Nicht immer muss es die grosse Reportage sein, das dicke Buch - mitunter sagen auch kleine Meldungen über ein Land viel aus, zumal wenn sie sich häufen. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass in der Rubrik «Vermischtes» von Katastrophen unterschiedlichster Art in China zu lesen stünde. Einmal die Überschwemmung, die Hunderte das Leben kostet, das nächste Mal ein Unglück im Bergwerk, dem 80 Bergleute, oder ein Fabrikbrand, dem 20 Arbeiterinnen zum Opfer fallen, dann die Dürre, die die Ernte ganzer Landstriche vernichtet. Allein durch Naturkatastrophen sind in diesem Jahr schon Tausende ums Leben gekommen, der finanzielle Schaden geht in die Milliarden. Dann die Berichte über massenweise vollstreckte Todesurteile: Dieben, Drogenhändlern, korrupten Beamten, Regimekritikern, jedem kann die Todesstrafe drohen. Auch im Kulturteil taucht China immer öfter auf, doch nicht nur beeindruckender Werke wegen, sondern weil Filmer oder Schriftsteller gegängelt, drangsaliert, zensiert, bedroht, mit Berufsverbot belegt werden, und das vom Staat, ganz offiziell.
Das meiste davon steht auch in einem Zusammenhang damit, dass da Riesenreich in den vergangenen Jahren eine atemraubende (wirtschaftliche) Entwicklung durchlaufen hat, das vergreiste System einer Parteidiktatur aber vorgestern stehengeblieben ist. Die Natur rächt sich für den teils schon seit Jahrhunderten betriebenen Raubbau an ihr und für die besonders rücksichtslose Ausbeutung der letzten Jahre, ohne die anscheinend das Wachstum nicht zu haben ist. Weil auch Menschen als Ressourcen betrachtet werden, die im Überfluss vorhanden ist, gilt deren Sicherheit nur als unerwünschter Kostenfaktor. Im kommunistischen Paradies der Werktätigen zählt sie so wenig wie in den Sweatshops der Lower Eastside im New York der Jahrhundertwende, wo Erzkapitalisten die Ausbeuter waren.
Menschenrechte, so erklären uns Experten, entspringen dem von der abendländischen Aufklärung geprägtem Denken und sind deshalb nur bedingt auf China übertragbar. Besser hingegen funktioniert die Übertragung westlicher Wunschvorstellungen von einem Paradies für Konsumenten, bald einmal 1,3 Milliarden an der Zahl.