NZZ Folio 07/01 - Thema: Käfer und Co   Inhaltsverzeichnis

Buddy Holly und die Grillen

Das Insekt als Symbol hat eine lange Geschichte.

Von Erich Hoyt

Einer der bekannten Aussprüche der Sportgeschichte ist Muhammad Alis pointierte Provokation: «Ich werde um ihn herumschweben wie ein Schmetterling und zustechen wie eine Biene.» Der begnadete Boxer war ein ebenso schlagfertiger Showman, und er bediente sich des Bildes kleiner Insekten, um auf subtile Weise seine Position als Herausforderer des damaligen Schwergewichtsweltmeisters zu konterkarieren.

Schmetterlinge und Bienen gehören zu den symbolträchtigsten Insekten. Schmetterlinge stehen für Schwerelosigkeit, Anmut und Transzendenz. Die Biene, zumindest in Alis Bild, steht für entschlossene und bewegliche Angriffslust. Aber Bienen stehen auch für Gesundheit, und zwar nicht nur bei ihren eigenen Produkten wie Honig, Bienenwachs und Gelée royale, sondern auch bei Kosmetika und bei vielen Nahrungsmitteln, die nicht das Geringste mit Bienen oder Gesundheit zu tun haben, sondern nur so tun.

Bienen und Schmetterlinge gehören zu den Insekten, die wie andere Tiere ihren Weg in unsern Alltag gefunden haben. Da sich Insekten jedoch nicht recht als Kuscheltiere eignen - Kinder, die zischende Küchenschaben aus Madagaskar halten, sind eher die Ausnahme -, haben sie sich als Symbole in unser Leben geschlichen.

In jeder menschlichen Kultur besassen Insektensymbole eine grosse Bedeutung. Oft haben sie das Wesen der wirklichen Tiere überlagert, sind zu bleibenden Bildern geworden, die im täglichen Leben der Menschen auftauchen, in Politik und Popmusik, im Comicheft und in der Oper.

Von 4000 vor Christus an verehrten die Ägypter mindestens zweitausend Jahre lang einen bunt schillernden, metallen aussehenden Käfer namens Skarabäus und fertigten Abbilder von ihm aus Edelstein oder glasiertem Kalkstein. Skarabäen sind relativ grosse Insekten mit einem auffälligen Verhalten: Sie formen aus Dung kleine Kugeln, die sie mit den Hinterbeinen wegrollen. Deshalb ihr deutscher Name «Pillendreher».

Das Bild des «heiligen Skarabäus», wie er auch genannt wurde, tauchte zunächst in den Hieroglyphenschriften auf, wo der Käfer für den Namen eines Gottes oder Schöpfers steht, und wurde später als phonetisches Silbensymbol verwendet. Das Bild des Skarabäus symbolisierte meist die schaffende Gottheit, doch konnten der Pillendreher und seine Dungkügelchen - allein oder mit anderen Bildern kombiniert - auch die Welt, die Sonne, den Mond, den mutigen Krieger, die Fruchtbarkeit, den Frühling und vieles andere mehr darstellen. Ja es wird darüber spekuliert, ob nicht sogar die Pyramiden gigantische Käfer und Dungsymbole seien. Aber die Ehrerbietung der Ägypter für den heiligen Skarabäus ging vielleicht auch auf konkrete Erfahrungen mit verheerenden Insektenplagen zurück: War es da nicht besser, die Insekten wie Götter anzubeten?

Noch weiter verbreitet als bei den Ägyptern waren die Insektensymbole im alten Griechenland, wo sie als dekorative Motive in Fingerringe, Münzen und allerlei kleine Gegenstände eingraviert wurden. Aristoteles hat sich ausführlich mit Insekten befasst und damit das nötige Hintergrundwissen zu den Symbolen geliefert. Das griechische Wort «psyche» bezeichnete schliesslich sowohl den Schmetterling als auch die menschliche Seele. Aristophanes benutzte in seinen Theaterstücken Insektenmetaphern, aber die nachhaltigste Wirkung entfaltete wohl Äsops berühmte Fabel von der faulen, genusssüchtigen Grille und der arbeitsamen und vorausschauenden Ameise. In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts waren es faule Bolschewiken, die in einem kurzen Trickfilm als Grillen dargestellt wurden, in den sechziger Jahren waren es nichtsnutzige Hippies.

