NZZ Folio 10/95 - Thema: Das Volk   Inhaltsverzeichnis

Die Totaldemokraten

Bemerkungen zum Stamm- und Biertisch.

Von Peter Bichsel

<Da versetzte der Wirt mit männlichen klugen Gedanken...> (Goethe, <Hermann und Dorothea>)


NEIN, Goethes «Hermann und Dorothea» spielt nicht in der Kneipe, die Herren treffen sich privat und disputieren dort in wohlausgewogenen Reden über die schrecklichen heutigen Zeiten - etwas liberalere, etwas konservativere Herren, aber ihre Bildung ist ihr Konsens. Sie sind ein wenig unterschiedlicher Ansicht, aber sie sind es immer im Gleichen, im Konsens, im Konsens der wohltemperierten Bürgerlichkeit.

Das ist Stammtisch, wenn er auch in diesem Fall nicht in der Kneipe stattfindet, und selbstverständlich hat es nie und nirgends solche oder ähnliche Stammtischgespräche gegeben. Trotzdem, das Klischee bleibt, bleibt in unseren Köpfen - und heute noch macht der Herr Apotheker den Eindruck, er gehe zu wohlausgewogenen Gesprächen ins Restaurant, wenn er zum Saufen geht.

Frühes 19. Jahrhundert - man findet ab und zu noch Spuren davon in Amerika: 1993 war ich für längere Zeit in New York und versuchte die Bars in der Umgebung so zu benützen wie die Beizen zu Hause - ein Glas Wein trinken und Zeitungen lesen. Ich galt sehr schnell als eigenartig, aber man akzeptierte den Fremden und das Fremde. In einer Bar allerdings wurde ich schon beim drittenmal nicht mehr bedient. Als ich es einem amerikanischen Freund erzählte, fragte er mich, ob ich denn allein dort gewesen sei, das gehe nicht. Man hat in der Bar jemanden zu treffen - also vorher mit jemandem abzumachen. Wer allein geht, der geht zum Trinken, und man trinkt nicht. Als anständiger Bürger, als gebildeter Bürger trinkt man nicht, sondern man trifft Leute zum angeregten Gespräch und trinkt dabei ein Gläschen oder zwei oder mehr.

Der Stammtisch ist nichts anderes als eine Rationalisierung dieser Prozedur. Damit man nicht jedesmal ein Alibi organisieren muss, spricht man sich darauf ab, sich jeden ersten Donnerstag im Monat, jeden Mittwoch oder jeden Tag um 17 Uhr zu treffen. Wie so viele andere Sitten im Umgang mit Alkohol entstammt auch der Stammtisch bürgerlicher Prüderie.

Die Rotarier (Amerika!) treffen sich wöchentlich, die Altherren der Studentenverbindung am sogenannten Stamm, die dort übrigens noch eine ganze Reihe von Ritualen pflegen, um die Trinkerei vom Verdacht des Alkoholismus zu befreien. Man geht in die Kneipe, um etwas zu trinken; und jene, die gehen, um jemanden zu treffen, die gehen, um Gleichgesinnte zu treffen. Wenn Streit entsteht am Stammtisch, dann nicht wegen des Themas - das Thema an und für sich, das ist der Konsens -, Streit entsteht aus ganz anderen Gründen, aus persönlichen: Wer ist der Gescheiteste? Wer weiss es, und wer weiss es ganz richtig? «Wollen wir wetten?» wird täglich an Tausenden von sogenannten Stammtischen ausgerufen. Der Fremde oder gar der Fremdsprachige am Nebentisch wird den Eindruck bekommen, dass hier heftige politische Diskussionen im Gange seien oder dass das hier - der Stammtisch - eine der Kernzellen der Demokratie sei.

Er war es vielleicht einmal, nämlich damals, als es noch einen gesicherten Konsens der Konservativen gab, einen gesicherten Konsens der Liberalen, der Fortschrittlichen, der Freisinnigen. Es ist durchaus denkbar - aber ich lasse mich gern vom Gegenteil überzeugen -, dass an diesen Stammtischen im 19. Jahrhundert die Politik gemacht wurde, nämlich die Politik einer durch und durch konservativen oder durch und durch liberalen Gemeinde, und es gibt (gab) auch einen Konsens der Revolution, zum Beispiel dieser liberalen Revolution von 1830.

In einem Gespräch beklagte der Wirtschaftsführer David de Pury den Verlust des Konsenses in der Schweizer Politik. Er beklagte damit eigentlich den Verlust des bürgerlichen Stammtisches. Es gibt ihn nicht mehr. Gab es ihn überhaupt je einmal? Oder ist er letztlich eine romantisch-literarische Vorstellung, auf die wir hereinfallen? Vielleicht ist unser Bundesrat noch so etwas wie ein Stammtisch: sieben Leute, die die Aufgabe haben, den Konsens zu suchen und ihn kollegial - Kollegialbehörde - zu vertreten.

