NZZ Folio 07/92 - Thema: Sport und Geld   Inhaltsverzeichnis

Postkarte -- Barcelona, verwitwete Stadt

Von Manuel Vázquez Montalbán

Ein romantischer Dichter des 19. Jahrhunderts und Rekonstrukteur des katalanischen Nationalismus hat Barcelona eine «verwitwete Stadt» genannt, was nicht verwunderlich ist. Verwitwete Stadt, Witwe der Macht, der politischen Macht: die Barcelonesen haben ihre Stadt stets wie eine verwitwete Mutter behandelt, eine junge, gutaussehende Mutter, wie einst Penelope von allerlei unerwünschten Freiern belagert, ohne grosse Hoffnung auf die Rückkehr des Odysseus, jener imperialen, mediterranen Macht, die mehr oder weniger um 1492 unter der Hegemonie von Kastilien-Spanien zugrunde ging. Eine Stadt ist eine Metapher und lässt sich deshalb vielleicht am besten durch Metaphern darstellen. Während romantische Dichter, deren Sprache für eine nationale, industrielle, postromantische Bourgeoisie gemacht war, sich am Bild der verwitweten Stadt ergötzten, war diese Stadt für viele andere ihrer Bewohner «die Feuerrose», die Blume der Flammen und Barrikaden der blutigen sozialen Unruhen des 19. und 20. Jahrhunderts bis hin zum Bürgerkrieg.

Revolutionsexperten wie Engels und Lenin fanden lobende Worte für das Quantitäts-Qualitäts-Verhältnis des barcelonesischen Aufruhrs. In Kreisen sowohl des utopischen wie des wissenschaftlichen Sozialismus waren die Barrikaden, wie sie in Barcelona gebaut wurden, hochgerühmt, handwerklich ansprechend, und von den Klassikern des revolutionären Marxismus gefeiert und geschätzt. Nun hatten die Barrikaden, die Barcelona zur «Feuerrose» machten, herzlich wenig mit wissenschaftlichem Sozialismus zu tun. Sie waren vor allem Ausdruck der Verzweiflung eines rebellischen Urproletariats im Kampf gegen eine der jüngsten und grausamsten Bourgeoisien des Industriezeitalters in Europa, deren Mitglieder zum Teil noch durch den Sklavenhandel in Amerika reich wurden, als dieser längst verboten war. Diese Sklavenhändler investierten dann in die industrielle Revolution, in englische und holländische Techniker und in Arbeitskräfte, die aus dem katalanischen Umland einwanderten. So spross das moderne Barcelona, sprengte seine Mauern, öffnete sich in Stadterweiterungen und liess hin und wieder Kirchen und Fabriken brennen, im Schatten stets des Kastells von Montjuic, das gerade zu dem Zweck erbaut worden war, die Stadt zu bombardieren, falls sie einmal über ihre Grenzen trat.

«Verwitwete Stadt», Stadt der «Feuerrose», und plötzlich trat eine zweite bürgerliche Generation auf, die die Stadt und sich selbst der Achtbarkeite zuführen wollte, die nach Paris reist und Theater baute, Malern hofierte und einen patriotischen Modernismus förderte, der einererseits die alte Handwerkskunst verherrlichte und sie anderseits in eine nationalistische Tradition stellte, die ihr einen Anschein von einzigartiger Besonderheit gab. Mediävistik und Handwerk, wie ein chinesisches Schattenspiel von einem aggressiven Kapitalismus subventioniert, der mit der einen Hand Gaudí bezahlte und mit der andern die Pistoleros, die ihm unliebsame Gewerkschaftsführer aus dem Weg räumten. Hier ist viel gemordet worden. Die einen wollten mit Göttern, Königen und Herren Schluss machen, die andern nur Mehrwert anhäufen, um auch den Nachkommen noch Reichtum zu sichern und um sich von Künstlern ihre immer anachronistischer werdenden Träume realisieren zu lassen, die dank Gaudí, der Utopien schaffen wollte, nicht zu Albträumen wurden. Denn auf diesem Kreuzweg der Intentionen stand mit einemmal ein Architekt, der ein Orchester dirigierte, der die Gebäude klingen lassen wollte, derweil die Interieurs den Lebensansprüchen nicht nur genügen mussten, sondern sie heiligen sollten. Es heisst ja, Gaudí habe sehr an Gott und ans Kokain geglaubt, obwohl ersteres nur Gott wirklich weiss; und was das Kokain angeht, so war das ein Geheimnis, das der Künstler sehr gut zu wahren gewusst hat.

Gaudí hat öfter auf die Symbolik des heiligen Georg mit dem Drachen verwiesen. Der rationalistische Geist des II. Vatikanischen Konzils hat uns Sankt Georg genommen, der der Schutzpatron Kataloniens ist (Sant Jordi für die Katalanen) und so berühmt, weil er einen schrecklichen Drachen getötet hat. Für den vatikanischen Neorationalismus muss ein Heiliger, um als solcher gelten zu können, zuvor ein menschliches Leben auf Erden geführt haben, und es gibt keine Beweise, dass der von Katalanen und Griechen gleichermassen verkehrte Sankt Georg tatsächlich ein römischer Ritter war, der gegen den Drachen kämpfte, um die Jungfrau zu retten. Katalonien jedenfalls hat ihn zu seinem Schutzheiligen gemacht, und am 23. April, dem Tag des heiligen Georg, ist das Fest des Buches und der Rose, das Barcelona in eine bukolische Kulturstadt verwandelt, in der das Symbol des drachentötenden Ritters in Form von Statuen, Gemälden und Flachreliefs in der ganzen künstlerischen Scheinheiligkeit der Stadt allgegenwärtig ist.

