Was sagt mir der Duft, der mir entgegenweht und gleich wieder vergeht? Wie beschreibe ich ihn in seinem unvergleichlichen Geruch? Was sich nicht zwingend in einen bestimmten Wortlaut übersetzen lässt, lässt sich auf alle möglichen Arten, und das kann bei einem strengeren Anspruch auch heissen, auf gar keine Art angemessen wiedergeben. Grenzenlos, wie sie in ihrer luftigen Verbreitung sind, entziehen sich Düfte der Definition. Wenn wir dennoch versuchen, sie in Worte zu fassen, nehmen wir in Kauf, dass sie uns durch die Finger gleiten. Es bleibt die wissenschaftliche Bestimmung eines Dufts durch sein Molekül und, am andern Ende der sprachlichen Möglichkeiten, die Hoffnung, das, was uns im Sprechen entgeht, in seinen Unter- oder Obertönen, in einem Anflug vergegenwärtigen zu können. Zauberworte eignen sich für dieses Vorhaben besser als andere: Ich sage Grün und rieche den Frühling. Ich sage Schnee, und die Luft riecht weiss.
Für Zauberworte sind Dichter zuständig. Aber nicht die Macht der Sprache steht im Vordergrund, sondern deren Ungenügen, wenn Rilke in einem seiner «Sonette an Orpheus» im ersten Vers – «Du mein Freund bist einsam weil…» – einen Hund anspricht, der seine Einsamkeit der Schwierigkeit verdankt, dass sich die Gerüche im Unterschied zum Sichtbaren nicht mit «Worten und Fingerzeigen» aneignen lassen. Wie dem Hund geht es allen, die von dem reden möchten, was nicht mit Händen zu greifen ist. Das sind nicht nur Gefühle, die Düfte betreffen, sondern Gefühle schlechthin.
Unter den Sinneswahrnehmungen ist nicht nur das, was man riecht, nicht ohne weiteres mitteilbar, sondern auch, was man schmeckt – Brot schmeckt nicht immer wie Brot – und hört. Aber während sich die Geräusche in ihrer Lautstärke messen, die einzelnen Töne voneinander unterscheiden, innerhalb einer Skala situieren und somit auch benennen lassen, schweben die Düfte frei im Raum. Der einzige Ort, an den man sie sinnvoll anknüpfen kann, ist der ihres Ursprungs: der Christbaum oder die angebrannte Milch; Mimosen oder ein fauler Fisch.
So werden Parfums für den praktischen Gebrauch nach den Ingredienzien beschrieben, aus denen sie hergestellt werden. Sie sind das Einzige, woran man sich halten kann; Dinge, von denen man aus Erfahrung weiss, dass sie so und nicht anders riechen. Grapefruit, Pfirsich, Bergamotte finde ich in der Beschreibung eines Dufts, der als «frisch, grün, blumig» angepriesen wird. Freesien, Maiglöckchen, Jasmin, Geissblatt, Rosen; Laub und Holz. Dass man für Wörter wie Ylang-Ylang, Moschus und Amber nicht ohne weiteres Verständnis voraussetzen darf, ist nicht unbedingt von Nachteil. Ylang-Ylang, ein in Südostasien heimischer Baum mit grossen, wohlriechenden Blättern, mag angehen. Ob es aber viele Frauen gibt, die nach dem stark riechenden Sekret der männlichen Moschustiere oder – Amber – nach der fettigen Ausscheidung aus dem Darm des Pottwals riechen möchten?
Was zur Information taugt, ist nicht unbedingt brauchbar, wo es darum geht, die Qualität eines Dufts erfahrbar zu machen. Jedes Ding, das man als einen Bestandteil nennt, bringt mit den olfaktorischen auch immer klangliche, geschmackliche und vor allem visuelle Eindrücke ins Spiel. Gemischt wie die Vorstellungen, die sich aus der Beschreibung eines Dufts entfalten mögen, sind die Düfte selber. Sobald er ins Offene entlassen wird, mischt sich ein Duft mit dem, was schon da ist, was – herübergeweht von der frisch gedüngten Wiese, vom feuchten Moos unter den Bäumen – erst kommt.
