|
|
NZZ Folio 09/08 - Thema: Traumreisen Inhaltsverzeichnis
Die glücklichsten Länder der Welt
© Chuck Berman
|
| Eric Weiner |
|
 |
Ein missmutiger US-Reporter bereiste die zehn weltweit zufriedensten Länder. Eines davon war die Schweiz. Sein Urteil: «Verklemmt, aber glücklich.» Eric Weiner über Traumreisen, die besten Sackmesser und warum er nie wieder nach Moldawien will.
Von Lukas Egli und Mikael Krogerus
Der preisgekrönte Auslandkorrespondent Eric Weiner berichtete für das amerikanische National Public Radio und die «New York Times» aus Krisengebieten. Für sein Buch «Geographie des Glücks» (Rogner & Bernhard, 2008) bereiste er die Schweiz, die Niederlande, die USA, Island, Grossbritannien, Indien, Katar, Bhutan, Thailand und Moldawien – das unglücklichste Land der Welt. Er lebt in der Nähe von Washington.
Eric Weiner, warum reisen wir?
Ich glaube, wir reisen, um vor der Person zu fliehen, die wir zu Hause sind oder glauben, sein zu müssen. Henry Miller hat gesagt: «Unser Ziel ist nie ein Ort, sondern eine neue Art, die Dinge zu sehen.» Es gibt Reisen, die macht man, um sich zu erholen oder um Spass zu haben, richtig gute Reisen aber, Traumreisen, unternehmen wir, um die Welt anders zu sehen und um uns selbst anders zu sehen.
Sie haben gerade eine solche Traumreise hinter sich: Ein Jahr lang haben Sie versucht, den glücklichsten Ort der Welt zu finden. Warum?
Weil ich ein recht unglücklicher Mensch bin. Und ich habe lange einen recht unglücklichen Beruf ausgeübt. Zehn Jahre war ich als Auslandskorrespondent in einigen der unglücklichsten Regionen der Welt stationiert: Irak, Sudan, Afghanistan, Osttimor. Es ist natürlich der Traum jedes Journalisten, aber es ist auch sehr deprimierend, denn man konzentriert sich ausschliesslich auf die schlechten Nachrichten. Deshalb dachte ich, es sei eine gute Idee, die zehn glücklichsten Orte der Welt aufzusuchen. Ich wollte herausfinden, warum sie glücklich sind. Und ich wollte selber glücklicher werden.
Ist es Ihnen gelungen?
Ich bin nicht glücklich. Ich bin weniger unglücklich.
Ein mageres Resultat.
Aber ich habe vieles gelernt auf dieser Reise. Zum Beispiel ist mir die zerstörerische Wut des Neids bewusster, ich versuche jetzt, ihn zu ersticken, bevor er aufkommt. Auch treffen mich meine Versäumnisse nicht mehr so schwer. Als ich zurückkam, dachte ich, diese Erfahrungen würden in meinen Alltag einfliessen. Aber je länger ich wieder hier bin, desto mehr spüre ich, wie sie schwinden.
Eines Ihrer Ziele war die Schweiz. Ist die Schweiz ein Traumziel?
Ja, aber vielleicht nicht auf den ersten Blick. Auf den ersten Blick seid ihr Schweizer verklemmt. Auf den zweiten Blick verklemmt, aber glücklich.
Wenn Sie nur ein Wort hätten, um unser Land zu beschreiben, welches wäre es?
Zufrieden. Die Schweizer sind sehr zufrieden mit ihrem Leben und ihrem Land.
Im Buch schreiben Sie: langweilig.
Okay, wenn ich ehrlich sein soll: Die Schweiz ist ein langweiliges, humorloses Land, in dem alles funktioniert.
Was ist schlecht an der Langeweile?
Nun, ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob sie etwas Schlechtes ist. Ganz offensichtlich haltet ihr euch selbst ja nicht für langweilig oder humorlos. Aber es gibt eigentlich keine langweiligen Orte, nur ungeduldige Menschen. Und ich glaube, die Schweizer sind Menschen, die die Geduld aufbringen, sich für die Natur begeistern zu können. Zum Beispiel sieht man beim Betrachten eines Baumes zunächst mal nichts. Aber wer Geduld hat, wird eines Tages mit einem wunderbaren Anblick belohnt.
