NZZ Folio 06/03 - Thema: Düfte   Inhaltsverzeichnis

Die Nase des Ketzers

Seine Parfumkritiken sind gefürchtet, doch richtig viele Feinde hat der Biophysiker Luca Turin erst, seit er eine neue Theorie des menschlichen Geruchssinns entworfen hat.

Von Chandler Burr

Ich fragte Luca Turin einmal, warum er begonnen habe, das Geheimnis des menschlichen Geruchssinns zu enträtseln. Das lag nämlich nicht sehr nahe. Er hat seinen Doktor in Physiologie und Biophysik gemacht, erforschte dann aber in Neapel die Intelligenz von Tintenfischen. «Na ja», antwortete er, «ich begann eines Tages, Parfum zu sammeln. Seit meiner Kindheit in Paris und Italien habe ich Parfum geliebt.»

Ein andermal antwortete er aus einer anderen Perspektive: «Ich bin Franzose», sagte er, «zumindest von meiner Erziehung her. Franzosen tun Dinge, auf die Angelsachsen nie kämen, und Frankreich ist ein Land der Gerüche. Dort gibt es zum Beispiel etwas, das sich pourriture noble (Edelfäule) nennt. Es handelt sich um einen Pilz. Er wächst auf Weintrauben und entzieht ihnen das Wasser. Er konzentriert auf wunderbare Weise den Fruchtsaft und fügt ihm sein eigenes pilziges Aroma hinzu. Daraus werden dann Weine wie der süsse Sauternes gewonnen. Ein Paradies. Aus verrotteten Trauben. Überall in Frankreich stösst man auf diese Vorstellung, dass die Dinge ein bisschen schmutzig, überreif, ja beinahe ein wenig fäkalisch sein müssen. Franzosen lieben verdorbenen Käse und schmutzige Laken und ungewaschene Frauen. Guy Robert, ein Parfumeur der dritten Generation, der für Hermès den Duft ‹Calèche› schuf, fragte mich einmal: ‹Est-ce que vous avez senti some molecule or other?› Ich antwortete, nein, ich hätte noch nie an dem Parfum gerochen, wonach es denn rieche? Er wiegte gewichtig das Haupt und erwiderte: ‹Ça sent la femme qui se néglige› – es duftet nach einer Frau, die sich vernachlässigt.»

Und dann gab es da noch das grosse Paradox des Geruchssinns: Wir können Dinge riechen, die wir nach der gängigen Theorie gar nicht riechen können dürften. Trotz Jahrhunderten der Forschung ist unser Geruchssinn der Wissenschaft immer noch ein Rätsel.

Luca Turin, Biophysiker, Weinconnaisseur, Liebhaber klassischer Musik und bestsellerverdächtiger Parfumkenner, wurde am 20. November 1953 in Beirut geboren, wo sein Vater als Architekt für die Vereinten Nationen arbeitete. Von seinen Eltern, Adela und Duccio Turin, hat er seine italienische Staatsangehörigkeit, und noch heute reist er mit einem italienischen Pass. Von Duccio bekam er ausserdem eine ungewöhnliche Wissbegierde mit auf den Weg, und von Adela, die als Leiterin der feministischen Organisation «Du côté des filles» gegen sexistische Vorurteile in der Erziehung kämpft, hat er die Fähigkeit, zu wissen, was er will, und es auch durchzusetzen.

Schon als Kind beschäftigten ihn die Naturwissenschaften. Alles begann mit seiner Leidenschaft für den Palais de la Découverte, das Pariser Museum für Wissenschaft und Technik am unteren Ende der Champs-Elysées. Luca verbrachte ganze Tage dort und kannte das Museum in- und auswendig.

Dann kamen die Gerüche. Es war ein wenig sonderbar. «Das erste Mal, dass mir wirklich etwas auffiel», erinnert sich seine Mutter, «war in jenem Sommer, als wir ein Haus an der Côte d’Azur gemietet hatten. Luca war sieben. Kaum waren wir an dem ihm völlig fremden Ort angekommen, sauste er auch schon los und begann, systematisch den Duft des Thymians zu analysieren, der überall wild wuchs.»

