Der Teufel Schnipp hat die unersetzliche Perlenkette der Prinzessin gestohlen und versteckt. Wo soll der Kasperli sie nur suchen? Er ist schon ganz verzagt. Nur noch die Kinder können ihm helfen. Haben sie vielleicht etwas gesehen? Zum Glück ja: «In der Höhle, in der Höhle!», rufen fünf oder fünfzig Knirpse entschlossen. Dort aber liegen der Teufel Schnipp und sein Lehrling Stinkador schon auf der Lauer. «Achtung, Kasperli, pass auf!», gellt es aus sämtlichen Kinderkehlen. Der Kasperli kann sich gerade noch unter der grossmächtigen Gabel des Teufels wegducken. Schwuppdiwupp packt er die beiden üblen Burschen. Ein kurzes Handgemenge, dann kann er sie unter dem Jubel des Publikums samt Perlenkette gefesselt und geknebelt auf dem Schloss abgeben. Uff, das war knapp! Danke, Kinder, ruft der Held mit der Zipfelmütze, ohne euch wäre ich jetzt aber sackzement futschikato gewesen. Tri tra trallala, Schluss für heute.
Was hat den Kasperli gerettet, hier und in jedem andern seiner tausend Abenteuer? Interaktivität! Denn niemals ist das Puppenspiel etwas gewesen, das nur in einer Richtung funktionierte. Stets hat es Gegenrede, Teilnahme, Eingreifen herausgefordert - nicht auf Knopfdruck, dafür mit ungleich grösserem Variantenreichtum. Was heute jedes Kind als Errungenschaft der elektronischen Medien kennt, kannten alle Kinder der Welt vor ihm auch.
Als Laienschausteller, der bisweilen hinter dem im Türrahmen aufgespannten Leintuch Kasperlistücke aufführt, bis Arme und Stimme den Dienst versagen, erlebe ich die vielfältigen Reaktionen der Kinder stets aufs Neue. Keineswegs beschränken sie sich auf berechenbare, den geplanten Ablauf lediglich kolorierende Zwischenrufe. Oft zwingen sie zur spontanen Abänderung des Stücks. Was soll ich etwa tun, wenn das über die geraubte Perlenkette weinende Prinzesschen kurzerhand mit glitzerndem Ersatz aus Kinderhand bedacht wird? Was, wenn die gleiche Kinderhand die notdürftig installierte Bühnenbeleuchtung zum Einsturz bringt und der Kasperli erst mal den Sicherungskasten im Keller suchen muss? Einmal, als das Krokodil gerade besonders fürchterlich brüllte, glaubte ein im Publikum befindlicher Berner Sennenhund sogar, die Kinderschar verteidigen zu müssen, riss kurzerhand das Leintuch herunter und trug das grünrote Ungeheuer im Maul davon. Da sass ich nun, wie nackt, ein Bild des Jammers, und hatte alle Gelegenheit, interaktive Kompetenz zu beweisen.
Es ist nicht ganz klar, was älter ist: das Kasperlitheater oder das griechische Drama. Jedenfalls ging es auch dort schon höchst interaktiv zu. Nehmen wir nur die Komödie. Aristophanes lässt sowohl den Chor als auch einzelne Figuren immer wieder das Wort ans Publikum richten. Dieses wird etwa als Versammlung von höchst weisen alten Männern umschmeichelt (während der Chor angeblich nur aus Trotteln besteht) oder aber als Bande von Vatermördern und Meineidigen geschmäht. Im «Plutos» heisst es von einer alten Vettel, sie habe wohl allen 13 000 Anwesenden schon zur Lust gedient. Oft wird das Volk von Athen, das diese Unterstellung kaum wortlos hingenommen haben wird, selbst zum Rufen und Raten aufgefordert, oder es erhält eine Rolle im Stück zugewiesen. Die Komödie des Aristophanes hat die Fährnisse ihrer Zeit offenbar nicht nur verspottet, sondern sie fröhlich mit dem Publikum diskutiert.
Das still dasitzende, aufmerksam zuhörende und erst am Schluss höflich applaudierende Publikum ist eine relativ späte Erfindung. Noch Shakespeare und Molière kannten es nicht; und als es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts allmählich aufkam, wurde es nicht mit ungeteilter Freude begrüsst. Als die Comédie française 1781 ihr neues Gebäude bezog, war das Parkett erstmals mit (reservierbaren) Sitzen ausgestattet, und manchen Kommentatoren fehlte die Atmosphäre des alten Hauses: das ungezwungene Kommen und Gehen, die derben Zwischenrufe der Zuschauer, die auf ihren Stehplätzen ungeniert assen und tranken.
