Beginnen wir, wo es bisweilen endet: bei der unbekannten Leiche. Aussergewöhnlicher Todesfall? Tötungsdelikt? Unfall? Die Fragen der Polizei sind, wenn Zeugen fehlen, Fragen an einen Toten. Dass dieser bereitwilliger Auskunft gibt als mancher Lebende, dafür sorgen die Fachleute, die Spuren sichern, untersuchen und auswerten. Bevor sie etwas anfassen, hält der Polizeifotograf am Fundort mit Foto- oder Videokamera die Situation aus allen möglichen Blickwinkeln fest. Dem Beamten des Erkennungsdienstes der Kantonspolizei - wir nehmen als Beispiel Zürich -, der dann die üblichen Schuh- und Fingerspuren sichert, stehen zwei Spezialisten zur Seite: ein Kollege des wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei, der nach spezifischen Spuren sucht (Schussspuren, Mikrospuren, Haaren, Textilfasern), sowie der Gerichtsmediziner, der als erster die Leiche berührt und eine erste Diagnose vornimmt. Erschossen? Erstochen? Erdrosselt? Oder natürliches Ableben? Äusserlich erkennbare Verletzungen und Körpertemperatur (rektal gemessen) erlauben Rückschlüsse auf Todesursache und Todeszeit. Im Institut für Rechtsmedizin wird die Untersuchung vervollständigt, und meist werden auch da erst dem Toten die Fingerabdrücke genommen. Die amerikanische Praxis, den Finger abzuschneiden und dem FBI zu schicken, ist hierzulande, wo alles nahe beisammen ist, nicht Brauch.
Was dem Arzt die Tasche, ist dem Erkennungsdienstbeamten sein Tatortköfferchen. Es enthält alles, was zur Spurensicherung im Normalfall nötig ist: Taschenlampe, Lupe, Sackmesser, Schere, Zirkel, Spiegel, Massstäbchen und Messband, Stempelkissen und Fingerabdruckbogen (um die sogenannt tatortberechtigten Spuren auszuscheiden), verschiedene Dachshaarpinsel, mit denen Argentoratpulver auf Gegenstände, die nach fremden Fingerabdrücken untersucht werden, aufgetragen und weggewischt wird. (Wo die Linien sind, haftet das Pulver, das mit einer schwarzen Klebefolie abgezogen wird; das Foto des Folienabdrucks zeigt den Fingerabdruck wieder seitenrichtig.) Ein Magnetpinsel samt Eisenstaub eignet sich besonders für Fingerabdrücke auf Leder- und Kunststoffsachen. Weitere Utensilien sind Pinzette und kleine Tüten, um beispielsweise Faserspuren zu sichern, eine Pipette nebst Glasröhrchen, um Flüssigkeiten (Blut, Sperma, andere Körperflüssigkeiten) aufzusaugen und abzufüllen. Mikrospuren, die man mit Klebestreifen aufnimmt (Fasern, Schmutzpartikel an Kleidern und Händen usw.), werden auf Spurenblättern archiviert und verdächtige Abdrücke mit Coltokit ausgefüllt, einem plastischen Material, wodurch sich ein Abguss ergibt. Ein im Polizeiauto mitgeführter Gipskoffer dient der Sicherung von Schuh- und Pneuspuren.
Spuren, schon Sherlock Holmes wusste es, liefern verlässlichere Beweise als Zeugen, die sich oft irren. So flüchtig eine Liebe auch war: Haben zwei sich umarmt, können mehr als hundert Fasern an der Kleidung des andern haften. Und ob man sich setzt oder unbeabsichtigt eine Wand streift - es bleibt immer etwas hängen.
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Wie lässt sich die Identität eines Toten feststellen? Ist eine Leiche verwest oder gar skelettiert, werden im Institut für Rechtsmedizin Geschlecht und Alter abgeklärt und andere Untersuchungen - beispielsweise odontologische - vorgenommen. Wie schnell ein Körper verwest, hängt von der Witterung ab. In einer kühlen, geschlossenen Wohnung kann er nach zwei, drei Wochen mumifiziert sein. Er trocknet aus, ohne sich gross zu verändern. Unter schlechten Bedingungen ist eine Leiche nach demselben Zeitraum überhaupt nicht mehr als Mensch erkennbar. «Im Sommer kann sie innert weniger Tage skelettiert sein», sagt der Beamte vom Kriminalfotodienst, der von einem Fund im Reppischtal zu berichten weiss, wo das entblösste Bein des Toten vollständig mit weissen Fliegeneiern bedeckt gewesen sei. «Wenn die Maden schlüpfen, ist alles im Nu abgefressen.» Ein Selbstmörder hingegen, den man nach monatelanger Suche im Winter in seiner Garage entdeckt habe, sei noch taufrisch gewesen - bis auf einen grünlichen Schimmel, mit dem alle freiliegenden Körperteile überzogen waren. «Wie bei der Konfitüre», sagt Herr B. und holt Fotos von einem Lagerschuppen in der Nähe von Zürich, wo die Leiche eines verwahrlosten alten Mannes gefunden worden ist. Umgeben von Gerümpel, leeren Büchsen und einem schmutzigen Herd, liegt das Skelett auf dem zerschlissenen Bett, der Kopf mumiengleich, die bis auf die Knochen entblösste Hand auf der Brust. Ein leeres blaues Hosenbein, zerlöchert, baumelt über den Bettrand. «Vermutlich Ratten», sagt Herr B., während er auf den etwas weiter entfernt in einem Blechkübel stehenden blanken Oberschenkelknochen auf dem Foto zeigt: Es komme oft vor, dass Leichenteile von Tieren verschleppt würden, besonders im Wald, wo Füchse, Aasfresser, am Werk sind. Pfadfinder, die ins Unterholz vordringen, finden sie dann.