Was würden Sie der Schweiz raten?
Eure bemutternde Art hat mir echt zu schaffen gemacht. All diese Regeln: Man darf nicht nach 22 Uhr die Toilettenspülung benutzen, man darf sonntags nicht den Rasen mähen, nicht Wäsche hinaushängen – wer braucht diese Regeln? Könntet ihr euch nicht ein wenig entspannen?! Ihr hättet trotzdem ein wunderbares, sauberes Land.
Warum, glauben Sie, haben wir diese Regeln?
Die Schweiz ist ein künstlich zusammengesetztes Land. Ihr habt keine Landessprache, keine bedeutende Religion, die euch zusammenhält – was habt ihr überhaupt? Ein Schweizer sagte mir, ihr hättet Geschichte und Mythen, die euch zusammenhielten. Ich würde sagen: Geschichten, Mythen und Regeln.
Hatten die glücklichen Länder, die Sie bereisten, etwas gemeinsam? Abgesehen davon, dass sie glücklich waren?
Frei nach Tolstoi würde ich sagen: Alle unglücklichen Länder ähneln einander, jedes glückliche Land ist auf seine Art glücklich. Aber ein gemeinsamer Nenner, der mir überall auffiel, ist: In allen glücklichen Ländern hatten die Menschen gute, starke Beziehungen untereinander. Sie hatten hohes Vertrauen in ihre Familie, in ihre Freunde, aber auch gegenüber Fremden. In der Schweiz kann man ein Hotelzimmer buchen, ohne vorher seine Kreditkartennummer anzugeben! Und in den Bergen gibt es diese Hütten, in denen Essen bereitliegt und eine Büchse, in die man Geld wirft. In den USA würden die Leute alles aufessen und das Geld mitnehmen – wir vertrauen niemandem.
Liegt es nicht auf der Hand, dass Glück und die Beziehung zu anderen Menschen zusammengehören?
Richtig, aber wir verstehen Glück meistens als persönliches Glück. Wir sagen: «Hätte ich einen guten Job und eine gute Ehe, wäre ich glücklich.» Glück ist in unserem Verständnis etwas, was uns persönlich betrifft. Eines der Dinge, die ich auf dieser Reise gelernt habe, ist, dass unser Glück mit dem anderer Menschen verknüpft ist, mit dem meiner Familie, meiner Freunde, meiner Nachbarn.
Gingen Ihnen glückliche Menschen nicht auf die Nerven?
Doch sicher, auf Island oder in der Schweiz, wo die Menschen offensichtlich wirklich glücklich sind, fühlte ich mich mit meiner schlechten Laune oft deplaciert. Aber Neid ist ein kleinliches Gefühl, ich habe bewusst versucht, das zu übergehen. Als mir trotzdem alles zu viel wurde, reiste ich nach Moldawien, in das unglücklichste Land der Welt. Aber dort habe ich schnell erfahren: Du wirst nicht glücklich unter unglücklichen Menschen. In Moldawien begegnete ich viel Misstrauen. Misstrauen untereinander und auch gegenüber Fremden. Nie wieder Moldawien!
Fällt es manchen Menschen leichter, glücklich zu sein, als anderen?
Ich würde umgekehrt sagen: In der Schweiz ist es schwieriger, unglücklich zu sein, als in Moldawien. Dort bist du als Unglücklicher einer von vielen, in der Schweiz ein Outsider. Franz Hohler klagte mir: «Ich lebe im schönsten Land der Welt, aber ich bin unglücklich. Was zum Teufel ist bloss los mit mir?» Ich konnte ihn verstehen.
Sie haben säkulare und religiöse Länder bereist. Ihr Fazit ist, dass man durch Religion, aber auch unabhängig davon glücklich werden kann. Was können wir zum Beispiel von den Muslimen über Glück lernen?
In Katar war meine Standardfrage – «Bist du glücklich?» – unpassend. Es liegt in Allahs Hand, das zu entscheiden, und es war unpassend für einen Sterblichen und Ungläubigen wie mich, so etwas zu fragen. Man kann daraus ableiten, dass die Muslime ihr persönliches Glück nicht in Frage stellen und vielleicht deshalb glücklich sind.
Was kann man von den Buddhisten lernen?