Wer Turin in seinem Büro am Londoner University College besuchte, an dem er vor einigen Jahren unterrichtete, wähnte sich auf einem Testgelände für Handgranaten. Transistoren, Reagenzgläser, Parfumfläschchen, Flugtickets, obskure wissenschaftliche Zeitschriften, zahlreiche Ausgaben von «Vogue» und, überall verstreut, Phiolen über Phiolen. Jede davon enthielt nur eine einzige Sorte Duftmoleküle.

Turin kann jeden beliebigen Duft mit wenigen Worten festmachen. Seine Beschreibungen, die wahlweise in fliessendem Französisch, Italienisch oder Englisch mit leicht amerikanischem Akzent vorgetragen werden, bestehen überwiegend aus Hauptwörtern. Er schraubt den Deckel einer Phiole ab und drückt sie einem in die Hand, auf dem Etikett steht Cis-3-hexenol. Vorsichtig schnuppert man an dem Fläschlein. «Geschnittenes Gras», sagt Turin. Und tatsächlich, der Geruch von Cis-3-hexenol entspricht genau dem von frisch geschnittenem Gras. Man hat eine unausgeformte, vage Empfindung, die plötzlich durch die Sprache real wird. Er greift nach einer Phiole mit Bezonitril. Man schnüffelt. Man kennt den Geruch genau, was war es noch gleich? – «Schuhputzmittel», sagt Turin. Natürlich! Er steht knapp einen halben Meter entfernt und blickt aufmerksam auf einen herab – er ist vielleicht einen Meter neunzig gross, von schlaksiger Gestalt, sein hellbraunes, schütterer werdendes Haupthaar umrahmt ein grosses, offenes und alertes Gianni-Versace-Gesicht.

Für Zimperlichkeiten hat er nichts übrig. «Als ich den Parfumführer schrieb, nahmen die meisten meiner Bekannten an, ich sei schwul. Bin ich nicht, aber es ist mir auch scheissegal.» Angewidert fügt er hinzu: «Echte Männer riechen nichts.» Er greift nach weiteren Phiolen. «Oxan», sagt er. «Schwitzende Mango. Ein synthetisches Molekül; ein sechsgliedriger Ring mit einem Sauerstoff- und einem Schwefelatom. Vertelon: Pilzlikör. Ein komplexer Duft, ein einzelnes Molekül. Pilze sind zugleich rein und schmutzig; aus dem Verfall geborene frische Kreaturen.» Und noch eines: «Tuberose: schwarze Gummiblüte. Ein natürliches Aroma.» Er hält einen Augenblick inne, lächelt und ergänzt: «Gefällig, aber giftig.»

Es war im Jahr 1981, als sich Turin ernsthaft für Parfums zu interessieren begann. Er war achtundzwanzig, hatte eben seinen Doktor gemacht und seine Forschungen am Meeresobservatorium von Villefranche bei Nizza aufgenommen. Gemeinsam mit einem befreundeten Biologiestudenten startete er in einem 1956er Peugeot 206 zu Erkundungsausflügen in die Umgebung.

Er begann mit zwei Düften von Caron, bei denen es sich um Neuauflagen der alten Parfums «En Avion» und «Poivre» handelte. Beim Durchstöbern sämtlicher Parfumerien in Nizza erwähnte jemand eine gewisse Madame Pillaud aus Menton. Die Suche führte zu einer übellaunigen Witwe, die über ein Parfumlager mit den grössten Duftkreationen Frankreichs verfügte. Bei ihr gab es noch echtes «Diorama», und sie verkaufte Turin einen 30-ml-Testflacon zum Preis von 100 Dollar. Sie besass Cotys «Chypre», Delteils «Shaina», sie hatte «Futur» von Piguet und Millots «Crêpe de Chine». Manchmal benutzte er sie selbst, Herren- ebenso wie Damendüfte – jene wundervollen Kreationen aus der glorreichen Zeit.