Bis dahin war es sowohl in Paris als auch in London turbulenter zugegangen. Auf den Brettern, die die Welt bedeuteten, deklamierten nicht nur Schauspieler ihre Monologe bis zu zehnmal hintereinander - auf Verlangen des Publikums, das die Stücke grossenteils schon kannte -, sondern es stolzierten auch Gecken einher, die in die Handlung eingriffen oder wenigstens in die Ränge winkten: sehen und gesehen werden! Wer als Schauspieler in dem Getümmel nicht mehr weiter wusste und sich allzu offensichtlich zum Souffleurkasten beugte, wurde gnadenlos ausgepfiffen. Heftiger als heute waren auch die emotionalen Reaktionen: Bühnenreife Verzweiflung über Bühnentode war, glaubt man den Quellen, an der Tagesordnung. Man fiel ob des Schicksals Hamlets, Cäsars oder Phädras in Ohnmacht wie heute bei einem Boy-Group-Konzert, und man heulte hemmungslos wie zuletzt nur noch im Stummfilm: ein reinigendes Vergnügen, dem sich bekanntlich selbst ein Thomas Mann nicht verschloss.
Die wenigen Beispiele mögen dartun, dass Interaktivität, verstanden als Dialog zwischen «Sender» und «Empfänger», keine Erfindung des elektronischen Zeitalters ist. Im Gegenteil: Lange waren gerade Radio und Fernsehen reine Einbahnstrassen. Nun aber werden uns ihre ersten tollpatschigen Interaktionsversuche, im Grunde nichts anderes als Animationstricks, die seit Jahrhunderten jeder Gaukler kennt, angepriesen, als gelte es zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, den Kultur-Endverbraucher aus seiner Lethargie zu wecken. Und ungeachtet des historischen Widersinns dieser Idee beten Modephilosophen landauf, landab die Leier von der endlich überwundenen Konsumorientierung nach. Seit die Werbewirtschaft herausgefunden hat, dass der multimediale und polyaktive Zeitgeistsurfer der interessantere Adressat ist als der traditionelle Stubenhocker - weil er nämlich wesentlich mehr konsumiert als dieser -, hat sie ihren Idealtypus entsprechend korrigiert.
Aktiv gut, passiv schlecht: So einfach denken wir inzwischen. Doch gemach, Freunde: Ob etwa ein Schubert-Klavierabend durch Interaktivität der Zuhörer (Mitsingen, Taktklatschen, Anfeuerungsrufe, Hopsen, Unterwäsche- und Teddybärenwerfen, Olé-Chöre zwischen den Sätzen) unbedingt gewinnt, steht dahin; auch eine wirklich interaktive Rembrandt-Ausstellung (eine, in der man mit Leim, Schere, Spraydose und Fingerfarben hantiert, nicht eine dieser wässrigen didaktischen Veranstaltungen, in denen man ein bisschen auf einer elektronischen Zeittafel herumklicken darf) ist nicht jedermanns Sache. Doch geht es hier ja nicht um eine Ehrenrettung des stillen Kunstgenusses. Vielmehr stellt sich die Frage, ob die vielbeschworene Interaktivität in den (auch schon nicht mehr ganz so) neuen Medien einem Aristophanes oder Kasperli überhaupt das Wasser reichen kann.
Ein bescheidener Selbstversuch hat ziemlich erschütternde Resultate zutage gefördert. Wo ich mich auch hinklickte: Nirgends erlebte ich Aufregenderes, als dass ich zusammen mit einigen tausend mir gänzlich fremden Netzteilnehmern irgend ein menschliches Subjekt, auf dessen Bekanntschaft ich keinerlei Wert lege, in eine Sendung, die ich mir nicht ansehe, hineinwählen durfte (oder aus ihr heraus). Ich musste bei Party-Albernheiten mittun («Chatten»), denen ich zu meiner nicht geringen Erleichterung seit einigen Jahrzehnten entwachsen bin, oder man fragte mich unter Inaussichtstellung eines batteriebetriebenen Flaschenöffners, der auch unter Wasser funktioniert, nach dem Fluss, der durch Halle an der Saale fliesst.
