KELIL BARASSO, DENVER (USA), ist 40 Jahre alt, verheiratet und hat fünf Kinder im Alter zwischen 6 und 19 Jahren. Er stammt aus Äthiopien und lebt seit 1988 in den USA. Er besucht das College und will später Umweltwissenschaft studieren. In seiner Freizeit spielt er im äthiopischen Burkutu Soccer Team Denver Fussball. Er fährt ein Taxi der Marke Ford Crown Victoria, Jahrgang 1996.
Denver, die Hauptstadt des Staates Colorado, hat 2 109 282 Einwohner und liegt am Fusse der Rocky Mountains.
Kelil Barasso verdient etwa 800 Dollar (umgerechnet 1100 Franken) monatlich, seine Frau als Environmental Cleaner 2000 Dollar. Davon leben sie beide, ihre fünf Kinder und Angehörige in Äthiopien, denen sie jährlich Geld schicken. Für ihre Wohnung zahlt die Familie Barasso 900 Franken im Monat.
Taxameter (normaler Tagestarif):
Grundgebühr CHF 2.30, Kosten pro Kilometer CHF 1.60.
Kelil Barasso, wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?
Ganz unterschiedlich. Je nachdem, wie das Geschäft läuft. Und das läuft meistens schlecht. Denver ist kein gutes Pflaster für Taxifahrer – hier haben alle ein Auto, und die Innenstadt ist mit Bussen gut erschlossen. Ich fahre seit fünf Jahren Taxi und arbeite mal 3, mal 15 Stunden am Tag. Ich bin selbständig und entscheide selbst, wie viel ich fahre. Der Wagen gehört mir, ich fahre für die Metro Taxi Denver.
Wie regeln Sie Ihre Altervorsorge?
In den USA ist das Privatsache, und ich halte das auch so. Ich mache das individuell. Das geht niemanden etwas an.
Wann und wo haben Sie zum letzten Mal Ferien gemacht?
Am 11. September 2002 – da hab ich den ganzen Tag nicht gearbeitet. Vorher war ich im August 2001 ein paar Tage mit meinem Fussballverein unterwegs in Washington und Minneapolis für ein Turnier. Wir haben gewonnen.
Warum wurden Sie Taxifahrer?
Es ist ein freies Business, du bist unabhängig, kannst aufhören zu arbeiten, wenn die Familie dich braucht, und anfangen, wenn sie dich nicht braucht. Und ich kann nebenher zur Schule gehen oder andere Jobs machen.
Wie viele Kilometer legen Sie pro Tag zurück?
Wie gesagt, mein Freund: Denver ist kein gutes Pflaster für Taxifahrer. Mal sind es nur 75, mal sind es 750 Kilometer am Tag. Meine längste Fahrt ging in ein Skigebiet, nach Glenwood Springs, das gab 400 Franken. Auch das Trinkgeld ist unterschiedlich: zwischen 0 und 15 Franken. Das höchste Trinkgeld erhielt ich, ohne fahren zu müssen. Einer Frau, die mit ihren Kindern auf dem Highway stecken blieb, hab ich das Rad gewechselt, während sie sich in meinem Taxi aufwärmen konnten. Dafür gab es 60 Franken – genau den Betrag, den die Frau für den Pannendienst hätte zahlen müssen.
Was tun Sie in den Wartezeiten?
Hausaufgaben für die Schule machen.
Wer war Ihr schwierigster Gast?
Ein Typ hat mich mal während eineinhalb Stunden in Lower Downtown rumgeschickt: Fahr bitte zu dieser Bar, an diese Strassenecke, zu diesem Parkplatz, in diesen Hof usw. Keine Ahnung, was der gesucht hat. Oder die drei Jungs, weisse Amerikaner, die die ganze Zeit rassistische Sprüche machten. Mann, das war unangenehm. Zum Glück war da noch eine Frau dabei, die hat sich immer wieder bei mir entschuldigt.
Wie hoch war Ihre höchste Busse?
200 Franken – für ein paar Typen, die aus meinem Taxi heraus die Polizei beschimpften und dann abgehauen sind. Die Cops haben mir nicht geglaubt, dass nicht ich das war, der sie beschimpft hatte.
Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?
Eine Handtasche. Die Frau hat noch am selben Tag die Stadt verlassen, und ich hab ihr die Tasche gleich per Expresspost an ihre Heimadresse geschickt – auf meine Rechnung. Die Tasche war noch vor ihr zu Hause. Als Dank dafür hat die Frau mir einen Check über 450 Franken zugestellt.
Sprechen Sie mit den Fahrgästen?
Was meinst du denn? Ich bin ein Profi, das gehört doch zum Kundendienst. Ohne diese Gespräche wäre ich in meinem Business längst tot.
Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet die Fahrt dorthin?
Der Botanische Garten. 10 Franken von Lower Downtown, 70 vom Flughafen.
Haben Sie Angst vor Überfällen?
Ja, deshalb diese Kamera oberhalb des Rückspiegels und der Notrufknopf zur Zentrale. Das ist Standard, obwohl Denver eigentlich sicher ist, im Gegensatz zu New York oder Detroit.
Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?
Ich würde alles in die Ausbildung meiner Kinder stecken, würde Schulen für arme Leute unterstützen und für Hilfsorganisationen spenden. Ich würde nichts behalten. Wenn ich mir eine Freude machen will, dann geniesse ich die Natur. Das reicht mir zum Glücklichsein – und Natur gibt es hier in der Gegend genug. Deshalb lebe ich auch hier mit meiner Familie, und wegen des Klimas. Im Schnitt haben wir mehr als 250 Tage im Jahr Sonnenschein.
USA
Einwohner: 280 562 489
BIP pro Kopf: CHF 50 820
Benzin: 1 l CHF 0.55
Milch: 1 l CHF 1.95
Coca-Cola: 1 l CHF 0.65
Brot: 1 kg CHF 4.20
Reis: 1 kg CHF 2.20
Kinobillett: CHF 12
Zigaretten: 1 Packung CHF 5