NZZ Folio 03/97 - Thema: Die Briten   Inhaltsverzeichnis

Warten auf die Sonne

Das Los eines Einwanderers aus Guayana.

Von Roy Heath

NACH ENGLAND kam ich 1950, zwei Tage vor Weihnachten. Ich weiss noch genau, wie fremd ich mich fühlte und wie ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, dass ich diese bittere Kälte je ertragen würde. Dabei lag gar kein Schnee, und es herrschte auch kein Frost, aber da war dieses alles durchdringende Frösteln, das bis in die Knochen drang wie Skorpionstiche.

Ich kletterte in den wartenden Zug, der sich kurz darauf mit seiner Fracht völlig verunsicherter Immigranten aus der Karibik nach London in Bewegung setzte. Alles schien sich gegen uns verschworen zu haben, diese Landschaft mit den kahlen Bäumen, diese grauen Ziegelhäuser, eines wie das andere, diese verlotterten Gärten. «Mach, dass du heimkommst!» Eine Botschaft, die wir, ganz direkt geäussert, in den folgenden Jahren noch häufig hören sollten.

Es war ein Fehler, dass ich Guayana, damals noch British Guayana, verlassen hatte, nur wegen dieser sechsmonatigen Ferien im fernen England, dessen «Liberalität» uns während der Primary und der Secondary School in den Kopf gehämmert worden war. «England ist das Mutterland»; «die englische Justiz ist die beste der Welt»; «England ist das Land des Fair play» - eine endlose Litanei von Phrasen, die mit Lernen und Aufklärung gar nichts, mit herrschaftlicher Indoktrination dafür aber sehr viel zu tun hatten.

Sicher war der Schock, der mich bei der Ankunft in dieser Welt überfiel, die so ganz anders war als die tropischen Landschaften und die Holzhäuser Guayanas, mit schuld daran, dass ich zunächst so abwehrend reagierte. Aber ich muss zugeben, dass ich es bis heute noch nicht so weit gebracht habe, England zu lieben, trotz den Freundschaften und den vielen Verbindungen, die sich in den sechsundvierzig Jahren meines selbstgewählten Exils nach und nach ergeben haben.

Bert, ein Freund, der die Heimat ein Jahr vor mir verlassen hatte, um Jura zu studieren, empfing mich an der Paddington Station. Er lachte, als er von meiner Enttäuschung hörte, und versicherte mir, dass ich mich garantiert besser fühlen werde, wenn nur erst Frühling sei. «Man darf einfach nicht im Winter hierherkommen», sagte er.

Die Untergrundbahn erschien mir schon einladender. Da war alles hell erleuchtet, und man war abgeschirmt von dieser abweisenden Landschaft, hier kam man nicht auf so trübe Gedanken. Und unser Weg von Kensington Station zu meiner Unterkunft in Courtfield Gardens genügte, um mir das Gefühl zu geben, dass ich meiner neuen Umgebung vielleicht doch Unrecht getan hatte. Kensingtons stuckverzierte Häuser waren einfach grossartig, hier schien alles kostbar und elegant.

Mein Freund verabschiedete sich und überliess es mir, mich in dem ungeheizten Raum unter dem Dach von Courtfield Gardens 5 einzurichten. Ich weiss nicht, was an diesem Abend und am nächsten Morgen sonst noch geschah, denn kaum lag ich zwischen den Decken, überfiel mich tiefer Schlaf.

Geweckt hat mich ein Angestellter, der das Haus für den Hauswirt verwaltete, einen Mann, den noch keiner der anderen Mieter gesehen hatte. Ob ich denn nicht Hunger habe? Es war drei Uhr nachmittags, und trotzdem hatte ich gar keinen Hunger, aber ich dachte, ich sollte mit ihm essen gehen.

«Schlafen Sie immer in Ihren Kleidern?» fragte er, als wir gemeinsam die Treppe hinabstiegen. Ich erklärte ihm, dass ich bei meiner Ankunft so müde gewesen sei, dass ich mir die Mühe, mich umzuziehen, nicht mehr gemacht hätte.

Wir waren fertig mit Essen, aber er blieb noch eine Weile sitzen und wollte sich mit mir unterhalten. Wahrscheinlich, so dachte ich mir, um mich aus meiner Trägheit zu reissen. Er bot mir eine Zigarette an, wir rauchten zusammen, aber dann sagte ich ihm, ich sei müde und wolle nichts anderes als wieder in mein Bett.