Währenddessen sass Turin an seiner wissenschaftlichen Arbeit. Offiziell war er als Biologe beschäftigt, aber das nahe Observatorium verfügte über eine faszinierende Physikabteilung, und so begann Turin, in der Bibliothek Physik- und zum Vergnügen manchmal auch einige Chemiebücher zu wälzen. Die Physikbücher stapelte er in seinem WC. Aber selbst mit seinen biologischen Forschungen fiel Turin aus dem Rahmen. Alle Welt war davon überzeugt, dass Proteine keine Elektrizität leiten, Turin machte sich einen Spass daraus, das Gegenteil zu beweisen. Er erfand eine elektrische Diode aus Eiweiss, die er patentieren liess.

Eines Tages im Jahr 1985 stolperte er in der Bibliothek über einen sonderbaren Aufsatz, in dem eine Erklärung für unseren Geruchssinn gegeben wurde. Der Artikel stammte von 1977 und vertrat eine Idee, die ursprünglich 1938 von einem Engländer namens Malcolm Dyson vorgetragen worden war.

Das Paradox des Geruchssinns besteht darin, dass wir anders als beim Sehen und Hören (für deren Erklärung in den sechziger Jahren jeweils ein Nobelpreis vergeben wurde) nicht nur nicht wissen, wie er funktioniert, sondern dass wir darüber hinaus Dinge riechen, die wir nach den elementaren Gesetzen von Biologie und Evolution gar nicht zu riechen in der Lage sein dürften. Ein Vergleich mit Verdauung und Immunsystem zeigt, wo das Problem liegt. Wir können Lipide (Fettmoleküle) sofort verdauen, weil Menschen seit Zehntausenden von Jahren solche Fettmoleküle zu sich nehmen; Polyester hingegen können wir nicht verdauen, weil diese Stoffe nicht auf dem Speisezettel unserer Vorfahren standen. Unser Verdauungssystem, das auf dem Prinzip der molekularen Form basiert, ist zwar sofort, aber nur begrenzt einsatzfähig.

Anders verhält es sich mit unserem Immunsystem: Es wird alljährlich mit völlig neuen, unbekannten Viren und Bakterien fertig, indem es auf der Grundlage von deren Molekularformen Abwehrwaffen (Antikörper) produziert. Weil es diesen neuen Formen aber noch nie zuvor begegnet ist, liegen wir erst einmal drei oder vier Tage mit Grippe im Bett, bis das System die Form erkennen gelernt hat. Daher ist dieses System, das ebenfalls auf Formerkennung basiert, zwar tendenziell unbegrenzt einsatzfähig, benötigt jedoch mehr Zeit.

Und das Riechen? Alle (sowohl Wissenschafter als auch kommerzielle Hersteller von Geruchsmolekülen) gingen immer davon aus, dass der Geruchssinn auf dieselbe altvertraute Weise funktionieren müsse, nämlich durch Formerkennung. Wir riechen einen Stoff, wenn seine Moleküle in der Nase an einem passenden Rezeptor andocken. Wir riechen, wenn der Schlüssel ins Schloss passt.

Doch dabei gibt es ein Problem: Moleküle, die als Borane bezeichnet werden, erkennen wir sofort an ihrem Geruch (sie riechen abscheulich), obwohl wir sie eigentlich gar nicht riechen können dürften. Warum? Weil Borane erst in den sechziger Jahren als anorganischer Raketentreibstoff entwickelt wurden. Der Homo sapiens hat sie vorher noch nie gerochen. Für diesen Schlüssel dürfte es also kein Schloss geben. Dennoch können wir sie samt und sonders sofort am Geruch erkennen. Der Geruchssinn erscheint daher als ebenso unbegrenzt wie das Immunsystem und ebenso schnell wie die Verdauung. Das aber ist unmöglich.

Malcolm Dyson schlug folgende Lösung vor: «Die Nase ist ein Spektroskop.» Turin war fasziniert. Wenn das keine kühne Idee war! Ein Spektroskop ist ein Gerät, das Materie auf ihre atomare Zusammensetzung hin analysieren kann. Es schiesst eine Maschinengewehrsalve von Photonen auf den zu untersuchenden Stoff und bringt die Elektronenbindungen, durch die die Moleküle zusammengehalten werden, zum Schwingen. Die Schwingungen dieser Elektronenbindungen erzeugen eine Art charakteristischen Klavierakkord für das betreffende Molekül, einen Fingerabdruck, so einzigartig wie eine Schneeflocke. Das Spektroskop lauscht also dem Akkord jedes Moleküls und weiss sofort: «Da ist Stickstoff drin!» oder «Da ist Schwefel und Kohlenstoff drin!». Kein anderes Gerät auf dieser Erde ist dazu in der Lage.

