NZZ Folio 03/07 - Thema: Radio   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Zürich miniature

© Heinz Unger
Ein 24-flammiger Leuchter aus den Fifties beleuchtet im Wohnzimmer die Designstühle, Fund- und Sammelstücke. Linktext
Ein charakterfester Musikjournalist? Ein Grafiker mit einem Touch von Intellektualität?
Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Die Hinweise sind eindeutig: Ein nüchternes, funktionelles und schmuckloses Bad, alles Wichtige von der Zahnbürste bis zur Waschmaschine ist mit einem Griff zur Hand. Zudem: Waschlappen und offener WC-Deckel – da wohnt ein männliches Wesen. Wenigstens einen flauschigen Badeteppich würde Frau sich wünschen.

Unser Mann ist gut in der jugendlichen Mitte. Der älteren Generation, aufgewachsen mit Nierentisch & Co., wäre der Leuchter aus den Fifties ein Graus. Die Wohnung befindet sich an urbaner Lage, vermutlich mitten in Zürich mit Ausblick auf Dächer. Der Bewohner ist aber kein Abgehobener, sondern einer mit Sinn für Materie, ein Körper- und Charakterfester. Die schmucklose, eher enge Wohnung weiss er eigenwillig mit seinen Trouvaillen zu beleben.

Der Leuchter ist ein aufgestöbertes Fundstück, ebenso wie die Designstühle, die fremdländische Kunst an den Wänden und auf dem Regal: Stationen einer persönlichen Geschichte, ein Sammelsurium spannender Dinge und doch keine Villa Kunterbunt. Modischer Schnickschnack oder dekoratives Design ist nicht seine Welt. Im Arbeitszimmer wacht ein Vogelhaus über eine immense CD-Sammlung. Musik ist mehr als Hobby oder Unterhaltung, eher Leidenschaft oder sogar Beruf? Vielleicht ein Musikjournalist – die Kopfhörer neben dem Laptop könnten darauf hinweisen – oder jemand, der mit Engagement einen Kulturbetrieb leitet, Konzerte veranstaltet?

Er ist ein Eigenwilliger, der es dennoch gut mit den Menschen kann. Viel und weltweit unterwegs, bringt er nicht nur Klänge, sondern auch Teppiche von seinen Reisen mit und lebt so sein Globetrotterdasein häuslich weiter.

Ingrid Feigl

Der Innenarchitekt

Eine Wohnung mit typischen Merkmalen der 1950er und 1960er Jahre: Buchenklötzliparkett im Wohnraum, ein braunmelierter Linoleum im Arbeits- oder Schlafzimmer und ein schachbrettartig verlegter, zweifarbiger Porphyrplattenbelag im Badezimmer. Die Fenster wurden vermutlich bei einer Renovation erneuert. Im Gegensatz zu den originalen Türgriffen aus Aluminium sind die Fenstergriffe neu aus weissem Kunststoff.

Die Möbel, Lampen, Teppiche und Vorhänge sind Zeugen verschiedener Zeitepochen. Um einen einfachen Zargentisch mit gedrechselten Füssen aus der Jahrhundertwende gruppieren sich Freischwingerstühle aus den 1920er und 1930er Jahren sowie ein «Saffa»-Sessel von Hans Eichenberger aus den 1950ern. Aus der gleichen Zeit ist die Beleuchtung. Wie eine Spinne beherrscht an der Decke ein 24-flammiger Leuchter den Esstisch und verleiht dem eher knappen Wohnzimmer eine gewisse Opulenz. Der Bewohner, vielleicht ein Gestalter, Grafiker, hat ein Auge für spezielles Design.

Die Räume sind kleinteilig, dementsprechend wird Ordnung gehalten. Im Schlafzimmer/Büro wird das offensichtlich. Alles ist ordentlich versorgt. Die CD- Sammlung wirkt mit ihren Kassettenrücken fast raumbildend. Die Liebe zu grafischen Formen und Ordnungsprinzipien spiegelt sich hier im Kelimteppich, in der Bettdecke mit den kalligraphischen Zeichen, den Vorhängen – ja selbst die Langspielplatte «Rotomotor» auf dem Regal verweist auf die Vorliebe für Ordnung: Bei diesem Sprechstück werden unter anderem Wörter rhythmisch aneinandergereiht.

Die Wohnung strahlt Ruhe aus, wirkt teilweise zufällig, aber nicht studentisch und hat einen Touch von Intellektualität.

Stefan Zwicky


Peter Liechti, Regisseur (56), Jolanda Gsponer, Musikfachfrau (45)

«Jolanda und ich führen selbständige Leben. Wo sie ist? Nur mal eben Zigaretten holen. Sie sollte jeden Moment zurückkommen. Oft treffen wir uns erst spätabends in der Wohnung. Etwa einen Drittel des Jahres verbringe ich hier, den Rest bin ich irgendwo unterwegs oder in meiner Klause in Wald im Appenzellischen. In der Ostschweiz leben meine Kinder und viele alte Freunde.

