NZZ Folio 12/05 - Thema: Was macht eigentlich...?   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Der vierte Geschmack

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin

Bei meiner ersten Klavierstunde spielte mir mein Lehrer zwei kurze und leichte Stücke vor, eines von Haydn, das andere von Bartók. Dann fragte er mich, welches von beiden ich lernen wolle. Ich hatte das Gefühl, vor einer gewichtigen Entscheidung zu stehen, und votierte für Bartók – teils wegen des schönen rotbraunen Umschlags der Mikrokosmosausgabe, teils weil das erste der beiden Stücke süss, das zweite dagegen bitter geschmeckt hatte und ich bittere Dinge lieber mochte.

Noch heute hört sich Bartók an wie musikalischer Fernet-Branca. Seine erhabene Verachtung für jede Art von Schmalz und die Schnelligkeit, mit der er raubvogelgleich auf seine eigenen lyrischen Ausrutscher herabstösst, verleihen seiner Musik eine eigentümlich moralische Qualität. Aber was, bitte schön, ist an Fernet-Branca besonders moralisch?

Einfach: Das bittere Geschmacksempfinden hat sich über Jahrmillionen entwickelt, um uns vor fremden Molekülen zu warnen, die in unseren Blutkreislauf eindringen und dort Gutes oder Böses anrichten. Man weiss nicht, was von beidem, ehe man es ausprobiert hat. Bitter schmeckt, was nicht als Nahrung, sondern als Arznei für Körper oder Seele geschluckt wird. Bitter ist der Geschmack von Abenteuer, Risiko, Wagemut. Süss ist die Sünde, bitter die Tugendhaftigkeit.

Kein Wunder, dass Bitterkeit in unserer ängstlichen, bequemen Kultur einen schlechten Ruf hat, ganz besonders in der von süssem Vanillin, Laktonen (Pfirsich) und neuerdings gar vom Zuckerwattearoma Maltol beherrschten Parfumerie. Jacques Guerlain, der grosse Meister der ätherischen Confiserie, der das Ganze 1889 mit Jicky ins Rollen brachte, entwarf zeit seines Lebens nur zwei ungesüsste Parfums: Djedi und Sous le Vent. Das erste wurde vor einigen Jahren neu aufgelegt und entpuppte sich als ein ungeheuer animalischer Vetiverduft, den Roja Dove von Guerlain zu Recht als «das trockenste Parfum aller Zeiten» bezeichnete. Aber trocken heisst nicht bitter, und die Süssholzkomponente von Vetiver vermittelt nicht wirklich die tödliche Bedrohung eines wahren Alkaloids.

Doch neulich erhielt ich von einem Freund ein Pröbchen des originalen Sous le Vent. Was für eine Offenbarung! Mit Cotys strengem Chypre (1917) konfrontiert, gab Guerlain zunächst seiner üblichen Neigung nach und fügte ein wenig Pfirsich hinzu. Das Ergebnis war Mitsouko (1919). Erst als er sich vierzehn Jahre später erneut mit dem Problem auseinandersetzte, trieb er den Gegensatz bis zum Äussersten, und heraus kam das bitterste, kompromissloseste Wunder. Man nehme zwei Tropfen davon auf ein Glas Gin und schlürfe das Ganze auf der Veranda.

Zu meiner Überraschung plant Guerlain eine Neuauflage. Es bleibt abzuwarten, ob ein so offenkundiges Gift die Sicherheitsbestimmungen der EU wird unterlaufen können. 




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