NZZ Folio 08/02 - Thema: Schule   Inhaltsverzeichnis

5 Schülerporträts

Von Wolfgang Matl, Stefanie Friedhoff, Urs Schoettli, Andreas Heller und Kaspar Meuli
Emma Moderato, Ekerö

Bloss nicht Kindergärtnerin werden! So viel steht fest für Emma. Über die Zukunft denkt sie noch nicht viel nach, aber viel Geld verdienen möchte sie. Emma kommt aus einer Durchschnittsfamilie, was in Schweden fast automatisch bedeutet, dass beide Eltern berufstätig sind. Die Mutter ist Lehrerin, der Vater Bauarbeiter. Die Moderatos leben in einem Einfamilienhaus am Rande Stenhamras. Zur Familie gehören neben Emmas neunjähriger kleiner Schwester auch noch zwei fast erwachsene Halbgeschwister - eine im heutigen Schweden durchaus übliche Familienkonstellation.

Emma liebt Pferde und verbringt viele Stunden im Reitstall im benachbarten Kungsberga. Mit einem weiteren Familienmitglied - dem Golden Retriever Bea - ist Emma ebenfalls viel unterwegs.

Leistungsmässig liegt Emma am oberen Rand des Mittelfelds in ihrer Klasse. Ohne Noten sei problemlos auszukommen, findet sie. Auch ohne Noten werde kein Schüler vom Lehrer darüber im Unklaren gelassen, wo er leistungsmässig stehe. Wenn Schularbeiten zurückgegeben würden, dann erfahre man zunächst zwar nur, was vom Lehrer im Einzelnen als richtig oder falsch bewertet wurde. Oft fragten die Schüler dann aber nach: «Welche Note hätte ich denn gekriegt, falls wir Schulnoten hätten?» Dem Lehrer sei eine Antwort darauf zwar untersagt, aber ihr Klassenlehrer Rony halte sich kaum daran.

Von den neun Schulfächern hat Emma Englisch und Handarbeit am liebsten. Mathematik liegt ihr nicht. Dass sich im Unterricht ihres Klassenlehrers Frontalunterricht und Gruppenarbeiten ablösen, passt Emma gut. Bei den Gruppenarbeiten entwickelt man vor allem effektivere Methoden, wie man selbst Informationen finden kann, sagt sie. Und nicht zuletzt macht ihr das Arbeiten in eigener Verantwortung mehr Spass.

Der bevorstehende Übergang in die Oberstufe beunruhigt sie nicht. Was ihr dort allerdings bevorstehe, seien mehr Hausaufgaben als die vier bis fünf Stunden, die sie momentan wöchentlich damit verbringt. Wolfgang Matl 


Killian Brennan, Brookline

Killian (12), Fensterreihe, zweiter Tisch von links, ist die amerikanische Variante von Harry Potter. Dass er in eine reguläre und nicht in die Schule der Zauberer geht, scheint ihn zu langweilen. Noch ein wenig zu klein, um von den Mädchen wahrgenommen zu werden, und ein wenig zu schüchtern, um sich auf dem Schulhof durchzusetzen, gehört er zur eher stillen Fraktion in der 6d. Man fragt sich allerdings, wie lange noch.

Oft sitzt Killian die ganzen sechs Schulstunden des Tages auf seinem Platz und beobachtet, hört einfach zu. Er mag alle Fächer, ausser vielleicht Gesellschaftskunde. Der Sportfan ist gut in der Schule, aber nicht besonders aktiv. Seine Stimme ist leise und flattrig - es sei denn, es geht um Shakespeare. Bei den Proben für «The Tempest» wird die Klasse Zeuge einer beeindruckenden Verwandlung: Killian, der zaghafte, spielt Sebastian, den mittelalterlichen Königsbruder, mit klarer, entschlossener Stimme.

Geschichten, in Büchern wie in Computerspielen, begeistern den Sohn irischer Einwanderer. Krimis, Mystery-Games. Davon liest oder spielt Killian alles, was ihm in die Hände kommt - allerdings erst, wenn die Hausaufgaben fertig sind, für die er ein bis zwei Stunden am Tag braucht. Und wenn er nicht zum Training geht: im Sommer Fussball, im Winter Basketball.

