Als die Politiker der Europäischen Union die Grenzen für britisches Rindfleisch schlossen und das grosse Schlachten begann, die Wirte ihre Speisekarten neu schrieben und jedermann über Nacht zum Experten für eine Krankheit namens Creutzfeldt-Jakob wurde, da dauerte es nicht mehr lange, und es gab die erste Versicherung speziell gegen diese Krankheit. Eine Prämie von 10 Pfund schien der britischen Goodfellow Rebecca Ingrams Person als angemessen für eine maximale Deckungssumme von 250 000 Pfund im Falle einer Erkrankung. Woraus zu folgen ist: das Risiko, an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit zu erkranken, wird von den Versicherungsexperten derzeit noch als relativ gering erachtet.
Es ist ein Zeichen unserer Gesellschaft, dass man sich gegen alle möglichen Fährnisse versichert - versichern muss (Unfall, Krankheit, Altersvorsorge) oder versichern darf (vom Reisegepäck bis zum Todesfall). Selbst für das Wetter, eine der letzten Unwägbarkeiten des täglichen Lebens, werden neuerdings Versicherungen angeboten: wenn die schönsten Tage des Jahres ins Wasser fallen, so will man wenigstens finanziell entschädigt werden. Aus Gefahren sind Risiken geworden, die sich kalkulieren lassen: je grösser die Eintretenswahrscheinlichkeit und der mögliche Schaden, desto höher die Prämie.
Die Versicherungsidee sei eine Tochter des «Kapitals», schreibt der Soziologe Ulrich Beck. «Sie verbreitet sich mit der Auflösung, der Freisetzung aus traditionalen Solidaritätsformen, folgt den Spuren der Verunsicherung, die die Moderne in alle Nischen der Existenz hineinträgt.»
Ulrich Beck prägte den Begriff der Risikogesellschaft, der nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zum geflügelten Wort wurde. Das Gegenstück zur Risikogesellschaft wäre die «Versicherungsgesellschaft», die sich in ihrem Streben nach grösstmöglicher Sicherheit gegen alle denkbaren Risiken abzusichern versucht. Risiko und Sicherheit sind, wie auch dieses Heft zeigt, eng miteinander verknüpft; wobei auch in unserer «Versicherungsgesellschaft» absolute Sicherheit natürlich immer eine Illusion bleibt - mit Geld allein ist kein Schaden zu kompensieren.
Soll man es nur beklagen?