Mit Ausnahme der menschlichen Nase. Der Geruch von verdorbenen Eiern? Schwefel, Schwefelatome, um genau zu sein. Wir erkennen Kohlenstoff-Stickstoff-Verbindungen an ihrem metallisch-öligen Geruch, Kohlenstoff-Stickstoff-Schwefel-Verbindungen (sogenannte Isothiocyanat-Gruppen) an ihrem senfigen Geruch, Aminogruppen (NH3-) an ihrem Fischgeruch, während Nitroverbindungen (NO2-) einen süsslich-ätherischen Geruch verströmen. Arsenverbindungen (AsH2-) riechen nach Kohl. Wenn man wissen will, aus welchen Atomen sich ein Stoff zusammensetzt, steckt man ihn in ein Spektroskop. Oder man hält ihn unter eine menschliche Nase.

Dysons Theorie löste in der Tat das Paradox des Geruchssinns. Denn wenn die Nase ein biologisches Spektroskop ist, dann kann sie tatsächlich alles riechen, und das sofort. Kurzum, es war eine brillante Theorie, die alle wesentlichen Tatsachen erklärte. Sie hatte nur einen Haken, der auch Turin nicht entgangen war: Sie war absurd. Wie soll man sich eine riesige Maschine aus Metall und Laserstrahlen und Spiegeln als Riechorgan aus Fleisch und Blut vorstellen? Turin legte den Aufsatz beiseite.

Turin hätte nie eine Laufbahn als Parfumkritiker eingeschlagen, wenn seine Parfumleidenschaft seinen Freunden nicht so auf die Nerven gegangen wäre. Nachdem er 1990 ans National Institute of Environmental Health Sciences nach North Carolina gekommen war, stach ihm an einem brütend heissen Sommertag nahe der Kreuzung zwischen dem Highway 70 und der Interstate 95 ein Laden ins Auge, «JR Perfumes. Grösster Parfumdiscounter der Welt».

Luca Turin liess seine Freundin im Wagen zurück und tauchte eine Stunde später mit einem riesigen Karton voller Parfums wieder auf. Den Rest der Fahrt verbrachte er damit, jeden der Düfte zu erklären, von der Geschichte seines Schöpfers bis zur Molekularstruktur. «Warum schreibst du nicht einfach einen gottverdammten Parfumführer, und dann hat die liebe Seele Ruh», grollte seine Freundin. Genau das tat er.

Er schrieb das Buch in Paris. «Parfums: le guide» ist inzwischen vergriffen, aber mit etwas Mühe kann man immer noch Exemplare finden. Der Stil seiner Kritiken machte ihn in der Branche berühmt und gefürchtet.

«Rive Gauche» (Yves Saint Laurent): Grâce à «Rive Gauche», les mortels connaissent enfin l’odeur du savon de Diane au bain … Dank «Rive Gauche» haben wir Sterbliche endlich den Duft von Dianas Seife beim Bade kennengelernt. Ein Wahrzeichen der siebziger Jahre, eine verschwenderische Reinterpretation der innovativen metallischen Note, die sich bereits im glückloseren «Calandre» (Paco Rabanne) vorfand.

«Python» (Trussardi): Der absurderweise mit dem Namen «Python» belegte Duft ist eine ärmliche, pulverig-süsse Angelegenheit, ein sehr entfernter Verwandter des wunderbaren «Habanita» (Molinard). Er gehört in einen baumförmigen Flacon, der am Rückspiegel eines Moskauer Taxis baumelt.

«Rush» (Gucci): Dieses Ding riecht wie eine Person. Um genau zu sein, dank seiner milchigen Lacton-Note riecht es wie der Atem eines Kleinkinds, der mit dem Haarspray seiner Mutter verschmilzt … «Rush» gelingt es, wie jedem grossen Kunstwerk, eine Sehnsucht zu erwecken und sie mit den falschen Erinnerungen einer erfundenen Vergangenheit zu stillen.

