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NZZ Folio 01/08 - Thema: Jung und jüdisch Inhaltsverzeichnis
Von Tieren -- Hengst der Meere
Was wäre das Walross ohne seine Stosszähne? Ein faules, unförmiges «Schwein des Meeres». Dank seinen Hauern aber – die bis zu einen Meter lang werden können – zollt ihm selbst der Eisbär Respekt.
Von Herbert Cerutti
Eine der seltsamsten Kreaturen der Welt ist wohl das zu den Robben gehörende Walross. Auf einem unförmigen Leib sitzt ein winziger Kopf mit kleinen Augen. Aus dem Schädel ragen zwei riesige Hauer wie gebogene Schwerter. Und an der runzligen Oberlippe hängt ein Borstenbart aus federkieldicken Tasthaaren.
Während in alten Zeiten kaum Näheres über das Tier bekannt war und frühe Schilderungen von einem «Walfischelefanten» oder vom «ungeheuerlichen Schwein des Meeres» sprachen, ist heute die Lebensweise der Walrosse weitgehend erforscht. Begattung und Geburt, die beide vermutlich unter Wasser erfolgen, sind allerdings noch nie direkt beobachtet worden.
Das Walross kommt in den arktischen Gewässern rund um den Nordpol vor, wo es die wenig tiefen Zonen entlang den Küsten schätzt. Diese Vorliebe hat ihren Grund in der Ernährungsweise. Walrosse leben von Muscheln, Schnecken, Seesternen, Krebsen und Würmern, die sie in bis zu 80 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund sammeln. Dazu wühlen sie mit den Vorderflossen und der Schnauze im schlammigen Grund, wobei die empfindlichen Tasthaare Essbares von Unbekömmlichem unterscheiden. Hat das Walross eine Muschel gefunden, knackt es selbst die dickste Schale entweder mit den Vorderflossen oder zwischen den Lippen.
Manchmal jagen Walrosse andere Robben. Auch berichten Inuit, dass bedrängte Walrosse das Kajak attackieren und versuchen, es mit den Stosszähnen zum Kentern zu bringen. Der Tierforscher Alfred Brehm schildert, wie eine Gruppe von Nordfahrern bei einer Schlittenreise über dünnes Eis von einer Walrossherde bedrängt wurde. Die unter dem Eis schwimmenden Tiere brachen mit ihren dicken Schädeln immer wieder genau dort durchs Eis, wo sich die Männer gerade befanden. Nur das Erreichen einer dicken Eisscholle rettete die Verfolgten.
So agil Walrosse im Wasser sind, so unbeholfen watscheln die bis zu 1600 Kilogramm schweren Säuger auf ihren Flossen über Land. Sie schätzen zum Ausruhen und Sonnenbaden die felsige Bucht oder eine Treibeisscholle. Dort liegen sie zuweilen zu Tausenden beieinander – sie lieben möglichst engen Körperkontakt. Bilder von ruhenden Kolonien zeigen ein lückenloses Meer von rosabraunen Leibern. Die Mutter streichelt mit den Schnauzborsten beruhigend ihr Junges; ein Bulle legt dem Nachbarn müde die schweren Hauer auf den Rücken. Immer aber bleiben die Walrosse dicht an der Wasserkante, um beim Auftauchen des Hauptfeindes, des Eisbären, sofort ins rettende Wasser flüchten zu können. Der Eisbär hat allerdings vor den Hauern grossen Respekt und sucht sich als Beute wehrlose Junge.
Wer die längsten hat, gewinnt
Die Hauer sind die verlängerten oberen Eckzähne und wachsen bei Männchen wie Weibchen lebenslang. Sind sie beim einjährigen Jungtier erst drei Zentimeter lang, können sie nach vierzig Jahren beim Bullen einen Meter messen. Ausser zur Verteidigung dienen die Hauer als Zeichen der Stärke beim Gerangel um den schönsten Liegeplatz oder bei der Balz.
In der Regel erhält das Tier mit den längeren Stosszähnen den Vortritt. Bei etwa gleich mächtigen Waffen kann es unter Bullen aber zu schrecklichen Gefechten mit tiefen, blutenden Wunden kommen. Es war dieses marine Elfenbein, das weisse Jäger schon früh dem Walross nachstellen liess. Man hieb dem erlegten Tier nur den Kopf ab und verkaufte das kostbare Elfenbein für die Produktion von Schnitzereien und falschen Zähnen. Als im 19. Jahrhundert der Walfang stark zurückging, begann man auch das Unterhautfettgewebe der Walrosse als Tran und das Leder der dicken Haut für Treibriemen zu nutzen. Die immer rücksichtslosere Walrossjagd löschte eine Kolonie nach der anderen aus; zwischen 1925 und 1931 sollen an den Küsten der Arktisinsel Baffinland 175 000 Walrosse getötet worden sein.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erliessen die arktischen Anrainerstaaten endlich Schutzmassnahmen und erlaubten die Walrossjagd nur noch den Inuit und andern Urvölkern für den Eigenbedarf. Mittlerweile haben sich die Populationen des Pazifischen Walrosses auf schätzungsweise 200 000 Tiere erholt. Von der Unterart des Atlantischen Walrosses gibt es an den Küsten von Grönland, Spitzbergen, Norwegen und Nordwestsibirien vielleicht noch 15 000 Tiere. War im 16. Jahrhundert das Walross südwärts bis zu den Küsten von Schottland und Neuengland verbreitet, bleibt ihm jetzt als Refugium nur der hohe Norden.
Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Wofhausen.
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