Der Korken ist zweifellos ein problematischer Zeitgenosse, mehr noch: ein unzuverlässiger, geradezu heimtückischer Geselle. Und doch: Wer möchte ihn missen, diesen geschmeidigen und duftigen Stöpsel von der edlen Rinde der zur Familie der Korkeichen gehörenden und vor allem in Portugal gedeihenden quercus suber?
Der Korken rührt zuweilen an innerste Gefühle.
Das mag zunächst damit zu tun haben, dass es sich hier - wie beim Wein - um ein gewachsenes Naturprodukt handelt. In der schnellebigen Zeit nimmt man geradezu ehrfürchtig Kenntnis davon, dass sich die Rinde der Korkeiche über mindestens 25 Jahre gebildet haben muss, bevor es dem Korkenproduzenten erlaubt ist, das erstemal seinen Baum zu entkleiden. Mindestens ein weiteres Jahr reklamiert die Rinde für die Lagerung. Dann werden die Korkstopfen ausgestanzt und zu Körckchen von perfekter Form geschnitten, geschliffen, poliert. Das Ding, das wir nach dem Öffnen der Flasche meist achtlos zum Abfall werfen, ist solides Handwerk und hat einen entsprechenden Preis: 25 bis 40 Rappen pro Stück. Aber für ein Stückchen Natur ist man ja gerne bereit, etwas mehr zu bezahlen.
Einspruch der Vernunft: Teil der Natur ist ebenfalls, dass der poröse Stoff mit Vergnügen auch von Pilzen, Motten und anderem Ungeziefer beansprucht wird! Dagegen wehrt sich der Korkenfabrikant seinerseits, indem er sein Produkt in chemischen Bädern reinigt und desinfiziert. Doch just im Chlorbad - genauer: in den Chlorspuren im Zapfen - liegt nach neuen Erkenntnissen ein anderes Übel begründet: die Ursache für den zuweilen im Wein zu erkennenden Korkengeschmack.
Der Korken ist aus mehreren Gründen längst nicht mehr der beste aller Flaschenverschlüsse. Dass Schraub- oder Drehverschlüsse aus Metall hygienischer und benutzerfreundlicher sind, ist offensichtlich; und dass Metalldeckel dem Wein in vielen Fällen auch noch besser bekommen, ist wissenschaftlich erwiesen. So zeigte ein Langzeitversuch der Forschungsanstalt Wädenswil, dass der sogenannte Kronkorken, das simple Deckelchen, das vor allem Limonade- und Mineralwasserfläschchen verschliesst, den Wein mit Abstand am besten konserviert: nach Lagerzeiten bis zu acht Jahren präsentierten sich Weine mit diesem Verschluss am intaktesten. Dicht auf den Kronkorken folgte der Drehverschluss, während sich Korkimitationen sowie die aus den beim Korkstanzen anfallenden Abfällen fabrizierten Presskorken als höchst problematisch erwiesen.
Und der ehrwürdige Naturkorken? Er schnitt sehr unterschiedlich ab: Zum Teil konnte er mit den Metallverschlüsssen mithalten, doch da gab es halt immer wieder auch die bekannten Fehler - Muffton und Korkgeschmack. Lediglich bei besonderen Gewächsen, die in der Flasche noch ausreifen müssen, vermag der Naturkorken seine Qualitäten auszuspielen: das poröse Gewebe mit den vielen mit Gas gefüllten Hohlräumen lässt den Wein «atmen», was zur Entwicklung unerlässlich ist. Bei diesen Gewächsen - sie machen freilich nur einen kleinen Anteil des Weinangebots aus - sind Metallverschlüsse, die dem Wein die Jugend konservieren, in der Tat fehl am Platz.
Fazit: Der Naturkorken hat praktisch ausgedient. Und doch gehört er zum Wein wie Flasche und Glas. Der Korken ist Bestandteil der Zeremonie. Nur er ermöglicht den feierlichen Akt des Entkorkens. Nur er verlässt die Flasche mit jenem satten «Plopp», das den akustischen Auftakt zum Gaumenkitzel bildet, gleichsam Musik in den Ohren der Weinfreunde und Weinfreundinnen ist.
Sie werden dem Korken immer wieder grosszügig verzeihen. Was auf die Flasche kommt, ist letztlich eine Frage des Stils. Wenigstens beim Wein. Man sollte es nicht nur beklagen.