Schreiben machte Turin grossen Spass. «So muss sich ein Filmregisseur fühlen, wenn er am Ende eines Tages grossartige Aufnahmen im Kasten hat. Wann immer es mir gelang, diese Ehrfurcht heischende Schönheit und Grandiosität in Sprache zu fassen, die Düfte in Worte zu übersetzen und schwarz auf weiss zu Papier zu bringen und damit diese ätherischen Essenzen greifbar und real werden zu lassen, war ich tief bewegt.» 1992 erschien «Parfums: le guide» und wurde zum meistverkauften Parfumführer Frankreichs, der stapelweise bei Séphora an den Champs-Elysées auslag. Das Buch öffnete ihm die Türen zur geheimen Welt der Parfumeure.

Praktisch alle Gerüche in allen parfümierten Produkten werden von sechs Firmen hergestellt, die unter dem Schutz einer sorgsam gehüteten Anonymität operieren: International Flavors & Fragrances (USA), Givaudan (Schweiz), Quest International (Grossbritannien), Firmenich (Schweiz), Symrise (Deutschland) und Takasago (Japan). Das sind die Grossen der Branche, die ein ausgefallenes Produkt industriell herstellen und vermarkten: Moleküle. Moleküle, die den menschlichen Geschmacks- und vor allem Geruchssinn ansprechen. Denn der Geschmack ist in Wirklichkeit ein kläglicher, wenig funktionaler Sinn, der nur auf fünf verschiedene Reize reagiert: süss, sauer, salzig, bitter und «umami» (reichhaltig); der Geruchssinn, der in Wahrheit 90 Prozent unseres Geschmacks ausmacht, reagiert auf vielleicht zehntausend unterschiedliche molekulare Gerüche. Die genaue Zahl kennt niemand. Die Grenzen unserer olfaktorischen Möglichkeiten sind nie ernstlich getestet worden.

Die genannten Unternehmen setzen mit ihren Molekülen jährlich weit über zehn Milliarden Dollar um. Die Belegschaft teilt sich in zwei Klassen: Unten sind die Chemiker, die Molekülbastler, die ihre Tage damit verbringen, Atome miteinander zu verlöten, um neue Moleküle mit neuen Aromen herzustellen. Oben befinden sich Heerscharen von Parfumeuren, die nach den Anweisungen von Tom Ford, Calvin Klein, Giorgio Armani, von Dior, Yves Saint Laurent und Hugo Boss aus diesen Molekülen neue Duftelixiere für die Designer zusammenmischen, deren Name am Ende auf der Packung prangt. 

Lag es daran, dass niemand zuvor etwas Ähnliches versucht hatte, oder lag es an der Üppigkeit seiner kritischen Prosa, die Parfumeure zeigten sich jedenfalls von Turins Führer fasziniert. War Turin ein Spion? Oder ein Parfumeur, der ein Pseudonym benutzte? Eine Art Dieb? Ein Wissenschafter! Ach wirklich? Und was, bitte schön, wollte er? Er wollte sich mit ihnen treffen. Sie kamen ihm entgegen. Aber nicht alle waren entzückt. Schliesslich hatte er auf niemandes Gefühle Rücksicht genommen.

Turin erhielt einen Anruf von Françoise Caron, geborene Cresp, der Tochter einer der bedeutendsten Parfumeurfamilien in Grasse und ehemaligen Ehefrau von Pierre Bourdon, dem Erfinder von «Cool Water». Obschon sein Führer über ihr für Armani kreiertes «Giò» nur Unrühmliches zu sagen wusste, bat Caron ihn um einen Besuch.

