NZZ Folio 09/01 - Thema: Europa   Inhaltsverzeichnis

Sage und Schreibe -- Grösse und Grenzen des Hellraumprojektors

Von Manfred Papst

Seit je gestaltet der Mensch, so er denn Reden hält, im gesprochenen Wort Erlebtes und Gedachtes, um seine Zuhörer für sich oder seine Sache zu gewinnen. «Der Überredung Meisterin» hat Platon die Rhetorik genannt. In seinen Dialogen entwickelt er denn auch eine weit aufgefächerte Argumentationslehre, die sich nicht auf formale Techniken beschränkt, sondern im gleichen Zug Sachkenntnisse auf den Gebieten von Staat und Gesellschaft, Recht und Geschichte erschliesst. Ein Meister der Didaktik! Das Besondere an seiner Kunst der wohlgeformten Rede aber ist, dass sie ganz ohne Hellraumprojektor auskommt.

Eine Binsenweisheit? Mitnichten! Platon kannte das Ungetüm, das selbst die malerischsten Burgen und Klöster in öde Seminarräume verwandelt, sehr wohl. In seinem Höhlengleichnis spricht er ausdrücklich von ihm und skizziert mit sicherer Hand die Situation des höheren Angestellten von heute: Ein an die Höhlenwand (das Sitzungszimmer) gefesselter Mensch, der starr nach vorn blickt (zum Referenten), sieht nichts als an die Wand geworfene Schatten (Einleitungsspässchen, Zahlen, Kurven, Diagramme, Schlussspässchen) im Licht des Feuers am Höhleneingang (des Projektors). Weil der Angestellte aber sein ganzes Leben über irgendwelchen Mittelfristplanungen verbringt, hält er diese Schatten für die Wirklichkeit: Das pralle Leben ausserhalb der Höhle ist seinen Sinnen entschwunden und würde ihn blenden wie Platons Gefesselten das Sonnenlicht. Die Grenzen seiner Welt sind zum einen die facts and figures, zum andern eine Handvoll unter der Flagge «Unternehmensphilosophie» (ein Oxymoron) segelnder Merksätze wie «Wir machen mit» oder «Wir bleiben dran», die in ihrer fibelhaften Schlichtheit den Verstand jedes aufgeweckten Neunjährigen beleidigen.

Der moderne Angestellte hat es in gewisser Hinsicht aber sogar schlechter als Platons Gefesselter: Er sieht nicht einmal die vollständigen Schatten, sondern nur denjenigen Teil, den der Referent nicht mit einem Blatt Papier abdeckt. Solches tut dieser, um die Gefesselten nicht zu überfordern, sprich: um sie zu geistiger Genügsamkeit anzuhalten.

Nun wollen wir dem klobigen Fossil und seinen windschnittigen, im Grunde aber kaum viel schlaueren Powerpoint-Nachfolgern keineswegs jede Berechtigung absprechen. Dass eine Gewinnkurve abwärts zeigt statt aufwärts oder dass das grössere Kuchenstück die Kosten darstellt statt die Erlöse, lässt sich mit ihm plastisch und, wie der Terminus technicus lautet, idiotensicher darstellen. Luftigeren Gedankengebilden aber ist es nicht gewachsen. Wir erinnern uns: Platon braucht kaum zwei Seiten für sein Gleichnis. Sein Wort verlangt nicht nach bildlicher Ergänzung - weil es das beste, knappste, genaueste, anschaulichste Bild bereits ist. Ein Bild, wird gern gesagt, sage mehr als tausend Worte. Aber natürlich ist es genau umgekehrt.


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