Der Zustand von Wasserleichen ist abhängig von der Wassertemperatur und den Bakterien, die sich im Wasser befinden. Sind die Bedingungen günstig, kann eine Wasserleiche noch nach Tagen frisch sein, andernfalls ist sie aufgedunsen, die Haut löst sich ab. Je schlechtere der Zustand einer Leiche ist, desto schwieriger sind Analysen. Fingerabdrücke werden zu einem technischen Problem; die Haut muss fixiert und mittels Injektionen konserviert werden.
Hat man keinerlei Hinweise auf die Identität eines Toten, wie Papiere, ein graviertes Schmuckstück oder ähnliches, kommt es zur Fahndung. Ein Fahndungsblatt mit Signalement, Foto (sofern möglich) und Fingerabdruck gelangt je nach Fall in den engeren oder - via Interpol - den internationalen Umlauf. Bringt die Personenfahndung nicht den gewünschten Erfolg, so vielleicht die Sachfahndung: gefragt wird nach Gegenständen, Kleidungsstücken des Toten und ähnlichem mehr.
Erfolg auf beides keine Rückmeldung, bleiben als letzte Möglichkeit die Medien. «Der Persönlichkeitsschutz gilt auch für Tote», sagt Herr S. zur Begründung, warum man nicht so rasch zu diesem Mittel greift.
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Verschwindet jemand, ohne eine weitere Spur zu hinterlassen als die, welche sich ins Gedächtnis derjenigen eingeprägt hat, die ihn einmal gesehen haben, lässt sich dieses «virtuelle» Bild in ein reales verwandeln. Das Pips (Person Identification Police System), das seit 1989 bei der Kantonspolizei zum Einsatz kommt, hat das alte Robotbildverfahren ersetzt. Die Portraitzeichnungen und Fotomontagen (bei der sogenannten Identi-Kit-Methode wurden einzelne Merkmale durch Übereinanderlegen auf transparente Folien zu einem Gesicht arrangiert) waren zeitraubend herzustellen, und die Bilder, die auf diesem Wege entstanden, erweckten den Eindruck, als suchte man in jedem Fall nach Boris Karloff. Das neue Verfahren setzt auf den Computer. Der dabei verwendeten Software hatten sich noch vor der Polizei die Coiffeure bedient, die damit ihren Kundinnen Wunschfrisuren nach Belieben aufsetzen können, bevor sie zur Schere greifen.
Voraussetzung des Gelingens ist und bleibt die möglichst präzise Beschreibung der gesuchten Person. Alter, Grösse, Statur, Haarfarbe, besondere Kennzeichen wie Bart, Schnauz oder - bei fichierten Kriminellen - Tätowierungen und Narben werden in den Computer eingegeben, der aus der 80 000 Fotos umfassenden Kriminellenkartei diejenigen auswählt, die der Beschreibung am nächsten kommen. Das ähnlichste Bild wird dann als Ausgangsfoto benutzt, von einer Videokamera aufgenommen, im Computer abgespeichert und am Bildschirm mit der Maus in jeder gewünschten Richtung verändert. Gleicht die Augenpartie des Gesuchten eher der auf einem anderen Foto, wird sie aus diesem «ausgeschnitten» und eingesetzt, ebenso die Frisur oder sonstige Merkmale. Das Menu hält einen Pinsel zum Malen, eine Spraydose, eine Schere und einen Wischer bereit, mit dem radiert wird. So kann einem frisch Rasierten ein Bart aufgesprayt, einem Schmallippigen zu voll Lippen verholfen, einem Pausbäckigen Fett weggeschnitten werden; mit einem Klickt sitzt eine Brille auf der Nase. Ist die Arbeit getan, wird das künstlich modifizierte Portrait ausgedruckt; das Phantombild einer Person, das durch reine Beschreibung entstanden ist, unterscheidet sich kaum von einer normalen Foto.
