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E-Mail aus dem Cyberspace -- Die hysterische Maschine
© Katrin Laskowski
Von Franz Zauner
EIN KRATZER! Da, auf dem Display! Und dort - noch einer! Ich hätte den Schreibstift nicht so fest aufsetzen dürfen! Bald gibt es gar nichts mehr zu sehen! Der Handheld ermattet, wird blind! Und die Daten - unsichtbar sind sie so gut wie verloren!
Hysterie kennt jeder. Sie kommt in jedem Privatleben vor. Meist findet sich wer, der Diagnose und Therapievorschlag in einem klassischen Satz zusammenzieht: «Jetzt werd doch bitte nicht gleich hysterisch!» Wer so beruhigt wird, neigt allerdings zur Verschärfung. Und sucht eine Antwort, die aufregt: «Ich - bin - nicht - hysterisch!» Das behauptet das Gegenteil und schliesst es im Tonfall gleichzeitig aus. Genau darin besteht die Kunst der Hysterie: haarfeine Risse des Realitätsgefüges werden zu zwischenmenschlichen Schluchten vertieft - eine Arbeit der Zuspitzung.
Den Psychiatern ist Hysterie zu trivial, sie diagnostizieren sie nicht mehr - als geistiger Verarbeitungsmodus gehört sie zur conditio humana. Es gibt Berufe, da ist sie Bestandteil des Talents - man denke nur an den Journalismus oder die Politik. Auch im Digitalen schätzt man diese künstliche Art der Erregung. Die traute Zwietracht, in der Techniker und Nichttechniker ihr Hotline-Ritual vollziehen, wäre ohne Hang zur Hysterie ebenso unerklärlich wie der grosse Computerdiskurs, der am Laien meist in rätselhaften Grossbuchstaben vorüberzieht: AI! GRSM! MMS! VOIP! XML! CRM! (Keine Details bitte, wir reden von Erlösung.) Ja, es gibt auch glückliche Hysterien: sie heissen Hype. Man versteht darunter extravagante, exzessive Werbung, die alle einbezieht, die niemanden kaltlässt. Hysterie ist ein System ohne Platz für Umgebung.
Auch technisch unauffällige Personen sind gefährdet: Manchmal fassen sie sich ein Herz und warnen energisch vor Viren, die es nicht gibt, bevor die Diagnose «Hoax» sie von dieser Passion befreit.
Mit Handhelds wurde die Hysterie tragbar; Handys sind geradezu Vollzugsvorrichtungen für Hysterie: In ihrer ewig eingeschalteten, allzeit empfangsbereiten Variante repräsentieren sie die Hingabe an einen Kontrollzwang, wie man ihn sonst nur von Agenten beim Lauschangriff kennt.
Die sich wechselseitig steigernden Phänomene der vagen Halbleiterelektrizität bilden einen perfekten Resonanzraum für Hysterie. Sie entsteht so leicht und schnell wie im Fin de Siècle. Erinnern die Abwegigkeiten der Computer nicht durchwegs an die klassischen Nervenleiden? Starre und Lähmungen gehören ebenso zum Spektrum dieser histrionischen Maschinen wie Empfindlichkeit und Reizbarkeit.
Mensch und Maschine stecken einander an, berühren einander an den falschen Knöpfen, in blitzschnellen Abfolgen von Übertragung und Gegenübertragung. Darum muss ich laufen, Folien kaufen. Diese durchsichtigen, selbstklebenden. Sie werden das Display des Handheld retten - und eine ganze kleine Welt.
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