Ich schlief bis spät in den Morgen des nächsten Tages und gab erst Lebenszeichen von mir, als ein Rufen in mein Ohr drang und ich dann sah, dass sich Yhap, ein Bekannter aus Guayana, den ich seit zwei oder drei Jahren nicht mehr gesehen hatte, über mich beugte. Er hatte sich anerboten, mich aufzuwecken, weil er genau wie der Mann des Hauswirts am Tag zuvor fürchtete, dass ich vielleicht krank sei.

Nach dem späten Frühstück schlug er vor, einen Spaziergang zu machen. Ich war einverstanden, denn ich musste mir eingestehen, dass ich in dieser neuen Welt, in der die Sonne nicht länger als ein paar kurze Stunden lang schien, wohl den Boden unter meinen Füssen verloren hatte.

Das Privileg eines sechsmonatigen Urlaubs alle vier Jahre, ursprünglich ein Vorrecht der nach Guayana ins Ausland versetzten weissen Staatsbeamten, war vor ein paar Jahren auch eingeborenen Beamten eingeräumt worden. Und ich hatte die Gelegenheit meines ersten langen Urlaubs ergriffen, weil ich herausfinden wollte, ob es nicht möglich war, in England zu bleiben und ein Studium zu beginnen.

Über diesen Plan wollte ich mit Yhap, meinem freundlichen Bekannten, sprechen, der ein Regierungsstipendium hatte und Rechnungswesen studierte. Er erinnerte mich an die Guayaner, die in die Vereinigten Staaten gereist waren und von dort nach einigen Wochen mit einem betont amerikanischen Akzent und einer Vorliebe für dunkle Sonnenbrillen zurückgekehrt waren. Yhap trug unter seinem blau gestreiften Anzug eine Weste und hatte sich einen derart steifen Gang angewöhnt, dass er beim ersten Windstoss, der ihn von vorn erwischte, nach hinten umzukippen drohte. Kurz, er lief wirklich Gefahr, ein echter Englishman zu werden.

Als wir beide zu unserem Spaziergang auf die Strasse traten, war der Himmel mit dunklen Wolken verhangen, und die kahlen Bäume im umzäunten Park gegenüber meiner Unterkunft zeigten dort, wo die Rinde abgeblättert war, leuchtend gelbe Flecken, und das gab ihnen etwas ganz Unwirkliches. Yhap erklärte mir, dass ich mir ein Zimmer in einem besonders teuren Viertel Londons ausgesucht hätte und dass ausser uns alle anderen Mieter Söhne reicher Äthiopier seien.

Auf diesem ersten Spaziergang durch die Stadt lernte ich eine Menge über die Techniken, die man brauchte, um dort zu überleben. Vor allem anderen, sagte Yhap, sei es notwendig, einem Club beizutreten, denn dort würde ich etwas über Jobs und billige Wohnungen hören.

Mein Bekannter sagte mir auch, dass alle Häuser in diesem Teil Kensingtons bis zum Ersten Weltkrieg von nur einer Familie bewohnt gewesen seien. In den Kellergeschossen hätten die Diener gelebt und gearbeitet. Wie sollte ich ihm nur klarmachen, dass ich mich nach nichts mehr sehnte als nach Wärme, sie war mir wichtiger als all diese Informationen, ja wichtiger sogar als etwas zu essen.

Ich wollte mich wieder in mein Bett verkriechen, wollte davon träumen, dass ich wieder zu Hause bei meinen schwarzen Landsleuten wäre und faul unter Mandelbäumen herumlümmelte. Aber ich liess ihn weitermachen, dankbar, dass ich jemanden hatte, mit dem ich reden konnte, während ich draussen war und herumlief. Denn ich hatte keine Ahnung, wann ich Bert wiedersehen würde. Er hatte mich in das Haus in Courtfield Gardens gebracht und war dann verschwunden, ohne mir seine Adresse oder Telefonnummer zu geben.

Es ist schon merkwürdig, dass die ersten Erfahrungen in einer neuen Umgebung einen so unauslöschlichen Eindruck hinterlassen, den man sich noch Jahrzehnte später genauso leicht ins Gedächtnis rufen kann wie irgendein besonderes Ereignis vom Vortag. Ich sehe sie noch vor mir: Yhaps Weste, die so gar nicht zu ihm passte, die kahlen Bäume, die wie Riesen herumstanden, die Kellergeschosse mit den Schildern, auf denen «Lieferanteneingang» zu lesen war, die Menschen, die in ihren Mänteln die Gehsteige entlanghasteten, als sässe ihnen eine namenlose Angst im Nacken. Und den ersten winterlichen Schneefall am nächsten Tag, an dem die Parks und Gehwege dann an riesige Salzlager erinnerten.