Bei den Römern hatte die Insektensymbolik einen geringen Stellenwert, doch den mystischen Schriften des frühen Christentums galten die heiligen ägyptischen Skarabäen als ketzerische und sündige Wesen, und ihre Dungkügelchen wurden für Inkarnationen böser Gedanken gehalten. Fliegen wurden damals als Teufel angesehen, während Bienen Jungfräulichkeit symbolisierten. Die Ameise wurde unter Rückgriff aufs Alte Testament für ihren Fleiss und ihre Weisheit gelobt («Gehe hin zur Ameise, du Fauler; siehe ihre Weise an und lerne» Sprüche 6, 6-8). Diese Wertschätzung der Ameise findet sich in vielen Kulturen und hat sich über Jahrtausende erhalten.

Überall auf der Welt erklärten Eingeborenenkulturen die für sie wichtigen Tiere zu Ahnen, und natürlich fanden sich darunter auch Insekten. Manche dieser Tiere wurden hoch geachtet, ja als Machtquellen verehrt. Viele afrikanische Stämme glaubten, dass ihre Vorfahren die Gestalt von Insektenlarven, Bockkäfern, Honigameisen, Bienen und Zikaden angenommen hätten. Insekten kommen auch in verschiedenen Schöpfungsmythen vor, obwohl Vögel und andere grössere Tiere hier in der Regel eine prominentere Rolle spielen. Auf präkolumbischem Tonzeug aus Mittelamerika findet man symbolische Darstellungen von Heuschrecken und Libellen.

Lange nach Aristoteles' vielversprechenden Anfängen trat nach dem dunklen Zeitalter des Mittelalters die Wissenschaft auf den Plan. «Die wissenschaftliche Revolution hat die Tierwelt eines grossen Teils ihrer Romantik und Geheimnisse beraubt», schreibt die Insektenforscherin May Berenbaum in ihrem Buch «Bugs in the System». «Die Insekten verloren als Symbole an Bedeutung, doch die zunehmenden Kenntnisse über ihre Anatomie und Lebensweise eröffneten ihnen vielfältige Rollen in der Literatur.»

1982 beschrieb Jonathan Schell in seinem im «New Yorker» erschienenen Aufsatz «The Fate of the Earth» das Zeitalter nach dem nuklearen Holocaust als «Republik aus Insekten und Gras», in der nur Kerbtiere die atomare Katastrophe überlebt hatten. Schells ernst gemeinte Prognose hat ein nachhaltiges Echo gefunden. In Dutzenden von Hollywood-Drehbüchern und Science-fiction-Romanen ist seither dieses Szenario aufgenommen worden. Und für einmal kommt Hollywood der Wahrheit näher, als man denkt: Küchenschaben und andere Insekten können auch bei hohen Strahlungsdosen überleben, und bestimmte Ameisen verfügen über Reproduktionsstrategien, die sie als Art praktisch unverwundbar machen.

Hollywood hat Insekten jahrelang als Symbole des Schreckens und der Bedrohung eingesetzt. 1954 war «Them!» der erste fürs breite Publikum produzierte Film mit Rieseninsekten. Es folgten zahlreiche weitere Insekten-Schocker. Positivere Darstellungen gab es dagegen in Trickfilmen wie kürzlich in «A Bug's Life» und «Antz».

