NZZ Folio 05/04 - Thema: Das Eigenheim   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Die Wahl der Waffen

© Patrick Rohner
Stiletto, Kalbsleder mit metallenem Stiftabsatz, Sergio Rossi, 480 Franken. Linktext
Von Jeroen van Rooijen

WAS WURDE in den bunten Blättern kürzlich nicht alles geschrieben darüber. Britische Forscher des Institute of Physics der University of Surrey haben eine Formel errechnet, die beschreibt, welche Frau welche Absatzhöhe tragen soll, damit sie nicht stürzt oder gesundheitliche Schäden erleidet: 

       (12 + 3s/8) v(j + 9)p
h =(m + 1)(a + 1)(j + 10)(p + £20)

Die Schuhgrösse s wird in britischen Einheiten gerechnet (eine 5 entspricht bei uns einer 38); v (zwischen 0 und 1) steht für die Vorliebe für Stilettos, j für die Anzahl Jahre, die eine Frau schon hohe Hacken trägt; p für den Preis der Schuhe (in Pfund); m für die Monate, die seit der Lancierung des Modells verstrichen sind; a für die Einheiten Alkohol, die eine Frau in diesen Schuhen zu trinken plant.

Bevor sich die geneigte Leserin, der geneigte Leser ans Kopfrechnen macht: Obwohl der Formel die Theorie des Pythagoras zugrunde liegt, schütteln Schuhfachleute den Kopf. «Eine nette Idee, doch ich zweifle an ihrem Nutzen. Denn es gibt grosse Komfortunterschiede zwischen verschiedenen Schuhen mit exakt gleicher Absatzhöhe», sagt Gianvito Rossi, der Sohn des italienischen Schuhmachers Sergio Rossi und ein notorischer Verfechter hochhackiger Eleganz (bis maximal 110 Millimeter). «Der Leisten ist der Schlüssel zum Erfolg – wenn der nicht stimmt, dann ist auch die neue Formel nutzlos.»

Bei Sergio Rossi werden deshalb alle Prototypen an lebenden Probandinnen getestet, bevor sie ins Sortiment kommen. Auch der weisse Stiletto mit dem etwas militärischen Namen AL 2555. Dabei stellt Sergio Rossi sicher, dass auch modische Gags wie das verchromte «Fenster» an der Ferse sich dem Gebot des optimalen Komforts unterwerfen. Gefertigt werden die Preziosen in der Produktionsstätte des Familienbetriebs im italienischen San Mauro Pascoli (bei Rimini).

Bis der weisse Stiletto die Produktionsstrasse durchlaufen hat, vergeht ein Tag. Zwei Dingen schenken die Schuhmacher besondere Beachtung, sagt Gianvito Rossi: «Die Nähte müssen sehr sorgfältig ausgeführt sein, das ist essentiell. Der zweite kritische Moment ist, wenn das genähte Leder des Schafts auf den Leisten gezogen wird und seine Form bekommt.»

Der weisse Stiletto aus dieser Frühlingskollektion ist ein Erfolgsstück, gerade weil er ein provokatives Signal aussendet. «Das doppeldeutige Wort Stiletto sagt es schon: dieser Schuh ist ein Kunststück, ein Verführungswerkzeug – aber auch eine Waffe. Schönheit kann gefährlich sein», raunt Gianvito Rossi. Zwar ist das abgebildete Modell mit 90 Millimetern Absatzhöhe kein sogenannter Killer-Stiletto, doch liegt er deutlich über der mitteleuropäischen Bestsellernorm von 75 Millimetern.

Warum sich manche Frauen dennoch zu höheren Weihen berufen fühlen? Gianvito Rossi lacht das Lachen eines Kenners und erklärt: «Weil sie damit noch schöner aussehen. Frau en verstehen eben, wann es sich lohnt zu leiden.» (Der zerlegte Stiletto ganz: S. 87.) 




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