In ihrem Büro fragte sie ihn nach seiner Meinung zu ihrem neuen Duft für Escada. Turin schnupperte und befand ihn für wunderbar; er sei wie jene Seidenstoffe, die zwei Farben besässen, je nachdem, wie das Licht darauffalle. Caron sah ihn unverwandt an. Dann überreichte sie ihm den Auftrag, den sie von Escada erhalten hatte. Lesen Sie das! Er las: «Wir möchten, dass er so riecht wie jene Seiden, die abhängig vom Einfall des Licht in zwei verschiedenen Farben schimmern.» Er traf die Parfumeure Christopher Sheldrake und Gilles Romey, der von Turins Buch sehr angetan war, sowie Maurice Roucel. Aber dann liess sich Turin mit den Chemikern ein. Und dort machte ihn etwas stutzig.

Die Welt als Luca Turin zu erleben, heisst, sich in einem Zustand fortdauernden Erstaunens zu befinden. Obschon von seinem Wesen her egalitär, pflegt Turin doch eine äusserst subtile Ästhetik und einen unverhohlen elitären Geschmack. Er kann leutselig mit jedem über alles reden und beweist dabei fast immer grossen Kenntnisreichtum. Einmal sandte er aus Paris folgende E-Mail an einen Freund: «Diner mit Serge Lutens von Shiseido-Parfum in ‹Le Grand Vefour›. Essen eigentlich belanglos, insbesondere für den Preis (200 Dollar pro Nase). Aber dann kam der Kellner mit einem Korb voller schwarzer Trüffeln, frisch aufgeschnitten, auf einer Scheibe warmen, mit Olivenöl benetzten Toastbrots. Das Trüffelaroma (übrigens Dimethylsulfid) hat auf dieser Welt nicht seinesgleichen.»

Ich sass mit ihm in Indien in einem Restaurant (er war eingeladen, auf einer Konferenz über das Riechen seine Theorie vorzustellen), als eine Frau vorbeiging und sich sein Oberkörper straffte. «Claude Montanas ‹Parfum d’Elle›», sinnierte er, «so kraftvoll, fast reines Beta-Damascon.» Während wir das Dessert einnahmen, kam eine weitere Dame vorbei, Turins Blick verlor sich im Nichts, und er schnaubte betrübt. «‹L’Air du Temps!› Früher war so viel mehr Benzylsalicylat darin! Sie haben die Formel geändert!» Die Kellner brachten den Kaffee, er führte die Tasse zum Mund und murmelte: «Wow, jede Menge Pyranzin.» Dann trank er ihn.

Je genauer Luca Turin die Art und Weise studierte, wie in den grossen Konzernen Geruchsmoleküle hergestellt wurden, desto kurioser mutete ihn die Sache an. Die Chemiker arbeiteten mit einer Geruchstheorie, die ausschliesslich auf Formerkennung abstellte. Eine Theorie dient normalerweise der Arbeitsersparnis. Eine Geruchstheorie sollte vorhersagen helfen, wie ein bestimmtes Molekül riechen wird, ehe man die Kosten und Mühen auf sich nimmt, es tatsächlich herzustellen. Aber Turin musste feststellen, dass die Chemiker im Grunde nach der Schrotflintenmethode vorgingen: Man nehme eine allgemeine Molekülform, von der man weiss, dass sie einen bestimmten Geruch produziert (beispielsweise Sandelholz), variiere diese Form auf unterschiedliche Weise und hoffe darauf, dass ein grossartiger neuer Sandelholzduft dabei herauskomme, den man dann an Versace oder an Michael Kors verkaufen kann. Aber damit war man nur einen Schritt vom Zufallsprinzip entfernt.

Immer wieder stiess er in der wissenschaftlichen Literatur auf Ausnahmen von all den formorientierten Regeln. Aber was folgte daraus? Zunächst musste Turin sich auf seinen neuen Job konzentrieren: Das University College in London hatte ihm eine Stelle angeboten. 

Er war etwa sechs Monate in London, als ihn eines Nachmittags eine grosse Rastlosigkeit umtrieb. Er wanderte in die Bibliothek und blätterte in der «Review of Scientific Instruments», wo er auf einen Artikel über eine neue Methode zur Analyse von Molekülen und Atomen stiess, die zufällig von einigen Forschern der Ford Motor Company entdeckt worden war. Es handelte sich um eine Art abgewandeltes Spektroskop: Statt mit Photonen wurden die Moleküle in diesem Fall mit Elektronen beschossen.