Die Frage, warum sich eigentlich so viele Leute vor Insekten fürchten, obwohl die meisten für den Menschen ungefährlich sind, ist bis heute unbeantwortet. Ein Grund dürfte in ihrem Körperbau liegen. Aus der Nähe betrachtet, wird fast jedes Insekt zum Monster. In der modernen Kunst haben sich viele Künstler von der Komplexität der Insektenkörper inspirieren lassen, besonders Surrealisten wie Salvador Dalí in seinen dem Traum nachempfundenen Bildern. Eine andere Erklärung für die irrationale Angst der Menschen vor Insekten ist ihr Auftreten in grossen Mengen, die ihre Kontrolle unmöglich machen. Im 2. Buch Mose wird die Verwüstung Ägyptens durch Insekten geschildert. Um dem Pharao zu verdeutlichen, dass es Moses und seinen Leuten ernst ist, sandte Gott eine Reihe von Plagen: Stechmücken, Ungeziefer und schliesslich Heuschreckenschwärme, die «alles Kraut im Lande» auffrassen.

Es ist offensichtlich, dass es auch eine Reihe von Insekten gibt, auf die die Menschen nicht mit Furcht reagieren. Manche Leute gehen vielleicht dem Anblick von Bienen oder Ameisen aus dem Weg, aber Schmetterlinge mögen wohl die meisten. Und die gemeine Stubenfliege erscheint weniger als gefährlicher Gegner denn als brummende Nervensäge.

Vielen Arten werden in verschiedenen Kulturen dieselben Bedeutungen und Merkmale zugeschrieben: Ameisen sind fleissig, Bienen emsig, Schmeissfliegen verachtenswert. Marienkäfer sind Glücksboten, während das Geräusch des Klopfkäfers Unheil verheisst. Und die zirpende Grille beschwört warme Sommernächte im Süden herauf.

In die Musik haben Insekten weniger über ihre Geräusche als über ihr Verhalten Eingang gefunden. In Puccinis Oper «Madame Butterfly» etwa ist die Hauptfigur eine junge, flatterhafte Japanerin, deren Herz von einem Mann aus dem Abendland gefangen genommen wird. Im Blues-Klassiker «Honey Bee» von Muddy Waters aus dem Jahre 1951 steht die Biene für eine promiskuitive Frau, die «überall auf der Welt ihren Honig sammelt», bevor sie in den familiären Bienenkorb zurückkehrt. In Curtis Mayfields Soulstück «Superfly» aus dem Jahre 1972 geht es um einen Sexprotz, der nicht kleinzukriegen ist, aber am Ende doch noch einer Frau auf den Leim geht.

In der Popmusik wurden Buddy Holly and the Crickets (Buddy Holly und die Grillen) in den fünfziger Jahren zu Ikonen des amerikanischen Rock'n'Roll. Klang in der aus dem texanischen Süden stammenden Musik manchmal das Zirpen der Grillen in einer heissen Sommernacht an? Oder hatte der Name etwas mit Buddy Hollys charakteristischem Träller zu tun? Jedenfalls war er nicht ohne Einfluss auf die berühmteste Band der Rockgeschichte: Aus einer Formation, die sich 1960 in Anlehnung an Buddy Hollys Crickets The Silver Beetles (Die Silberkäfer) nannte, wurden später The Beatles.

Ein anderer «Käfer», der VW-Käfer, der seinen Siegeszug in Deutschland als «Volkswagen» antrat, ist mit seiner gedrungenen, erdnahen Gestalt und seinem Small-is-beautiful-Image zu einem bleibenden Symbol der allgemeinen Konsumkultur geworden. Er besass die Wendigkeit eines flinken Insekts und schlängelte sich mühelos durch den Verkehr, liess sich überall parkieren und wurde in den Hollywoodstreifen über «Herbie» sogar zum Filmstar. Aber wenn er mit einem der stählernen Riesen aus Detroit zusammenstiess, konnte er tatsächlich zerquetscht werden wie ein Käfer.