Die Katastrophe der Schule, da ist Killian mit vielen Mitschülern einig, ist die Kantine. «Meine Mutter gibt mir oft einen Snack mit», sagt er. «Das ist besser als diese Tacos mit Tomatensauce.» Das Highlight in diesem Schuljahr war für ihn ein Projekt in der Englischklasse: «Wir haben Phantasiezeitungen gebastelt, für die wir Stories erfinden konnten. Wir haben Märchen eingebaut, alles Mögliche. Das war Spitze.»

Killians Berufswunsch ist eine noch offene Frage. Wer weiss, vielleicht wird er ja Besitzer eines irischen Pubs wie sein Vater. Vielleicht geht er auch studieren - «irgendetwas mit Tieren», sagt Killian, «die sind echt faszinierend». So wie Mystery-Stories? «Na ja, fast.» Stefanie Friedhoff 


Hiroki Miyamula, Yokosuka

Hiroki (11) geht in die sechste Klasse der Morisaki-Primarschule. Aufs nächste Schuljahr wird er in die Mittelschule übertreten. Hiroki hat, was im heutigen Japan sehr ungewöhnlich ist, zwei Geschwister. Die beiden Schwestern sind jünger, eine geht in dieselbe Schule wie er. Am meisten liebt er Turnen und Sport, am wenigsten Japanisch. Das Lernen der Kanji, der Schriftzeichen, bereitet ihm zwar keine Schwierigkeit, aber auch keine Freude.

Sein Berufswunsch? Hiroki zögert keinen Augenblick. Er will Baseballprofi werden. Baseball ist der beliebteste Massensport in Japan, und daran hat auch die Fussballweltmeisterschaft nichts geändert. In den letzten Jahren waren mehrere japanische Baseballspieler in den USA so erfolgreich, dass inzwischen die amerikanischen Ligaspiele in Japan live übertragen werden. Hiroki wünscht sich eine Reise nach Amerika. Seine Eltern haben sie ihm versprochen, wenn er die Mittelschule erreicht hat.

Vorderhand hat er bereits dreimal Disneyland unweit von Tokio besucht. Neben den wöchentlich 28 Schulstunden, die sich auf neun Fächer verteilen, geht Hiroki zweimal für je zwei Stunden in die Juku, eine private Paukschule. Jeden Tag setzt er sich für eine Stunde an die Hausaufgaben. Am Samstag und Sonntag trainiert und spielt er mit dem lokalen Softballteam. An Werktagen steht Hiroki um 6.30 Uhr auf, für den Schulweg benötigt er nur zehn Minuten, und exakt um 8.20 Uhr muss er im Klassenzimmer sein. Am Abend geht er um zehn Uhr zu Bett, zwischen sieben und acht darf er am Fernsehen ein Unterhaltungsprogramm anschauen.

In der Freizeit liest er mit Vorliebe Mangas (Comics). Anspruchsvollere Texte bekommt er bei der Pflichtlektüre in der Schule vorgesetzt. Hiroki hat, anders als die meisten seiner Klassenkameraden, in der Freizeit ein paar Brocken Englisch gelernt. Er wirkt im Vergleich zu den meisten besonnen, und er weiss, was er will. Schon heute ahnt man, dass er zu einem umgänglichen, selbstbewussten Jugendlichen heranwachsen wird. Urs Schoettli


Martina Speck, Niederteufen

Wo Martina (13) dabei ist, wird viel gelacht und gekichert. Beim Sketch für den Videofilm ist sie sich nicht zu schade, sich die Haare einseifen und rot färben zu lassen. Sie ist auch unternehmungslustig: Fürs Wochenende hat sie ihre drei besten Freundinnen zum Übernachten im Heustock eingeladen. Martina ist das einzige Bauernkind der Klasse. Sie wohnt mit ihren Eltern und ihren drei Geschwistern in einem Weiler im Westen der Gemeinde. Bei Specks stehen zwei Dutzend Kühe, Rinder und Kälber im Stall, und auch an Haustieren - Kaninchen, Hund, Katzen - fehlt es nicht.