Und in diesem Augenblick fügte Turin eine Reihe von Fakten zusammen: die Tatsache, dass die Nase eine spektroskopische Fähigkeit zur Molekülanalyse besitzt, dass sich Geruch nicht durch Form erklären lässt, dass Proteine (aus denen die Geruchsrezeptoren ja bestehen) Elektronen leiten können (genau wie jenes neu entwickelte Spektroskop). Mit einem Mal wurde ihm klar, dass diese schweren und teuren Maschinen aus Metall und Glas ebenso gut aus den Proteinen einer menschlichen Nase gebaut sein konnten und weshalb unsere Nase Atome riechen kann.

Der verrückte Dyson hatte vielleicht recht gehabt, und Turin war gerade auf den entscheidenden Mechanismus gestossen, der ihm die Konstruktion seines unmöglichen Spektroskops erlaubte. Turin gab alle anderen Tätigkeiten auf und arbeitete nur noch an seiner neuen Theorie des Riechens, die er ständig mit Experimenten zu belegen versuchte.

Eine Möglichkeit bestand darin, zwei Moleküle mit derselben äusseren Form zu finden, die sich in ihrem Inneren unterschieden und dadurch einen anderen Schwingungsakkord erzeugten. Wenn er mit seiner Theorie recht hatte, mussten zwei solche Moleküle unterschiedlich riechen, obwohl sie genau gleich aussahen. Er blätterte lange in Katalogen von Chemikalienlieferanten, bis er auf Acetophenon stiess, das es in zwei Versionen zu kaufen gab: einmal mit normalen und einmal mit schweren Wasserstoffatomen. An der Form änderte sich dadurch kaum etwas.

Als das Paket endlich eintraf, öffnete Turin die Fläschchen und schnupperte daran: Die leichte Version roch nach Leim, die schwere nicht, sie hatte vielmehr eine fruchtige Note.

Wenn Turin recht hat, dann ist er nicht nur reif für den Nobelpreis, der für den Geruchssinn noch nicht vergeben wurde, sondern er dürfte auch die Biologie und einige Multimilliardendollarkonzerne revolutionieren. Die bisherigen Reaktionen auf seine Theorie sind fast so interessant wie die Theorie selbst. «Nature» lehnte den Artikel nach fast einjähriger Bedenkzeit ab. Die Zeitschrift berief sich dabei auf Gutachten, die meiner Ansicht nach ebenso fehlerhaft sind wie die Reaktionen auf Turins Person interessengeleitet. Der Artikel wurde am Ende in der Fachzeitschrift «Chemical Senses» veröffentlicht.

Turins Theorie ernsthaft mit Fachleuten zu diskutieren, ist fast unmöglich. Tim Pearce, ein Ingenieur der Universität Leicester, erklärte mir gegenüber unumwunden: «Wenn einer daherkommt, der auf diesem Gebiet noch gar nicht gearbeitet hat, und plötzlich verkündet, dass es für alles eine Lösung gibt, die von allen anderen bisher übersehen wurde, darf man sich über heftige Reaktionen nicht wundern.» Und er fuhr fort: «Ich glaube, es sind auch noch gar keine Daten veröffentlicht worden.» Den Aufsatz in «Chemical Senses» hatte er nicht gelesen.

Linda Buck, die häufig als die bedeutendste Geruchsforscherin der Welt angesehen wird, mokierte sich über die Theorie und bezeichnete sie als «Phantasterei». «Diese Idee spukte schon in den Fünfzigern herum und ist längst widerlegt.» In Wirklichkeit war der entscheidende Teil der Theorie, der von Turin stammt (das sogenannte «electron tunneling», das die ganze Sache erst ermöglicht), in den Fünfzigern gänzlich unbekannt und konnte daher auch nicht widerlegt werden.

Den Aufsatz, der auf dem Internet zugänglich ist (www.flexitral.com/research.html), zu lesen, lehnte sie ab. «Ich sitze gerade an einem dringenden Forschungsantrag.»