Das dauerhafteste Insektensinnbild der westlichen Kultur ist vermutlich die Metamorphose der Raupe zum Schmetterling. Wenn die erdgebundene Existenz der Raupe dem diesseitigen menschlichen Leben entspricht, dann symbolisiert das Stadium der Verpuppung, in dem das Insekt wie eine Mumie auf die Auferstehung wartet, den Tod, und der daraus schlüpfende Falter schliesslich die Auferstehung der Seele. Viele Insekten kennen eine solche Metamorphose, aber die zarten Schmetterlinge eignen sich sicherlich am besten als Symbolträger. Man findet sie oft auf amerikanischen Grabsteinen als Zeichen der Hoffnung auf die Auferstehung und ein Leben nach dem Tod.

Zahllose Künstler haben bis heute die Verwandlung der kriechenden Raupe in einen luftigen Schmetterling als Symbol für Transzendenz benutzt. Die amerikanische Sängerin Mariah Carey liess sich nach ihrer Scheidung 1997 auf dem Album «Butterfly» mit Schmetterlingen abbilden, um ihre spirituelle und musikalische Metamorphose und Befreiung aus dem Gefängnis ihres früheren Lebens zu feiern.

Wenn es etwas aus dem Reich der Insekten gibt, das bei Ideologen und Politikern besonders beliebt ist, dann das Verhalten staatenbildender Insekten. Seit biblischer Zeit haben Naturforscher die unheimliche Ähnlichkeit der Termiten-, Ameisen-, Bienen- und Wespenvölker mit menschlichen Gesellschaften bestaunt. Da sich diese Insektenvölker um eine Königin gruppieren (oder, wie bei den Termiten, um einen König und eine Königin), glaubte man in ihnen eine Art organisierender Intelligenz zu erkennen. Kooperation, Selbstaufopferung, meisterliche architektonische Leistungen machten sie zum Sinnbild für Effizienz und erfolgreiche Arbeitsteilung.

Kein Wunder, dass um 1930 Sozialisten wie der Biologieprofessor William M. Wheeler aus Harvard die Insektenstaaten für ein utopisches Modell dessen hielten, was die Menschen gemeinsam erreichen könnten. Schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hatte der belgische Schriftsteller, Staatsmann und Nobelpreisträger Maurice Maeterlinck «Das Leben der Bienen» geschrieben, in dem er eine romantisch-blumige Vision vom «Geist des Bienenstocks» entwickelte; das Buch wurde seinerzeit zu einem wissenschaftlichen Bestseller. Seit klar geworden ist, dass die Organisation eines Insektenstaats nicht zentral gesteuert wird, sondern durch das Zusammenwirken der Einzelindividuen entsteht, wird das Bild der Bienen- oder Ameisenkolonie auch für wirtschaftliche oder gruppendynamische Prozesse verwendet - und für die Zusammenarbeit von Robotern.

Je weiter die Verstädterung fortschreitet und je mehr wir uns von der Natur entfernen, desto grösser scheint auch unser Bedürfnis zu werden, uns auf unsere Wurzeln zurückzubesinnen. Und wenn die vom Ameisenforscher E. O. Wilson diagnostizierte «Biophilie» zutrifft - eine angeborene Affinität des Menschen zu den lebendigen Dingen -, dann gehören auch die Insekten zu den Objekten unseres Begehrens.

Aber werden Insekten auch künftig ihre Symbolkraft behalten? Oder werden sie am Ende durch imaginäre Kreaturen von der Art der Pokémons abgelöst? In der Anfangsphase der Entwicklung der Pokémons arbeitete ihr Erfinder Satoshi Tajiri, ein passionierter Insektensammler, mit geflügelten Sechsbeinern, die von den Spielern eingefangen werden mussten; erst mit der Zeit wurden daraus imaginäre Charaktere, die sogenannten «pocket monsters», mit einer neuen (wenn auch nicht ganz frei erfundenen) Mythologie.

Erich Hoyt ist Journalist und Autor von mehreren Büchern über Insekten, darunter «The Earth Dwellers: Adventures in the Land of Ants» (1997) und «Insect Lives: Stories of Mystery and Romance from a Hidden World» (1999). Er lebt in North Berwick, Schottland.


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