Das Wetter setzte mir zu, aber ich hörte auf, darüber zu reden. Und nach und nach schickte auch ich mich in bestimmte Gewohnheiten, in dieselben, die auch das Leben der anderen beherrschten. Ich stand morgens zu einer bestimmten Zeit auf, um mit dem Verwalter des Vermieters und den versammelten Mietern zur festgesetzten Zeit das Frühstück einzunehmen, und ich kam rechtzeitig zum Abendessen in das Gästehaus zurück, nachdem ich den ganzen Tag in der Bibliothek zugebracht hatte.

Ich entdeckte, dass ich in einer Welt gelandet war, die von der Zeit beherrscht wurde. Ungefähr nach zwei Monaten hatte ich einen Termin beim Zahnarzt, und als ich zwanzig Minuten zu spät kam, konnte ich überhaupt nicht verstehen, warum die Sprechstundenhilfe einen solchen Lärm darum machte. Alle Selbstverständlichkeiten waren in meinem ersten Jahr in der Fremde alles andere als selbstverständlich. Und wenn ich dachte, dass die Menschen in meinem Gastland es mit der Zeit doch übergenau nahmen, glaubten diese, dieser Eindruck sei eigentlich mein Problem.

In den ersten paar Monaten habe ich über die Regeln, die diese mir fremde Gesellschaft zusammenhielt, eine Menge gelernt. Als ich in der Apotheke nach Zigaretten fragte, musterte mich die Verkäuferin streng, bevor sie mir erklärte: «Sir, dies ist doch kein Tabakladen.» In Guayana hatte ich Milch und Coca-Cola im Drugstore gekauft.

Ein anderes Mal stand ich über eine Viertelstunde an einer Bushaltestelle, bis mir endlich ein Passant erklärte, dass dies ein Halt auf Verlangen sei und dass ich meine Hand ausstrecken müsse, wenn ich nicht die ganze Nacht hier warten wolle.

An einem Samstagmorgen, vier Wochen nach meiner Ankunft, kam Bert, um nach mir zu sehen. Ich nutzte die Gelegenheit, um mit ihm darüber zu sprechen, ob es weise sei oder nicht doch eher das Gegenteil, wenn ich am Ende meines sechsmonatigen Urlaubs meine Staatsstelle kündigen würde.

Ich war damals vierundzwanzig, und ich sah eine letzte Chance, ein Universitätsstudium zu beginnen. Er riet mir mit heftigen Worten ab, ich hätte, so sagte er, bestimmt nicht die Selbstdisziplin, die man brauche, ein Diplom zu erwerben und dafür drei oder vier Jahre mit Ausdauer zu studieren.

Ich musste ihm wohl zustimmen, denn seitdem ich die Secondary School verlassen hatte, hatte ich mehrere vergebliche Versuche unternommen, mein Französisch zu verbessern, das ich erst dann fliessend sprechen lernte, als ich länger mit eben flügge gewordenen Rekruten aus Martinique zusammen war, die nach Vietnam gehen sollten. Bert hatte sich als Jurastudent eingeschrieben und auch schon sein erstes Examen in Verfassungsrecht abgelegt.

Wenn ich die Dummheit besässe, den öffentlichen Dienst in Guayana zu verlassen, so hielt er mir vor Augen, dann müsse ich studieren oder arbeiten. Und wenn das erste schon schwierig genug sei, dann würde die zweite Möglichkeit noch entmutigender sein, denn in England würden es auch gut ausgebildete Schwarze nicht weiter als bis zum Arbeiter bringen. Justin, einer seiner Freunde, sei nach Arbeitsschluss so müde, dass er häufig bereits auf dem Weg von der U-Bahn-Station nach Hause einschlafe.

Unbeeindruckt von Berts Einwänden und geblendet von der Überzeugung, dass Selbstdisziplin etwas sei, das man erwerben könne, tat ich den Schritt und schrieb einen Kündigungsbrief an meine Behörde. Ich hatte mich entschlossen, beides zu tun: Ich wollte arbeiten und studieren und auf diese Weise verbinden, was er als extrem schwierig und entmutigend beschrieben hatte.

Ich war gerade knapp vierzehn Tage Mitglied in einem Club, in dem vor allem Ausländer verkehrten, da traf ich einen jungen Mann aus Trinidad, der mit dem gleichen Schiff wie ich nach England gekommen war. An Bord hatte seine strenge, fast abweisende Art die Leute dazu gebracht, ihm aus dem Weg zu gehen. Hier im Club dagegen schien er ein ganz neuer Mensch zu sein, der sich ungezwungen unter die Leute mischte und sich benahm wie einer, der eine schwere Last losgeworden ist.