Im Buddhismus ist man selbst aufgefordert, glücklich zu werden, durch Meditation oder Verzicht. Der buddhistische und der muslimische sind zwei sehr unterschiedliche Wege, die aber, so glaube ich, zum gleichen Glück führen.
Welches Land gefiel Ihnen am besten?
Island. Ein gemütliches, irres, kreatives Land. Reykjavik hat die perfekte Grösse, 120 000 Einwohner, du bist überall innerhalb von 15 Minuten. Du kannst machen, was dir einfällt – und wenn du scheiterst, mögen sie dich gerade deshalb umso mehr. Die Isländer sind traurig, aber glücklich.
Woran liegt das?
Ich glaube, es liegt daran, dass sie nicht neidisch sind. Ihr Schweizer verhindert Neid, indem ihr niemandem zeigt, wie reich ihr seid. Die Isländer verhindern den Neid, indem sie Dinge miteinander teilen.
Haben Sie auf der Suche nach dem Glück ein Land verpasst?
Ich geb’s nur ungern zu, aber ja: Ich hätte nach Südamerika reisen sollen. Es gibt unter Glücksforschern den Begriff «Latino Bonus» – südamerikanische Länder schneiden bei Glücksumfragen besser ab, als man denken würde. Ich frage mich, warum. Ich wäre gern nach Kolumbien gereist. Ein armes Land, das mitten im Drogen- und Guerrillasumpf steckt und trotzdem erstaunlich glücklich ist.
Afrika kam Ihnen nicht in den Sinn?
Viele sagten mir: Nur Afrikaner sind wirklich glücklich. Ich habe daraufhin ernsthaft versucht, ein glückliches afrikanisches Land zu finden. Aber wenn man die Daten anschaut, sind Afrikaner eher unglücklich. Der Grund liegt auf der Hand: Afrika ist der ärmste Kontinent.
Kann man Glück kaufen?
Menschen, die diese Frage stellen, wollen gern hören: Nein. Meine Antwort lautet: Ja, man kann Glück kaufen. Es gibt im Westen den Mythos vom edlen Wilden, der nichts besitzt, aber glücklich ist. Statistisch stimmt das nicht. Die ärmsten Länder der Welt sind auch die am wenigsten glücklichen. Die Frage ist: Wie viel braucht man, um glücklich zu sein? Wäre die Schweiz glücklicher, wenn sie ein doppelt so hohes Bruttoinlandprodukt hätte? Sie wäre vermutlich unglücklicher. Wenn arme Länder reicher werden, steigt die Zufriedenheit. Bis zu einem gewissen Punkt. Ich glaube an die Faustregel: Mit wenig Geld kannst du viel Glück kaufen. Mit viel Geld wirst du nicht viel mehr Glück erhalten.
Wo würden Sie gern leben?
Ich habe in den 1990ern vier Jahre in Indien gelebt. Ich würde gern wieder dort leben. Mir gefallen die Unmittelbarkeit und die Roheit des Lebens dort. Unser Leben in den USA oder in der Schweiz ist dagegen aseptisch.
Wo würden Sie gern sterben?
Zu Hause, im Kreise meiner Familie. Ich bin viel gereist in meinem Leben und reise noch immer viel, aber je älter ich werde, desto unwichtiger scheint es mir und desto wichtiger wird mir das Zuhause. Ich möchte dort sterben, wo ich jetzt bin, ein Stück ausserhalb von Washington.
Was ist Ihre Traumreise?
In die Mongolei oder in die Antarktis. An Orte, die unbewohnt sind.
Was sollte man auf jede Reise mitnehmen?
Ein Schweizer Sackmesser, aber eines der älteren – kein Mensch braucht auf Reisen einen USB-Stick. Den Korkenzieher habe ich am häufigsten benutzt. Dann habe ich gerne Bargeld bei mir. Kreditkarten erinnern mich zu sehr an Arbeit. Als Reiselektüre empfehle ich: «Lost Horizon» von James Hilton, ein wunderbares Buch, in dem der AutorShangri-La in Tibet sucht. Ich habe immer eine Ausgabe davon in meinem Rucksack, wenn ich reise.
Wie sollte man reisen?
Ich denke, die beste Art zu reisen ist auch die beste Art zu leben: ohne Erwartungen.
Lukas Egli und Mikael Krogerus sind NZZ-Folio-Redaktoren.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|