Die harschen Reaktionen haben zum Teil mit Turins eigenwilliger Persönlichkeit zu tun. Er ist zum Beispiel nicht sehr diplomatisch. «Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass man aufgrund windelweicher Meinungen nicht zu einer ‹ausgewogenen Sicht› der Dinge kommt. Dazu braucht man vielmehr extreme Meinungen und ein Bewusstsein der extremsten Standpunkte. In einer Vorlesung über Cervantes’ Don Quichote hat Vaclav Czerny einmal gesagt: ‹Vergebt uns unsere Wahnsinnigen, und wir vergeben euch eure Idioten.›» Zum Teil sind andere Wissenschafter auch nicht gut auf Turin zu sprechen, weil er dickköpfig auf seiner eigenen Arbeitsweise ausserhalb der Gepflogenheiten in der Forschung beharrt und weil er ein Faible für ausgefallene Methoden hat.

Eines Abends sass Turin im Wohnzimmer mit einer Frau namens Jacqui Grant beisammen, einer Freundin seiner Lebensgefährtin Desa Philippi. Grant ist Geschäftsfrau, und kaum hatte Turin ihr die Grundzüge der Schwingungstheorie erklärt, da sagte sie auch schon: «Das ist eine Geschäftsidee.» Grant fand Investoren und gründete die Firma Flexitral, deren technischer Direktor Turin ist. Das Besondere an der Firma ist, dass die Düfte dort mit Hilfe eines geheimen, auf der Basis von Turins Theorie entwickelten Algorithmus produziert werden.

Flexitral hat bereits drei Produkte auf dem Markt: Acitral (3,7-Dimethyl-6-cyclopropyl-oct-2-enal), ein Zitrusduft, der ein wunderbares Limonenaroma besitzt und auch in sauren Umgebungen wie Limonade stabil bleibt, Lioral (3-(5-Isopropylthiophen-2-yl)-2-methylpropional), das die armseligen gängigen Maiglöckchenmoleküle ersetzen soll, und Jasphene (2-Hexyl-3-thiophen-2-yl-propenal), ein Jasminduft. Weitere Düfte sind in der Pipeline. Die wissenschaftliche Bedeutung besteht darin, dass jedes von Flexitral kreierte Molekül einen weiteren Beweis für die Richtigkeit der Schwingungstheorie liefert. (Turin darf jedem kreierten Molekül einen Namen geben. «Ich habe darauf geachtet, dass das in meinen Vertrag steht.»)

Metaphern», erklärte mir Turin einmal, «sind die Währungen des Wissens. Ich habe mein ganzes Leben damit zugebracht, mir unglaubliche Mengen von verstreutem, unzusammenhängendem, obskurem, nutzlosem Wissen anzueignen, und fast alles davon hat sich als äusserst hilfreich erwiesen. Weshalb? Weil es unzusammenhängende Fakten überhaupt nicht gibt. Es gibt nur komplexe Strukturen. Und um komplexe Strukturen anderen Leuten und, vielleicht wichtiger noch, sich selbst verständlich zu machen, braucht man bessere Metaphern. Wenn ich dazu fähig war, diese Sache zu begreifen, dann nur wegen all der chaotischen Informationen, die ich angehäuft hatte und die mir bessere Metaphern an die Hand gaben als jedem anderen.

Mein Vater pflegte zu sagen, wenn du ein Sprichwort aus einer Sprache in die andere übersetzen kannst, bist du ein Dichter. Dasselbe gilt für die Wissenschaft. Wenn man sich strikt auf einen Bereich beschränkt, werden die Erträge immer dürftiger, und man erzielt keine Fortschritte mehr. Aber sobald man einen Begriff aus einem Feld zur Verwendung in ein gänzlich fremdes Feld überträgt, wird er zu einem frischen und machtvollen Werkzeug. Indem man anderswo einkauft, betreibt man geistige Arbitrage. Begrenzt wird der mögliche Gewinn dabei nur durch die fehlende eigene Bereitschaft, fortlaufend zu übersetzen, sich fremde Sprachen zu eigen zu machen, im Dazwischen zu leben, überall und nirgends zu sein.»

Chandler Burr (www.chandlerburr.com) ist Autor von «The Emperor of Scents» (Random House, 2003), der farbigen Geschichte über Luca Turins Theorie des Riechens. Er lebt in New York.




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