Zwischendurch konnte ich mir nach Belieben bunte Kurven über den Pro-Kopf-Stromverbrauch im Gemeindevergleich zeichnen lassen. In der interaktiven Calvin-Klein-Werbung durfte ich aus drei Models mein liebstes auswählen und ihm ein E-Mail schicken, das dann auch prompt von einem Call-Center beantwortet wurde. Während ich auf die Antwort wartete, hatte ich Gelegenheit, ein paar Produkte zu bestellen. Mit den unbedachten Online-Bestellungen ist es übrigens wie mit den Polizeibussen. Lange hört man nichts mehr, und man hofft schon, die ganze Sache sei irgendwie in Vergessenheit geraten. Aber am Schluss kommt die dicke Post doch immer. Muss wohl so eine Art Naturgesetz sein.
Noch mehr geärgert als meine überflüssige Bestellung hat mich indes die lächerliche Auswahl von gerade einmal drei Grazien. Soll das die Erfüllung aller Wünsche im neuen Millennium sein? Da halte ich es doch lieber mit den Tausenden von Schönen in Don Giovannis zierlichem Adressbuch; meine Phantasie malt mir die Bilder dazu. Auch schreiben können meine Zerlinen allemal besser als die Tussi vom Call-Center, die wahrscheinlich ein Textbaustein-Automat ist - oder ein pensionierter Deutschlehrer mit Bratensauce am Kinn.
Am Ende geht es ja ohnehin nur darum, dass ich etwas kaufe. Was mir auch an Aktivitäten vorgegaukelt wird: Nirgendwo bin ich viel weiter als einen Mausklick von der Mausefalle namens Warenkorb entfernt. Da kann ich gleich eine Kaffeefahrt in der Wirklichkeit buchen und in irgendeinem Sankt Unterursel eine Heizdecke kaufen, die ich nicht brauche; dazu bekomme ich dann wenigstens gratis ein Stück Speck, das ich nicht kauen kann, und eine Pfeffermühle, die nicht funktioniert - vor allem aber habe ich Gesellschaft.
Die am wenigsten öde Unterhaltung von Mensch und Maschine habe ich schliesslich in den Niederungen der Spielsalons gefunden. Hier habe ich mich recht gern als virtueller Formel-1-, Motocross- und Extremskifahrer betätigt - Vergnügungen, die mir im wirklichen Leben nicht so sehr zu Gebote stehen. Doch nach ein paar Fahrten erschöpfte sich der Spass: Ich entdeckte, wie wenige Möglichkeiten der hochgerüstete Apparat mir liess. Bald schon lagen die Muster der Wiederholung bloss. Die Übersetzung der Welt ins Binäre, in ein System aus lauter Nullen und Einsen, scheint nun einmal den Zwang zur Vereinfachung, zur Schematisierung in sich zu tragen. Mir aber geht es ums Unfassbare.
Und so bin ich, paradox genug, auch im Spielsalon wieder bei einem fast schon vergessenen Ungetüm gelandet: dem Flipperkasten, der verstaubt in einer Ecke stand. Oh, wiedergefundene Zeit! Beim Flippern gibt es wahre Interaktivität, nämlich das schnelle, glückhafte Spiel mit der zum Kern der Sache gehörenden, wenngleich in hohem Grade TILT-gefährdeten Möglichkeit subtilen Rüttelns und Schüttelns, Ruckens und Schiebens. Hier sind wir nicht mehr bei den Null/Eins-Infantilitäten, sondern in den Sphären der höheren Mathematik; hier kann die Maschine selten zwar! - überlistet werden. Niemals wiederholt sich ein Spiel.
Kluge Bücher sind darüber geschrieben worden, wie man richtig flippert (zum Beispiel von Robert Polin & Michael Rain: Pinball Wizardry, Englewood Cliffs 1979); sie können einem so viel und so wenig zu einem Freispiel verhelfen wie die Weisheitsbücher der Mystiker zu einem erfüllten Leben. Aber sie drehen sich immerhin um eine jener Beschäftigungen, die - wie Aristophanes, Shakespeare und der Kasperli - Momente zeitentrückter Seligkeit schenken und dafür höchstens ein bisschen Kleingeld verlangen. Das Call-Center dagegen fragt immer sofort nach meiner Kreditkartennummer - ohne auch nur mit einem Fitzelchen vom Glück zu winken.
Manfred Papst ist Programmleiter des Buchverlags der NZZ.