Um 6 Uhr wird Martina von ihrer Mutter geweckt. Sie geht dann, weil die Eltern bereits an der Arbeit sind, zur Grossmutter nebenan zum Frühstück. Um halb acht zieht sie mit den Nachbarskindern los. Für den Schulweg benötigt sie mit dem Velo 20 Minuten. Ausser am Mittwoch legt sie diesen Weg täglich viermal zurück - einen Mittagstisch gibt es in der Schule nicht.

Martina ist ein zähes Mädchen. Sie ist pflichtbewusst und beklagt sich selten. Aber wenn eine Lernkontrolle ansteht, macht ihr das schon zu schaffen. Mathematik, Deutsch und Französisch liegen ihr nicht besonders. Einmal in der Woche geht sie in den Stützunterricht. Dort werden ihr spezielle Lernstrategien gezeigt, je nach Bedarf wird auch der Schulstoff nochmals eingehend erklärt. Insgesamt kommt sie so auf 28 Lektionen in der Woche, eine Lektion mehr als die andern Schüler.

Früher war Martina sehr still und getraute sich kaum, im Unterricht etwas zu sagen. Auch heute führt sie nie die grosse Klappe, aber sie erzählt mehr von sich. Von den Ferien im Bündnerland, von der Alp. Sie hat gemerkt, dass das für einige der Mitschüler genauso interessant ist wie Berichte aus dem Disneyland. «Sie hat grosse Fortschritte gemacht», sagt ihr Lehrer. «Aber sie könnte ruhig noch etwas selbstbewusster werden.»

Das gilt auch für ihre beruflichen Ambitionen: Während die andern als Berufsziel Schauspielerin, Webdesigner oder Golfprofi nennen, sagt Martina ganz bescheiden: «Serviertochter - so wie meine Gotte.» Andreas Heller ist Redaktor beim NZZ Folio. 


Georgi Milcev, Freiburg

Georgi (12) ist in der Schweiz zur Welt gekommen und kennt sein Heimatland nur aus den Ferien. Aber: «Wenn mich jemand fragt, woher ich sei, dann sage ich immer: Mazedonien!» Weshalb er sich mehr als Mazedonier fühlt denn als Schweizer, weiss Georgi nicht. Das sei einfach so, auch wenn er sich nicht vorstellen könne, später einmal im Land seiner Eltern zu leben. Georgi hat weiche, noch kindliche Züge, und die blond gefärbten Mèches in seinen Haaren wollen nicht so recht zum wohlerzogenen, stillen Jungen passen.

Georgi lebt in einem der Wohnblocks, die das Schönberg-Quartier prägen. Der Schulweg nimmt ihm keine fünf Minuten. Er lebt mit seinem Vater, einem Maurer, seiner Mutter, die in einem Verteilzentrum für Bücher arbeitet, und seiner älteren Schwester zusammen. Die geht in der Stadt unten ins Gymnasium - dort möchte Georgi, wie die meisten seiner Klassenkameraden, auch hin. Die wenigsten werden es schaffen. Georgi wohl schon, er gehört zu den besten Schülern der Klasse. Besonders gut ist er in Mathematik, seinem Lieblingsfach. Die Probe, für die es eine halbe Stunde Zeit gibt, hat er schon nach zehn Minuten fertig geschrieben.

Georgi träumt davon, Informatiker zu werden. Zu Hause hat er seinen eigenen Computer, und darauf läuft «XP», die neuste Windows-Software - eine Belohnung seiner Eltern für gute Noten. Was Georgi mit seinem Computer so macht? Ein paar Spiele und im Internet Material zusammensuchen für Schulvorträge. Darüber zum Beispiel, was die Leute im Mittelalter nach Feierabend so machten.

Georgi ist einer, der sich bei Gruppenarbeiten regelmässig mit Mädchen zusammentut. Daraus sollte niemand falsche Schlüsse ziehen. Georgi spielt fürs Leben gern Fussball, und früher ging er sogar zum Boxen. Mit dem Fussballspielen allerdings ist es ziemlich vorbei, seit er in der 6. Klasse ist. «Ich musste mehr Zeit haben, um zu lernen.» Hoffentlich kann er den Trainingsanzug des FC Schönberg wieder häufiger anziehen, wenn er den Übertritt ins Progymnasium geschafft hat. Kaspar Meuli 

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