Das Wort Duft stand früher für Dunst, Nebel, ferner auch für Tau, Reif: für etwas, das sich sichtbar, spürbar ausbreitet, in Form von Tröpfchen niederschlägt, zu glitzernden Kristallen gefriert und alsbald wie nie da gewesen wieder verschwindet. An diese Herkunft des Wortes werden wir jedes Mal erinnert, wenn wir uns (kein empfehlenswertes Vorgehen) mit unserem Lieblingsduft einnebeln, wenn wir dann in eine Duftwolke gehüllt aus dem Haus treten und in ihr als unserem Dunstkreis Anspruch auf Beachtung erheben. Im Unterschied zu den Wolken, in denen die Götter inkognito spazieren gehen, verbirgt uns die Duftwolke keineswegs den Blicken, die sie uns zuzieht. Im Gegenteil: Unsichtbar, wie sie ist, stellt sie uns dar, stellt sie uns bloss. In ihr sind wir nicht mehr, was wir eben noch waren. Nicht mehr wir selber oder erst recht? Ein unbeschreibliches Etwas setzt uns in Szene, umgibt uns mit einer Aura.
Duft, Duftwolken, Dunstkreis, einnebeln: Im Bereich der Düfte sind ursprünglich konkrete Bezeichnungen zu Metaphern geworden; zu Wörtern, die nicht so sehr bestimmte Vorstellungen hervorrufen als Unbestimmtes, Unbestimmbares suggerieren sollen. Wo es – und das kann sowohl das Anliegen der Poesie wie das der Werbung sein – darum geht, die Eigenart eines Dufts in seiner besonderen Schattierung zur Geltung zu bringen, kommen die Wörter nicht nur in ihrer semantischen, sondern auch in ihrer klanglichen, rhythmischen Bedeutung zum Zug. Schnee, Heu: riecht das nicht zarter, duftiger eben als Kaktus oder Tulpe?
«Betörend» oder «natürlich» oder «synthetisch» oder «modern» kann ein Duft sein: Sind nicht den beurteilenden Adjektiven sprachliche Mittel vorzuziehen, die freisetzen, was sie zu Wort bringen? Mit einem «Gelächter, das sich über den Winter lustig macht» wird ein Duft verglichen (Mimosa pour moi), der in einer banaleren Beschreibung dem Etikett «frühlingshaft» kaum entgangen wäre. An die Stelle des Klischees tritt eine Überraschung, ein Ereignis. Wenn man auch kaum annehmen darf, dass sich für ihn ein zutreffendes Wort finde, kann doch die Inszenierung eines Dufts ins Schwarze treffen; in der Vermittlung der Botschaft nämlich, in der sich ein Duft erklärt.
Mehr als bei anderen sinnlichen Empfindungen geht es bei der Sprache der Düfte um das, was sie an Assoziationen hervorrufen. Synästhesie nennt man das Ineinanderwirken von visuellen, akustischen, taktilen Wahrnehmungen, in denen sich uns ein Duft mitteilt. Mit ihm entströmen dem Fläschchen die Erinnerungen, die er anregt. Wie ich nun an dem Parfum rieche, das mir das Geheimnis seiner Zusammenstellung verraten hat, nennt es mir nicht nur gleich seinen Namen, «Fleur», sondern ich sehe mich auch schon bereits in den lockeren, noch zartgrünen Buchenwald versetzt, in dem ich – es war streng verboten – einmal mit einer Schulfreundin zum Muttertag Maiglöckchen gepflückt habe.
Von einer Komponente des Dufts zur andern verändert, vermehrt sich nach der ersten Zündung der Schwarm von Bildern, Klängen, Düften, die er aufgestört hat. Wenn er aber auch in beliebige Dimensionen von Raum und Zeit ausschwärmt, ist er doch in dem, was er zur Sprache bringt, wenn nicht gradlinig, so doch folgerichtig. Mein Lieblingsparfum zum Beispiel riecht nach Pfingstrosen. Niemand hat mir gesagt, dass die zahllosen Blüten, die für den leisen Duft ihre Essenz hergegeben haben, weiss gewesen sind. Aber das muss so sein. Ein roter Duft könnte nicht zu den Bildern von Sprühregen, Möwen, Wellen weiterleiten, die mir der weisse vor Augen bringt; zu den silbrigen, glasklaren Klängen, in denen ein Bild ins andere gleitet.
Es hat jeder Duft seine Welt. Wo ein Feuer brennt, schmilzt der Schnee. Wenn sich auch der Wortschatz, die Grammatik der Düfte nicht verbindlich notieren lässt, entspricht ihre Sprache doch der der Zauberworte, mit denen die Dichter sie in ihrer Abwesenheit zur Wirkung bringen: Nur in der beweglichen Vielfalt ihrer Möglichkeiten spricht sie sich in Wahrheit aus.
Eleonore Frey ist Schriftstellerin; sie lebt in Zürich. Zuletzt ist von ihr «Aus Übersee. Ein Bericht» im Droschl Verlag erschienen (2001).