Er begrüsste mich überschwenglich, quer durch die Eingangshalle, und in unserem anschliessenden Gespräch erzählte er mir, dass er einen Job im Büro von Alleyn & Hanbury's gefunden hatte, einem Hersteller chirurgischer Instrumente.

«Warum gehst du nicht auch zu denen und fragst nach Arbeit?» sagte er zu mir.

Büroarbeit? Und ich hatte mir vorgestellt, wie ich mich als Arbeiter würde abrackern müssen, so dass ich abends gar nicht mehr in der Lage wäre, irgend etwas zu lernen. Ich liess ihn meine Aufregung nicht merken und fragte danach, wie es ihm seit seiner Ankunft in England ergangen sei.

Er wohnte in gut geheizten Gästehäusern und erzählte von Leuten, die ihn mit offenen Armen empfangen hätten. Monate später erfuhr ich, dass er schon vor seiner Abreise aus Trinidad Freimaurer gewesen war, und das erinnerte mich daran, wie ich das Angebot meines Paten, mich in eine Loge einzuführen, kurz angebunden abgelehnt hatte. Das war kurz nachdem ich in den öffentlichen Dienst eingetreten war. Meine Unabhängigkeit ging mir über alles, und ich blieb bei meinem Nein.

Am nächsten Tag, an einem Frühlingsmorgen, an dem eine rote Sonne über dem seltsam gedämpften Verkehr strahlte (in England benutzt niemand die Hupe), mischte ich mich in die Menge der Arbeiter, die zur U-Bahn-Station Earls Court hinabstiegen. Die Angst packte mich. Ob es mir beim Vorstellungsgespräch gelingen würde, einen guten Eindruck zu machen? In Bethaal Green stieg ich aus, und die Unterschiede dieses Viertels zu Kensington mit seinen Häusern, die an die Pracht herrschaftlicher Zeiten erinnerten, hätten nicht grösser sein können.

Hier sah ich nur Backstein, Trolleybusse, schmutzige und billig gebaute Häuser. Später jedoch liess ich mich doch gefangennehmen von den breiten grosszügigen Strassen und einer ganz aussergewöhnlichen Bibliothek, die auf französische Literatur spezialisiert war und an deren Wänden Reliefportraits von Marx, Engels und Lenin hingen. Das Viertel war, zwischen den beiden Weltkriegen, bei jüdischen Intellektuellen sehr beliebt gewesen.

Meine Furcht, ich würde abgelehnt, erwies sich als grundlos. Sobald ich der Leiterin der Personalabteilung klarmachen konnte, dass ich mich an einer Schule eingeschrieben hatte, akzeptierte sie meine Bewerbung; ich sollte in der Lohnbuchhaltung arbeiten und gleich am nächsten Tag anfangen.

Als ich mich wieder auf den Weg zur U-Bahn machte, konnte ich meine Aufregung kaum unterdrücken. Die Sonne schien noch heller als bei meiner Ankunft hier, die Gesichter der Passanten erschienen mir freundlicher, und ich war mir nun sicher, dass England doch nicht so abweisend war, wie ich es zunächst erlebt hatte.

Bert und ich hatten am folgenden Wochenende, drei Tage nach meinem Arbeitsbeginn, Grund zu feiern. Er hatte eine Stelle bei Kodak in Kensington, einer Londoner Vorstadt, und er verdiente fast doppelt soviel wie ich. Aber ein ums andere Mal versicherte er mir, das einzig Entscheidende sei doch, dass ich nach der Arbeit nicht müde sei.

So begann mein Arbeitsleben, in einer Umgebung, die es mir ermöglichte, die Menschen meines Gastlandes aus nächster Nähe kennenzulernen. Einmal musste ich meinen unmittelbaren Vorgesetzten zum Büro der Whitechapel National Insurance begleiten. Er machte den Vorschlag, in einem nahegelegenen Café eine Tasse Tee zu trinken. Auf der Schwelle hielt er inne und flüsterte mir zu: «Sehen Sie die beiden Männer mit den schwarzen Hüten? Passen Sie auf, sobald wir uns in ihre Nähe setzen, werden sie aufhören, Englisch miteinander zu sprechen.»

Und kaum waren wir bei den beiden leeren Stühlen am Nachbartisch angekommen, da begannen die beiden Juden ihre Unterhaltung auf jiddisch zu führen. Seine Voraussage hatte sich erfüllt, und mein Kollege fiel in eine verdriessliche Stimmung.

Er sprach kein Wort mehr, bis wir wieder hinaus ins Sonnenlicht traten.

Roy Heath, geboren 1926 in Guayana, lebt seit 1950 in London. Sein neues Buch, «Ministry of Hope», erscheint im März im Verlag Marion Boyars, New York.


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