Mein Leben ist etwas zerstreut, dabei hatte ich immer den Wunsch, Wurzeln zu schlagen. Ich bin häufig umgezogen, ich schätze 25 Mal. Vielleicht versuche ich mich deshalb einzurichten, wo immer ich bin – auch wenn ich weiss, dass ich nur vier Monate bleiben werde. Im Grunde ist das ein sehr unpraktisches System, weil ich jedes Mal alles wieder auspacken und neu aufbauen muss. Aber aus Koffern und Schachteln zu leben, halte ich nicht aus.

Obwohl diese Wohnung mehrheitlich von Jolanda genutzt wird, habe ich deutlichere Spuren hinterlassen. Um zu funktionieren, brauche ich um mich herum meine Reliquien.

Sich einzurichten, heisst ja auch, sich nach dem zu richten, was möglich ist. Diese Wohnung ist extrem klein. Das Bad ist viel zu eng für zwei Personen. Ein flauschiger Badezimmerteppich wäre das allerletzte, was wir brauchten. Dieses Räumchen neigt schon so zur Schmuddligkeit, ein Teppich würde hier wie ein nasser Pudel riechen. Im Bad bin ich sowieso etwas zickig. Morgens brauche ich lange und viel Wasser, ich muss allein und ungestört sein.

Auch in der Küche kommen wir nur schwer aneinander vorbei. Schon beim Morgenkaffee bekommt man die Ellenbogen des anderen in die Seite. Die enge Küche und das Bad machen manchmal extrem aggressiv.

Diese Ecke im Kreis 4 würde ich als Elendsviertel der Stadt Zürich bezeichnen. Tag und Nacht haben wir ‹Räuber und Poli› ums Haus. Das hat uns eigentlich nie gestört. Allmählich kippt die Stimmung aber ins Widerwärtige und Niederträchtige. Hier hat sich eine Form des Milieus angesiedelt, bei der keine Durchmischung mehr stattfindet. Nur naive Romantiker verklären das noch zu urbaner Lebendigkeit und Multikulti-Farbigkeit. Allerdings gibt es im Quartier, als eine Art Gegenbewegung, einige neue Beizen. Sehr angenehm. Wir sind abends oft unterwegs. Ab und zu zusammen, manchmal jeder für sich. Jolanda und ich sind Nachtvögel.

In der Wohnung mögen wir keine Stücke, die nur nett aussehen. Jeder Gegenstand hat seine Geschichte – wie schon bei meiner Grossmutter. Die Lampe über dem Esstisch zum Beispiel stammt aus dem Kurhaus Weissbad, das nach den Dreharbeiten zu meinem Film ‹Signers Koffer› abgerissen wurde. Wir haben dort auf dem Dachboden die tollsten Dinge gefunden. Die chinesische Vase habe ich aus Hongkong mitgebracht. Ich bin stolz, dass sie die Reise heil überstanden hat.

Viele Jahre habe ich auch Plasticnippes aus dem Ostblock gesammelt. Die Salz- und Pfefferstreuer in Form von Trauben habe ich aus Rumänien mitgebracht. Diese Dinge sind Minimalkunst, entstanden aus einer naiven und ehrlichen Idee und für jeden erschwinglich. Den Esstisch aus Nussbaum habe ich geschenkt bekommen. Auf diese Weise bin ich zu einigen Möbeln gekommen: Brauchst du einen Teppich? Ich hätte da noch ein Bett!

Einmal ging ich zur Designermöbelbörse, da habe ich dieses weisse Sofa gefunden. Gegen gutes Design habe ich nichts einzuwenden. Ich besitze auch eine Corbusier-Liege, die ist bequem und schön und hält ein Leben lang. Darauf liegend schaue ich mir gerne Charlie Chaplin an, der ist für mich der Grösste. Die Liege und die DVD-Sammlung sind in meiner Appenzeller Wohnung, dort bin ich zum Arbeiten, wenn ich meine Ruhe brauche oder wenn ich mal wieder mit dem Rauchen aufhören möchte.

Jolanda hat kürzlich ihren Musikladen geschlossen und einen Grossteil ihrer Platten und CD nach Hause verlagert. Sie ist eine Einsiedlerin und froh, wenn ich nicht so oft zu Hause bin. Wir zwei rund um die Uhr in dieser kleinen Wohnung, das ginge nicht. Wir brauchen reichlich Auslauf. Wenn ich mir vorstelle, dass sie mir vor jeder Reise eine Szene machen würde: Wann kommst du endlich wieder? – das wäre unerträglich. Wenn wir aber zusammen sind, geniessen wir es und haben uns auch etwas zu sagen.»

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse



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