Wer geglaubt hat, mit dem Durchbruch des Internet sei nun das Gröbste in Sachen Medienrevolution überstanden, wird sich noch wundern. Zumindest wenn es nach jenen Aposteln geht, die mit leuchtenden Augen die Breitbandzukunft verkünden: die Ära des «Ferncomputerfons», in der wir mit dem Fernseher, dem Computer und dem Telefon Dinge tun werden, die wir uns heute nicht im Traum vorstellen - und sie mit uns.
Was genau, weiss zwar noch niemand, aber alle rüsten auf. Telefongesellschaften, Kabelnetzbetreiber, Softwareunternehmen und Medienkonzerne schliessen sich zu strategischen Allianzen zusammen. Sie investieren Milliardenbeträge in den bunten Multimedia-Markt, in dessen Zentrum natürlich der Mensch steht. Irgend jemand muss die Milliarden ja zahlen.
Dafür sind wir dann nicht länger kommune Zuschauer oder Surfer, sondern «Viewser» - interaktive Zwitterwesen der Informationsgesellschaft. Die Programmzeiten werden uns nicht mehr von den Sendern diktiert, sondern wir bestimmen das Programm, wir rufen Sendungen ab, wann wir wollen, und verändern sie nach Lust und Laune. Und gefällt uns der Film über Tahiti, genügt ein Klick und die Reise ist gebucht.
Ein paar technische Details gilt es freilich noch in den Griff zu bekommen, bis dort, wo heute ein Datenrinnsal aus dem Kabel tropft, Datenfluten durch die Breitbandkabel rauschen. Die Hochleistungsnetze müssen bereitgestellt und die Geräte für interaktive Anwendungen tauglich gemacht werden. Ob eher der hochgerüstete Fernseher das Rennen machen wird oder der Computer oder allenfalls eben ein «Ferncomputerfon», ist noch offen. Und nicht zuletzt müssen die Inhalte produziert und angeboten werden, die die «Viewser» auch tatsächlich scharenweise ins Reich des Multimedialen locken.
Optimisten erhoffen sich von den interaktiven Medienangeboten nie dagewesene Wahlfreiheit, ungeahnte Spiel- und Erfahrungsmöglichkeiten. Pessimisten sehen darin einen weiteren Schritt hin zur Verwandlung des Menschen in einen gläsernen Kunden. Pragmatiker halten sich an Helmut Thoma, den ehemaligen RTL-Geschäftsführer, der einmal sagte, den meisten Leuten seien Einschaltknopf und Fernbedienung Interaktivität genug.