NZZ Folio 01/05 - Thema: Bomben   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Was uns vom Affen trennt

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Von Wolf Schneider

Täuschen kann man auch mit Silikon. Die grosse Kunst der Tücke, der Lüge, der Heuchelei aber hat sich in der Wortsprache entfaltet. Die Lüge ist das Lebenselixier von Grabrednern, Angeklagten, Politikern und Werbetextern; für Theologen, Moralphilosophen, Pädagogen, Eltern und Liebespaare ist sie Stoff zum Grübeln ohne Ende.

Schon die Bibel ist sich mit sich selbst nicht einig. Das achte Gebot lautet ja nur: «Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten», stellt also allein die Verleumdung an den Pranger. Doch Moses sagt: «Ihr sollt nicht stehlen noch lügen» (3. Mose 19, 11), und in Psalm 5 heisst es sogar: «Herr, du bringst die Lügner um» – die Lügner, alle also; was nicht stimmen kann, wenn Paulus recht hat (Römer 3, 4): «Gott ist wahrhaftig, und alle Menschen sind Lügner.»

Uneins sind noch mehr die Philosophen. Platon sagte, ein geschickter Lügner, der die Wahrheit kenne, sei besser als ein ehrlicher Ignorant. Montaigne dagegen nannte 1580 die Lüge ein verfluchtes Laster, «un mauldict vice»; in der Erziehung sei nichts wichtiger, als den Kindern die Verlogenheit auszutreiben.

Gerade dem widerspricht nun eine moderne Schule der Anthropologie: Wenn die meisten Kinder im Alter von drei oder vier Jahren zu lügen begönnen, so hätten sie einen Entwicklungssprung gemacht. Sie seien imstande, das eigene Wissen listig beiseite zu schieben, und lernten zugleich einzuschätzen, welche Lüge gerade noch glaubhaft sei («Der Hund hat die Schokolade geklaut!»). Mit der ersten Lüge «galoppiert der menschliche Geist dem Affen davon», hiess es 2002 in einer Studie der Universität Osnabrück.

Francis Bacon hatte 1597, kurz nach Montaigne, eine schillernde Position bezogen in dem berühmten Essay, der mit den Worten beginnt: «‹Was ist Wahrheit?› fragte Pilatus spöttisch – und wartete die Antwort nicht ab. Es gibt nämlich Menschen, die an Unklarheiten ihr Gefallen haben.» Warum sei die Lüge so beliebt? fragt Bacon. Weil die Wahrheit oft beschwerlich sei – und weil die meisten Menschen das nackte Tageslicht der Wahrheit fürchteten; ein Hauch von Lüge sei wie Kerzenschein und wärme die Seele. Andrerseits: «Der menschlichen Natur gereichen nur Treu und Redlichkeit zur Zierde.»

Unerbittlich wie immer war Immanuel Kant. Sogar die Lüge gegenüber einem Mörder, «der uns fragte, ob unser von ihm verfolgter Freund sich nicht in unser Haus geflüchtet, würde ein Verbrechen sein» – mit der halsbrecherischen Kasuistik: «Hast du gelogen und gesagt, er sei nicht zu Hause, und er ist auch wirklich (obzwar dir unbewusst) ausgegangen, wo denn der Mörder ihm im Weggehen begegnete und seine Tat an ihm verübte: So kannst du mit Recht als Urheber des Todes desselben angeklagt werden.»

Juristisch ist das Unsinn und moralisch derart verquer, dass man nach Erholung dürstet. Schon Montaigne bot sie an, indem er einräumte, er sei sich nicht sicher, ob er der Versuchung widerstehen würde, sich «aus tödlicher Gefahr durch eine dreiste Lüge zu retten». Vollends befreit fühlt man sich durch Jonathan Swifts Essay «über die noble und nützliche Kunst der politischen Lüge»: Sie sei ein sicheres Zeichen englischer Liberalität! Nur dreierlei dürfe der Lügner nicht: die Wahrscheinlichkeit strapazieren, hartnäckig bei der immerselben Lüge verweilen – und etwas behaupten, was schon morgen widerlegt werden könnte. Im Übrigen werde eine Lüge am wirksamsten mit einer anderen Lüge bekämpft, nicht etwa mit der Wahrheit.

Was soll unsereiner aus all dem folgern? Am besten: den Wortbrei «Lüge» in vier verschiedene Schüsseln füllen. In die erste kommt die politische Lüge: Sie ist Alltag, ohne sie ist kein Wahlkampf zu gewinnen; wir sollten aufhören, uns über sie aufzuregen – zumal wenn sie, wie meistens, in der milderen Form der Beschönigung oder des Verschweigens auftritt. In die zweite Schüssel schütten wir die Lügen über Tatsachen, soweit sie dem Lügner schaden können – sei es, weil andere Tatsachen ihn blamieren, sei es, weil sie mit Strafe bedroht sind (der Meineid). Die Freiheit zu lügen hat ja nur der Angeklagte; für Zeugen gilt der alte Satz: Wer sich keinen guten Anwalt leisten kann, sollte lieber gleich die Wahrheit sagen. In die dritte Schüssel gehören jene Lügen, die dem Mitleid entspringen: Einem Kind, dessen Vater für zwei Jahre ins Gefängnis muss, sollte man wohl eher sagen, er sei nach China gerufen worden.

Von der vierten Art schliesslich sind die sympathischen Lügen: die, die wir über unsere eigenen Meinungen verbreiten. Es wäre ungezogen, einer Gastgeberin unser wahres Urteil über ihr Essen ins Gesicht zu sagen; es wäre widerlich, einen Vierjährigen nicht für die Kritzelei zu loben, die er uns stolz zum Geburtstag schenkt. Und wenn Meinungsforscher uns befragen, sollten wir getrost daran denken, wie weit weg vom Affen wir uns schon entwickelt haben. Lügen wir, wenn wir Wasser predigen und Wein trinken? Nein! Wir wollen nur auf den Wein so wenig verzichten wie auf die Predigt gegen ihn: Er labt den Leib und sie die Seele.




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