NATHANIEL KLEITMAN hatte schon viele Experimente gemacht, doch noch nie wurde er von Scheinwerfern geblendet, wenn eines zu Ende ging. Als er mit seinem Studenten Bruce Richardson am 6. Juli 1938 aus der Mammuthöhle stieg, warteten Filmteams und Fotografen am Ausgang. Die Zeitungen druckten Bilder von zwei armseligen Gestalten, die mit ihren Vollbärten, langen Mänteln und feuchten Kapuzen an Landstreicher erinnerten. 32 Tage hatten die zwei Forscher der University of Chicago versucht, in einer Höhle der Natur des Schlafes auf die Spur zu kommen.
Der damals 43-jährige Kleitman war Selbstversuche gewohnt: Einmal studierte er die Auswirkungen von 180 Stunden Schlafentzug, dann probierte er erfolglos seinen Körper vom normalen 24- auf einen 48-Stunden-Rhythmus umzustellen: Er blieb einen Monat lang jeweils 39 Stunden wach und schlief danach 9 Stunden. Einer seiner Studenten versuchte sich am 12-Stunden-Rhythmus: Er schlief zweimal pro Tag zwischen 4 und 7.30 Uhr und zwischen 16 und 19.30 Uhr je dreieinhalb Stunden. 33 Tage lang. Auch diese Umstellung misslang.
Eines der grossen Rätsel der Schlafforschung war zu dieser Zeit, ob der Schlafrhythmus des Menschen bloss eine Gewohnheit ist – aus praktischen Gründen der Tageslänge angepasst – oder ob es eine innere Uhr gibt, die fest programmiert ist. Verdoppeln oder halbieren liess sich der Schlafrhythmus offenbar nicht, also entschied sich Kleitman bei einem nächsten Versuch für zwei Rhythmen näher bei den natürlichen 24 Stunden. Die Wahl fiel auf 21 und 28 Stunden, weil sich eine normale Siebentagewoche in exakt acht 21-Stunden-Tage und sechs 28-Stunden-Tage aufteilen liess. Das erlaubte den zwei Versuchspersonen – Kleitman war eine davon –, ihrer Arbeit an der Uni auch während des Experiments nachzugehen.
Ob sich eine Versuchsperson an den veränderten Rhythmus gewöhnt hatte, erkannte Kleitman anhand der Körper temperatur, die während des Schlafs normalerweise sinkt , weil der Stoffwechsel herabgesetzt ist, und während der Wachphase das Maximum erreicht. Wenn sich der Temperaturverlauf synchron mit den neuen Schlaf- und Wachzeiten veränderte, hatte sich der Körper an den neuen Rhythmus angepasst. Das Resultat des 21–28-Stunden-Versuchs war nebulös: Der Temperaturrhythmus eines beteiligten Studenten hatte sich zwar an die neuen Umstände angepasst, doch Kleitmans Rhythmus blieb in der Nähe von 24 Stunden.
Ein möglicher Störfaktor war der Ort des Experiments. Es war möglich, dass der Rhythmus des Tageslichts die Anpassung störte. Oder der höhere Lärmpegel und die höheren Temperaturen am Tag. Deshalb suchte Kleitman nach einem Ort, der weder Tag noch Nacht kannte. Er fand ihn in einer zwanzig Meter weiten und acht Meter hohen Kammer der Mammuthöhlen in Kentucky. Nicht weit von einem Audubon Avenue genannten Gang herrschte dort ständige Dunkel heit und Stille. Die Temperatur lag jahr ein, jahraus bei 12 Grad Celsius. War das der Ort für den 28-Stunden-Tag?
Das Mammoth Cave Hotel möblierte das «Apartment an der Audubon Avenue», wie die vierzig Meter unter dem Erdboden gelegene Kammer in der Presse genannt wurde, mit einem Tisch, Stühlen, einer Waschkommode und zwei Betten auf Stelzen – wegen der Feuchtigkeit und der Ratten. An die gleiche Adresse lieferte der Hotelkoch täglich die Verpflegung.
Der Plan sah vor, dass Kleitman und Richardson jeweils neun Stunden schliefen, zehn Stunden arbeiteten und dann neun Stunden Freizeit hatten. Während der Wachphasen massen beide Männer alle zwei Stunden ihre Körpertemperatur, wenn sie schliefen, alle vier Stunden.
Richardson hatte sich nach einer Woche an den neuen Rhythmus gewöhnt, seine Körpertemperatur nahm den 28-Stunden-Rhythmus an. Der zwanzig Jahre ältere Kleitman dagegen konnte sich bis zuletzt nicht umstellen. Immer um zehn Uhr abends wurde er müde und acht Stunden später wieder munter, egal, ob sein Stundenplan Arbeit, Freizeit oder Schlaf vorschrieb. Wieder war das Resultat zweideutig. Zu Journalisten sagte er: «Ich habe herausgefunden, dass mir ein anständiger Vollbart wächst.»
Spätere Experimente zeigten, dass der Mensch tatsächlich über eine innere Uhr verfügt, die unabhängig von äusseren Einflüssen ist. Bei den meisten Menschen beträgt dieser biologische Rhythmus etwas mehr als 24 Stunden. Er wird jeden Tag durch dessen wirkliche Länge neu geeicht.
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