufmerksamkeit wird es immer geben, solange es Mode als industrielle Einrichtung gibt.

Bleiben wir also lieber beim harmlosen Dandy-Zitat. Brummells Geheimnis der perfekten Halsbinde lag in der Kartoffelstärke, mit der er die Schleifen eigenhändig festigte. Heute kann man die Utensilien der Eleganz alle kaufen bei Yves Saint-Laurent, Versace, Hermès. Es gibt erstaunlich viele Dandies, die um 8 Uhr 15 zur Arbeit fahren. Mit der Prokura, mit der goldenen Eurocard ist man dabei. Geschmack braucht es nicht; die logistischen Schachzüge der Mode liefert die Fashion-Industrie zusammen mit der Gebrauchsanweisung und dem Gütesiegel.

Beat Wyss ist Professor für Kunstgeschichte an der Universität Bochum. Er lebt zurzeit in Rom und Zürich.


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