Warum der Drache? In der chinesischen Symbolik kann er zwar positiv besetzt sein, doch in der christlichen Ikonographie ist er ausschliesslich die böse Bestie, die von dem Ritter mit der Lanze keinerlei Gnade zu erwarten hat. Rilke empfand heimliches Mitleid mit dem Drachen, den er als die dunkle Seite unseres Seins erkannte: wir besiegen die Angst unserer finsteren Hälfte und hegen die geheime Hoffnung, dass wir, indem wir den Drachen töten, der in uns lebt, ein fremdes Wesen voller Reinheit und Güte befreien. Dem heiligen Georg der Katalanen wird allerdings mehr ein historisch-soziologischer Repräsentativcharakter abverlangt. Der Drache versinnbildlicht die Bedrohung des Landes, die Bedrohung der verwitweten Stadt. Der Drache ist Spanien, Kastilien, Madrid, und Sankt Georg ist jeder fahrende Ritter, der die Bestie erlegen oder zumindest auf Abstand halten kann: Das kann die wirtschaftliche Vormachtstellung sein, aber auch der FC Barcelona, der bei jedem Sieg über Real Madrid wie der leibhaftige Sant Jordi dasteht, der den Drachen Staub fressen lässt.

Der jetzige Papst in Rom hat ein weites Heiligmachergewissen, und wenn er imstande war, einen der wirklich unwahrscheinlichsten Seligen, den Gründer des Opus Dei, Escriva de Balaguer, seligzusprechen, dann müsste er auch Sankt Georg als den am meisten gefolterten Heiligen (sieben Jahre hindurch von sieben verschiedenen Königen) und Repräsentanten einer Stadt rehabilitieren, die stets das Opfer ihrer Witwenschaft war. Das Erscheinungsbild Barcelonas entstand in den letzten 200 Jahren. Angefangen wurde beim gotischen Barcelona, dem augenscheinlichen Beweis imperialer Vergangenheit, um dann überzugehen zum Modernismus des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, bis hin zur Apotheose eines Genies: Gaudí. Und wer war das historische Subjekt dieser Renaissance? Ein ganzes Volk, ein arbeitsames, redliches, mutiges Volk, das nach einem Ausspruch, den kein Calvinist hätte besser formulieren können, «. . . aus den Steinen Brot zu machen weiss». Das bürgerliche Barcelona war immer davon überzeugt, dass der Katalane von Natur aus Katalane ist und im Unterschied zum «guten Wilden» Rousseaus schon bei der Geburt die Produktivität in seinem genetischen Code vorfindet. Ein guter Sohn, ein guter Sohn der verwitweten Mutter, den nur der schädliche Einfluss von schlechter Gesellschaft hin und wieder dazu treibt, für die Durchsetzung seines Rechts auf die Strasse zu gehen, einmal nach Icaria oder auch nur zum bezahlten Urlaub zu kommen.

Alles was ich bisher angeführt habe, konnte man bis vor wenigen Wochen noch sehen. Nach Gaudí, über den sich heutzutage ein Gewimmel von Japanern hermacht, um ihn voller Ehrfurcht zu entschlüsseln, wurde das Erscheinungsbild Barcelonas von Resten seiner industriellen Revolution aufgefüllt, seiner infamen Legenden wie dem von den französischen Romanciers (von Francis Carcó bis Jean Genet) herbeifabulierten Barrio Chino, den rationalistischen Überresten seiner im Ensanche dahindämmernden Bourgeoisie sowie von den letzten folkloristischen Reserven einiger «Arbeiterviertel», die ein Zugeständnis des südlichen Submythos an den Gesamtmythos sind: Barcelona, die nördlichste aller südlichen Städte Europas und die südlichste der nördlichsten Städte Europas.

Jede Verantwortung ablehnen muss ich allerdings für das neue Erscheinungsbild, das hinter den gefallenen Bauzäunen sichtbar wird, hinter denen sich bisher die Baustellen verbargen, die durch die Olympischen Spiele notwendig wurden. All das, was erlittene Geschichte war, ist plattgewalzt oder als archäologische Nische eingerichtet und in den erweiterten Kontext einer Stadt gestellt worden, die ihren Witwenstand aufgegeben und jetzt einen Yuppie-Ehemann gefunden hat. Ich weiss nicht, wie die Barcelonesen in Zukunft damit umgehen werden, aber ich habe das Gefühl, dass sie eine ganze Weile wie verlorene Seelen durch all die Schnellstrassengürtel, all die Tunnel und olympischen Dörfer irren werden, durch die Büroblocks, in denen in Zukunft die grossen Geschäfte getätigt werden sollen, und durch die herausgeputzten Altstadtviertel, die so entseucht worden sind, dass selbst die Bakterien der Erinnerung nicht überleben konnten . . . und ein paar Jahrzehnte weiter werden Schriftsteller, Maler und sonstige Künstler sich daranmachen, das Erscheinungsbild Barcelonas zu rekonstruieren. Vielleicht in Gestalt eines playmate mit ketchuproten Lippen? Mit einem Ehemann, der mehr auf Flughäfen als zu Hause anzutreffen ist, und einem von Walt Disney Productions entworfenen Geliebten, möglichst ähnlich dem heiligen Georg mit dem aufgespiessten Drachen, und jeder mit seinem eigenen Präservativ: Sankt Georg und der Drache.

Manuel Vázquez Montalbán lebt als Schriftsteller in Barcelona. Sein jüngster Roman, «Galíndez», ist deutsch unter dem Titel «Das Spiel der Macht» als Rororo-Taschenbuch (1992) erschienen.


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