NZZ Folio 04/99 - Thema: Im Vatikan   Inhaltsverzeichnis

E-Mail aus dem Cyberspace -- Sprayer in der Dialogbox

Von Franz Zauner

KUNST IM COMPUTER erkennt man nicht auf den ersten Blick, weil in den grauen Kästchen alles kleiner ist und das Feuilleton bisher keine Besprechungen lieferte. Sie ist aber da. Plötzlich pappt die Dialogbox mit dem Ausrufzeichen auf, schlägt dir ein kleines Loch in die Existenz und macht den Blick frei auf die unendlichen Weiten dahinter: «This error should not occur!» Stünde das auf einer Mauer, käme es für eine Prämierung in Frage. Auch der Spruch «Press FINISH to continue starting» erfüllt alle Bedingungen, um mindestens als Graffiti anerkannt zu werden: Eine informelle Botschaft muss es sein, schnell und flüchtig hingeworfen, deutbar als poetisch-subversiver Versuch.

Das Potential ist vorhanden, und kaum ein Softwaremacher lässt es sich nehmen, an seiner Erschliessung mitzuwirken. In vielen Programmen finden sich sogenannte «Easter Eggs», Geheimbotschaften, die der Eingeweihte mit einer Serie aberwitziger Affengriffe auf den Bildschirm zaubern kann. Oft sind es Gruppenfotos von Entwicklern. Sind das digitale Pendants zu kontrolliert enthemmten Rindenritzungen à la «Ueli was here», oder können wir sie als identitätsstiftende Zeichen der Selbstbehauptung werten? Immerhin sind «Easter Eggs» die einzigen persönlichen Botschaften, die aus den Geheimgängen der Software-Konzerne nach aussen dringen.

Tief unten im Keller, wo die Prozessoren rackern, sind die Freiräume am grössten. Dort ätzen Ingenieure mikroskopisch kleine Bildchen auf ihre Chips und geben sich dabei viel Mühe. Auf einem Schaltkreis von Hewlett-Packard prangt zum Beispiel ein Bild von einem Hündchen, das entfernt an frühe Schaffensperioden eines Keith Haring oder Harald Naegeli erinnert. Auf der nächsten Chipserie fand sich Näheres über den Schöpfer des Hündchens: Er hatte seinem Vorgesetzten nichts davon erzählt, und der rächte sich, indem er Willy McAllisters Telefonnummer in Molekülgrösse veröffentlichte. Dies war der erste menschliche Konflikt, der unter hochauflösenden Mikroskopen ausgetragen wurde.

Fragt man sich, wie das alles kommt, verfällt man bald auf rechte Winkel und graue Farbe. Mit diesen unscheinbaren Zutaten werden über Nacht Supermärkte und Lagerhallen, Wohnblocks und Kraftwerke hochgezogen. Man muss nur genug rechte Winkel und graue Farbe zur Hand haben, dann wird aus Chaos Infrastruktur. Das Prinzip ist universal: Wenn wir die Computertische heben (rechte Winkel, graue Farbe), was sehen wir? Rechtwinklige Schachteln in Abwaschwassertönen, denen eigentlich nur die Türchen und Fensterschlitze fehlen, um als Bausünde durchzugehen. Just building, no architecture: Da konnten Graffiti nicht ausbleiben.


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