Es stimmt, der Konsens war einmal ein demokratischer, ein liberaler - und das war er sogar auch, als noch nicht alle liberal waren -, ein fortschrittlicher Konsens. So wie sich durchaus der Kreis der Rotarier, der sich am Dienstag trifft, als zum mindesten aufgeschlossen empfindet. Sie haben auch den Eindruck, dass unter ihnen heftig diskutiert wird, denn einem wird wohl die Rolle des Linken, dem anderen die Rolle des Militärkopfs zugedacht - und all das eben im Konsens. Ich habe zwar den Eindruck, dass es früher Gaststätten gab, wo sich die ganze Bevölkerung ohne Unterschied traf - wo man also (im Gegensatz zu meiner Bar in New York) allein und als Eigenartiger hingehen und ein wenig teilhaben konnte. Und noch einmal Amerika: Man spricht dort davon, wie man etwa die Schwarzen in die Gesellschaft integrieren könnte, sie aus ihrem Ghetto herausholen könnte. Ich fürchte, diese Gesellschaft, in die sie integriert werden sollen, existiert längst nicht mehr. Auch das öffentliche Leben in Amerika ist privatisiert, alle leben im Ghetto - im Ghetto der Reichen, im Ghetto ihres Berufes -, und ein Schwarzer wird ohne weiteres in das Ghetto, in die Partygesellschaft, der Oberärzte aufgenommen, wenn er Oberarzt ist. Der Stammtisch findet wie bei Goethe zu Hause und privat statt. Die Frage ist, wie sehr wir hier in der Schweiz schon amerikanisiert sind, wie öffentlich unser öffentliches Leben noch ist.

Noch gibt es in einer Schweizer Beiz den Stammtisch mit einem geschmiedeten Aschenbecher mit entsprechender Inschrift. Das ist der Tisch der Stammgäste. Sie haben hier besondere Rechte, sie sind hier irgendwie zu Hause und kämpfen wie feindliche Brüder um die Gunst der Wirtin und der Kellnerin: der Biertisch.

Am Biertisch wird - nach Auskunft der Beteiligten - politisiert. Das klingt dann - gestern gehört - so: «Die Schweiz wird nie mehr eine Olympia-Medaille machen, weil das alles eine total falsche Politik ist. GC wird nicht gewinnen, weil das eine falsche Politik ist», wobei es keine Vorschläge gibt für eine «bessere Politik», sondern nur die Vorstellung von besseren Politikern. Mit «besseren» Politikern würden wir die Medaillen machen. Einer, der an Medaillen nicht interessiert ist, hat hier gar keine Chance - der Konsens.

Sie kriegen hier am Biertisch auch täglich den Konsenskatalog. Der «Blick», unsere nationale Boulevardzeitung, bestimmt die Themen des Tages. Er bestimmt nicht die Politik, sondern er fühlt den Puls der Mehrheit und gibt ihn weiter an alle Minderheiten, die auch zur Mehrheit gehören möchten. Er macht nichts Böses. Er macht nur, was sie wollen. Der «Blick» wird hier nicht gelesen, sondern er wird erzählt, immer wieder: «Hast du gelesen im -Blick?, da hat doch . . .» Der Erfolg des «Blicks» ist seine mündliche Tradierung. Er hat das Ziel des Biertisches entdeckt - den Konsens. Nur ist es nicht mehr der Konsens der Konservativen und der Liberalen. Es ist jetzt der Konsens der Totaldemokraten, die glauben, dass man zu allem Ja oder Nein sagen könne, auch zu Unhumanem, auch zu Undemokratischem, auch zu Unliberalem, zu Unsozialem. Solange sie nicht zur Urne gehen - und sie gehen nicht -, ist der Schaden klein. Die «schweigende Mehrheit» sitzt jedenfalls nicht hier, sondern zu Hause - und sie geht abstimmen, und sie kann dabei überraschen. Würden nur die Biertischbrüder abstimmen, das Resultat wäre zum voraus sicher.

Nein, hier am Biertisch sitzt nicht das Volk, hier sitzen nur die vom Biertisch, und keine einzige Idee des Politpolterers Blocher ist ihnen neu, denn neue Ideen hätten hier - im Konsens der Trinker - nicht die geringste Chance. Hier sitzen jene, die sich von ihm verstanden fühlen: «Der wagt es zu sagen», aber jene, die ihn wählen, sitzen nicht hier - die Biertischbrüder wählen nicht, die Demokratie hat sie (glücklicher- und unglücklicherweise) noch nicht erreicht.

Wenn also der Stammtisch, der Biertisch, die Urzelle unserer Demokratie wäre, dann gäbe es längst keine Demokratie mehr. Nur nehme ich an, dass er es in Wirklichkeit nie war - die schweigende Mehrheit ist anderswo, und ihr ist etwas schwerer beizukommen mit Ideen, die sie bereits haben. Auch Christoph Blocher ist ein Opfer einer romantischen Vorstellung von einem Stammtisch: ein Altherr einer Studentenverbindung, der noch voll im Saft ist und glaubt, dass das, was am Stamm geredet wird, alles ist, was geredet wird.

Wir alle suchen jene, die gleicher Meinung sind, ich auch. Und ich freue mich doppelt, wenn es ein Bauarbeiter ist. Ich bin kürzlich völlig konsterniert vom Biertisch nach Hause gelaufen, weil es mir wirklich gelungen war, einen Faschisten in der Asylantenfrage vom Gegenteil zu überzeugen. Am anderen Tag war er wieder rückfällig. Das war für mich ein wenig beleidigend, aber auch ein wenig befreiend. Ich bin ein Unschuldiger - am Stammtisch sitzen nur Unschuldige; Unschuldige, die glauben, es müsste nur ein totaler Konsens hergestellt werden - egal welcher -, und die Welt wäre in Ordnung. Vielleicht ist es so, dass die Demokratie nur im Konsens funktioniert - aber die Totaldemokratie jedenfalls wäre keine Demokratie.

Peter Bichsel, Schriftsteller, lebt in Bellach.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.