NZZ Folio 09/05 - Thema: Krankenkassen   Inhaltsverzeichnis

Am Apparat -- MP3-Spieler

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Von Franz Zauner

Traum ist Wirklichkeit, wie alle Indianer wissen. Auch unser Stamm stopft Visionen in Medizinbeutel und hört hinein. Drinnen singt der grosse Geist sein geheimes Lied und macht die Wirklichkeit zum Traum. So funktioniert ein MP3-Player.

Mit ihm erwirbt man nicht nur ein Gerät, sondern das Gerät. Einen Haltepunkt im Raum-Zeit-Kontinuum, ein Tagebuch von heute. Was ist die persönliche Geschichte anderes als eine Abfolge von Songs? Stellt man das magische Steuerrad auf die fünfte Datei im dritten Ordner, offenbart sich der Füllstand des Lebens im Musikgefühl zum Zeitpunkt X. Anschliessend bringt die Shuffle-Funktion alles durcheinander. So passiert auch dann etwas, wenn nichts passiert.

Schon an der Weite der Hose lässt sich ablesen, ob einer Rock hört oder Hip-Hop. Die starke Wechselwirkung zwischen Tönen und Leuten entsteht, weil Physik auf Liebe trifft. Das Alter glättet die Outfits, aber nicht die Amplituden. Wer sein Liedgut in der Okki-Nokki-Plattenwaschmaschine pflegt, ehe er es auf eine edle Thorens-Abspielmaschine hebt, gehört auch dazu. Der MP3-Player ist bloss die schnellste Möglichkeit, sich kurz einmal fremdzubestimmen.

Als kleinste Bastion der Sorgenfreiheit wird er liebevoll gehegt. Zerlegt man ihn, schaut man dem grossen Ganzen ins Gesicht: Die Schaltkreise aus Taiwan, die Schaltpläne aus Kalifornien, von der Musik gar nicht zu reden. Der Welt bekanntester Soziologe, der bekennende iPod-Besitzer Richard Sennett, sieht im MP3-Player das Modell der globalen Firma: Die Macht sitzt im Zentrum, beim Hauptprozessor, der die Peripherie panoptisch überwacht und je nach Bedarf sprunghaft weg- oder zuschaltet, ganz wie der Shareholder will. Nur sind das in diesem Fall eindeutig wir.

Wer aber seine Plattensammlung herzeigt oder hergezeigte Plattensammlungen nachmacht, wird von der Erkenntnis bedroht, dass in Wirklichkeit die Wirklichkeit nicht wirklich ein Traum ist. Eine ordentliche Unterhaltungsindustrie bemüht sich für gewöhnlich, das vergessen zu machen. Doch wenn das Paradies geschlossen wird, sehen alle traurig aus. Nur der MP3-Player hat eine gute Rolle: Er ist der Apfel.


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