In der Praxis wird das Pips weniger zur Suche nach Verschwundenen als zur Kriminellenfahndung eingesetzt. Herr M., der es bedient, weist darauf hin, dass Leute, die überfallen worden sind und den Täter schildern sollen, vor mannigfachen Schwierigkeiten stehen. Sie haben auf die Waffe geschaut und nicht auf das Gesicht und täuschen sich oft in den einfachsten Dingen, vor allem in der Grösse, da je nach Position des Täters die Perspektive eine andere war. Herr M. bietet neben neun verschiedenfarbenen Haarsträhnen im Schaukasten Zeichnungen zur Identifikationshilfe an, die den schöne Schein des menschlichen Äusseren auf einfache Nenner stutzen: unrasiert, kleiner Schnauz, normaler Schnauz, grosser Schnauz, Spezialschnauz, Bart ohne Schnauz, Kinnfliege mit Schnauz, Kinnbart mit Schnauz, Vollbart mit Schnauz, Samichlaus-Bart; sowie die Haare betreffend, die Merkmale: glatt, leicht gewellt, gewellt, stark gewellt, gelockt, kraus; und der Typ, auf dem das Ganze sitzt: arabisch, südländisch, orientalisch, asiatisch.
Eine weitere Computerhilfe zur Suche nach Verschwundenen ist 1991 in der Schweiz zu einem einmaligen Einsatz gelangt. Mit dem an der Universität von Chicago entwickelten Programm «Da Vinci» kann der Alterungsprozess eines Gesichts künstlich nachvollzogen werden. In den USA wurde die Software 1985 erstmals erfolgreich angewendet, als zwei - sieben Jahre zuvor entführte - Schwestern nach der Fernsehausstrahlung ihres dergestalt aktualisierten Computerportraits gefunden werden konnten. Hier hätte «Da Vinci» bei der Suche nach vier zwischen 1984 und 1986 verschwundenen Kindern helfen sollen, blieb allerdings ohne Erfolg.
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Wer gesucht wird, muss zuvor vermisst werden. Geht auf dem Polizeiposten eine Vermisstenanzeige ein, ist es am diensttuenden Beamten zu entscheiden, was unternommen werden soll. Ist beispielsweise ein Ehemann nicht nach Hause gekommen, drängt sich eine Suchaktion weniger auf, als wenn ein Kind verschwunden ist. Und bevor sich der ganze Fahndungsapparat in Bewegung setzt, werden zunächst die Umgebung des Vermissten und sein Haus durchsucht, selbst wenn der Anzeigeerstatter behauptet, er habe dies schon getan. «Leute haben oft Lieblingsorte», sagt Herr S., der entsprechende Erfahrungen gemacht hat, «ein Ferienhaus, eine Waldschneise, Orte, wo sie hingehen, wenn sie Probleme haben.» Wird die vermisste Person dort nicht gefunden, wird sie per Telex an die Polizeikommandos der näheren und ferneren Umgebung ausgeschrieben; je nach verwandtschaftlichen oder bekanntschaftliche Beziehungen geht der Telex auch an die Polizeidienststellen im Ausland. Dann werden Fahndungsblätter im Polizeianzeiger publiziert. Früher musste der Beamte auf Streife alle Blätter bei sich haben, heute, da jeder mit Funk ausgerüstet ist, geht das bequemer. Erst wenn diese Mittel ausgeschöpft sind, werden die Medien orientiert. Nicht eben häufig, weil man die Medien nicht überschwemmen will, und auch des Persönlichkeitsschutzes wegen. Die Zeitungen, sagt Herr S., nähmen oft die Bilder nicht mehr und druckten statt dessen Signalementsbeschreibungen. «Die liest nun wirklich niemand.» Dann wartet man auf sachdienliche Hinweise aus der Bevölkerung. Sind sie sachdienlich? Sie sind es. «Allerdings eher, wenn nach Vermissten gesucht wird und weniger, wenn Täter im Spiel sind.» Im zweiten Fall meldeten sich vielfach Leute, die involviert seien und ein Interesse daran hätten, die Polizei auf eine falsche Spur zu lenken, oder einfach Goodwill machen wollten. «Die kommen ins Detektivbüro, weil sie denken, eine Meldung an die Polizei macht sich immer gut, wenn man selber nicht so sauber ist.»
Wer Spuren verwischt in der Hoffnung, unentdeckt zu bleiben - sei er nun Täter oder jemand, der einfach verschwinden will -, muss mit einem kriminalistischen Spürsinn rechnen, dem heutzutage ein reichhaltigeres Arsenal technischer Mittel zur Verfügung steht als das Vergrösserungsglas, womit der Detektiv von einst auf Spurensuche ging. In einer Welt, in der die Identität des Einzelnen in der Anonymität der Masse untergeht, bleibt von einem gegebenenfalls mehr zurück als jemals zuvor: Fast alles tritt zutage, wenn die Fahndung läuft.